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Das Buch Iyow

DAS BUCH HIOB

11. Kapitel
11,1 Da hob Zofar von Naama an und sprach:

11,2 Muß langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muß denn ein Schwätzer immer recht haben?

11,3 Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, daß du spottest und niemand dich beschämt?

11,4 Du sprichst: «Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen. »

11,5 Ach, daß Haschem mit dir redete und täte seine Lippen auf

11,6 und zeigte dir die Tiefen der Weisheit denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis, damit du weißt, daß er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

11,7 Meinst du, daß du weißt, was Haschem weiß, oder kannst du alles so vollkommen treffen wie der Allmächtige?

11,8 Die Weisheit ist höher als der Himmel: was willst du tun?, tiefer als die Hölle: was kannst du wissen?,

11,9 länger als die Erde und breiter als das Meer:

11,10 wenn er daherfährt und gefangen legt und Gericht hält - wer will's ihm wehren?

11,11 Denn er kennt die zügellosen Leute; er sieht den Frevel und sollte es nicht merken?

11,12 Kann ein Hohlkopf verständig werden, kann ein junger Wildesel als Mensch zur Welt kommen?

11,13 Wenn aber du dein Herz auf ihn richtest und deine Hände zu ihm ausbreitest,

11,14 wenn du den Frevel in deiner Hand von dir wegtust, daß in deiner Hütte kein Unrecht bliebe:

11,15 so könntest du dein Antlitz aufheben ohne Tadel und würdest fest sein und dich nicht fürchten.

11,16 Dann würdest du alle Mühsal vergessen und so wenig daran denken wie an Wasser, das verrinnt,

11,17 und dein Leben würde aufgehen wie der Mittag, und das Finstre würde ein lichter Morgen werden,

11,18 und du dürftest dich trösten, daß Hoffnung da ist, würdest rings um dich blicken und dich in Sicherheit schlafen legen,

11,19 würdest ruhen, und niemand würde dich aufschrecken, und viele würden deine Gunst erbitten.

11,20 Aber die Augen derer die Haschem nicht kennen werden verschmachten, und sie werden nicht entrinnen können, und als ihre Hoffnung bleibt, die Seele auszuhauchen.

12. Kapitel

12,1 Da antwortete Iyow und sprach:

12,2 Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

12,3 Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüßte das nicht?

12,4 Ich muß von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Haschem anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muß verlacht sein.

12,5 Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt!

12,6 Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Haschem toben, die Haschem in ihrer Faust führen.

12,7 Frage doch das Vieh, das wird dich's lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir's sagen,

12,8 oder die Sträucher der Erde, die werden dich's lehren, und die Fische im Meer werden dir's erzählen.

12,9 Wer erkennte nicht an dem allen, daß Haschem's Hand das gemacht hat,

12,10 daß in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Lebensodem aller Menschen?

12,11 Prüft nicht das Ohr die Rede, wie der Mund die Speise schmeckt?

12,12 Bei den Großvätern nur soll Weisheit sein und Verstand nur bei den Alten?

12,13 Bei Haschem ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand.

12,14 Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn er jemand einschließt, kann niemand aufmachen.

12,15 Siehe, wenn er das Wasser zurückhält, so wird alles dürr, und wenn er's losläßt, so wühlt es das Land um.

12,16 Bei ihm ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und der irreführt.

12,17 Er führt die Ratsherren gefangen und macht die Richter zu Toren.

12,18 Er macht frei von den Banden der Könige und umgürtet Lenden mit einem Gurt.

12,19 Er führt die Priester barfuß davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter.

12,20 Er entzieht die Sprache den Verläßlichen und nimmt weg den Verstand der Alten.

12,21 Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus.

12,22 Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.

12,23 Er macht Völker groß und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt's wieder weg.

12,24 Er nimmt den Häuptern des Volks im Lande den Mut und führt sie irre, wo kein Weg ist,

12,25 daß sie in der Finsternis tappen ohne Licht, und macht sie irre wie die Trunkenen.

13. Kapitel

13,1 Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und ich hab's verstanden.

