Frauen in der Synagoge

von Tzvi Freeman

Frage?

Rabbi, sie haben die geschlechtsspezifische Ausgrenzungspraktik lange genug betrieben. Was möglicherweise für das alte Babylonien und das mittelalterliche Europa gut war, passt doch nicht in die heutige Welt, wo wir nach Gleichberechtigung und Fördermaßnahmen zugunsten benachteiligter Gruppen streben.

Beginnen wir doch einfach mit ihrer festungsähnlichen Institution die Sie Synagoge nennen. Wie lange wollen sie es noch als eine Art Männerklub begreifen und betreiben? Wie lange wollen sie Frauen noch zumuten, in der Galerie sitzen zu müssen? Wie lange noch wollen sie 50% der Mitglieder ihrer Synagoge von dem Höhepunkt ihres spirituellen Lebens – das Lesen aus der Tora-Rolle – ausschließen?

Rabbi, die Veränderung klopft an Ihre Tür und es ist Zeit, sie hereinzulassen – bevor das gesamte Gebäude zusammenstürzt.

Antwort!

Änderung? Wie wäre es, wenn wir uns stattdessen anpassen würden?

Haben Sie jemals von Dr. Velvel Greens Science-Fiction-Geschichte über die große Eisschmelze gehört? Sie lautet: Einige nukleare Versuche führen zu einer plötzlichen Schmelze der Polkappen. Wissenschaftler warnen die Bevölkerung der Welt, dass sie nur noch drei Wochen Zeit hat, um den Planeten zu verlassen, da nach drei Wochen der gesamte Planet unter Wasser stehen würde. Die katholische Bevölkerungsgruppe reist nach Rom und bittet um Rettung, die muslimische Bevölkerungsgruppe nach Mekka, Amerikaner zu ihrem Fernseher. Währenddessen versammeln sich eine große Anzahl von Juden in Brooklyn, wo ein bestimmter Rabbi gerade sein Nachmittagsgebet beendet. Er wendet sich anschließend dem bereitgestellten Mikrofon zu und sagt: “Jidden! Wir haben drei Wochen Zeit, um zu lernen, wie man unter Wasser leben kann!”

Dies ist der Unterschied zwischen Änderung und Anpassung. Verändern bedeutet Aufgeben! Nämlich aufzugeben wer wir sind, weil die Umstände mächtiger erscheinen als wir. Anpassen bedeutet, besser zu verstehen, wer wir sind und wie wir den Herausforderungen begegnen können.

Ein kurzer Einblick in die Doktrin der Veränderung, den sie, wenn sie möchten, auslassen können:

Jedes Mal, wenn wir uns der Veränderung anpassen, lernen wir mehr über uns und unsere Beschaffenheit. Doch vor der Veränderung zu kapitulieren, verringert unsere Kraft, identisch zu sein. Ohne eine klare Identität und einer Trennung von unserer Quelle, werden wir unfähig eine wirkliche Veränderung vorzunehmen.

Abwechslung kann gut sein (wenn Sie jemanden kennen, der bereit ist, seinen Platz mit unserem Gabbai zu tauschen, so lassen sie es uns bitte schnellstmöglich wissen). Schließlich sind Änderungen ein sehr dominantes Thema in der Tora: Die Veränderung unserer Weltsicht, die Umstellung unseres Handelns, das Umwandeln der Welt in eine wunderbare, durchsichtigere Daseinsform die ihr wahres Wesen wiederspiegelt. Doch wie haben wir die tiefen und radikalen Veränderungen, die unsere Welt in den vergangenen 3700 Jahren beeinflussten, erfolgreich vollzogen? Im Grunde genommen dadurch, dass wir dieselben geblieben sind.

Eigentlich wäre ihr Argument zu einem früheren Zeitpunkt der Geschichte ein sehr viel stärkeres gewesen. Stellen sie sich vor, wir lebten in der Zeit des Tempels in Jerusalem und sie würden mich mit der Frage herausfordern: "Warum müssen wir alles anders tun als alle Anderen?" Dann hätte ich, dem Glauben entsprechend, möglicherweise folgendermaßen geantwortet: "Gott hat es so verordnet, daher muss es wohl das Richtige sein."

Mittlerweile haben wir die das breiteste Spektrum an klinischen Beispielen betreffend den Versuch, religiöses Leben unter jeder möglichen sozialen, geografischen, ökonomischen, politischen und militärischen Bedingung in die Praxis umzusetzen. Jedes Mal, gleich wo, wann und von wem, wurde festgestellt, dass die Tora "doch recht hat". Daher können wir dazu nur sagen: "Da muss doch etwas dran sein!"

Richtig! Tora ist nicht von Zeiten, Systemen, Gesellschaften oder anderen Umständen abhängig. Tora steht jenseits von Zeit und Raum und wird von ihnen daher nicht beeinflusst. Doch Zeit und Raum wurden gemäß ihrem Bauplan erschaffen, daher ist sie überall und jederzeit gültig.

Anpassung bringt uns näher zu unserer wahren Essenz. Als wir uns von einer nomadischen, zu einer landwirtschaftlich orientierten, zu einer ruhmreichen, zu einer exilierten, zu einer weniger ruhmreichen Gesellschaft, zur Hellenisierung, zu einer Handelsprovinz, zu erneutem Exil, zu praktisch allem nur Denkbaren, zur Industrialisierung, zur Pop-Kultur und nun zum Leben im Cyberspace bewegten – bekamen wir mit jeder neuen Wendung einen tieferen Einblick in uns und unsere Tora.

So ist auch heute der aufkommende Feminismus in der Gesellschaft, der vielleicht bedeutendste Trend der vergangenen 400 Jahre. Plötzlich traten Geheimnisse ans Licht hervor, die vorher nicht weiter beachtet worden wären.

