Michael Laitman

Leben aus der Kabbalah

Ich möchte hiermit meinen Dank gegenüber Christiane Reinstrom und
Reiner Wehrenfennig zum Ausdruck bringen, die unermüdlich an dem
Text gearbeitet und keine Mühe gescheut haben, damit dieses Buch erscheint.
Großer Dank gebührt auch Daniel Lange und Hartwig Rademacher
für ihre überaus tatkräftige Unterstützung bei der Korrektur.
Eduard Yusupov, Editor

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Wie man dieses Buch lesen sollte

Kapitel 1
Den Schöpfer wahrnehmen
Das Fenster zum Herzen
Den Glauben über den Verstand stellen

Kapitel 2
Der Spirituelle Weg
Die Vorsehung des Schöpfers
Das Gesetz des Schöpfers erkennen

Kapitel 3
Gast und Gastgeber
Erster Akt
Zweiter Akt

Kapitel 4
Die persönlichen Interessen ausschalten
Lasse die Kabbala dein Führer sein

Kapitel 5
Der Zweck des Studiums der Kabbala

Kapitel 6
Spiritueller Fortschritt
Glaube an die Einzigartigkeit des Schöpfers

Kapitel 7
Unsere Wahrnehmungen

Kapitel 8
Die Struktur der Spiritualität
Trügerische Genüsse

Kapitel 9
Ein Hilfegesuch
In Gedenken an Kabbalist Rabbi Baruch Ashlag

Kapitel 10
Den Wünschen der Selbst-Erfüllung widerstehen

Kapitel 11
Innere Bewegung und Entwicklung
Dem altruistischen Genuss näher kommen

Kapitel 12
Den Egoismus auslöschen
Die Suche nach dem Schöpfer

Kapitel 13
Die Methode der Kabbala
Das Verlangen nach Genuss

Kapitel 14
Offenbarung und Verhüllung
Egoismus in Altruismus verwandeln

Kapitel 15
Stufenweise spirituelle Korrektur

Kapitel 16
Innere Eigenschaften und äußere Erscheinungen
Spirituelle Stufen
Vier fundamentale Lebensauffassungen

Kapitel 17
Vereinigung mit dem Schöpfer
Phasen der Offenbarung

Kapitel 18
Der allmächtige Zauberer, der nicht allein sein konnte:
Ein Märchen für Erwachsene

Kapitel 19
Spirituelle Stufen

Kapitel 20
Die Rückkehr zum Schöpfer
Der Weg der Kabbala

Kapitel 21
Die Korrektur des Egoismus
Sehnsucht nach spirituellen Eigenschaften

Kapitel 22
Spirituelle Entwicklung

Kapitel 23
Spirituelle Arbeit

Kapitel 24
Glaube

Kapitel 25
Wie man sich dem Schöpfer angleicht

Kapitel 26
Das Erkennen der spirituellen Welt
Wie man höhere spirituelle Stufen erklimmt

Kapitel 27
Stufen der Korrektur
Glaube – der einzige Gegenspieler des Egoismus
Licht, das Korrektur bewirkt

Kapitel 28
Nicht zugunsten des Selbst
»Lishma« erhalten

Kapitel 29
Die Verwandlung unserer Anlagen

Kapitel 30
Furcht vor dem Schöpfer

Kapitel 31
Der Keim des Altruismus

Kapitel 32
Der Kampf um die Wahrnehmung
der Einzigkeit des Schöpfers


Kapitel 33
Dem Schöpfer zuliebe empfangen

Kapitel 34
Leiden, die uns aus uneingeschränkter
Güte geschickt werden


Kapitel 35
Die böse Neigung

Kapitel 36
Die Arbeit in den drei Linien

Kapitel 37
Wie wir unsere wahre Natur verstehen können

Kapitel 38
Kabbalistische Zitate

Kapitel 39
Rabbi Laitmans Suche nach der Kabbala

Über Bnei Baruch
Kontakt zu Bnei Baruch

Das Wesen spiritueller Qualitäten wie vollkommener Altruismus und vollkommene
Liebe liegt jenseits der Fassungskraft des menschlichen Verstandes.
Wegen der simplen Tatsache, dass die menschliche Existenz nicht begreifen
kann, dass derartige Empfindungen tatsächlich existieren können, da
scheinbar jedermann einen Anreiz benötigt, um überhaupt irgendeine Handlung
zu vollbringen; ohne irgendeinen Vorteil zu erwarten, sind Menschen
nicht in der Lage, etwas zu tun. Daher kann eine solche Qualität wie der
Altruismus nur von Oben verliehen werden, und nur diejenigen, die ihn erfahren
haben, können ihn wirklich verstehen.
Dr. Michael Laitman




Einleitung


Wenn Du mit deinem Herzen einer berühmten Frage lauschst, bin ich sicher, dass jeglicher Zweifel, ob man Kabbala studieren sollte, spurlos verschwinden wird. Diese Frage ist bitter und gerechtfertigt, eine Frage, die sich jeder auf der Erde stellt: »Was ist der Sinn meines Lebens?«

Rabbi Yehuda Ashlag »Einführung zu Talmud Esser Sefirot«

Unter all den Texten und Bemerkungen, die von meinem Rabbi, Baruch Shalom Halevi Ashlag, verwendet wurden, befand sich ein Notizbuch, das er immer mit sich herumtrug. Dieses Notizbuch enthielt alle aufgeschriebenen Gespräche, die er mit seinem Vater führte, Rabbi Yehuda Leib Halevi Ashlag, Kabbalist und Rabbi von Jerusalem. Er war der Autor eines 21-bändigen Kommentars über den Sohar sowie eines 6-bändigen Kommentars über die Texte des Kabbalisten Ari und vielen anderen Werken über die Kabbala.
Am Abend des Jüdischen Neujahrsfestes September 1991 rief mich mein Rabbi, der sich zu diesem Zeitpunkt unwohl fühlte, zu sich an sein Krankenbett und überreichte mir das Notizbuch mit den Worten: »Nimm es und lerne davon.« Am darauffolgenden Morgen starb mein Lehrer in meinen Armen und ließ mich und viele seiner anderen Schüler ohne Führung auf dieser Welt.
Er pflegte zu sagen: »Ich möchte dich lehren, dich an den Schöpfer zu wenden und nicht an mich. Denn Er ist die einzige Stärke, die einzige Quelle dessen, was existiert. Er ist der Einzige, der dir helfen kann, und Er wartet auf deine Gebete um Hilfe. Hilfe auf der Suche, sich von allen Fesseln dieser Welt zu befreien. Hilfe, dich über diese Welt hinwegzuheben, Hilfe im Selbstfinden sowie Hilfe bei der Entscheidung, den Sinn deines Lebens zu finden, kann nur vom Schöpfer kommen, der dir all diese hohen Ziele sendet, damit du dich genötigt fühlst, dich an Ihn zu wenden.«
In diesem Text versuche ich einige seiner Vorstellungen aus seinem Notizbuch weiterzugeben, wie sie sich mir offenbarten. Es ist unmöglich, vollständig wiederzugeben, was dort steht, sondern nur das, was vom Lesen her verständlich ist, da jeder von uns durch die Eigenschaften seiner eigenen Seele begrenzt ist. Deshalb spiegelt die Interpretation des Textes die Wahrnehmung der eigenen Seele im Verlauf der Wechselwirkung mit dem Höheren Licht wider.
Mögen die Gedanken von Rabbi Yehuda Ashlag durch den Mund seines ältesten Sohnes, meines Rabbis, auf die Welt einwirken, und mögen sie uns allen helfen, uns mit dem Schöpfer im Laufe unseres Lebens und auf dieser Welt zu vereinigen.

