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Das Buch Iyow

DAS BUCH HIOB

21. Kapitel

21,1 Iyow antwortete und sprach:

21,2 Hört doch meiner Rede zu und laßt mir das eure Tröstung sein!

21,3 Ertragt mich, daß ich rede, und danach spottet über mich!

21,4 Geht denn gegen einen Menschen meine Klage, oder warum sollte ich nicht ungeduldig sein?

21,5 Kehrt euch her zu mir; ihr werdet erstarren und die Hand auf den Mund legen müssen.

21,6 Wenn ich daran denke, so erschrecke ich, und Zittern kommt meinen Leib an.

21,7 Warum bleiben die Torahlosen am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?a

21,8 Ihr Geschlecht ist sicher um sie her, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

21,9 Ihr Haus hat Frieden ohne Furcht, und Haschem's Rute ist nicht über ihnen.

21,10 Ihr Stier bespringt, und es mißrät nicht; ihre Kuh kalbt und wirft nicht fehl.

21,11 Ihre kleinen Kinder lassen sie hinaus wie eine Herde, und ihre Knaben springen umher.

21,12 Sie jauchzen mit Pauken und Harfen und sind fröhlich mit Flöten.

21,13 Sie werden alt bei guten Tagen, und in Ruhe fahren sie hinab zu den Toten,

21,14 und doch sagen sie zu Haschem: «Weiche von uns, wir wollen von deinen Wegen nichts wissen!

21,15 Wer ist der Allmächtige, daß wir ihm dienen sollten? Oder was nützt es uns, wenn wir ihn anrufen?»

21,16 «Doch siehe, ihr Glück steht nicht in ihren Händen, und der Rat der Torahlosen ist ferne von mir.»

21,17 Wie oft geschieht's denn, daß die Leuchte der Torahlosen verlischt und ihr Unglück über sie kommt, daß Haschem Herzeleid über sie austeilt in seinem Zorn,

21,18 daß sie werden wie Stroh vor dem Winde und wie Spreu, die der Sturmwind wegführt?

21,19 «Haschem spart das Unglück des Torahlosen auf für dessen Kinder.» Er vergelte es ihm selbst, daß er's spüre!

21,20 Seine Augen mögen sein Verderben sehen, und vom Grimm des Allmächtigen möge er trinken!

21,21 Denn was liegt ihm an seinem Hause nach seinem Tode, wenn die Zahl seiner Monde zu Ende ist?

21,22 Wer will Haschem Weisheit lehren, der auch die Hohen richtet?

21,23 Der eine stirbt frisch und gesund in allem Reichtum und voller Genüge,

21,24 sein Melkfaß ist voll Milch, und sein Gebein wird gemästet mit Mark;

21,25 der andere aber stirbt mit verbitterter Seele und hat nie vom Glück gekostet

21,26 und doch liegen beide miteinander in der Erde, und Gewürm deckt sie zu.

21,27 Siehe, ich kenne eure Gedanken und eure Ränke, mit denen ihr mir Unrecht antut.

21,28 Denn ihr sprecht: «Wo ist das Haus des Fürsten, und wo ist die Hütte, in der die Torahlosen wohnten?»

21,29 Habt ihr nicht befragt, die des Weges kommen, und nicht auf ihre Zeichen geachtet,

21,30 daß nämlich der Böse erhalten wird am Tage des Verderbens und am Tage des Grimms bleibt?

21,31 Wer sagt ihm ins Angesicht, was er verdient? Wer vergilt ihm, was er getan hat?

21,32 Wird er doch zu Grabe geleitet, und man hält Wache über seinem Hügel!

21,33 Süß sind ihm die Schollen des Grabes, und alle Menschen ziehen ihm nach, und die ihm vorangehen, sind nicht zu zählen.

21,34 Wie tröstet ihr mich mit Nichtigkeiten, und von euren Antworten bleibt nichts als Trug!