Nehmen wir zum Beispiel unser Verhalten in der Shul (ein traditionell jüdischer Begriff, im Gegensatz zum griechischen Wort “Synagoge”). Sie beschreiben das Verhalten als eine Art Anachronismus – dies beweist eine scharfe Auffassungsgabe. Wir sind bestimmt nicht Teil der Gegenwart. Bringen Sie einen Antropologen in unsere Shul und er wird nicht sagen können, welches Zeitalter es ist (bis plötzlich Jankels Handy anfängt, eine Melodie zu spielen). Der Irrtum liegt in Ihrer Folgerung, dass wir einem vergangenen Zeitalter angehören. Dies ist offenkundig falsch. Es gab nie eine Zeit, in der die jüdische Praxis synchron mit dem Zeitalter verlief. Nicht im mittelalterlichen Europa und sicherlich nicht in der Antike.

Als die Welt Göttinnen, Priesterinnen, Sirenen und Orakel verehrte, glauben sie wirklich, dass es angesagt war, in dieser Umgebung einen von Männern abgehaltenen Tempeldienst zu haben? In dieser Hinsicht wäre das wohl eine nicht sonderlich attraktive Veranstaltung ihrer Art gewesen – wäre nicht die täglich wiederkehrende, wunderbare Veranstaltung mit dem großartigen Gesang des (wiederum nur aus Männern bestehenden) Leviten-Orchesters gewesen. So war die damalige Anomalie sogar noch stärker als heute.

Aber hier sind wir an einen sehr bedeutenden Punkt gekommen. Etwas, das wir vielleicht nicht völlig verstehen. Daher, bevor Sie anfangen, die jüdischen Gesetzbücher mit dem Skalpell zu behandeln, lassen Sie uns dieses Mysterium ein bisschen weiter erforschen. Würden sie eine achtspurige Autobahn durch einen gigantischen Rotholzwald bauen, bevor sie die dem zu Grunde liegende Ökologie verstanden haben? Wir beschäftigen uns hier mit einem System gleicher oder sogar noch tiefergehenden Ordnung.

Zurück zur Frage

Sie sprachen das Gebet und den ausschliesslich aus Männern bestehenden Minjan an. Ja, Damen können an den Gottesdiensten teilnehmen, aber alle markanten Rollen sind den Herren reserviert, während die Damenabteilung sich demgegenüber auf der anderen Seite der Mechiza oder auf der Empore befindet. Sie wissen nicht wie rätselhaft diese Tatsache ist. Lassen Sie mich das erklären.

Woher wissen wir, wie man betet? Die meisten Richtlinien des Gebetes lernten wir von einer Dame namens Hanna, die vor über 3000 Jahren lebte, also vor der Erbauung des Ersten Tempels. In der Tat war Hanna eine Frau. Sie kam zum Heiligtum in Schilo – dem Vorgänger des Tempels in Jerusalem – und betete um ein Kind. Sie betete flüsternd, ihre Lippen bewegte sich, aber ihre Stimme war nur für ihre eigenen Ohren vernehmbar. Sie schüttete ihr Herz aus und forderte von Gott, dass er die Gesetze der Natur, die Er festgelegt hatte, für sie ändert: Dass er ihr nicht nur einen Sohn schenkt, sondern einen gerechten, einen besonderen Sohn der Moses und Aaron gleichgesetzt werden könnte. Im Gegenzug würde sie sein Leben heiligen Zwecken widmen.

Der Kohen Gadol (Hohepriester) – sein Name war Eli – betrachtete die Frau. Dann ging er zu ihr, und beschuldigte sie, im berauschten Zustand am Gottesdienst teilgenommen zu haben.

(Stellen Sie sich das vor: eine Frau führt das Nonplusultra - Gebet aus, welches zum Modell und zum Ideal für alle weiteren Generationen werden sollte, und ein Mann, der seinen Tag mit heiligen Aktivitäten und spirituellen Ritualen im Heiligtum verbringt, verdächtigt sie, betrunken zu sein! Wir werden später nochmals darauf zurückkommen.)

Jedenfalls teilte Hanna ihm höflich mit, dass sie verbittert sei, was sie auch vor Gott zum Ausdruck gebracht hatte. Eli nahm ihre Worte sehr ernst, segnete sie, und ein Jahr später brachte sie den Propheten Schmuel (Samuel) auf die Welt.

Von Hannas Geschichte lernen die Weisen des Talmuds viele Dinge. Einschließlich:

1) Ein Gebet wird leise gesagt.

2) Man bewegt zwar die Lippen (doch die Stimme hört nur der Betende selbst).

3) Beim Beten schütten wir dem Ewigen unser Herz aus.

4) Tränen können sehr behilflich sein.

5) Es ist möglich, mit Gott zu verhandeln.

6) Wenn wir stark genug bitten, kann es sein, dass Gott alle Regeln für uns durchbricht.

7) Keinen Alkohol vor dem Beten.

Die Weisen waren in der Tat derart von Hannas Gebet verzaubert, dass sie die Amida (auch als Schmone Esre bekannt wegen seinen urprünglichen 18 Segen) verfassten und dafür 113 Worte verwendeten, weil Hannas Gebet 113 Wörter beinhaltete. Verstehen Sie jetzt, was all die Verordnungen betreffend das Gebet zum Ziel haben?

Alle diese Richtlinien sind nur da, um den Mann zu lehren, wie eine Frau zu beten!

Nach all diesen Ausführungen lassen Sie uns auf den Punkt zurückkommen, den wir vorhin verließen: Warum hatte Eli den Eindruck, dass Hanna betrunken sei? Weil sie ihre innersten Gefühle hemmungslos zum Ausdruck brachte. Für Männer ist das viel schwieriger als für Frauen, selbst wenn sie tatsächlich einen über den Durst getrunken haben. Die ganze Ausführungsart des Gebets ist eine weibliche Angelegenheit: Männer schämen sich zu weinen, Hilflosigkeit einzugestehen, ihr inneres Ich zu zeigen und über ihre wirklichen Bedürfnisse zu reden. Es gibt Dinge, die wir im Allgemeinen eher den Damen zuschreiben. Und, nebenbei erwähnt, Herren tun diese Dinge insbesondere nicht, wenn sich Damen in nächster Nähe befinden. Daher sind die Verordnungen, was das Gebet betrifft, daraus ausgerichtet, einen Rahmen zu schaffen, der es den Herren erlaubt, "wie eine Frau" zu beten, ohne sich dabei zu blamieren.

