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Das Buch Iyow

DAS BUCH HIOB

1. Kapitel

1,1 Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Iyow. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

1,2 Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter,

1,3 und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

1,4 Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken.

1,5 Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Iyow hin und segnete sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Iyow dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Haschem abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Iyow allezeit.

1,6 Es begab sich aber eines Tages, da die Söhne* kamen und vor Haschem traten, kam auch der s.a.tan unter ihnen.

1,7 Haschem aber sprach zu dem s.a.tan: Wo kommst du her? Der s.a.tan antwortete Haschem und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.

1,8 Haschem sprach zum s.a.tan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Iyow? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

1,9 Der s.a.tan antwortete Haschem und sprach: Meinst du, daß Iyow Haschem umsonst fürchtet?

1,10 Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande.

1,11 Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen!

1,12 Haschem sprach zum s.a.tan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der s.a.tan hinaus von Haschem.

1,13 An dem Tage aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,

1,14 kam ein Bote zu Iyow und sprach: Die Rinder pflügten, und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide,

1,15 da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte.

1,16 Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte.

1,17 Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte.

1,18 Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,

1,19 und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, daß sie starben, und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte.

1,20 Da stand Iyow auf und zerriß sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief

1,21 und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Haschem hat's gegeben, Haschem hat's genommen; der Name Haschem's sei gelobt!

1,22 In diesem allen sündigte Iyow nicht und tat nichts Törichtes wider Haschem

2. Kapitel

2,1 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor Haschem traten, daß auch der s.a.tan unter ihnen kam und vor Haschem trat.

2,2 Da sprach Haschem zu dem s.a.tan: Wo kommst du her? Der s.a.tan antwortete Haschem und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.

2,3 Haschem sprach zu dem s.a.tan: Hast du acht auf meinen Knecht Iyow gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben.

2,4 Der s.a.tan antwortete Haschem und sprach: Haut für Haut! und alles, was ein Mann hat, läßt er für sein Leben.

2,5 Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen!

2,6 Haschem sprach zu dem s.a.tan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben!

2,7 Da ging der s.a.tan hinaus vom Angesicht Haschem's und schlug Iyow mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel.

2,8 Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche.

2,9 Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Haschem ab und stirb!

2,10 Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Weiber reden. Haben wir Gutes empfangen von Haschem und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Iyow nicht mit seinen Lippen. Iyow wird von drei Freunden besucht

2,11 Als aber die drei Freunde Iyows all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten.

2,12 Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriß sein Kleid, und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt

2,13 und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, daß der Schmerz sehr groß war.

3. Kapitel

3,1 Danach tat Iyow seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag.

3,2 Und Iyow sprach:

3,3 Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!

3,4 Jener Tag soll finster sein, und Haschem droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!

3,5 Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich!

3,6 Jene Nacht - das Dunkel nehme sie hinweg, sie soll sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monde kommen!

3,7 Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin!

3,8 Es sollen sie verfluchen, die einen Tag verfluchen können, und die da kundig sind, den Leviatan zu wecken! (40,25).

3,9 Ihre Sterne sollen finster sein in ihrer Dämmerung. Die Nacht hoffe aufs Licht, doch es komme nicht, und sie sehe nicht die Wimpern der Morgenröte,

3,10 weil sie nicht verschlossen hat den Leib meiner Mutter und nicht verborgen das Unglück vor meinen Augen!

3,11 Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?

3,12 Warum hat man mich auf den Schoß genommen? Warum bin ich an den Brüsten gesäugt?

3,13 Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe

3,14 mit den Königen und Ratsherren auf Erden, die sich Grüfte erbauten,

3,15 oder mit den Fürsten, die Gold hatten und deren Häuser voll Silber waren;

3,16 wie eine Fehlgeburt, die man verscharrt hat, hätte ich nie gelebt, wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben.

3,17 Dort haben die Torahlosen aufgehört mit Toben; dort ruhen, die viel Mühe gehabt haben.

3,18 Da haben die Gefangenen allesamt Frieden und hören nicht die Stimme des Treibers.

3,19 Da sind klein und groß gleich, und der Knecht ist frei von seinem Herrn.