22. Kapitel

22,1 Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

22,2 Kann denn ein Mann Haschem etwas nützen? Nur sich selber nützt ein Kluger.

22,3 Meinst du, der Allmächtige habe Vorteil davon, daß du gerecht bist? Was hilft's ihm, selbst wenn deine Wege ohne Tadel sind?

22,4 Meinst du: er wird dich wegen deiner Gottesfurcht zurechtweisen und mit dir ins Gericht gehen?

22,5 Ist deine Bosheit nicht zu groß, und sind deine Missetaten nicht ohne Ende?

22,6 Du hast deinem Bruder ein Pfand abgenommen ohne Grund, du hast den Nackten die Kleider entrissen;

22,7 du hast die Durstigen nicht getränkt mit Wasser und hast dem Hungrigen dein Brot versagt;

22,8 dem Mächtigen gehört das Land, und sein Günstling darf darin wohnen;

22,9 die Witwen hast du leer weggehen lassen und die Arme der Waisen zerbrochen.

22,10 Darum bist du von Schlingen umgeben, und Entsetzen hat dich plötzlich erschreckt.

22,11 Dein Licht ist Finsternis, so daß du nicht sehen kannst, und die Wasserflut bedeckt dich.

22,12 Ist Haschem nicht hoch wie der Himmel? Sieh die Sterne an, wie hoch sie sind!

22,13 Du sprichst zwar: «Was weiß Haschem? Sollte er durchs Gewölk hindurch richten können?

22,14 Die Wolken sind seine Hülle, daß er nicht sehen kann; er wandelt am Rande des Himmels. »

22,15 Hältst du den Weg der Vorzeit ein, auf dem die Ungerechten gegangen sind,

22,16 die fortgerafft wurden, ehe es Zeit war, und das Wasser hat ihren Grund weggewaschen,

22,17 die zu Haschem sprachen: «Heb dich von uns!»? Was sollte der Allmächtige ihnen antun können?

22,18 Hat er doch ihr Haus mit Gütern gefüllt. Aber: «Der Rat der Torahlosen ist ferne von mir. »

22,19 Die Gerechten werden's sehen und sich freuen, und der Unschuldige wird sie verspotten:

22,20 «Ja, unser Widersacher ist vertilgt, und was er hinterließ, hat das Feuer verzehrt. »

22,21 So vertrage dich nun mit Haschem und mache Frieden; daraus wird dir viel Gutes kommen.

22,22 Nimm doch Weisung an von seinem Munde und fasse seine Worte in dein Herz.

22,23 Bekehrst du dich zum Allmächtigen und demütigst du dich und tust das Unrecht weit weg von deiner Hütte

22,24 - wirf in den Staub dein Gold und zu den Steinen der Bäche das Gold von Ofir,

22,25 so wird der Allmächtige dein Gold sein und wie Silber, das dir zugehäuft wird.

22,26 Dann wirst du deine Lust haben an dem Allmächtigen und dein Antlitz zu Haschem erheben.

22,27 Wenn du ihn bitten wirst, wird er dich hören, und du wirst deine Gelübde erfüllen.

22,28 Was du dir vornimmst, läßt er dir gelingen, und das Licht wird auf deinen Wegen scheinen.

22,29 Denn er erniedrigt die Hochmütigen; aber wer seine Augen niederschlägt, dem hilft er.

22,30 Auch wer nicht unschuldig ist, wird errettet werden; er wird errettet um der Reinheit deiner Hände willen.

23. Kapitel

23,1 Iyow antwortete und sprach:

23,2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, daß ich seufzen muß.

23,3 Ach daß ich wüßte, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte!

23,4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen

23,5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.

23,6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich.

23,7 Dann würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!

23,8 Aber gehe ich nun vorwärts, so ist er nicht da; gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht.

23,9 Ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht.

23,10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich erfunden werden wie das Gold.

23,11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab

23,12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.

23,13 Doch er ist der eine - wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will.

23,14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.

23,15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.