Gemäß der Theorie der multiplen Intelligenzen gehört das Gebet dem semantischen Bereich an. Der semantische Verstand, der für Kommunikationen, Verbindungen und Emotionen zuständig ist, ist ein Gebiet, in dem die Damen die Oberhand haben. (Demgegenüber zeichnen sich Männer durch eine Intelligenz aus, die Abstraktionen durch wohl definierte Symbole meistert. Wir werden später darauf zurückkommen.)

Auch im Tanach ist das Lied im Allgemeinen eine weibliche Angelegenheit. Als die Männer sangen, um die Spaltung des Roten Meeres zu feiern, wurden sie durch die Frauen mit Tamburinen und Tänzen unterstützt und animiert. Zwei weitere bedeutsame Lieder waren das Lied von Dwora und das Lied von Hanna. Auch das Hohelied von König Salomon ist zweistimmig verfasst, für den Mann und für die Frau – bei dem die Stimme der Frau vorherrschend ist.

Lassen Sie uns die Kabbala betrachten: Kabbala ist eine traditionelle jüdische Theologie, die sich mit der Seele des Judentums befasst. Übereinstimmend beschreiben die Kabbalisten den ganzen Kosmos als eine dynamische Balance von männlichen und weiblichen Energien.

In der Kabbala wird das Gebet dem weiblichen Element zugeschrieben. Die Mutter allen Lebens strebt danach, in die erhabenen Welten zurückzukehren und ihre ganze Welt mit sich zu nehmen.1

Das weibliche Element wird von unseren Weisen "Schechina" genannt – was "Innewohnen" oder "Gegenwart" bedeutet. Sie stellt die Göttlichkeit dar, die sich selbst in die Schöpfung investiert um ihr Leben und Existenz zu verleihen. In der Sprache der Kabbala wird sie "Malchut" genannt, was Königreich bedeutet. Sie wird auch als "Königin", "das Göttliche Wort", "die kosmische Seele" und "das durchdringende Licht" bezeichnet. Alle diese weisen darauf hin, dass Gott in allen Dingen gefunden werden kann.

Wenn wir demgegenüber von Gott als "Er" - "der Heilige, Gesegnet sei Er", "der Vater" u.ä. - reden, dann handelt es sich um Göttlichkeit die transzendent ist und jenseits allem Erfassbaren liegt. Das ist das männliche Element.

Wir sagen, "Gott ist Eins und sein Name ist Eins" - das bedeutet, dass die beiden Elemente nur zwei Modalitäten einer einzigen Einheit sind, die nicht begriffen oder in irgendeiner Form beschrieben werden kann. Das Gebet ist ein Drama, in dem das weibliche Element die Trennung fühlt und danach strebt, sie zu reparieren.

Nun sehen Sie, dass die Angelegenheit nicht nur rätselhaft sondern völlig unverständlich ist: Lied und Gebet sind vornehmlich weiblich geprägt, doch wird der ganze Gottesdienst ausschliesslich von Herren geleitet!

Organisierte Religion

Die Schul ist ein ausgezeichneter Platz, um zu beten (sie wäre es, wenn Jankel nicht immer so in Eile wäre, zum letzten Kaddisch zu gelangen), aber das ist nicht alles, was sie ist. Sondern sie ist ein verkleinerter Nachbau des originalen Bejt HaMikdasch – des Tempels, der einst in Jerusalem stand und der hoffentlich bald wieder neu errichtet wird. Der Tempel war ein großartiger Ort, sein Herz im Gebet "auszuschütten". Doch das war nicht die einzige Funktion. Das zentrale Thema des Tempels bezieht sich zwar aufs Beten, unterscheidet sich jedoch davon. Dieser Raum soll heilig sein.

Hier findet sich erneut ein Ansatz für unser Gleichgewicht, von dem wir bereits sprachen – dem Männlichen und dem Weiblichen. Gebete sind weiblich, Tempel sind männlich.

Doch lassen Sie uns auf die Geschichte von Hanna im Heiligtum zurückkommen. Hanna dachte ebenfalls, dass das Heiligtum ein großartiger Platz zum Beten sei. Und ihr Gebet schien dies zu unterstreichen, denn es hatte ja tatsächlich zum Erfolg geführt. Aber – Halt! - nur nach einem kurzen Treffen mit Eli. Und nur nachdem er ihr seinen Segen erteilt hatte.

Eli, wie wir das erwähnt haben, war der Kohen Gadol, die Heiligkeit in Person der eine Vollzeitstelle im erhabensten Heiligtum seiner Zeit belegte. Er war ebenfalls der Herr, der Hanna fälschlich für betrunken hielt. Wenn Eli der Kohen so tief in die Mysterien des Tempelgottesdienstes eingetaucht und von ihnen geprägt war und nur zwei Generationen nach der Offenbarung am Berg Sinai (Aharon – Pinchas – Eli) lebte, wie konnte er das ultimative Gebet mit seinem absoluten Gegenteil verwechseln – eine durch Alkohol hervorgerufene Benommenheit? Es ist anzunehmen, dass ein Mann wie Eli mit mehr als nur den physischen Augen sieht.

Wir müßen bedenken, dass Eli ein äußerst strenges Unternehmen führte: Den Heiligen Tabernakel, in dem sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr, Gottesdienste stattfanden, immer pünktlich und immer genau allen Vorschriften entsprechend. Egal ob es sich um ein Sündenopfer, Schuldopfer, Dankesopfer, Festagsopfer oder irgendeine andere Darbringung handelte, jede Handlung im Heiligtum war mit präzisen Regeln verbunden, ohne die die ganze Mühe umsonst war oder sogar verheerende Folgen haben könnte.