Michael Laitman

Wie man dieses Buch lesen sollte

Die Notwendigkeit, dieses Buch zu verfassen, wurde mir durch die Fragen bewusst, die mir von meinen Schülern gestellt und während verschiedener Vorträge und Radiosendungen an mich gerichtet wurden, und die in zahlreichen Briefen, die immer noch aus aller Welt eintreffen, enthalten sind.
Die Schwierigkeit, Kabbala zu erklären und zu lehren, liegt darin, dass die spirituelle Welt kein Pendant in unserer Welt hat. Auch wenn das Ziel des Studiums klar wird, ist das Verständnis davon nur zeitweilig. Sie wird von dem Teil unseres Wahrnehmungsbereiches erfasst, der Spirituelles erfassen kann und der ständig von Oben erneuert wird.
Daher mag ein Thema, das vorher ganz klar war, später wieder unklar erscheinen. Je nach Stimmung und spirituellem Entwicklungsstand des Lesers mag der Text entweder sehr vielsagend und voll tiefer Bedeutung sein oder aber völlig bedeutungslos.
Verzweifeln Sie daher nicht, wenn etwas, das heute noch vollkommen klar war, einen Tag später sehr verwirrend erscheint. Geben Sie nicht auf, wenn Ihnen der Text vage, seltsam oder unlogisch erscheint.
Das Kabbalastudium ist nicht dazu da, theoretisches Wissen anzuhäufen, sondern um zu erkennen und wahrzunehmen.
Wenn jemand beginnt zu erkennen und wahrzunehmen, wird durch sein eigenes Nachsinnen und nachdem er spirituelle Kraft erlangt hat, sein stetiger Empfang der spirituellen Lichter und Ebenen ihm ein sicheres Wissen verleihen.
In unserer Welt gibt es keine Analogien zu dem Thema, das hier gelehrt wird. Erst, wenn der Mensch ein Verständnis für das Höhere Licht und ein Empfindungsvermögen für Spirituelles entwickelt hat, wird er die Art und Weise, wie das Universum erbaut wurde und wie es funktioniert, verstehen.
Dieser Text kann dazu dienen, die ersten Schritte in Richtung Empfinden der spirituellen Kräfte zu ermöglichen. Um jedoch weiter fortzuschreiten, ist die Hilfe eines Lehrers notwendig.
Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Zeilen nicht auf allgemein übliche Weise gelesen werden sollten. Der Leser sollte sich auf einen Abschnitt konzentrieren, über diesen nachsinnen und versuchen, einige der erwähnten Beispiele zu verstehen, die angesprochenen Themen zu reflektieren, und dann versuchen, diese Thematik mit persönlichen Erfahrungen zu verbinden.
Man sollte die Sätze geduldig lesen, immer wieder durchgehen und versuchen, zu den Gefühlen des Verfassers vorzudringen. Man sollte ebenso, in der Absicht die Nuancen des Geschriebenen herauszufiltern, langsam lesen, und wenn notwendig, zum Anfang des Satzes zurückkehren.
Diese Art und Weise des Lesens kann dem Leser helfen, mit den eigenen Gefühlen tief in die Thematik einzudringen oder auch festzustellen, dass ihm für bestimmte Themen Gefühle fehlen, beziehungsweise dass diese Themen ein Gefühl mangelnden Respekts hervorrufen. Letzteres ist eine entscheidende Vorbereitungsphase für die spirituelle Entwicklung.
Dieses Buch wurde nicht für ein rasches Überfliegen verfasst. Obwohl der Text sich nur mit einem einzigen Thema beschäftigt – wie man mit dem Schöpfer in Beziehung tritt –, behandelt er dieses Thema auf unterschiedliche Arten. Diese Vorgehensweise dient dazu, jedem einzelnen Leser zu ermöglichen, den einen oder anderen besonderen Satz oder ein bestimmtes Wort zu entdecken, welches ihn in die Tiefe des Textes führt.
Im Text werden die egoistischen Wünsche und Handlungen in der dritten Person beschrieben. Bis zu dem Punkt jedoch, an dem es dem Leser möglich ist, persönliches Bewusstsein von seinen Sehnsüchten zu unterscheiden, sollte er die egoistischen Bestrebungen und Verlangen als seine eigenen betrachten. Das Wort Körper im Text bezieht sich nicht auf unseren physischen »Körper«, sondern auf unser Verlangen zu empfangen, auf unseren Egoismus.
Ein wiederholtes Lesen dieses Textes ist ratsam. Lesen Sie die gleichen Abschnitte zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlicher geistiger Verfassung. Sie werden mit Ihren eigenen Reaktionen und Sichtweisen gegenüber ein und demselben Text Bekanntschaft machen.
Anderer Ansicht zu sein, als es der Text vorgibt, ist immer konstruktiv, genauso wie eine Übereinstimmung mit ihm. Das Wichtigste bei der Lektüre ist, auf den Text einzugehen; ein Gefühl, dem Geschriebenen nicht zuzustimmen, bedeutet, dass der Leser die einleitende Phase (Achoraim, die Rückseite) erreicht hat, die dazu dient, die nächste Phase der Wahrnehmung vorzubereiten (Panim, Gesicht).
Besonders das langsame und bedeutungsvolle Lesen ermöglicht die Entwicklung von Gefühls-Gefäßen (Kelim), welche notwendig sind, um Spirituelles empfangen zu können. Nachdem die Gefäße geformt sind, gelingt es dem Höheren Licht, in sie einzufließen. Vor dem Erschaffen der Kelim (Gefäße) existiert das Licht nur außen um uns herum. Es umgibt unsere Seelen, doch wird es von uns nicht wahrgenommen.
Der Text ist nicht dafür geschrieben worden, um irgendjemandes Wissen zu erweitern. Er dient auch nicht dazu, auswendig gelernt zu werden oder sich selbst darüber zu prüfen.
Es ist sogar besser, den gesamten Inhalt vergessen zu haben, somit erscheint eine zweite Lektüre frisch und gänzlich unbekannt. Dies deutet daraufhin, dass die beim erstmaligen Lesen empfundenen Gefühle vom Leser erfasst wurden und er diese nun hinter sich gelassen hat. So wird Platz für neue, noch nicht erlebte Empfindungen geschaffen. Ständig wird der Vorgang, neue Kelim zu entwickeln, wiederholt, und diese Gefäße werden in der spirituellen, nicht wahrgenommenen Sphäre der Seele gespeichert.
Das Allerwichtigste sind die Gefühle, die der Leser während des Lesens des Textes empfindet und nicht erst im Anschluss an die Lektüre.
Nachdem die Gefühle erst einmal empfunden worden sind, werden sie im Herzen und Verstand enthüllt. Sie zeigen sich erneut, wann immer sie während des andauernden Entwicklungsvorganges der Seele benötigt werden.
Beeilen Sie sich nicht, um ans Ende des Textes zu gelangen. Wählen Sie solche Stellen aus, die Sie besonders ansprechen. Nur dann wird Ihnen der Text helfen und Ihnen als Führer auf der Suche nach persönlichem und spirituellem Aufstieg dienen. Das Ziel dieser Schriften ist es, im Leser ein Interesse für den Grund seines Daseins in dieser Welt zu erwecken, für die Möglichkeit, die spirituellen Welten zu erfassen, den Sinn der Schöpfung zu verstehen, den Schöpfer zu empfinden, die Ewigkeit und die Unsterblichkeit, und ihn letztendlich bei seinem spirituellen Aufstieg zu unterstützen.
Wenn Sie mit Ihrem Herzen auf die eine berühmte Frage hören, bin ich mir sicher, dass dann jeglicher Zweifel darüber, ob Sie Kabbala studieren sollen, spurlos verschwinden wird. Diese Frage ist sowohl bitter als auch gerecht, eine Frage, die sich jeder auf der Erde stellt: »Was ist der Sinn meines Lebens? «