23,16 Haschem ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat;

23,17 denn nicht der Finsternis wegen muß ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

24. Kapitel

24,1 Warum sind von dem Allmächtigen nicht Zeiten vorbehalten, und warum sehen, die ihn kennen, seine Tage nicht?

24,2 Die Torahlosen verrücken die Grenzen, rauben die Herde und weiden sie.

24,3 Sie treiben den Esel der Waisen weg und nehmen das Rind der Witwe zum Pfande.

24,4 Sie stoßen die Armen vom Wege, und die Elenden im Lande müssen sich verkriechen.

24,5 Siehe, sie sind wie Wildesel: in der Wüste gehen sie an ihr Werk und suchen Nahrung in der Einöde, als Speise für ihre Kinder.

24,6 Sie ernten des Nachts auf dem Acker und halten Nachlese im Weinberg des Torahlosen.

24,7 Sie liegen in der Nacht nackt ohne Gewand und haben keine Decke im Frost.

24,8 Sie triefen vom Regen in den Bergen; sie müssen sich an die Felsen drücken, weil sie sonst keine Zuflucht haben.

24,9 Man reißt das Waisenkind von der Mutterbrust und nimmt den Säugling der Armen zum Pfande.

24,10 Nackt gehen sie einher ohne Kleider, und hungrig tragen sie Garben.

24,11 Gleich in den Gärten pressen sie Öl, sie treten die Kelter und leiden doch Durst.

24,12 Fern der Stadt seufzen Sterbende, und die Seele der Säuglinge schreit. Doch Haschem achtet nicht darauf!

24,13 Sie sind Feinde des Lichts geworden, kennen Haschem's Weg nicht und bleiben nicht auf seinen Pfaden.

24,14 Wenn der Tag anbricht, steht der Mörder auf und erwürgt den Elenden und Armen, und des Nachts schleicht der Dieb.

24,15 Das Auge des Ehebrechers lauert auf das Dunkel, und er denkt: «Mich sieht kein Auge!» und verdeckt sein Antlitz.

24,16 Im Finstern bricht man in die Häuser ein; am Tage verbergen sie sich und scheuen alle das Licht.

24,17 Ja, als Morgen gilt ihnen allen die Finsternis, denn sie sind bekannt mit den Schrecken der Finsternis.

24,18 Er fährt leicht wie auf dem Wasser dahin, verflucht wird sein Acker im Lande, und man wendet sich seinem Weinberg nicht zu.

24,19 Der Tod nimmt weg, die da sündigen, wie die Hitze und Dürre das Schneewasser verzehrt.

24,20 Der Mutterschoß vergißt ihn; die Würmer laben sich an ihm. An ihn denkt man nicht mehr; so zerbricht Frevel wie Holz.

24,21 Er hat bedrückt die Unfruchtbare, die nicht gebar, und hat der Witwe nichts Gutes getan.

24,22 Haschem rafft die Gewalttätigen hin durch seine Kraft; steht er auf, so müssen sie am Leben verzweifeln.

24,23 Er gibt ihnen, daß sie sicher sind und eine Stütze haben, doch seine Augen wachen über ihren Wegen.

24,24 Sie sind hoch erhöht; aber nach einer kleinen Weile sind sie nicht mehr da; sie sinken hin und werden hinweggerafft wie alle; wie die Spitzen der Ähren werden sie abgeschnitten.

24,25 Ist's nicht so? Wer will mich Lügen strafen und erweisen, daß meine Rede nichts sei?

25. Kapitel

25,1 Da antwortete Bildad von Schuach und sprach: 25,2 Herrschaft und Schrecken ist bei ihm, der Frieden schafft in seinen Höhen. 25,3 Wer will seine Scharen zählen? Und über wem geht sein Licht nicht auf? 25,4 Und wie kann ein Mensch gerecht sein vor Haschem? Und wie kann rein sein ein vom Weibe Geborener? 25,5 Siehe, auch der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen - 25,6 wieviel weniger der Mensch, eine Made, und das Menschenkind, ein Wurm!