3,20 Warum gibt Haschem das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen

3,21 - die auf den Tod warten, und er kommt nicht, und nach ihm suchen mehr als nach Schätzen,

3,22 die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen,

3,23 dem Mann, dessen Weg verborgen ist, Haschem den Pfad ringsum verzäunt hat?

3,24 Denn wenn ich essen soll, muß ich seufzen, und mein Schreien fährt heraus wie Wasser.

3,25 Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.

3,26 Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!

4. Kapitel

4,1 Da hob Elifas von Teman an und sprach:

4,2 Du hast's vielleicht nicht gern, wenn man versucht, mit dir zu reden; aber Worte zurückhalten, wer kann's?

4,3 Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt;

4,4 deine Rede hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du gekräftigt.

4,5 Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du!

4,6 Ist nicht deine Gottesfurcht dein Trost, und die Unsträflichkeit deiner Wege deine Hoffnung?

4,7 Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?

4,8 Wohl aber habe ich gesehen: Die da Frevel pflügten und Unglück säten, ernteten es auch ein.

4,9 Durch den Odem Haschem's sind sie umgekommen und vom Schnauben seines Zorns vertilgt.

4,10 Das Brüllen der Löwen und die Stimme der Leuen und die Zähne der jungen Löwen sind dahin.

4,11 Der Löwe kommt um, wenn er keine Beute hat, und die Jungen der Löwin werden zerstreut.

4,12 Zu mir ist heimlich ein Wort gekommen, und von ihm hat mein Ohr ein Flüstern empfangen

4,13 beim Nachsinnen über Gesichte in der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt;

4,14 da kam mich Furcht und Zittern an, und alle meine Gebeine erschraken.

4,15 Und ein Hauch fuhr an mir vorüber; es standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe.

4,16 Da stand ein Gebilde vor meinen Augen, doch ich erkannte seine Gestalt nicht; es war eine Stille, und ich hörte eine Stimme:

4,17 Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Haschem oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat?

4,18 Siehe, seinen Dienern traut er nicht, und seinen Boten wirft er Torheit vor:

4,19 wieviel mehr denen, die in Lehmhäusern wohnen und auf Staub gegründet sind und wie Motten zerdrückt werden!

4,20 Es währt vom Morgen bis zum Abend, so werden sie zerschlagen, und ehe man's gewahr wird, sind sie ganz dahin.

4,21 Ihr Zelt wird abgebrochen, und sie sterben unversehens.

5. Kapitel

5,1 Rufe doch, ob einer dir antwortet! Und an welchen von den Malechim willst du dich wenden?

5,2 Denn einen Toren tötet der Unmut, und den Unverständigen bringt der Eifer um.

5,3 Ich sah einen Toren Wurzel schlagen, doch plötzlich schwand er von seiner Stätte dahin.

5,4 Seinen Kindern bleibt Hilfe fern, und sie werden zerschlagen im Tor; denn kein Erretter ist da.

5,5 Seine Ernte verzehrt der Hungrige, und auch aus den Hecken holt er sie, und nach seinem Gut lechzen die Durstigen.

5,6 Denn Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unglück wächst nicht aus dem Acker;

5,7 sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unglück, wie Funken hoch emporfliegen.

5,8 Ich aber würde mich zu Haschem wenden und meine Sache vor ihn bringen,

5,9 der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind,

5,10 der den Regen aufs Land gibt und Wasser kommen läßt auf die Gefilde,

5,11 der die Niedrigen erhöht und den Betrübten emporhilft.

5,12 Er macht zunichte die Pläne der Klugen, so daß ihre Hand sie nicht ausführen kann.

5,13 Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit und stürzt den Rat der Verkehrten,

5,14 daß sie am Tage in Finsternis laufen und tappen am Mittag wie in der Nacht.

5,15 Er hilft dem Armen vom Schwert und den Elenden von der Hand des Mächtigen.

5,16 Dem Armen wird Hoffnung zuteil, und die Bosheit muß ihren Mund zuhalten.

5,17 Siehe, selig ist der Mensch, den Haschem zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht.

5,18 Denn er verletzt und verbindet; er zerschlägt, und seine Hand stellt wieder her.

5,19 In sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in sieben wird dich kein Übel anrühren.

5,20 In der Hungersnot wird er dich vom Tod erlösen und im Kriege von des Schwertes Gewalt.