13,2 Was ihr wißt, das weiß ich auch, und ich bin nicht geringer als ihr.

13,3 Doch ich wollte gern zu dem Allmächtigen reden und wollte rechten mit Haschem.

13,4 Aber ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte.

13,5 Wollte Haschem, daß ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben.

13,6 Hört doch, wie ich mich verantworte, und merkt auf die Streitsache, von der ich rede!

13,7 Wollt ihr Haschem verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?

13,8 Wollt ihr für ihn Partei nehmen? Wollt ihr Haschem's Sache vertreten?

13,9 Wird's euch auch wohlgehen, wenn er euch verhören wird? Meint ihr, daß ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?

13,10 Er wird euch hart zurechtweisen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.

13,11 Werdet ihr euch nicht entsetzen, wenn er sich erhebt, und wird sein Schrecken nicht über euch fallen?

13,12 Was ihr zu bedenken gebt, sind Sprüche aus Asche; eure Bollwerke werden zu Lehmhaufen.

13,13 Schweigt still und laßt mich reden; es komme über mich, was da will.

13,14 Was soll ich mein Fleisch mit meinen Zähnen festhalten und mein Leben aufs Spiel setzen?

13,15 Siehe, er wird mich doch umbringen, und ich habe nichts zu hoffen; doch will ich meine Wege vor ihm verantworten.

13,16 Auch das muß mir zum Wohl sein; denn es kommt kein Ruchloser vor ihn.

13,17 Hört meine Rede und, was ich darlege, mit euren Ohren!

13,18 Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, daß ich recht behalten werde.

13,19 Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.

13,20 Nur zweierlei tu mir nicht, so will ich mich vor dir nicht verbergen:

13,21 laß deine Hand fern von mir sein, und dein Schrecken erschrecke mich nicht;

13,22 dann rufe, ich will dir antworten, oder ich will reden, dann antworte du mir!

13,23 Wie groß ist meine Schuld und Sünde? Laß mich wissen meine Übertretung und Sünde.

13,24 Warum verbirgst du dein Antlitz und hältst mich für deinen Feind?

13,25 Willst du ein verwehendes Blatt schrecken und einen dürren Halm verfolgen,

13,26 daß du so Bitteres über mich verhängst und über mich bringst die Sünden meiner Jugend?

13,27 Du hast meinen Fuß in den Block gelegt und hast acht auf alle meine Pfade und siehst auf die Fußtapfen meiner Füße,

13,28 der ich doch wie Moder vergehe und wie ein Kleid, das die Motten fressen.

14. Kapitel

14,1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

14,2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

14,3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst.

14,4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!a

14,5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

14,6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

14,7 Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schößlinge bleiben nicht aus.

14,8 Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt,

14,9 so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

14,10 Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um wo ist er?

14,11 Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet,

14,12 so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

14,13 Ach daß du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

14,14 Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt.

14,15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.

14,16 Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht acht auf meine Sünden.

14,17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

14,18 Ein Berg kann zerfallen und vergehen und ein Fels von seiner Stätte weichen,

14,19 Wasser wäscht Steine weg, und seine Fluten schwemmen die Erde weg: so machst du die Hoffnung des Menschen zunichte.

14,20 Du überwältigst ihn für immer, daß er davon muß, entstellst sein Antlitz und läßt ihn dahinfahren.

14,21 Sind seine Kinder in Ehren, das weiß er nicht, oder ob sie verachtet sind, das wird er nicht gewahr.

14,22 Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen, und nur um ihn selbst trauert seine Seele.

15. Kapitel

15,1 Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

15,2 Soll ein weiser Mann so aufgeblasene Worte reden und seinen Bauch so blähen mit leeren Reden?

15,3 Du verantwortest dich mit Worten, die nichts taugen, und dein Reden ist nichts nütze.

15,4 Du selbst zerstörst die Gottesfurcht und raubst dir die Andacht vor Haschem.

15,5 Denn deine Schuld lehrt deinen Mund, und du hast erwählt eine listige Zunge.

15,6 Dein Mund verdammt dich und nicht ich, deine Lippen zeugen gegen dich.