Es gab Morgenopfer, Nachmittagsopfer und Rauchsäulen am Abend. Daneben gab es auch Musik und farbenfrohe Feiertage – aber alles genau nach Vorschrift. Diese enge Choreografie hatte zum Ziel als Vehikel für inspirierte Handlung und meditative Konzentration zu dienen, um sich in exstatischer Begeisterung der Göttliche Quelle zu nähern – aber nichts sollte die dem zu Grunde liegende Ordnung stören.

Betrachten wir das anhand eines Beispiels: Wenn wir zum Entzünden des goldenen Leuchters im Tempel kommen, sagt uns die Tora, "Und Aaron tat [genau das] (was Gott Moses anwies, dass er [Aaron] tun soll)."2 Die Weisen sagen dazu, dass dies ein Lob für Aaron ist, dass er keine Veränderungen vorgenommen hat.

Aaron? Der Bruder Moses? Der erste und bedeutendste Priester aller Zeiten wird dadurch gelobt, dass er die eindeutigen Vorschriften von Gott nicht veränderte?! Soll das ein Lob sein, dass er Gottes Regeln befolgt?

Ja. Weil Aaron verstand und sich den Auswirkungen des Gottesdienstes in allen spirituellen Sphären, die weit höher und jenseits jeglicher menschlichen Vorstellung liegen, bewußt war. Er sah die Verbindung zwischen den Lichtern, die er entzündete, und dem übernatürlichen, unendlichen Licht, welches durch seine physische Handlung durch alle erhabenen Welten hinunterstieg, um die unzähligen Engel, Serafim, Seelen bis hinunter zur physischen Welt, auf der wir stehen zu erleuchten und sie auf eine höhere spirituelle Ebene zu erheben. Als er die Lichterzeremonie durchführte, tat er das mit der größten Ehrfurcht, allen Auswirkungen, die seine Tat mit sich brachte, nachsinnend, mit stärkstem Herzklopfen, mit einer einer begeisterten Seele die vor lauter Sehnsuch nach den erhabenen Welten fast zu ihnen hinaufgezogen wurde und einem am Rande einer Explosion stehenden Verstand. Nun sollten wir uns vorstellen, dass er in diesem Zustand die strengen Anweisungen, die ihm betreffend der Ausführung des Dienstes in Heiligtum erteilt wurden, bis ins letzte Detail befolgte.

Doch Aaron begriff, dass seine Aufgabe genau darin bestand, dieses über alles erhabene, spirituelle Feuer in die Gefässe der physischen Handlung aufzunehmen und somit auch die physische Welt mit dieser höchsten Spiritualität zu erfüllen. Und das tat auch Eli.

In kabbalistischen Begriffen können wir das so ausdrücken, dass Elis Arbeit darin bestand, das unendliche Licht der Ordnung von Zeit und Raum anzupassen. Spontane Ausbrüche der Seele waren ihm daher fremd.

Sicherlich muß es das schon in früheren Zeiten gegeben haben und es ereignete sich bestimmt zu König Davids Zeiten, dessen Psalmen von einer Seele mit unfassbarer Leidenschaft zeugen. Doch allem Anschein nach ist diese Lebhaftigkeit in den Zeiten Elis schon etwas ausgeartet. Die Balance zwischen Leidenschaft und Ordnung ging durch das übermäßig geregelte und vorgeschriebene Ritual verloren. Zu viel Eingrenzung, zu wenig Licht – wie das die Kabbalisten ausdrücken würden.

Eli sieht Hanna und kommt zum Schluss, dass sie einen über den Durst getrunken haben muß, doch wird er von ihr eines Besseren belehrt, und erinnert sich daran zurück, wie das Gebet seiner Vorväter aussah und wie es im Idealfall auch zu seinen Zeiten aussehen sollte. Er ist von dieser neuen Erkenntnis begeistert und gibt ihr einen Segen. Und erst dann bringt ihr Gebet das erwünschte Resultat.

Warum? Wir verstehen, was Eli von Hanna braucht. Aber was braucht Hanna von Eli? War das Gebet ohne ihn nicht gut genug? Scheinbar nicht. Offensichtlich ist auch das ultimative Gebet allein nicht gut genug. Weil das Gebet allein wie ein Raumschiff ohne Landungsmechanismus ist. Und was nach oben geht, muß wieder nach unten kommen.

Verkehrskontrolle

Erinnern Sie sich an Jakobs Leiter? Jakob hatte an dem Ort geschlafen, wo zu späterer Zeit der Tempel gebaut würde. In seinem Traum sah er eine Leiter, die, sicher auf der Erde stehend, bis in die Himmel reichte. Engel kletterten die Leiter hinauf, während gleichzeitig andere Engel zur Erde hinab stiegen.

Der Sohar sagt uns, dass diese Leiter die Leiter des Gebets ist. Eine zweiseitige Verbindung, die die Erde mit den Himmeln und die Himmel mit der Erde verbindet.

Zuerst steigen wir hinauf, bis wir ganz Oben ankommen. Das Gebet, wie alles andere im Judentum, ist ein Eröffnungszug, um aus dem System auszubrechen. Oder noch besser: um das System aus dem System ausbrechen zu lassen. Wir nehmen alle Angelegenheiten des täglichen Lebens und erheben sie höher und höher, an einen Ort, der keinen Begrenzungen des Systems unterliegt. Ein Ort, wo alles passieren kann, wo Ereignissen eine ganz neue Richtung gegeben werden kann. Ein Ort, wo der Autor des Systems erreicht und gebeten werden kann, einen "neuen Willen" zu verfassen – wie wir das in vielen Gebeten zum Ausdruck bringen mit den Worten: "Jehi Razon Milfaneicha ..." (Wörtlich: möge ein Wille vor Dir entstehen)

Ein neuer Wille? Es gibt nichts neues unter der Sonne, sagte der weise König Salomon. Wenn man also einen neuen Willen erschaffen und Dinge grundlegend verändern will, muss man etwas erreichen, dass höher als die Sonne liegt.