Rabbi Yehuda Ashlag »Einführung zu Talmud Esser Sefirot«

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Kapitel 1



Den Schöpfer wahrnehmen

Generationen kommen und gehen, und doch stellt sich jede Generation und jeder Mensch die gleiche Frage über den Sinn des Lebens. Besonders zu Kriegszeiten, wenn weltweites Leiden herrscht, und während Zeitspannen in unserem Leben, in denen wir vom Unglück heimgesucht werden, was uns allen irgendwann einmal widerfährt, fragen wir uns nach dem Sinn des Lebens, das uns so kostbar ist. Und wir fragen: Könnte man die Abwesenheit von Leiden nicht als Glück betrachten?
In den Ethiken unserer Väter im Talmud heißt es: »Gegen deinen Willen bist Du geboren und gegen Deinen Willen lebst Du, gegen Deinen Willen wirst Du sterben.«
Jede Generation hat ihren Anteil an Unglück gehabt. Es gibt einige unter uns, die die Weltwirtschaftskrise, Kriege und Nachkriegsunruhen überlebt haben. Aber ich sehe meine Generation voller Probleme und Leiden, unfähig sich fest niederzulassen und sich selbst zu finden.
In dieser Stimmung sticht die Frage nach dem Sinn des Lebens besonders deutlich hervor. Mitunter sieht es so aus, als ob unser Leben schwieriger ist als der Tod selber; und daher überrascht es auch nicht, dass die Ethiken der Väter auslegen: »gegen deinen Willen wirst du leben«.
Die Natur hat uns geschaffen, und wir sind gezwungen, mit den Werten zu leben, die uns auferlegt wurden. Es sieht so aus, als ob wir nur halbintelligente Wesen seien: Intelligent nur bis zu dem Grad, dass wir uns der Tatsache bewusst werden, dass unsere Handlungen von den Wesensarten und Qualitäten gelenkt werden, die uns eigen sind, und dass wir nicht gegen sie angehen können. Sollten wir der Natur ausgeliefert sein, dann gibt es keine Voraussage, wohin diese wilde und unvernünftige Natur uns führen kann, die dauernd Konflikte schafft zwischen Individuen und ganzen Nationen, die gleichsam wie wilde Tiere in einem tückischen Kampf der Instinkte verwickelt sind. Und dennoch können wir unbewusst die Vorstellung einerseits von uns selbst und andererseits die einer primitiven Bestie nicht in Einklang bringen.
Warum empfinden wir diese göttliche Kraft nicht, die doch existiert und uns geschaffen hat, warum nur verbirgt sie sich vor uns? Wenn wir bloß wüssten, was von uns verlangt wird, würden wir nicht solche Fehler in unserem Leben machen, für die wir durch Leiden gestraft werden!

Wie viel leichter würde das Leben doch sein, wäre der Schöpfer nicht vor den Menschen verborgen, sondern würde deutlich von jedem von uns empfunden und gesehen werden!

Dann gäbe es keinen Zweifel über Sein Dasein. Es gelänge uns, die Auswirkungen Seiner Vorsehung in unserer Umwelt zu beobachten. Wir würden die Ursache und den Zweck unserer Erschaffung erkennen. Wir würden klar die Folgen unserer Handlungen und Seine Reaktion darauf sehen. Wir würden alle Probleme im Zwiegespräch mit Ihm besprechen und Ihn fragen, warum Er uns so behandelt, wie Er es tut.
Zum Schluss würden wir Ihn um Rat fragen, was die Zukunft betrifft. Wir wären dauernd mit Ihm in Verbindung und würden uns Seinem Rat folgend bessern. Am Ende wäre Er voller Freude, was uns ebenfalls gut tun würde. Wie ein Kleinkind seine Mutter erkennt, wären wir uns des Schöpfers bewusst. Durch das Verfolgen Seiner Reaktionen auf unsere Taten und sogar unsere Absichten würden wir lernen, auf richtige Art und Weise zu leben. Der Schöpfer würde von uns als so nahe wie eine Mutter wahrgenommen werden, denn wir würden Ihn als Quelle unserer Geburt ansehen, als Grund unserer Existenz und zukünftigen Lebens, so wie wir unsere Eltern betrachten.
Sollte es tatsächlich so sein, wie es oben beschrieben ist, wären Regierungen, Schulen und Erziehung überflüssig. Die Existenz aller Nationen würde sich allein auf eine wunderbare und einfache Koexistenz konzentrieren, mit einem gemeinsamen Ziel, das allen klar ist, nämlich der spirituellen Vereinigung mit dem offen sichtbaren und wahrzunehmenden Schöpfer.
Jeder würde in seinen Handlungen von den offenbarten spirituellen Gesetzen, Gebote genannt, geleitet. Jeder würde nach ihnen leben, denn es würde klar werden, dass man sich bei ihrer Missachtung nur selber schaden würde, vergleichbar einem Sprung von einer Klippe.
Wenn wir den Schöpfer und Seine Vorhersehung deutlich wahrnehmen könnten, wären sogar die schwierigsten Aufgaben mit Leichtigkeit zu bewältigen, denn der persönliche Gewinn, der diesen Taten entspringt, wäre sichtbar. Es ist so, als ob wir alle unsere Besitztümer einem Fremden übergeben würden, ohne auch nur einen Gedanken dabei an Gegenwart oder Zukunft zu verschwenden.
Das würde absolut kein Problem darstellen, denn in dem Augenblick, da man sich einmal des göttlichen Gesetzes gewahr ist, könnte man das Resultat dieser selbstlosen Handlung sehen und sicher sein, dass man sich in Händen des wohlwollenden und ewigen Schöpfers befindet.
Man stelle sich vor, wie natürlich (und auch wie unnatürlich im heutigen Zustand der göttlichen Verhüllung) es für uns wäre, uns voll und ganz dem Schöpfer hinzugeben, Ihm ohne Vorbehalt alle unsere Gedanken und Wünsche offenzulegen, und so zu sein, wie Er uns haben möchte.
Wir bräuchten uns nicht um uns zu sorgen und keine Gedanken an uns zu verschwenden. Wir würden überhaupt aufhören, uns unserer selbst gewahr zu sein, und würden alle Gefühle von uns an Ihn übertragen, mit der alleinigen Absicht, uns Ihm zu nähern und ausschließlich nach Seinen Gedanken und Seinem Willen zu leben.

Aus dem zuvor Gesagten ergibt sich, dass die Wahrnehmung des Schöpfers das einzige Element ist, das in unserer Welt fehlt.