5,21 Er wird dich verbergen vor der Geißel der Zunge, daß du dich nicht fürchten mußt, wenn Verderben kommt.

5,22 Über Verderben und Hunger wirst du lachen und dich vor den wilden Tieren im Lande nicht fürchten.

5,23 Denn dein Bund wird sein mit den Steinen auf dem Felde, und die wilden Tiere werden Frieden mit dir halten,

5,24 und du wirst erfahren, daß deine Hütte Frieden hat, und wirst deine Stätte überschauen und nichts vermissen,

5,25 und du wirst erfahren, daß deine Kinder sich mehren und deine Nachkommen wie das Gras auf Erden sind,

5,26 und du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.

5,27 Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir's.

6. Kapitel

6,1 Iyow antwortete und sprach:

6,2 Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte!

6,3 Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht.

6,4 Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muß ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Haschem's sind auf mich gerichtet.

6,5 Schreit denn der Wildesel, wenn er Gras hat, oder brüllt der Stier, wenn er sein Futter hat?

6,6 Ißt man denn Fades, ohne es zu salzen, oder hat Eiweiß Wohlgeschmack?

6,7 Meine Seele sträubt sich, es anzurühren; es ist, als wäre mein Brot unrein.

6,8 Könnte meine Bitte doch geschehen und Haschem mir geben, was ich hoffe!

6,9 Daß mich doch Haschem erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte!

6,10 So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen - ob auch der Schmerz mich quält ohne Erbarmen -, daß ich nicht verleugnet habe die Worte Haschem.

6,11 Was ist meine Kraft, daß ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, daß ich geduldig sein sollte?

6,12 Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz.

6,13 Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

6,14 Wer Barmherzigkeit seinem Nächsten verweigert, der gibt die Furcht vor dem Allmächtigen auf.

6,15 Meine Brüder trügen wie ein Bach, wie das Bett der Bäche, die versickern,

6,16 die erst trübe sind vom Eis, darin der Schnee sich birgt,

6,17 doch zur Zeit, wenn die Hitze kommt, versiegen sie; wenn es heiß wird, vergehen sie von ihrer Stätte:

6,18 Ihr Weg windet sich dahin und verläuft, sie gehen hin ins Nichts und verschwinden.

6,19 Die Karawanen von Tema blickten aus auf sie, die Karawanen von Saba hofften auf sie;

6,20 aber sie wurden zuschanden über ihrer Hoffnung und waren betrogen, als sie dahin kamen.

6,21 So seid ihr jetzt für mich geworden; weil ihr Schrecknisse seht, fürchtet ihr euch.

6,22 Hab ich denn gesagt: Schenkt mir etwas und bezahlt für mich von eurem Vermögen

6,23 und errettet mich aus der Hand des Feindes und kauft mich los von der Hand der Gewalttätigen?

6,24 Belehret mich, so will ich schweigen, und worin ich geirrt habe, darin unterweist mich!

6,25 Wie kräftig sind doch redliche Worte! Aber euer Tadeln, was beweist das?

6,26 Gedenkt ihr, Worte zu rügen? Aber die Rede eines Verzweifelnden verhallt im Wind.

6,27 Ihr freilich könntet wohl über eine arme Waise das Los werfen und euren Nächsten verschachern.

6,28 Nun aber hebt doch an und seht auf mich, ob ich euch ins Angesicht lüge.

6,29 Kehrt doch um, damit nicht Unrecht geschehe! Kehrt um! Noch habe ich recht darin!

6,30 Ist denn auf meiner Zunge Unrecht, oder sollte mein Gaumen Böses nicht merken?

7. Kapitel

7,1 Muß nicht der Mensch immer im Dienst stehen auf Erden, und sind seine Tage nicht wie die eines Tagelöhners?

7,2 Wie ein Knecht sich sehnt nach dem Schatten und ein Tagelöhner auf seinen Lohn wartet,

7,3 so hab ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet, und viele elende Nächte sind mir geworden.

7,4 Wenn ich mich niederlegte, sprach ich: Wann werde ich aufstehen? Bin ich aufgestanden, so wird mir's lang bis zum Abend und mich quälte die Unruhe bis zur Dämmerung.

7,5 Mein Fleisch ist um und um eine Beute des Gewürms und faulig, meine Haut ist verschrumpft und voller Eiter.