Dies ist der Ort, wohin die Leiter des Gebetes reicht: jenseits der Sonne. Jenseits des ganzen Systems. Das ist auch der Ort, den Hanna mit ihrem Gebet erreichte – bis an das Ende der Leiter hinauf. Und von diesem Zeitpunkt an änderte sich ihr ganzes Leben. Daher ist das Beste, was wir in dieser Angelegenheit tun können, ihr nachzueifern.

Aber trotzdem benötigte sie Elis Segen. Weil ein Segen etwas kann, was ein Gebet nicht vermag. Es stimmt schon, dass ein Segen nicht die Sphären eines Gebetes erreicht. Ein Segen erschafft auch nichts Neues. Aber ein Segen vermag es, dass der in den höchsten Sphären erschaffene, neue Wille sicher zur Erde gelangen kann.

Das ist auch die Aufgabe der Shul. Wie das Anzünden der Menora durch Aaron, so ist auch die Shul der Ort, Spiritualität in Zeit, Raum und Worte zu packen. Das ist der Grund, warum wir uns bemühen sollten, unsere Gebete wenn möglich immer in der Shul zu sagen, weil Gebete, die dort gesprochen werden, mit größerer Wahrscheinlichkeit sicher landen und Früchte tragen werden.

Bipolare Ordnung

"... weil zwei Ideen der Basis und der Quelle der gesamten Tora zugrunde liegen: Einerseits die Seele jenseits ihrer Verkörperung höher und höher hinaus zu erheben bis zum Wesen und der Quelle aller Welten und andererseits das Licht des Unendlichen, gesegnet sei er, auf die Quelle aller Seelen [die Schechina] hinunterzuleiten ..." Tanja, 32. Kapitel

Das Leben, das uns die Tora beschreibt, enthält viele Beispiele dieses wechselseitigen Prozesses: Im Tempel finden wir einerseits Kohanim (Priester), die gemäß strengster Regeln arbeiteten (Disziplin, hinunterbringen des Lichts) und andererseits Lewiten, die den Ort mit ihrem Gesang verzaubern (Inspiration, Hinaufsteigen zum Licht). Das jüdische Volk wurde durch Moses (der die Tora hinunterbrachte) und durch Aaron (der das Volk auf eine höhere spirituelle Ebenen erhob) aus Ägypten hinausgeleitet. Unser Rechtssystem ist das harmonische Resultat der Schüler von Hillel (die sich bemühen, die Halacha auf die Erde zu bringen) und von Schammai (die danach streben, die Menschen auf das Niveau der Halacha erheben). Im Alltag studieren wir einerseits die Tora (um die Göttliche Weisheit auf die Erde hinunterzubringen) und führen andererseits Mizwot aus (um die physische Welt auf eine höhere Ebene zu erheben). In der Familie haben wir einerseits die Mutter, die uns auf die Welt bringt und uns mit allem Notwendigen versorgt, damit die Seele eine physische Existenz haben kann und andererseits einen Vater, der uns belehrt, wie wir Spiritualität auf die Welt herunterbringen.

In allgemeinen Worten abgefasst, sprechen wir hier die Rollenverteilung zwischen Herren und Damen an. Die männliche Rolle besteht hauptsächlich darin, das unbegrenzte, spirituelle Licht aus den erhabenen Welten zu erfassen und es herunterzubringen in physische Welt, die sich durch Zeit und Raum und menschlicher Umfassungsmöglichkeit definiert. Die weibliche Rolle ist es (in erster Linie) die Spiritualität, die sich in Zeit und Raum verbirgt zu entdecken und sie freizusetzen.

Daher befreit die Tora die Damen von den meisten zeitgebundenen Pflichten wie das Tragen von Zizit, das Anlegen von Tefillin, das Lesen des Schma Jisraels (zweimal täglich zu vorgegebenen Zeiten), das dreimal tägliche Beten mit dem Minjan usw. Denn das Organizieren und "Abpacken" der Göttlichkeit in einen Rahmen von Zeit und Raum ist eine männliche Angelegenheit. Die Damen der Schöpfung sind bereits von Natur aus sehr mit dem Element der Zeit und ihren Zyklen verbunden. Ihre Rolle besteht eher darin, diese "Pakete" zu öffnen und sie über die Grenzen der Zeit hinaus zu erweitern. Die Frau ist die Mutter des Lebens, die das Leben auspackt und aufzieht. Sie ist diejenige, die die Gegenwart nimmt, und ihr eine Zukunft sichert. Wo ein Mann sich mit der Gegenwart beschäftigt, kümmert sie sich um die Zukunft.

Zwei Hemisphären

Daher behandelt die Tora den Mann und die Frau nicht als getrennte Einheiten, sondern als ein einziges Ganzes: "Und Gott erschuf den Menschen (Adam) in Seinem Bild, Mann und Frau erschuff er sie."3 Das Göttliche Bild ist weder männlich noch weiblich sondern eine Synthese der beiden. Gemäß Tora ist ein einzelner Mann oder eine einzelne Frau nur ein halber Mensch, nicht nur was die Seele betrifft, sondern auch was den Körper betrifft.

Wenn Gott sagt, seit fruchtbar und mehret euch, spricht er Adam, also den ganzen Menschen an. Nur dass der männliche Teil von Adam mit einem bestimmten Anteil dieser Aufgabe beauftragt wird und der weibliche Teil mit einem anderen (der in diesem Bereich von größerer Bedeutung ist). Dasselbe gilt auch für alle übrigen Mizwot. Wenn Gott verordnet, Tefillin anzulegen, spicht Er den ganzen Menschen an, doch welchem Arm soll man diese Tefillin anlegen? Dem linken Arm der männlichen Hälfte dieses Ganzen. Wenn Mann und Frau nur einen Körper bilden, wozu soll sich dieser eine Körper zwei Paar Tefillin anlegen?