Solch eine Wahrnehmung und Verwirklichung sollten die einzigen Gründe für unser Dasein in dieser Welt sein. Für dieses Ziel sollten wir keine Anstrengung auslassen, um es zu erreichen. Denn allein die Wahrnehmung des Schöpfers wird einem Einzelnen ermöglichen, Hilfe zu bekommen, und er wird somit vor den Pechsträhnen in unserem Leben und dem spirituellem Tod gerettet. Das garantiert ihm spirituelle Unsterblichkeit, ohne jemals wieder in diese Welt zurückkehren zu müssen.
Die Suche nach der Wahrnehmung des Schöpfers wird Kabbala genannt. Unsere Wahrnehmung des Schöpfers wird Glaube genannt. Und wir nehmen oft fälschlich an, dass Glaube bedeutet, im Dunkeln zu tappen, ohne den Schöpfer zu sehen oder ihn wahrzunehmen.
Doch Glauben bedeutet vielmehr das genaue Gegenteil. Laut Kabbala ist das Licht des Schöpfers – das Licht der Verbindung zu Ihm, das als Gefühl der Vereinigung (Or Chassadim) mit dem Schöpfer den Menschen füllt – als Licht des Glaubens oder, einfacher noch, als Glaube bekannt.
Der Glaube, das Licht der Schöpfung, bringt uns das Gefühl, mit dem Ewigen verbunden zu sein. Er vermittelt uns das Verständnis für den Schöpfer, und außer dem Gefühl der völligen Vereinigung mit Ihm auch die Gewissheit der absoluten Sicherheit, Unsterblichkeit, Größe und Stärke. Es wird klar, dass die Erlösung aus unserer jetzigen Lage und vom Leiden (verursacht durch unser nutzloses Streben nach vergänglichem Vergnügen) nur durch das Erlangen von Glaube erreicht wird, Glaube, der es uns möglich macht, den Schöpfer wahrzunehmen.
Allgemein gesprochen, ist unsere Unfähigkeit, den Schöpfer zu empfinden und wahrzunehmen, die Ursache für unser Unglück, die Nutzlosigkeit und jetzige Art, wie wir unser Leben leben. Kabbala treibt uns Ihm entgegen mit der Lehre: »Koste und siehe, wie gut der Schöpfer ist.«
Der Zweck dieses Buches besteht darin, den Leser durch die anfänglichen Stufen auf dem Weg zur Wahrnehmung des Schöpfers zu leiten.

Das Fenster zum Herzen

Wir wissen, dass die Menschheit seit ihrer Schöpfung Qualen und Schmerzen erlitt, die mitunter schlimmer waren als der Tod. Aber wer außer dem Schöpfer ist die Quelle des Leids?
Im Laufe der Menschheitsgeschichte gab es Menschen, die bereit waren zu leiden und jegliche Schmerzen auf sich zu nehmen, um höhere Weisheit und spirituellen Aufstieg zu erlangen. Viele Menschen haben sich freiwillig unerträglichen Qualen ausgesetzt, um wenigstens einen Funken spiritueller Wahrnehmung zu finden und Verständnis der Höheren Kraft zu erlangen, und um sich mit dem Schöpfer zu vereinen und Ihm zu dienen.
Und dennoch lebten diese Menschen ihr Leben, ohne jemals eine Antwort zu erhalten oder etwas Nennenswertes erreicht zu haben. Sie haben die Welt genauso verlassen, wie sie gekommen sind: mit nichts.
Warum hat der Schöpfer ihre Gebete nicht erhört? Warum hat Er sich von ihnen abgewandt und nie ihr Leiden beachtet? Unbewusst haben diese Menschen geahnt, dass das Universum und alle Ereignisse einen höheren Zweck erfüllen müssen. Diese Erkenntnis ist »der Funke der Einheit« des Menschen mit seinem Schöpfer.

Obwohl die Menschen immer noch in ihrem Egoismus versunken waren und ihnen die Zurückweisung des Schöpfers beinahe unerträgliche Qualen bereitete, fühlten sie auf einmal, wie sich ihr Herz, das bis dahin für die Wahrheit verschlossen geblieben war, ein klein wenig öffnete. Bis zu jenem Moment konnte ihr Herz nichts anderes, als den eigenen Schmerz und das eigene Begehren fühlen.
Aber als sich ihr Herz öffnete, wurden sie als würdig erachtet, den lang ersehnten »Funken der Wahrheit« zu erfahren, und dieses Gefühl strömte in ihr gebrochenes Herz. Alle Charaktereigenschaften wandelten sich in ihr Gegenteil um und begannen, den Eigenschaften des Schöpfers zu gleichen.
Erst damit erkannten sie, dass sie sich nur in der Tiefe ihres Leidens mit dem Schöpfer vereinen konnten. Erst dann erfuhren sie die Einheit mit dem Schöpfer, denn sie erkannten Seine Gegenwart und spürten den »Funken der Vereinigung« mit Ihm. In diesem Moment der Erkenntnis konnten sie das Licht, das ihre Wunden heilte, fühlen.
Eben aufgrund dieser Schmerzen der Wahrnehmung und der Erkenntnis und den schrecklichen Seelenqualen und der Widersprüche, die diese Menschen empfanden, erfüllte der Schöpfer sie mit solch unbegrenzter, wunderbarer Glückseligkeit, dass sie sich nichts Vollkommeneres vorstellen konnten. Diese Menschen erkannten durch das Geschenk des Schöpfers, dass ihr Leid und ihre Qualen notwendig und es wert waren, um die höchste Vollendung zu erfahren.
Als sie dieses Stadium erreicht hatten, überzeugte sie jede Zelle in ihrem Körper, dass jeder Mensch auf dieser Welt undenkbare Qualen auf sich nehmen würde, um wenigstens einmal im Leben diese Glückseligkeit zu erleben, mit dem Schöpfer vereint zu sein.

Warum antwortet der Schöpfer nicht auf das menschliche Flehen?

Der Grund dafür ist, dass den Menschen ihr eigenes Vorwärtskommen viel wichtiger ist, als ihren Schöpfer zu ehren. Ihre Tränen sind leer, und deshalb verlassen sie diese Welt genauso, wie sie gekommen sind.
Jede Art im Tierreich ereilt am Ende das gleiche Schicksal. Sie stirbt aus, und den Menschen, die den Schöpfer nicht wahrgenommen haben, wird es genauso wie den Tieren ergehen. Andererseits, wer den Schöpfer verherrlicht, dem offenbart Er sich.
Der Funken der Vereinigung vollendet die Schöpfung, und das Licht strömt in das Herz derjenigen, die den Schöpfer ehren und lieben. Das Licht kommt zu denen, die anstatt über die Ungerechtigkeit der göttlichen Herrschaft zu jammern, absolut überzeugt sind, dass alles, was der Schöpfer getan hat, ihnen im Endeffekt zugute kommt.

Das Spirituelle kann nicht zerteilt werden. Wir können das Ganze nur nach und nach verstehen, bis wir zum Schluss alles verstanden haben.