26. Kapitel

26,1 Iyow antwortete und sprach:

26,2 Wie sehr stehst du dem bei, der keine Kraft hat, hilfst du dem, der keine Stärke in den Armen hat!

26,3 Wie gibst du Rat dem, der keine Weisheit hat, und lehrst ihn Einsicht in Fülle!

26,4 Mit wessen Hilfe redest du? Und wessen Geist geht von dir aus?

26,5 Die Schatten drunten erbeben, das Wasser und die darin wohnen.

26,6 Das Totenreich ist aufgedeckt vor ihm, und der Abgrund hat keine Decke.

26,7 Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts.

26,8 Er faßt das Wasser zusammen in seine Wolken, und die Wolken zerreißen darunter nicht.

26,9 Er verhüllt seinen Thron und breitet seine Wolken davor.

26,10 Er hat am Rande des Wassers eine Grenze gezogen, wo Licht und Finsternis sich scheiden.

26,11 Die Säulen des Himmels zittern und entsetzen sich vor seinem Schelten.

26,12 Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab* zerschmettert.

26,13 Am Himmel wurde es schön durch seinen Wind, und seine Hand durchbohrte die flüchtige Schlange.

26,14 Siehe, das sind nur die Enden seiner Wege, und nur ein leises Wörtlein davon haben wir vernommen. Wer will aber den Donner seiner Macht verstehen?

27. Kapitel

27,1 Und Iyow fuhr fort mit seinem Spruch und sprach:

27,2 So wahr Haschem lebt, der mir mein Recht verweigert, und der Allmächtige, der meine Seele betrübt

27,3 - solange noch mein Odem in mir ist und der Hauch von Haschem in meiner Nase -:

27,4 meine Lippen reden nichts Unrechtes, und meine Zunge sagt keinen Betrug.

27,5 Das sei ferne von mir, daß ich euch recht gebe; bis mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Unschuld.

27,6 An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht; mein Gewissen beißt mich nicht wegen eines meiner Tage.

27,7 Meinem Feind soll es gehen wie dem Torahlosen und dem, der sich gegen mich auflehnt, wie dem Ungerechten.

27,8 Denn was ist die Hoffnung des Ruchlosen, wenn Haschem mit ihm ein Ende macht und seine Seele von ihm fordert?

27,9 Meinst du, daß Haschem sein Schreien hören wird, wenn die Angst über ihn kommt?

27,10 Oder kann er an dem Allmächtigen seine Lust haben und Haschem allezeit anrufen?

27,11 Ich will euch über Haschem's Tun belehren, und wie der Allmächtige gesinnt ist, will ich nicht verhehlen.

27,12 Siehe, ihr habt es selber gesehen; warum bringt ihr dann so unnütze Dinge vor?

27,13 Das ist der Lohn eines Torahlosen Menschen bei Haschem und das Erbe der Tyrannen, das sie vom Allmächtigen bekommen:

27,14 werden seine Söhne groß, so werden sie eine Beute des Schwerts; und seine Nachkommen werden an Brot nicht satt.

27,15 Die ihm übrigbleiben, wird der Tod ins Grab bringen, und seine Witwen werden nicht weinen.

27,16 Wenn er Geld zusammenbringt wie Staub und schafft Kleider an, wie man Lehm aufhäuft,

27,17 so wird er's zwar anschaffen, aber der Gerechte wird's anziehen, und dem Unschuldigen wird das Geld zuteil.

27,18 Er baut sein Haus wie eine Spinne und wie ein Wächter eine Hütte macht.

27,19 Reich legt er sich nieder, aber wird's nicht noch einmal tun können; tut er seine Augen auf, dann ist nichts mehr da.

27,20 Es wird ihn Schrecken überfallen wie Wasserfluten; des Nachts nimmt ihn der Sturmwind fort.

27,21 Der Ostwind wird ihn wegführen, daß er dahinfährt, und wird ihn von seinem Ort hinwegwehen.