15,7 Bist du als der erste Mensch geboren? Kamst du vor den Hügeln zur Welt?

15,8 Hast du im heimlichen Rat Haschem zugehört und die Weisheit an dich gerissen?

15,9 Was weißt du, das wir nicht wissen? Was verstehst du, das uns nicht bekannt ist?

15,10 Es sind Ergraute und Alte unter uns, die länger gelebt haben als dein Vater.

15,11 Gelten Haschem Tröstungen so gering bei dir und ein Wort, das sanft mit dir verfuhr?

15,12 Was reißt dein Herz dich fort? Was funkeln deine Augen,

15,13 daß sich dein Mut wider Haschem richtet und du solche Reden aus deinem Munde läßt?

15,14 Was ist der Mensch, daß er rein sein sollte, und daß der gerecht sein sollte, der vom Weibe geboren ist?

15,15 Siehe, seine Auserwählten traut Haschem nicht, und selbst die Himmel sind nicht rein vor ihm.

15,16 Wieviel weniger der Mensch, der greulich und verderbt ist, der Unrecht säuft wie Wasser!

15,17 Ich will dir's zeigen, höre mir zu, und ich will dir erzählen, was ich gesehen habe,

15,18 was die Weisen gesagt und ihre Väter ihnen nicht verborgen haben,

15,19 denen allein das Land gegeben war, so daß kein Fremder unter ihnen umherzog:

15,20 Dem der Haschem nicht kennt bebt sein Leben lang, und dem Tyrannen ist die Zahl seiner Jahre verborgen.

15,21 Stimmen des Schreckens hört sein Ohr, und mitten im Frieden kommt der Verderber über ihn.

15,22 Er glaubt nicht, daß er dem Dunkel entrinnen könne, und fürchtet immer das Schwert.

15,23 Er zieht hin und her nach Brot und weiß, daß ihm der Tag der Finsternis bereitet ist.

15,24 Angst und Not schrecken ihn und schlagen ihn nieder wie ein König, der angreift.

15,25 Denn er hat seine Hand gegen Haschem ausgereckt und dem Allmächtigen getrotzt.

15,26 Er läuft mit dem Kopf gegen ihn an und ficht halsstarrig wider ihn.

15,27 Er brüstet sich wie ein fetter Wanst und macht sich feist und dick.

15,28 Er wohnt in zerstörten Städten, in Häusern, wo man nicht bleiben soll, die zu Steinhaufen bestimmt sind.

15,29 Doch wird er nicht reich bleiben, und sein Gut wird nicht bestehen, und sein Besitz wird sich nicht ausbreiten im Lande.

15,30 Er wird der Finsternis nicht entrinnen. Die Flamme wird seine Zweige verdorren, und Haschem wird ihn durch den Hauch seines Mundes wegraffen.

15,31 Er traue nicht auf Trug, sonst wird er betrogen sein, und Trug wird sein Lohn werden.

15,32 Er wird ihm voll ausgezahlt werden noch vor der Zeit, und sein Zweig wird nicht mehr grünen.

15,33 Er gleicht dem Weinstock, der die Trauben unreif abstößt, und dem Ölbaum, der seine Blüte abwirft.

15,34 Denn die Rotte der Ruchlosen wird unfruchtbar bleiben, und das Feuer wird die Hütten der Bestechlichen fressen.

15,35 Sie gehen schwanger mit Mühsal und gebären Unglück, und ihr Schoß bringt Trug zur Welt.

16. Kapitel

16,1 Iyow antwortete und sprach:

16,2 Ich habe das schon oft gehört. Ihr seid allzumal leidige Tröster!

16,3 Wollen die leeren Worte kein Ende haben? Oder was reizt dich, so zu reden?

16,4 Auch ich könnte wohl reden wie ihr, wärt ihr an meiner Stelle. Auch ich könnte Worte gegen euch zusammenbringen und mein Haupt über euch schütteln.

16,5 Ich würde euch stärken mit dem Munde und mit meinen Lippen trösten.