Der Erfolg unserer spirituellen Arbeit ist von der Reinheit unseres Verlangens abhängig. Das spirituelle Licht fließt nur in die Teile unseres Herzens, die vom Egoismus befreit sind.
Wenn wir es schaffen, die Natur unserer gesamten Existenz objektiv zu betrachten, nehmen wir das Wunder der Schöpfung wahr. Die Kabbalisten, die direkt mit dem Schöpfer kommunizieren, sagen, dass die Existenz des Schöpfers wichtige Auswirkungen für uns hat. Wenn also der Schöpfer tatsächlich existiert und alle Umstände bestimmt, die unser Leben betreffen, dann ist es doch das Vernünftigste, so intensiv wie möglich den Kontakt mit Ihm aufrechtzuerhalten.
Wenn wir uns aber große Mühe geben würden und den Kontakt auch herstellen würden, dann wäre es trotzdem so, als hingen wir ohne jegliche Stütze in der Luft, da der Schöpfer dennoch vor uns verborgen bliebe. Ohne Ihn sehen, fühlen und hören zu können oder von Ihm eine Sinneswahrnehmung zu haben, bleibt unser ganzes Bemühen einseitig und ist wie ein verzweifelter Schrei in den leeren Weltraum hinaus.
Warum hat uns dann der Schöpfer so erschaffen, dass wir Ihn nicht wahrnehmen können? Mehr noch, warum verbirgt Er sich vor uns? Warum scheint Er nicht zu reagieren, selbst wenn wir Ihn anflehen, und warum zieht Er es vor, so auf uns einzuwirken, indem Er sich vor uns hinter der Natur und unserer Umgebung verbirgt?
Wenn Er uns korrigieren will, was nichts anderes bedeutet als Seinen Eigenen »Fehler« in der Schöpfung zu korrigieren, dann hätte Er dies doch schon lange tun können, entweder direkt oder indirekt. Wenn Er sich uns offenbaren würde, dann könnten wir Ihn alle sehen und Ihn in dem Grad wahrnehmen, wie unsere erschaffenen Sinne und unser Intellekt es uns erlauben. Dann wüssten wir ganz bestimmt, was wir zu tun hätten und wie wir mit unserer Welt umgehen sollten, die Er ja angeblich für uns erschaffen hatte.
Hinzu kommt, sobald wir uns bemühen, den Schöpfer wahrzunehmen, um näher bei Ihm zu sein, fühlen wir paradoxerweise, dass unser Verlangen nachlässt und schließlich ganz verschwindet. Aber wenn der Schöpfer unsere Gefühle lenkt, warum lässt Er gerade dieses Verlangen in denen verschwinden, die Ihn wahrnehmen wollen?
Und nicht nur das: Warum legt Er uns alle möglichen Hindernisse in den Weg?
Diejenigen, die versuchen, Ihm nahe zu sein, werden von Ihm zurückgewiesen. Mehr noch, Er lässt die, die Ihn suchen, sogar jahrelang leiden.
Manchmal gibt Er uns das Gefühl, dass der Stolz und die Arroganz, von denen wir uns loslösen sollen, mehr den Charaktereigenschaften des Schöpfers entsprechen. Hätte der Schöpfer Mitleid mit uns, die sich um Ihn bemühen, würde Er dann nicht auf die Tränen und auf unser Flehen hören?
Wenn wir etwas in unserem Leben verändern können, dann liegt das daran, dass Er uns einen freien Willen gegeben hat. Aber aus Gründen, die wir nicht verstehen, hat Er uns nicht genug Wissen mitgegeben, mit dem wir das Leiden in unserem Leben und unserer spirituellen Entwicklung vermeiden könnten.
Andererseits, wenn es keinen freien Willen gibt, was wäre dann schrecklicher, als uns jahrelang völlig sinnlos in Seiner grausamen Welt leiden zu lassen? Die Beschwerden nehmen kein Ende. Ist der Schöpfer der Grund unseres Zustands, dann gibt es auch viel an Ihm zu bemängeln und vieles, wofür wir Ihm die Schuld geben können, etwa dass wir so viel Leid und Schmerz erfahren müssen.

Der Schöpfer sieht alles, was in unserem Herzen vorgeht.

Sind wir mit etwas unzufrieden, dann beschuldigen wir automatisch den Schöpfer, manchmal auch indirekt, sogar dann, wenn wir nicht unbedingt an Seine Existenz glauben.
Jeder hat das Recht, seinen Glauben, den er in der gegenwärtigen Situation hat, zu verteidigen, weil er nur das aufrechterhält, was für ihn in diesem Moment die Wahrheit ist und somit das, was er mit seinem Verstand analysieren kann.
Die Menschen jedoch, die große Lebenserfahrung gesammelt haben, wissen, wie drastisch sich unsere Ansichten über die Jahre ändern können. Wir können nicht behaupten, dass unsere Ansichten vorher falsch waren und jetzt richtig sind; unsere heutige Ansicht kann sich morgen wieder als falsch herausstellen. Daraus kann man schließen, dass diese Ansicht in einer bestimmten Situation ihre Richtigkeit hatte, und doch in einer anderen Situation das genaue Gegenteil bedeuten kann.
Aus dem gleichen Grund können wir auch keine anderen Welten und deren Gesetze bewerten oder sie nach den Maßstäben unserer Welt beurteilen. Wir besitzen keine übernatürliche Intelligenz oder Wahrnehmung und irren uns sogar ständig innerhalb der Grenzen unserer eigenen Welt. Daher können wir keine Schlüsse ziehen über das Unbekannte oder gar darüber urteilen.
Nur jene, die übernatürliche Eigenschaften besitzen, können richtig über das, was jenseits des uns Bekannten existiert, urteilen. Nur die Menschen, die sowohl übernatürliche wie auch normale Fähigkeiten besitzen, können uns das Übernatürliche näher erklären. Diese Menschen nennt man Kabbalisten – Menschen von unserer Welt mit denselben Eigenschaften wie alle anderen auch, die aber zusätzlich noch göttliche Eigenschaften besitzen. Nur diesen Menschen ist es gestattet, uns zu erklären, was in anderen Welten vor sich geht.
Aus diesem Grund hat der Schöpfer gewissen Kabbalisten erlaubt, ihr Wissen einer großen Anzahl von Menschen zugänglich zu machen, damit diese sich mit Ihm in Verbindung setzen können. In einer verständlichen Sprache machen uns die Kabbalisten klar, dass die Struktur und die Funktion der spirituellen, himmlischen Welten nach anderen, unserer Welt entgegengesetzten Richtlinien aufgebaut sind.

Den Glauben über den Verstand stellen

Es gibt keine Grenze, die unsere Welt von der himmlischen, der spirituellen Welt trennt. Aber da die spirituelle Welt, entsprechend ihren Eigenschaften, eine »Anti-Welt« ist, ist sie so weit jenseits unserer Wahrnehmung, dass wir alles über unsere vergangenen Bedingungen vergessen haben.
Wir können diese »Anti-Welt« natürlich nur wahrnehmen, indem wir uns ihr Wesen, ihren Verstand und ihre Eigenschaften aneignen. Wie können wir jedoch unsere jetzige Natur ändern, um eine ihr völlig entgegengesetzte zu erlangen?

Das Grundgesetz der spirituellen Welt kann in zwei Worten zusammengefasst werden: »absolute Selbstlosigkeit«.