7,6 Meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein Weberschiffchen und sind vergangen ohne Hoffnung.

7,7 Bedenke, daß mein Leben ein Hauch ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden.

7,8 Und kein lebendiges Auge wird mich mehr schauen; sehen deine Augen nach mir, so bin ich nicht mehr.

7,9 Eine Wolke vergeht und fährt dahin: so kommt nicht wieder herauf, wer zu den Toten hinunterfährt;

7,10 er kommt nicht zurück, und seine Stätte kennt ihn nicht mehr.

7,11 Darum will auch ich meinem Munde nicht wehren. Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele.

7,12 Bin ich denn das Meer oder der Drache, daß du eine Wache gegen mich aufstellst?

7,13 Wenn ich dachte, mein Bett soll mich trösten, mein Lager soll mir meinen Jammer erleichtern,

7,14 so erschrecktest du mich mit Träumen und machtest mir Grauen durch Gesichte,

7,15 daß ich mir wünschte, erwürgt zu sein, und den Tod lieber hätte als meine Schmerzen.

7,16 Ich vergehe! Ich leb' ja nicht ewig. Laß ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch.

7,17 Was ist der Mensch, daß du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst?

7,18 Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden.

7,19 Warum blickst du nicht einmal von mir weg und läßt mir keinen Atemzug Ruhe?

7,20 Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, daß ich mir selbst eine Last bin?

7,21 Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder läßt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in die Erde legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr dasein.

8. Kapitel

8,1 Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

8,2 Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren?

8,3 Meinst du, daß Haschem unrecht richtet oder der Allmächtige das Recht verkehrt?

8,4 Haben deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen.

8,5 Wenn du aber dich beizeiten zu Haschem wendest und zu dem Allmächtigen flehst,

8,6 wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen aufwachen und wird wieder aufrichten deine Wohnung, wie es dir zusteht.

8,7 Und was du zuerst wenig gehabt hast, wird hernach sehr zunehmen.

8,8 Denn frage die früheren Geschlechter und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben,

8,9 denn wir sind von gestern her und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden.

8,10 Sie werden dich's lehren und dir sagen und ihre Rede aus ihrem Herzen hervorbringen:

8,11 «Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser?

8,12 Noch steht's in Blüte, bevor man es schneidet, da verdorrt es schon vor allem Gras.

8,13 So geht es jedem, Haschem vergißt, und die Hoffnung des Ruchlosen wird verloren sein.

8,14 Denn seine Zuversicht vergeht, und seine Hoffnung ist ein Spinnweb.

8,15 Er verläßt sich auf sein Haus, aber es hält nicht stand; er hält sich daran, aber es bleibt nicht stehen.

8,16 Er steht voll Saft im Sonnenschein, und seine Reiser wachsen hinaus über seinen Garten.

8,17 Über Steinhaufen schlingen sich seine Wurzeln und halten sich zwischen Steinen fest.

8,18 Wenn man ihn aber vertilgt von seiner Stätte, so wird sie ihn verleugnen, als kennte sie ihn nicht.

8,19 Siehe, das ist das Glück seines Lebens, und aus dem Staube werden andre wachsen. »

8,20 Siehe, Haschem verwirft die Frommen nicht und hält die Hand der Boshaften nicht fest,

8,21 bis er deinen Mund voll Lachens mache und deine Lippen voll Jauchzens.

8,22 Die dich aber hassen, müssen sich in Schmach kleiden, und die Hütte der Torahlosen wird nicht bestehen.

9. Kapitel

9,1 Iyow antwortete und sprach:

9,2 Ja, ich weiß sehr gut, daß es so ist und daß ein Mensch nicht recht behalten kann gegen Haschem.

9,3 Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten.

9,4 Haschem ist weise und mächtig; wem ist's je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat?

9,5 Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er kehrt sie um in seinem Zorn.

9,6 Er bewegt die Erde von ihrem Ort, daß ihre Pfeiler zittern.

9,7 Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne.

9,8 Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers.

9,9 Er macht den Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.

9,10 Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind.

9,11 Siehe, er geht an mir vorüber, ohne daß ich's gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne daß ich's merke.

9,12 Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du?

9,13 Haschem wehrt seinem Zorn nicht; unter ihn mußten sich beugen die Helfer Rahabs*.