16,6 Aber wenn ich schon redete, so würde mich mein Schmerz nicht verschonen; hörte ich auf zu reden, so bliebe er dennoch bei mir.

16,7 Nun aber hat Er mich müde gemacht und alles verstört, was um mich ist.

16,8 Er hat mich runzlig gemacht, das zeugt wider mich, und mein Siechtum steht wider mich auf und verklagt mich ins Angesicht.

16,9 Sein Grimm hat mich zerrissen, und er war mir feind; er knirschte mit den Zähnen gegen mich; mein Widersacher funkelt mich mit seinen Augen an.

16,10 Sie haben ihren Mund aufgesperrt wider mich und haben mich schmählich auf meine Backen geschlagen. Sie haben ihren Mut miteinander an mir gekühlt.

16,11 Haschem hat mich übergeben dem Ungerechten und hat mich in die Hände der Torahlosen kommen lassen.

16,12 Ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert. Er hat mich als seine Zielscheibe aufgerichtet;

16,13 seine Pfeile schwirren um mich her. Er hat meine Nieren durchbohrt und nicht verschont; er hat meine Galle auf die Erde geschüttet.

16,14 Er schlägt in mich eine Bresche nach der andern; er läuft gegen mich an wie ein Kriegsmann.

16,15 Ich habe einen Sack um meinen Leib gelegt und mein Haupt in den Staub gebeugt.

16,16 Mein Antlitz ist gerötet vom Weinen, auf meinen Wimpern liegt Dunkelheit,

16,17 obwohl kein Frevel in meiner Hand und mein Gebet rein ist.

16,18 Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!

16,19 Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel, und mein Fürsprecher ist in der Höhe.

16,20 Meine Freunde verspotten mich; unter Tränen blickt mein Auge zu Haschem auf,

16,21 daß er Recht verschaffe dem Mann bei Haschem, dem Menschen vor seinem Freund.

16,22 Denn nur wenige Jahre noch, und ich gehe den Weg, den ich nicht wiederkommen werde.

17. Kapitel

17,1 Mein Geist ist zerbrochen, meine Tage sind ausgelöscht; das Grab ist da.

17,2 Fürwahr, Gespött umgibt mich, und auf ihrem Hadern muß mein Auge weilen.

17,3 Sei du selbst mein Bürge bei dir wer will mich sonst vertreten?

17,4 Denn du hast ihrem Herzen den Verstand verborgen, darum wirst du ihnen den Sieg nicht geben.

17,5 Zum Teilen lädt einer Freunde ein, doch die Augen seiner Kinder müssen verschmachten.

17,6 Er hat mich zum Sprichwort unter den Leuten gemacht, und ich muß mir ins Angesicht speien lassen.

17,7 Mein Auge ist dunkel geworden vor Trauern, und alle meine Glieder sind wie ein Schatten.

17,8 Darüber entsetzen sich die Gerechten, und die Unschuldigen entrüsten sich über die Ruchlosen.

17,9 Aber der Gerechte hält fest an seinem Weg, und wer reine Hände hat, nimmt an Stärke zu.

17,10 Wohlan, kehrt euch alle wieder her und kommt; ich werde dennoch keinen Weisen unter euch finden!

17,11 Meine Tage sind vergangen; zerrissen sind meine Pläne, die mein Herz besessen haben.

17,12 Nacht will man mir zum Tag machen: Licht sei näher als Finsternis.

17,13 Wenn ich auch lange warte, so ist doch bei den Toten mein Haus, und in der Finsternis ist mein Bett gemacht.

17,14 Das Grab nenne ich meinen Vater und die Würmer meine Mutter und meine Schwester.

17,15 Worauf soll ich denn hoffen? Und wer sieht noch Hoffnung für mich?

17,16 Hinunter zu den Toten wird sie fahren, wenn alle miteinander im Staub liegen.

18. Kapitel

18,1 Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

18,2 Wie lange wollt ihr auf Worte Jagd machen? Habt doch Einsicht; danach wollen wir reden!

18,3 Warum werden wir geachtet wie Vieh und sind so töricht in euren Augen?