Wie können wir uns diese Eigenschaft aneignen? Kabbalisten schlagen vor, dass wir uns einer Änderung unterziehen. Nur durch diese innere Handlung können wir die spirituelle Welt wahrnehmen und auch anfangen, gleichzeitig in beiden Welten zu leben.
Solch eine Änderung bedeutet, den »Glaube über den Verstand« zu setzen. Die spirituelle Welt ist selbstlos. Jeder Wunsch und jede Handlung in der spirituellen Welt werden nicht durch die menschliche Vernunft oder den Egoismus regiert, sondern durch Glauben, das heißt durch eine Ahnung des Schöpfers.
Wenn gesunder Menschenverstand ein wichtiges Werkzeug ist, das wir für unsere Taten brauchen, scheint es sehr schwierig, uns völlig von unserem Verstand zu befreien. Der Verstand jedoch kann uns weder helfen, den Situationen zu entfliehen, die der Schöpfer für uns im Verborgenen bereithält, noch unsere Probleme zu lösen.
Wir behalten zwar Oberwasser, aber ohne Unterstützung und ohne logische Antworten für das, was mit uns geschieht. In unserer Welt regiert der Verstand. Der Verstand – oder anders ausgedrückt, unsere rein egoistischen, so genannten »vernunftsmäßigen« Berechnungen – ist die Basis unserer Wünsche und Taten.
Unser Verstand berechnet den Genuss und vergleicht diesen mit dem Schmerz, den wir investieren müssen, um den Genuss zu bekommen.
Schließlich subtrahiert er eins vom anderen, schätzt die Kosten ab und entscheidet dann, ob es wert ist, die Freude zu verfolgen oder lieber nichts zu unternehmen.
Diese verstandesmäßige Betrachtungsweise nennt man: »Glaube innerhalb des Verstandes«, denn in diesem Fall bestimmt unser Verstand, wie viel Glauben wir aufbringen müssen.
Oft handeln wir aber auch ohne Berechnung von Nutzen, Kosten oder Anstrengung, wie zum Beispiel bei Fanatismus oder bei Verhaltensstörungen. Dieses blinde Handeln heißt auch »Glaube unterhalb des Verstandes«, denn Menschen, die so handeln, sind fest entschlossen, blindlings die Entscheidungen zu befolgen, die jemand anderes getroffen hat, statt aus eigenen Vernunftgründen oder aus eigener Berechnung zu handeln.
Unsere Handlungsweise ist auch von unserer Erziehung abhängig, denn sie ist uns insoweit zur zweiten Natur geworden, als wir uns anstrengen müssen, nicht mechanisch, durch die schiere Macht der Gewohnheit zu handeln.
Wenn wir uns nicht mehr den Gesetzen unserer Welt unterwerfen wollen, sondern lieber den Gesetzen der spirituellen Welt folgen wollen, müssen wir zuerst gewisse Bedingungen erfüllen. Als Erstes müssen wir uns völlig von der Vernunft befreien und dürfen unseren Intellekt nicht mehr erlauben, unsere Handlungen zu bestimmen. Als hingen wir völlig in der Luft, sollten wir versuchen, uns mit beiden Händen am Schöpfer festzuhalten und so dem Schöpfer und nur dem Schöpfer erlauben, unsere Handlungen zu bestimmen.
Bildlich gesprochen sollten wir unseren Verstand durch den Verstand des Schöpfers ersetzen und somit gegen unseren eigenen Verstand handeln. Wir müssen den Willen des Schöpfers über unseren eigenen stellen. Wenn wir das schaffen, dann ist unser Verhalten »Glaube über dem Verstand«.
Wenn wir diesen ersten Schritt ausgeführt haben, dann fangen wir an, beide Welten wahrzunehmen, unsere Welt und die spirituelle Welt. Wir werden dann entdecken, dass beide Welten nach den gleichen spirituellen Prinzipien aufgebaut sind, nämlich »Glaube über Verstand«.
Unsere Bereitschaft, unseren Verstand zu unterdrücken und uns nur von dem Wunsch leiten zu lassen, uns dem Schöpfer hinzugeben, gestaltet das spirituelle Gefäß, in welchem wir unsere spirituelle Erkenntnis empfangen können. Die Aufnahmefähigkeit dieses Gefäßes – sprich: das Fassungsvermögen unserer spirituellen Vernunft – hängt davon ab, inwieweit es uns gelingt, unseren weltlichen, egoistischen Verstand zu unterdrücken.
Um die Kapazität unseres spirituellen Gefäßes zu erweitern, legt uns der Schöpfer immer noch mehr und noch größere Hindernisse auf unseren spirituellen Weg. Das stärkt unsere egoistischen Wünsche und auch unseren Zweifel hinsichtlich der Existenz des Schöpfers.
Die egoistischen Wünsche helfen uns allerdings, diese Hindernisse allmählich zu überwinden und an ihrer Stelle schließlich ein stärkeres selbstloses Verlangen zu entwickeln. Damit gibt uns der Schöpfer die Gelegenheit, die Kapazität unseres Gefäßes zu vergrößern.
Wenn wir den Schöpfer sozusagen spirituell mit beiden Händen greifen können, (das heißt, die kritische Betrachtungsweise des menschlichen Verstandes zu überwinden und uns über die Tatsache zu freuen, dass wir dazu überhaupt Gelegenheit bekommen haben), und wenn wir in diesem Zustand zumindest für einen Augenblick ausharren können, dann werden wir erleben, wie wunderbar dieses spirituelle Stadium wirklich ist. Dieses Stadium kann aber nur erreicht werden, wenn wir die wirkliche ewige Wahrheit erlangt haben.
Diese Wahrheit ändert sich morgen nicht, so wie aller anderer Glaube, denn wir sind mit dem Schöpfer vereint und können alle Ereignisse durch das Prisma der ewigen Wahrheit sehen.
Fortschritt ist nur entlang der drei parallelen Linien möglich. Die rechte Linie ist der Glaube; die linke Linie ist die Erkenntnis und das Verständnis. Diese beiden Linien gehen nie ineinander über, sie schließen sich gegenseitig aus und sind entgegengesetzt. Die einzige Möglichkeit, sie auszubalancieren, besteht durch die Mittellinie, die gleichzeitig die rechte wie die linke Linie beinhaltet. Diese mittlere Linie ist das spirituelle Verhalten, bei dem der Verstand im Einklang mit dem Glauben eines Menschen steht.
Alles Geistige schichtet sich um den Schöpfer, ist mit Ihm durchsetzt, und zwar in der Reihenfolge, in der es aus Ihm hervortritt. Alles im Universum geht vom Schöpfer aus und existiert nur in Relation zur Schöpfung. Alle Resultate, die Ergebnisse des ursprünglich geschaffenen Wesen sind, heißen »Malchut«.
Das bedeutet, dass alle Welten und alle erschaffenen Wesen eine einzige Einheit »Malchut« sind, sprich: die Wurzel oder die ursprüngliche Quelle aller Wesen. Malchut zersplittert allmählich in ihre kleineren Teile. Die Gesamtheit der Bestandteile von Malchut bezeichnet man als »Schechina«.
Das Licht des Schöpfers, Seine Gegenwart und das Göttliche Auffüllen der Schechina kennt man als »Schochen«. Die Zeit, die beansprucht wird, um alle Teile der Schechina zu füllen, heißt »Zeit der Korrektur «.
Während dieser Zeit führen die geschaffenen Wesen innerliche Korrekturen an den jeweiligen Teilen von Malchut aus. Jedes Wesen korrigiert den Teil, aus dem es geschaffen wurde, das bedeutet, es verbessert seine eigene Seele.
Bis zu dem Moment, in dem sich der Schöpfer vollkommen mit seinen geschaffenen Wesen vereint und sich ihnen vollkommen offenbaren kann, oder »bis der Schochen die Schechina füllt«, ist der Zustand der Schechina (die Wurzel aller Seelen) bekannt als »die Verbannung der Schechina vom Schöpfer« (Galut HaSchechina). In diesem Zustand gibt es keine Vollkommenheit in der Höheren Welt. Auch in unserer Welt, der niedersten von allen, muss jedes Wesen den Schöpfer vollkommen wahrnehmen. Aber die meiste Zeit sind wir damit beschäftigt, unsere kleinlichen, persönlichen Wünsche zu befriedigen und folgen blindlings den Forderungen des Körpers.
In dem jetzigen Zustand der Seele, wo die »Schechina im Staub« ist, betrachtet sie spirituellen Genuss als überflüssig und absurd. Dieser Zustand heißt auch: »das Leiden der Schechina«.
Alles menschliche Leid entsteht, weil wir vom Schöpfer gezwungen werden, den gesunden Menschenverstand zurückzuweisen und blindlings fortzuschreiten, indem wir den Glauben über den Verstand setzen.