9,14 Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm?

9,15 Wenn ich auch recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich müßte um mein Recht flehen.

9,16 Wenn ich ihn auch anrufe, daß er mir antwortet, so glaube ich nicht, daß er meine Stimme hört,

9,17 vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund.

9,18 Er läßt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis.

9,19 Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen?

9,20 Wäre ich gerecht, so müßte mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.

9,21 Ich bin unschuldig! Ich möchte nicht mehr leben; ich verachte mein Leben.

9,22 Es ist eins, darum sage ich: Er bringt den Frommen um wie den Torahlosen.

9,23 Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen.

9,24 Er hat die Erde unter gottlose Hände gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht er, wer anders sollte es tun?

9,25 Meine Tage sind schneller gewesen als ein Läufer; sie sind dahingeflohen und haben nichts Gutes erlebt.

9,26 Sie sind dahingefahren wie schnelle Schiffe, wie ein Adler herabstößt auf die Beute.

9,27 Wenn ich denke: Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben,

9,28 so fürchte ich doch wieder alle meine Schmerzen, weil ich weiß, daß du mich nicht unschuldig sprechen wirst.

9,29 Ich soll ja doch schuldig sein! Warum mühe ich mich denn so vergeblich?

9,30 Wenn ich mich auch mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit Lauge,

9,31 so wirst du mich doch eintauchen in die Grube, daß sich meine Kleider vor mir ekeln.

9,32 Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dem ich antworten könnte, daß wir miteinander vor Gericht gingen.

9,33 Daß es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte!

9,34 Daß er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige!

9,35 So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewußt.

10. Kapitel

10,1 Mich ekelt mein Leben an. Ich will meiner Klage ihren Lauf lassen und reden in der Betrübnis meiner Seele

10,2 und zu Haschem sagen: Verdamme mich nicht! Laß mich wissen, warum du mich vor Gericht ziehst.

10,3 Gefällt dir's, daß du Gewalt tust und verwirfst mich, den deine Hände gemacht haben, und bringst der Torahlosen Vorhaben zu Ehren?

10,4 Hast du denn Menschenaugen, oder siehst du, wie ein Sterblicher sieht?

10,5 Oder ist deine Zeit wie eines Menschen Zeit oder deine Jahre wie eines Mannes Jahre,

10,6 daß du nach meiner Schuld fragst und nach meiner Sünde suchst,

10,7 wo du doch weißt, daß ich nicht schuldig bin und niemand da ist, der aus deiner Hand erretten kann?

10,8 Deine Hände haben mich gebildet und bereitet; danach hast du dich abgewandt und willst mich verderben?

10,9 Bedenke doch, daß du mich aus Erde gemacht hast, und läßt mich wieder zum Staub zurückkehren?

10,10 Hast du mich nicht wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen?

10,11 Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Knochen und Sehnen hast du mich zusammengefügt;

10,12 Leben und Wohltat hast du an mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt.

10,13 Aber du verbargst in deinem Herzen - ich weiß, du hattest das im Sinn,

10,14 daß du darauf achten wolltest, wenn ich sündigte, und mich von meiner Schuld nicht lossprechen.

10,15 Wäre ich schuldig, dann wehe mir! Und wäre ich schuldlos, so dürfte ich doch mein Haupt nicht erheben, gesättigt mit Schmach und getränkt mit Elend.

10,16 Und wenn ich es aufrichtete, so würdest du mich jagen wie ein Löwe und wiederum erschreckend an mir handeln.

10,17 Du würdest immer neue Zeugen gegen mich stellen und deinen Zorn auf mich noch mehren und immer neue Heerhaufen gegen mich senden.

10,18 Warum hast du mich aus meiner Mutter Leib kommen lassen? Ach daß ich umgekommen wäre und mich nie ein Auge gesehen hätte!a

10,19 So wäre ich wie die, die nie gewesen sind, vom Mutterleib weg zum Grabe gebracht.

10,20 Ist denn mein Leben nicht kurz? So höre auf und laß ab von mir, daß ich ein wenig erquickt werde,

10,21 ehe denn ich hingehe und komme nicht zurück ins Land der Finsternis und des Dunkels,

10,22 ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.

 

 
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