18,4 Willst du vor Zorn bersten? Soll um deinetwillen die Erde veröden und der Fels von seiner Stätte weichen?

18,5 Dennoch wird das Licht der Torahlosen verlöschen, und der Funke seines Feuers wird nicht leuchten.

18,6 Das Licht wird finster werden in seiner Hütte und seine Leuchte über ihm verlöschen.

18,7 Seine kräftigen Schritte werden kürzer, und sein eigener Plan wird ihn fällen.

18,8 Ins Garn bringen ihn seine Füße, und über Fanggruben führt sein Weg.

18,9 Das Netz wird seine Ferse festhalten, und die Schlinge wird ihn fangen.

18,10 Sein Strick ist versteckt in der Erde und seine Falle auf seinem Weg.

18,11 Um und um schreckt ihn jähe Angst, daß er nicht weiß, wo er hinaus soll.

18,12 Unglück hungert nach ihm, und Unglück steht bereit zu seinem Sturz.

18,13 Die Glieder seines Leibes werden verzehrt; seine Glieder wird verzehren der Erstgeborene des Todes.

18,14 Er wird aus seiner Hütte verjagt, auf die er vertraute, und hingetrieben zum König des Schreckens.

18,15 In seiner Hütte wird wohnen, was nicht zu ihm gehört; über seine Stätte wird Schwefel gestreut.

18,16 Unten verdorren seine Wurzeln, und oben verwelken seine Zweige.

18,17 Sein Andenken wird vergehen im Lande, und er wird keinen Namen haben auf der Gasse.

18,18 Er wird vom Licht in die Finsternis vertrieben und vom Erdboden verstoßen werden.

18,19 Er wird keine Kinder haben und keine Enkel unter seinem Volk; es wird ihm keiner übrigbleiben in seinen Wohnungen.

18,20 Die im Westen werden sich über seinen Gerichtstag entsetzen, und die im Osten wird Furcht ankommen.

18,21 Ja, so geht's der Wohnung des Ungerechten und der Stätte dessen, der Haschem nicht achtet.

19. Kapitel

19,1 Iyow antwortete und sprach:

19,2 Wie lange plagt ihr doch meine Seele und peinigt mich mit Worten!

19,3 Ihr habt mich nun zehnmal verhöhnt und schämt euch nicht, mir so zuzusetzen.

19,4 Habe ich wirklich geirrt, so trage ich meinen Irrtum selbst.

19,5 Wollt ihr euch wahrlich über mich erheben und wollt mir meine Schande beweisen?

19,6 So merkt doch endlich, daß Haschem mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat.

19,7 Siehe, ich schreie «Gewalt!» und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da.

19,8 Er hat meinen Weg vermauert, daß ich nicht hinüber kann, und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt.

19,9 Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen.

19,10 Er hat mich zerbrochen um und um, daß ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum.

19,11 Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.

19,12 Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert.

19,13 Er hat meine Brüder von mir entfernt, und meine Verwandten sind mir fremd geworden.

19,14 Meine Nächsten haben sich zurückgezogen, und meine Freunde haben mich vergessen.

19,15 Meinen Hausgenossen und meinen Mägden gelte ich als Fremder; ich bin ein Unbekannter in ihren Augen.

19,16 Ich rief meinen Knecht, und er antwortete mir nicht; ich mußte ihn anflehen mit eigenem Munde.

19,17 Mein Odem ist zuwider meiner Frau, und den Söhnen meiner Mutter ekelt's vor mir.

19,18 Selbst die Kinder geben nichts auf mich; stelle ich mich gegen sie, so geben sie mir böse Worte.

19,19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.

19,20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon*. *Wörtlich: nur mit meiner Zähne Haut bin ich davongekommen.

19,21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Haschem's hat mich getroffen!

19,22 Warum verfolgt ihr mich wie Haschem und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

19,23 Ach daß meine Reden aufgeschrieben würden! Ach daß sie aufgezeichnet würden als Inschrift,

19,24 mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

19,25 Aber ich weiß, daß mein Erlöser* lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

19,26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Haschem sehen.