Je mehr Logik und Wissen wir aber besitzen, und je stärker und intelligenter wir werden, desto schwieriger ist es für uns, dem Weg des Glaubens zu folgen.

Indem wir versuchen, unseren Intellekt zurückzuweisen, verstärken wir jedoch gleichzeitig unser Leid.
Die Menschen, die den oben beschriebenen Weg der spirituellen Entwicklung gewählt haben, können nicht mit dem Schöpfer übereinstimmen. In unserem Herzen verdammen wir die Tatsache, dass wir diesen Weg einschlagen müssen und haben deshalb Schwierigkeiten, die Methoden des Schöpfers zu rechtfertigen. Und doch können wir solch einen Zustand nicht für eine längere Zeit aufrechterhalten, außer der Schöpfer entscheidet sich, uns zu helfen und offenbart uns das gesamte Bild der Schöpfung.
Wenn wir fühlen, dass wir uns in einem höheren Stadium befinden, und dass all unsere Wünsche sich nur auf den Schöpfer konzentrieren, dann sind wir bereit, uns in die entsprechenden Kabbala-Texte zu vertiefen, und wir versuchen, ihre innere Bedeutung zu verstehen. Obwohl wir fühlen, dass wir ungeachtet unserer Anstrengungen nicht alles verstehen können, müssen wir weitermachen und immer wieder zum Studium der Kabbala zurückkehren und dürfen nicht verzweifeln, wenn wir ein Thema nicht verstehen.
Welchen Nutzen haben diese Anstrengungen für uns? Unser Bemühen, die Mysterien der Kabbala zu verstehen, ist mit Bitten an den Schöpfer gleichzusetzen, sich uns gegenüber zu offenbaren. Unser Flehen, uns zu vereinen, nimmt zu, wenn wir uns bemühen, das Konzept der Kabbala zu verstehen.
Die Kraft unserer Gebete wird von der Stärke unseres Flehens bestimmt. Wenn wir etwas erreichen wollen und uns entsprechend bemühen, dann verstärkt sich auch das Verlangen, dieses Ziel zu erreichen. Die Intensität des Verlangens erkennen wir daran, wie sehr wir durch die Abwesenheit des Erwünschten leiden müssen. Leid, das nicht in Worten ausgedrückt wird, sondern nur im Herzen gespürt wird, ist ebenfalls ein Gebet.
Wenn wir von dem oben Gesagten ausgehen, so können wir erkennen, dass wir nur nach anstrengenden und doch erfolglosen Bemühungen anfangen, so ernsthaft um das Gewünschte zu bitten, dass wir es schließlich bekommen. Wenn trotz unseres Bemühens, die Texte zu verstehen, unser Herz noch nicht ganz frei ist von äußerlichen Gedanken, dann kann sich auch der Verstand nicht ausschließlich dem Studium widmen, weil der Verstand immer dem Herzen folgt.
Damit der Schöpfer unsere Gebete erhört, müssen sie aus der Tiefe unseres Herzens kommen. Das bedeutet, dass sich alle unsere Wünsche auf das Gebet konzentrieren müssen. Aus diesem Grunde müssen wir uns immer wieder mit den Texten befassen, auch dann, wenn wir sie nicht verstehen, denn nur so erreichen wir den einzig wahren Wunsch, nämlich vom Schöpfer erhört zu werden.
Ein wirkliches Verlangen lässt keinen Platz für einen anderen Wunsch. Während wir Kabbala studieren, studieren wir die Handlungen des Schöpfers und kommen Ihm so entgegen. Ganz allmählich werden wir es dann wert sein, das zu verstehen, was wir studieren.
Der Glaube an den Schöpfer oder das Wissen um Seine Existenz muss so stark sein, dass wir die Gegenwart des Herrschers des Universums spüren. Dann fühlen wir ohne jeden Zweifel die notwendige Liebe und Respekt. Bis wir allerdings einen derart starken Glauben erreicht haben, müssen wir unbeirrt weiterarbeiten. Nur der Glaube gestattet es, uns an einem spirituellen Leben zu erfreuen und schützt uns davor, in der Tiefe des Egoismus zu versinken und wieder vergnügungssüchtig zu werden.
Das Bedürfnis, uns des Schöpfers bewusst zu werden, muss so lange kultiviert werden, bis es dauerhaft in unserem Wesen verankert ist. Das Bedürfnis muss der Sehnsucht nach einem Geliebten gleichen, ohne den das Leben unerträglich erscheint.
Alles was um den Menschen herum existiert, dämpft absichtlich das Bedürfnis nach göttlichem Bewusstsein, und der Genuss von allem Äußerlichen reduziert sofort den Schmerz spiritueller Leere. Während wir die Freuden dieser Welt genießen, ist es daher lebensnotwendig, das Verlangen nach dem Schöpfer nicht auszulöschen, da die weltlichen Freuden uns unserer spirituellen Empfindungen berauben.

Nur der Mensch hat das Verlangen nach dem Schöpfer. Aber das gilt nicht für alle Menschen gleichermaßen. Dieser Wunsch rührt von dem Bedürfnis her, uns selbst zu verstehen, wer wir sind, woher wir kommen und warum wir überhaupt auf der Welt sind. Es ist die Suche nach diesen Antworten, die uns zur Quelle des Lebens zurückführt.