Das erklärt auch eine weitere Unterscheidung, was die Rollenverteilung der Tora betrifft: Wo der Mann geboten wird eine bestimmte Mizwa auszuführen, wird diese Tat in den meisten Fällen der Frau als Mizwa angerechnet, wenn sie sie durchführt, doch ist sie nicht dazu verpflichtet. Nehmen wir zum Beispiel die Mizwa, Kinder zu haben (was die erste Mizwa in der Tora darstellt). Gemäß unserer Tradition ist nur der Mann dazu aufgerufen. Nur er ist verpflichtet. Die Frau ist nicht verpflichtet. Es ist ihr freigestellt. Und doch ist sie diejenige, die das Baby neun Monate lang trägt und den Hauptanteil der Erziehung übernimmt. Es hat keinen Sinn von "Gleichberechtigung" zu reden, nachdem wir zwei Teile ein und derselben Seele und zwei Teile ein und desselben Körpers sind. Was den Körper betrifft fragen wir uns nie, ob nun das rechte oder das linke Bein wichtiger ist, sondern wir sind an der Existenz der beiden gleichermassen interessiert.

So steht es auch mit vielen anderen Mizwot wie z.B. das Hören des Schofars an Rosch Haschana, das Sitzen in der Sukka an Sukkot, das Studieren der Tora usw. Die Herren müssen es tun. Die Damen tun es freiwillig. Dasselbe gilt auch für den Großteil des Gebetes: Von Frauen wird, wenn überhaupt, nur eine minimale Anzahl an formalen Gebeten verlangt, denn man geht davon aus, dass die Frau auch ohne die festgelegten Gebete eine starke Verbindung zu Gott hat. Doch steht es ihr frei, sie trotzdem du sagen. Sie ist nicht verpflichtet, in einem Minjan zu beten, doch wenn sie es tut, profitiert sie ebenfalls von den Vorteilen, die das Dawnen im Minjan dem Einzelnen bietet.

Der Mann erobert, daher wählt Gott für ihn eine Tätigkeit, die ihm entspricht, nämlich das Überwinden seiner eigenen Natur. Daher befiehlt Er ihn gewisse Dinge zu tun, denn dadurch, dass der Mann einen Befehl befolgt, besiegt er seine eigene Natur. Die Frau hingegen erhebt die Welt auf eine höhere Ebene, spontan, aus einem inneren Bedürfnis heraus. Daher besteht ein Großteil der Mizwot, die sie befolgt, aus einer natürlichen Antwort, die von innen kommt.

Existenziell ausgedrückt, gibt es das Tun und das Sein. Die Herren der Schöpfung sind mehr mit dem in-Gang-Setzen verschiedener Prozesse beschäftigt, während die Damen sich mehr auf das Sein und auf das Entdecken von dem, was bereits existiert und sich unter dem Vorhang der physischen Welt verbirgt, konzentrieren.

Unterdrückung und Befreiung

In diesem Fall kann die ganze Tora als Einigkeit, Harmonie und Synthese dieser beiden kosmischen Kräfte zusammengefasst werden: das Männliche und das Weibliche. Bis heute schien es selbstverständlich, dass Muskelkraft, die Fähigkeit. Kriege zu führen, die Welt zu erobern und den Feind niederzumetzeln viel ruhmreicher ist als neues Leben zu erschaffen und aufzuziehen.

Als wir damals die Lehrerin fragten, ob es denn keine glorreichen Damen in der Geschichte gab, antwortete sie: Sicher gab es das! Jeanne D'Arc, Königin Elisabeth, Katharina die Große!

Und warum waren sie so großartig? Weil sie Kriege führten wie Männer. (Die Bibel erzählt uns zwar von einer Dame namens Dwora, die ihren Mann dazu aufforderte, gegen den Unterdrücker zu kämpfen. Doch als er sie bat, mit ihm zu kommen, weigerte sie sich, damit die Leute nicht sagen würden, dass der Krieg durch eine Frau gewonnen wurde.)

Bis zum heutigen Tag sind gewisse Damen der Auffassung, dass Befreiung bedeutet, wie ein Mann zu handeln. Timothy Leary sagte dazu, dass es jenen Damen an Ambition fehlt.

Gemäß den Kabbalisten wird im messianischen Zeitalter das Weibliche weit über dem Männlichen stehen. Diese Einstellung ist drum und dran sich zu entwickeln, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass weibliche Energie zu einem viel höher geschätzten Element in unserer Gesellschaft wird. Erst wenn beide Denkmuster angemessen gewürdigt werden, kann eine bedeutungsvolle Synthese zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen zu Stande kommen.

Werfen Sie zum Beispiel einen Blick in unsere Shul. Dieser Ort braucht dringend weibliche Elemente: Wir Männer haben vergessen, wie man betet. Wir haben jeglichen Kontakt mit unserer inneren, weiblichen Seite verloren. Doch das letzte was wir brauchen könnten ist, dass die Damen diese Aufgabe an unserer Stelle übernehmen. Denn was dann passieren würde, wäre folgendes:

1) Die Herren würden das Beten ganz den Damen überlassen und nie wieder in der Shul zu sehen sein.

2) Die Damen würden sich in die Formsachen des Synagogenbetens vertiefen und wie Männer werden.

Es ist niemandem gedient, wenn Frauen wie Männer sein wollen sondern es werden beide Elemente benötigt. Wenn Wasser zu Feuer werden will und sich aufs Feuer stürzt, erlöscht das Feuer. Wenn wir hingegen eine Pfanne zwischen die beiden Elemente stellen, so dass beide Elemente ihre Identität beibehalten, kann das Wasser zum Kochen gebracht werden.

Die wahre Frage

Dachten Sie wirklich, dass:

Gebetsbücher + zehn Männer + Shul + Toralesung = Gebet?

Wenn dem so ist, dann möchte ich Sie über eine Neuigkeit informieren: Sie können ohne weiteres lernen, wie man die Tora mit der richtigen Melodie liest und welche Haftara dazu gehört sowie das übrige Protokoll des ganzen Ablaufs des Gottesdienstes, einschliesslich Kaddisch, Barchu und Keduscha. Sie können das ganze Gebetsbuch lernen einschliesslich der Bedeutung jedes einzelnen Wortes und mit all dem haben Sie noch nicht einmal den ersten Schritt zum wahren Gebet getan. Denn das Beten kann nicht erlernt werden. Beten ist nichts, das man tut sondern es ist etwas, das wir sein sollen, wie es König David in seinen Gebeten zum Ausdruck bringt: "Und ich bin ein Gebet."