27,22 Das wird er über ihn bringen und ihn nicht schonen; vor seiner Gewalt muß er immer wieder fliehen.

27,23 Man wird über ihn mit den Händen klatschen und über ihn zischen, wo er gewesen ist.

28. Kapitel

28,1 Es hat das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort, wo man es läutert.

28,2 Eisen bringt man aus der Erde, und aus dem Gestein schmilzt man Kupfer.

28,3 Man macht der Finsternis ein Ende, und bis ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt.

28,4 Man bricht einen Schacht fern von da, wo man wohnt; vergessen, ohne Halt für den Fuß, hängen und schweben sie, fern von den Menschen.

28,5 Man zerwühlt wie Feuer unten die Erde, auf der doch oben das Brot wächst.

28,6 Man findet Saphir in ihrem Gestein, und es birgt Goldstaub.

28,7 Den Steig dahin hat kein Geier erkannt und kein Falkenauge gesehen.

28,8 Das stolze Wild hat ihn nicht betreten, und kein Löwe ist darauf gegangen.

28,9 Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um.

28,10 Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge.

28,11 Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht.

28,12 Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

28,13 Niemand weiß, was sie wert ist, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen.

28,14 Die Tiefe spricht: «In mir ist sie nicht»; und das Meer spricht: «Bei mir ist sie auch nicht. »

28,15 Man kann nicht Gold für sie geben noch Silber darwägen, sie zu bezahlen.

28,16 Ihr gleicht nicht Gold von Ofir oder kostbarer Onyx und Saphir.

28,17 Gold und edles Glas kann man ihr nicht gleichachten noch sie eintauschen um güldnes Kleinod.

28,18 Korallen und Kristall achtet man gegen sie nicht; wer Weisheit erwirbt, hat mehr als Perlen.

28,19 Topas aus Kusch wird ihr nicht gleich geschätzt, und das reinste Gold wiegt sie nicht auf.

28,20 Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

28,21 Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel.

28,22 Der Abgrund und der Tod sprechen: «Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört. »

28,23 Haschem weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte.

28,24 Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was unter dem Himmel ist.

28,25 Als er dem Wind sein Gewicht gegeben und dem Wasser sein Maß gesetzt,

28,26 als er dem Regen ein Gesetz gegeben hat und dem Blitz und Donner den Weg:

28,27 damals schon sah er sie und verkündigte sie, bereitete sie und ergründete sie

28,28 und sprach zum Menschen: Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.

29. Kapitel

29,1 Und Iyow hob abermals an mit seinem Spruch und sprach:

29,2 O daß ich wäre wie in den früheren Monden, in den Tagen, da Haschem mich behütete,

29,3 da seine Leuchte über meinem Haupt schien und ich bei seinem Licht durch die Finsternis ging!

29,4 Wie war ich in der Blüte meines Lebens, als Haschem's Freundschaft über meiner Hütte war,

29,5 als der Allmächtige noch mit mir war und meine Kinder um mich her,

29,6 als ich meine Tritte wusch in Milch und die Felsen Ölbäche ergossen!

29,7 Wenn ich ausging zum Tor der Stadt und meinen Platz auf dem Markt einnahm,

29,8 dann sahen mich die Jungen und verbargen sich scheu, und die Alten standen vor mir auf,

29,9 die Oberen hörten auf zu reden und legten ihre Hand auf ihren Mund,

29,10 die Fürsten hielten ihre Stimme zurück, und ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen.

29,11 Denn wessen Ohr mich hörte, der pries mich glücklich, und wessen Auge mich sah, der rühmte mich.

29,12 Denn ich errettete den Armen, der da schrie, und die Waise, die keinen Helfer hatte.

29,13 Der Segen des Verlassenen kam über mich, und ich erfreute das Herz der Witwe.

29,14 Gerechtigkeit war mein Kleid, das ich anzog, und mein Recht war mir Mantel und Kopfbund.

29,15 Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß.