19,27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

19,28 Wenn ihr sprecht: Wie wollen wir ihn verfolgen und eine Sache gegen ihn finden!,

19,29 so fürchtet euch selbst vor dem Schwert; denn das sind Missetaten, die das Schwert straft, damit ihr wißt, daß es ein Gericht gibt.

20. Kapitel

20,1 Da antwortete Zofar von Naama und sprach:

20,2 Darum muß ich antworten, und deswegen kann ich nicht schweigen;

20,3 denn ich muß hören, wie man mich schmäht und tadelt, aber der Geist aus meiner Einsicht lehrt mich antworten.

20,4 Weißt du nicht, daß es allezeit so gegangen ist, seitdem Menschen auf Erden gewesen sind,

20,5 daß das Frohlocken der Torahlosen nicht lange währt und die Freude des Ruchlosen nur einen Augenblick?

20,6 Wenn auch sein Scheitel in den Himmel reicht und sein Haupt an die Wolken rührt,

20,7 so wird er doch für immer vergehen wie sein Kot, und die ihn gesehen haben, werden sagen: Wo ist er?

20,8 Wie ein Traum wird er verfliegen und nicht mehr zu finden sein und wie ein Nachtgesicht verschwinden.

20,9 Das Auge, das ihn gesehen hat, wird ihn nicht mehr sehen, und seine Stätte wird ihn nicht mehr schauen.

20,10 Seine Söhne werden bei den Armen betteln gehen, und seine Hände müssen seine Habe wieder hergeben.

20,11 Sind auch seine Gebeine voll Jugendkraft, so muß sie sich doch mit ihm in den Staub legen.

20,12 Wenn ihm auch das Böse in seinem Munde wohlschmeckt, daß er es birgt unter seiner Zunge,

20,13 daß er es hegt und nicht losläßt und es zurückhält in seinem Gaumen,

20,14 so wird sich doch seine Speise verwandeln in seinem Leibe und wird Otterngift in seinem Bauch.

20,15 Die Güter, die er verschlungen hat, muß er wieder ausspeien, und Haschem treibt sie aus seinem Bauch heraus.

20,16 Er wird Otterngift saugen, und die Zunge der Schlange wird ihn töten.

20,17 Er wird nicht sehen die Ströme noch die Bäche, die mit Honig und Milch fließen.

20,18 Er wird erwerben und doch nichts davon genießen und über seine eingetauschten Güter nicht froh werden.

20,19 Denn er hat unterdrückt und verlassen den Armen; er hat Häuser an sich gerissen, die er nicht erbaut hat.

20,20 Denn sein Wanst konnte nicht voll genug werden; mit seinem köstlichen Gut wird er nicht entrinnen.

20,21 Nichts entging seiner Freßgier; darum wird sein gutes Leben keinen Bestand haben.

20,22 Wenn er auch die Fülle und genug hat, wird ihm doch angst werden; alle Gewalt der Mühsal wird über ihn kommen.

20,23 Es soll geschehen: damit er genug bekommt, wird Haschem den Grimm seines Zorns über ihn senden und wird über ihn regnen lassen seine Schrecknisse.

20,24 Flieht er vor dem eisernen Harnisch, so wird ihn der eherne Bogen durchbohren!

20,25 Es dringt das Geschoß aus seinem Rücken, der Blitz des Pfeiles aus seiner Galle; Schrecken fahren über ihn hin.

20,26 Alle Finsternis ist für ihn aufgespart. Es wird ihn ein Feuer verzehren, das keiner angezündet hat, und wer übriggeblieben ist in seiner Hütte, dem wird's schlimm ergehen.

20,27 Der Himmel wird seine Schuld enthüllen, und die Erde wird sich gegen ihn erheben.

20,28 Seine Ernte wird weggeführt werden, zerstreut am Tage seines Zorns.

20,29 Das ist der Lohn eines Torahlosen Menschen bei Haschem und das Erbe, das Haschem ihm zugesprochen hat.

 

 
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