Wozu brauchen wir dann diese ganze vorgegebene Liturgie? Wir können sie mit dem Tischdecken vergleichen: Die Liturgie setzt fest, welches Geschirr zuerst an die Reihe kommt, welches als zweites und welches zum dritten Gang passt, wo wir die kleinen Gabeln hinstellen und wo die großen und all diese kleinen wichtigen Einzelheiten. Doch wenn da kein Chili-con-Koscher serviert werden kann, war das ganze Tischdecken umsonst.

Der ganze Gebetstext und die Gebetszeremonie ist nur da, um spirituelle Energie auf die Erde herunterzubringen. Die Weisen und Propheten, die diesen Text zusammengestellt haben, wussten genau, was heruntergebracht werden muß und in welcher Reihenfolge. Doch wenn niemand in jene erhabenen Welten hinaufsteigt und den Schalter betätigt (indem er sein Herz ausschüttet und wirklich meint, was er da betet) riskiert das Gebet zu einer ziemlich trockenen Leseübung eines antiken Textes zu werden.

Das stimmt zwar nicht ganz, weil das Lesen des hebräischen Orginaltextes selber schon einen unglaublichen Einfluß auf die Seele hat, die sich dadurch an jene erhabenen Welten erinnert, in denen sie erschaffen wurde. Doch versteht sich, dass wenn der Ewige eine Beziehung zu uns will, das zentrale Element dieser Beziehung das Herz ist und nicht nur das "Unterbewusstsein".

Das System

Lassen Sie mich jetzt erklären, wie das System funktioniert:

Die Tora sagt nirgends: "Du sollst beten." Doch sie sagt: "Diene Gott mit all deinem Herzen." Wie dient man Gott mit dem Herzen? Die Weisen sagen ganz einfach: Beten!

Das heisst, dass wenn unser Herz vor Schmerz platzt, sollen wir es Ihm ausschütten: Wenn Sie sich nach etwas sehnen, erzählen Sie Ihm, nach was Sie sich sehnen. Wenn das Herz zerbricht, bitten Sie Ihn, es wieder zusammenzukleben. Wenn es sich leer uns einsam fühlt, bitten Sie Ihn, es zu erfüllen. Jedes Mal wenn Sie fühlen, dass das Herz irgendetwas begehrt, benutzen Sie diese Gefühle, um mit dem Ewigen auch auf der emotionalen Ebene eine Beziehung aufzubauen. Verbinden Sie sich somit auch zu Seinem innersten Wesen und lassen Sie Ihr Herz ein Heiligtum für Ihn werden, ein Ort, in dem Sie Ihn immer finden können.

Das ist die wesentliche Eigenschaft des Gebetes, wo es keine Unterschiede zwischen Zeit, Ort oder Geschlecht gibt. Jedes Herz kann jederzeit und jederorts ein Heiligtum sein.

Doch was die Form des Gebetes betrifft, verlangt die unterschiedliche Natur der Herren und der Damen, dass auch das in-die-Tat-Umsetzen des Gebetes anders gehandhabt wird:

Die Herren werden gebeten, dieses Heiligtum in einer organisierten Gruppe von mindestens zehn Herren zu erstellen, dreimal täglich zu bestimmten Zeiten und mit vorgegebenem Text. Auf diese Weise dehnt sich das Heiligtum auf die ganze Gemeinde aus, was den Gebeten dann mehr Kraft gibt, nach oben zu gelangen und der Fülle, die der Ewige auf Sein Volk strömen lassen will eine sichere Landung zu gewährleisten.

Die Damen hingegen werden gebeten, ein Heiligtum zu sein. Wenn möglich zweimal täglich, wobei auch ein unformales, spontanes Gebet sehr wertvoll ist. Da Damen es viel leichter haben, ihre Gefühle in das Gebet zu integrieren, ist der formale Text für sie nicht so wichtig, wie für die Herren. Wobei es jedoch wegen dem unermesslichen spirituellen Reichtum, der in der Gebetsformel, die uns die Propheten und Weisen zusammengestellt haben, enthalten ist, trotzdem sehr empfehenswert wäre, wenn die Damen der Schöpfung sich die Zeit nehmen würden, zweimal täglich die Amida zu beten.

Wir können es mit Kunst vergleichen: es gibt die Kunst des Malens und die Kunst der Bildhauerei. Beim Malen geht es darum, ein Bild zu erschaffen, indem wir verschiedene Farben auf die Leinwand pinseln. Beim Bildhauen geht es darum, was im Steinblock überflüssig ist zu enfernen und die Statue zum Vorschein zu bringen, die im Block enthalten war. So wird auch das Gebet der Herren dadurch erstellt, dass sie sich pflichtmässig in einem Minjan versammeln und einen bestimmten Text dawnen wähernd es bei den Damen darum geht, ihre innersten Wünsche zum Ausdruck zu bringen indem sie alle formalen Masken ablegen. Die Gebetsformel der Männer der großen Versammlung war dazu gedacht, die wahre Sehnsucht der Seele wiederzugeben. Doch wenn wir heutzutage in einer Generation leben, wo wir diese Verlangen nicht so ganz zu fühlen vemögen, ist es wichtiger denn je, ein persönliches Gebet hinzuzufügen, und die besondere Fähigkeit der Damen, ihre tiefempfundenen Gefühle zu äußern, in die Tat umzusetzen und sie nicht durch die - für ihre Bedürfnisse allzu formale - Gebetsordnung zu verdecken.

Die Verse und Psalmen, die vor und nach der Amida gesagt werden, sind dazu bestimmt, den Betenden in die angemessene Stimmung zu versetzen, um etwas näher an die Voraussetzungen von Hannas Gebet zu gelangen. Die Herren sind daher verpflichtet, diese zu beten, während es den Damen selbst überlassen ist, zu entscheiden, ob ihnen die Psalmen bei der Vorbereitung fürs Beten behilflich sind oder nicht.