29,16 Ich war ein Vater der Armen, und der Sache des Unbekannten nahm ich mich an.

29,17 Ich zerbrach die Kinnbacken des Ungerechten und riß ihm den Raub aus den Zähnen.

29,18 Ich dachte: Ich werde in meinem Nest verscheiden und meine Tage so zahlreich machen wie Sand am Meer;

29,19 meine Wurzel reiche zum Wasser hin, und der Tau bleibe auf meinen Zweigen;

29,20 meine Ehre bleibe immer frisch bei mir, und mein Bogen sei immer stark in meiner Hand.

29,21 Sie hörten mir zu und schwiegen und warteten auf meinen Rat.

29,22 Nach meinen Worten redete niemand mehr, und meine Rede troff auf sie nieder.

29,23 Sie warteten auf mich wie auf den Regen und sperrten ihren Mund auf wie nach Spätregen.

29,24 Wenn ich ihnen zulachte, so faßten sie Vertrauen, und das Licht meines Angesichts tröstete die Trauernden.

29,25 Wenn ich zu ihnen kommen wollte, so mußte ich obenan sitzen und thronte wie ein König unter der Schar.

30. Kapitel

30,1 Jetzt aber verlachen mich, die jünger sind als ich, deren Väter ich nicht wert geachtet hätte, sie zu meinen Hunden bei der Herde zu stellen,

30,2 deren Stärke ich für nichts hielt, denen die Kraft dahinschwand;

30,3 die vor Hunger und Mangel erschöpft sind, die das dürre Land abnagen, die Wüste und Einöde;

30,4 die da Melde sammeln bei den Büschen, und Ginsterwurzel ist ihre Speise.

30,5 Aus der Menschen Mitte werden sie weggetrieben; man schreit ihnen nach wie einem Dieb;

30,6 an den Hängen der Täler wohnen sie, in den Löchern der Erde und in Steinklüften;

30,7 zwischen den Büschen schreien sie, und unter den Disteln sammeln sie sich

30,8 ungläubiges Volk und Leute ohne Namen, die man aus dem Lande weggejagt hatte.

30,9 Jetzt bin ich ihr Spottlied geworden und muß ihnen zum Gerede dienen.

30,10 Sie verabscheuen mich und halten sich ferne von mir und scheuen sich nicht, vor meinem Angesicht auszuspeien.

30,11 Er hat mein Seil gelöst und mich gedemütigt und den Zaum weggetan, an dem er mich hielt.

30,12 Zur Rechten hat sich eine Schar gegen mich erhoben, sie haben meinen Fuß weggestoßen und haben gegen mich Wege angelegt, mich zu verderben.

30,13 Sie haben meine Pfade aufgerissen, zu meinem Fall helfen sie; keiner gebietet ihnen Einhalt.

30,14 Sie kommen wie durch eine breite Bresche herein, wälzen sich unter den Trümmern heran.

30,15 Schrecken hat sich gegen mich gekehrt und hat verjagt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine Wolke zog mein Glück vorbei.

30,16 Jetzt aber zerfließt meine Seele in mir, und Tage des Elends haben mich ergriffen.

30,17 Des Nachts bohrt es in meinem Gebein, und die Schmerzen, die an mir nagen, schlafen nicht.

30,18 Mit aller Gewalt wird mein Kleid entstellt, wie der Kragen meines Hemdes würgt es mich.

30,19 Man hat mich in den Dreck geworfen, daß ich gleich bin dem Staub und der Asche.

30,20 Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich.

30,21 Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand.

30,22 Du hebst mich auf und läßt mich auf dem Winde dahinfahren und vergehen im Sturm.

30,23 Denn ich weiß, du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen.

30,24 Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?

30,25 Ich weinte ja über die harte Zeit, und meine Seele grämte sich über das Elend.

30,26 Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.

30,27 In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

30,28 Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

30,29 Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

30,30 Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine sind verdorrt vor hitzigem Fieber.

30,31 Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden, und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

 

 
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