Und wozu sollen die festgelegten Zeiten und das "zwanghafte" Versammeln in der Shul gut sein? Weil das zum Mann gehört. Seine Aufgabe ist es, Spiritualität in einen Rahmen von Zeit und Raum zu bringen. Lassen Sie die Herren das tun, was sie am besten können, nämlich das Licht der Schechina auf die Erde zu bringen und tun Sie was sie am besten können, nämlich das Licht der Schechina zu sein: es in Ihnen selbst zu entdecken.

Stellen Sie sich vor: Mit all den wunderbaren Sachen, die wir über das Gebet in der Shul sagen können, dass es die Zeit ist, wo die Herrlichkeit aller erhabenen Welten sich offenbart und die Türen des unendlichen Lichts weit offen stehen, wenn unsere Bitten unbehindert nach oben gelangen und die Segen in Fülle auf die Erde kommen... wenn eine Frau all das fallen lassen muß, um sich um ein Kind zu kümmern, ist ihre Handlung mindestens von ebensogrosser Bedeutung. Wir sehen, dass Awraham eine ähnliche Logik befolgte, als er sich vor Gott, der ihm einen persönlichen Besuch abstattete, entschuldigte, um sich neuer Gäste anzunehmen. Denn welchen Sinn hat es, die Schechina zu empfangen, wenn Sie die Möglichkeit haben, selbst die Schechina zu sein?

Manchmal sind Sie froh um einen spirituellen Antrieb, manchmal hilft es, in einer Gemeinschaft zu davnen, um besser aufwärtssteigen zu können. Doch manchmal hat man den Eindruck, dass das nicht genug ist.

Daher versammeln sich gewisse Damen bei Neumond oder einmal in der Woche und lernen, singen und tanzen miteinander. Das ist nicht wirklich eine Neuheit, doch viele Damen finden das heutzutage sehr inspirierend. Sie brauchen keinen Rahmen, der strenge Ordnung diktiert, wie wir ihn in der Shul haben. Alles was sie brauchen sind ihre Seelen und ihre Stimmen. Vielleicht wird ihre Begeisterung eines Tages auch in unsere Shul fliessen und uns ebenfalls erheben.

Das eigenmächtige Gebet

Vielleicht können wir hier ein zusätzliches, interessantes Rätsel erklären: Hannas Gebet, das Musterbeispiel aller Gebete, war das Gebet um ein Kind. Schauen Sie in Ihrem gesamten Gebetsbuch nach, Sie werden dort keine einzige Gebetsvorlage finden, um Kinder zu haben. Wir beten um Gesundheit, Lebensunterhalt, Regen, Tau, Klugheit, Erlösung, Gerechtigkeit... um alles andere, aber nicht um ein Kind.

Es gibt zwar wunderschöne Gebete, um mit einem Kind beschert zu werden, doch können diese nicht im Standardgebetbuch gefunden werden. Sie wurden von Damen zusammengestellt, in ihrer Muttersprache und sie sind die tiefstempfundenen Gebete die man sich vorstellen kann. Doch kein anerkannter Rabbiner würde es wagen, sich in dieses Thema – das in den Bereich der Damen gehört, die doch das Leben in die Welt bringen – einzumischen. Und niemand würde es wagen, die Worte dazu zu bestimmen oder zu verordnen, diese zu sagen. Denn in der Welt der Frau kommt das Gebet von innen und strömt nach außen.

Doch wozu die Mechiza?

Es bleibt die brennende Frage: Wenn die Frau das Wesen des Gebetes und des Gesangs ist, warum bleibt sie dann schweigsam? Wo ist ihre Kreativität und ihre Inspiration? Wo ist ihr Gesang? Sie braucht ja nicht gleich die Gebetsordnug der Shul zu übernehmen, doch warum können ihre Stimme und ihre Gegenwart nicht als Inspiationsquelle in der Shul dienen?

Die Situation war nicht immer so. Im Mischkan (Tabernakel) und im ersten Tempel gab es keine Trennung zwischen Männern und Frauen. Erst als die Angelegenheiten im Zweiten Tempel außer Kontrolle gerieten, sah die Gemeinde sich gezwungen, für die Damen einen Balkon zu errichten, während die Herren unten bleiben würden. Vielleicht im Messianischen Zeitalter, wenn wir zu unserem ursprünglichen spirituellen Status zurückkehren werden, wird auch die originale Sitzordnung wieder in Kraft treten.

Doch wie es heutzutage mit der menschlichen Natur aussieht, können wir die Schlussfolgerung unserer Weisen nur allzu gut vestehen: Wenn Herren sich unter Damen mischen, oder die Stimme einer Dame hören, vorallem einer Dame die sie kennen und die sie sehen können, inspiriert sie das nicht unbedingt zu spirituellen Höhen sondern unglücklicherweise, sehr oft eher in die entgegengesetzte Richtung. Die Damen scheinen das nicht zu verstehen, sie scheinen eine sehr hohe Meinung von uns zu haben. Doch wenn Sie die Herren fragen, und wenn sie mit Ihnen ehrlich sind, werden sie zugeben, dass sie sich nicht mit der angemessenen Konzentration beten würden, wenn sie Mitglieder der zarten Geschlechts sehen oder höhren könnten.

Doch gibt es für diesen abnormalen Zustand eine tiefgründigere Bedeutung: Wir sind im Exil. Die Schechina befindet sich in Gefangenschaft und nicht in ihrer natürlichen Umgebung. Sie wird übersehen und verachtet obwohl sie potentiell anwesend ist. Doch in der kommenden Welt, im Messianischen Zeitalter werden wir in den Städten Judäas und in den Straßen Jerusalems wieder die Stimme des Jubels und die Stimme der Freude, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut hören.4

Die Schechina wird wieder singen.

Fußnoten 1. Pri Ez Chaim, Rabbi Chaim Vital, Seite 1. 2. Num. 8:3. 3. Gen. 1:27. 4. Jeremia 33:10-11.

von Tzvi Freeman