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Kapitel 2



Der Spirituelle Weg

Unser Bedürfnis, das Göttliche wahrzunehmen, lässt uns keine Mühen scheuen zu versuchen, die Rätsel der Natur zu lösen und dafür alle Hebel in Bewegung zu setzen, sowohl in uns selbst als auch in unserem Umfeld. Aber nur die Sehnsucht, den Schöpfer wahrzunehmen, ist die wahre Sehnsucht, da Er die Quelle von allem ist und Er vor allem unser Schöpfer ist. Aus diesem Grund wird die Suche jedes Einzelnen nach seinem Selbst zwangsläufig zur Suche nach dem Schöpfer führen, auch wenn der Mensch allein in dieser oder in anderen Welten existieren sollte.
Es gibt zwei Linien, die den Einfluss des Schöpfers auf seine Schöpfung offenbaren. Die rechte Linie stellt die persönliche Vorsehung über jeden von uns dar, ungeachtet unserer Handlungen, die linke Linie hingegen ist abhängig von unseren Handlungen. Sie steht für die Bestrafung bei schlechten Taten und für die Belohnung bei guten.
Wenn wir einen bestimmten Zeitpunkt aussuchen, um nach der rechten Linie zu verfahren, müssen wir uns eingestehen, dass alles, was in der Welt geschieht, nur deshalb passiert, weil es der Schöpfer so will. Alles geschieht nach Seinem Plan und nichts ist von uns abhängig. Von diesem Blickwinkel aus gesehen haben wir weder Fehler noch Vorzüge. Unsere Handlungen werden zielstrebiger durch die Sehnsüchte, die wir von außen empfangen.
Wir müssen daher dem Schöpfer für alles, was wir von Ihm empfangen, dankbar sein. Darüber hinaus können wir Gefühle der Liebe zu Ihm entwickeln, durch unsere Erkenntnis, dass der Schöpfer uns zur Ewigkeit führt.
Wir können uns mit einer angemessenen Kombination aus rechter und linker Linie zielgerichtet zur Mitte vorwärts bewegen. Das bedeutet, dass wir nur auf der Linie, die genau in der Mitte zwischen ihnen liegt, voranschreiten. Und dennoch werden wir, auch wenn wir uns von einem richtigen Ausgangspunkt aus vorwärts bewegen, aber nicht genau wissen, wie wir kontinuierlich unseren Weg überprüfen und korrigieren können, sicherlich vom richtigen Weg abweichen.
Sollten wir allerdings von unserem Weg auch nur ein wenig abweichen, wird dieser Fehler größer mit jedem Schritt, den wir weiter voran gehen. Dadurch entfernen wir uns immer mehr von unserem gesetzten Ziel.
Bevor unsere Seelen in diese Welt herabsteigen, sind sie ein Teil des Schöpfers, ein winziges Teil von Ihm. Dieses Teilchen bezeichnet man als »Wurzel der Seele«. Der Schöpfer setzte die Seele in den Körper, damit sie die körperlichen Wünsche erheben kann, wenn sie aufsteigt und wieder mit dem Schöpfer verschmilzt.
Anders gesagt: Die Seele wurde in den Körper gesetzt, damit der Mensch, wenn er in diese Welt hineingeboren wird, die Wünsche des Körpers überwindet.
Durch die Überwindung der körperlichen Wünsche steigt die Seele zu derselben spirituellen Stufe auf, von der sie stammt, und erlebt zudem noch größere Wünsche als zu Beginn, als sie noch ein Teil des Schöpfers war. Hier dann wandelt sich das winzige Teilchen in einen durch und durch spirituellen Körper um und ist 620-mal größer als noch im Urzustand – bevor es in die Welt hinabstieg.
Folglich ist in diesem fertigen Zustand der spirituelle Körper der Seele aus 620 Teilen oder Organen zusammengesetzt. Jedes einzelne Teil wird als spirituelles Gesetz oder als spirituelle Handlung (Mizwa, hebr. Gebot) bezeichnet. Das Licht des Schöpfers oder der Schöpfer selbst (was dasselbe bedeutet), welche jeden Teil der Seele füllen, nennt man »Tora«.

Wenn wir zu einer neuen spirituellen Stufe aufsteigen, nennt man das »ein spirituelles Gesetz vollziehen«.

Als Resultat dieser Erhebung werden neue altruistische Ansichten erschaffen, und die Seele empfängt die »Tora«, das Licht des Schöpfers.
Der wahre Weg zum Ziel führt über die Mittellinie. Das schließt drei Konzepte mit ein, die zusammenwirken müssen: das menschliche Sein – den Weg, den wir gehen – und den Schöpfer.
In der Tat existieren drei Dinge in unserer Welt: das menschliche Wesen, welches zurück zum Schöpfer strebt; der Weg, dem jeder folgen muss – in der richtigen Weise, um den Schöpfer zu erreichen; und den Schöpfer, das Ziel, wonach die Menschheit strebt.
Wie schon oft erwähnt wurde, gibt es – den Schöpfer ausgenommen – nichts, was wirklich existiert, und wir sind nichts anderes als Seine Geschöpfe, ausgestattet mit der Wahrnehmung unserer Existenz. Wir beginnen das im Verlauf unseres spirituellen Aufstiegs klar zu erkennen.
Alle unsere Wahrnehmungen, oder um genauer zu sein, die Wahrnehmungen, die wir als unsere eigenen betrachten, sind nichts weiter als Reaktionen auf Seine göttliche Fügung, die Er in uns erzeugt. Am Ende sind es nur unsere Gefühle, die Er uns fühlen lassen möchte.
Solange wir diese Wahrheit nicht vollständig begriffen haben, werden wir nicht eine, sondern drei separate Möglichkeiten sehen: unser Ich, den Weg zum Schöpfer, und den Schöpfer selbst.
Aber wenn wir erst einmal das Endziel der spirituellen Entwicklung erreicht haben und dort, auf derselben Stufe, von der unsere Seele zuvor herabgestiegen ist, angelangt sind, können wir den Schöpfer mit all unseren korrigierten Wünschen erst vollständig in unserem spirituellen Körper empfangen. Dann werden wir alle das Licht vom Schöpfer und den Schöpfer selbst empfangen. Auf diese Art und Weise werden die drei Objekte, die vorher einzeln in unserer Wahrnehmung existierten – wir selbst, unser spiritueller Weg und der Schöpfer –, zu einem einzigen Wesen, einem spirituellen, mit Licht ausgefüllten Körper.
Um uns zu vergewissern, dass wir richtig vorgehen, müssen wir uns regelmäßig auf dem ausgewählten spirituellen Weg überprüfen. Das wird sicherstellen, dass wir nach allen drei Dingen von Anfang an mit den gleichen kraftvollen Wünschen wirklich streben, ungeachtet der Tatsache, das wir die drei Objekte als getrennt erkennen. Von Anfang an müssen wir daran arbeiten, sie zu EINEM werden zu lassen; am Ende des Weges wird dies offensichtlich sein. Sie sind, und das ist eine Tatsache, jetzt schon ersichtlich, nur sind wir durch unsere eigene, noch bestehende Unvollkommenheit unfähig, sie als solche zu erkennen.
Wenn wir nach einem dieser drei Konzepte mehr als nach dem anderen streben, werden wir unverzüglich vom richtigen Pfad abweichen. Die einfachste Vorgehensweise, um zu prüfen, ob wir immer noch auf dem richtigen Weg sind, ist, sich zu fragen, ob wir danach streben, in uns die Eigenschaften des Schöpfers nachzuvollziehen, um dann mit Ihm Eins werden zu können.
»Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich?«. »Und wenn ich mich nur mit mir selbst beschäftige, was bin ich dann?«. Diese widersprüchlichen Äußerungen spiegeln den Konflikt wider, dem wir uns gegenübersehen, wenn wir unsere Bestrebungen in Betracht ziehen, mit denen wir unser gesetztes Ziel erreichen möchten. Auf der einen Seite müssen wir glauben, dass niemand da ist, der uns hilft, außer wir selbst, wodurch wir mit der Gewissheit handeln, dass unsere guten Taten belohnt und die schlechten bestraft werden. Als Individuen müssen wir daher annehmen, dass unsere eigenen Handlungen direkte Folgen haben, und dass wir unsere eigene Zukunft gestalten. Auf der anderen Seite müssen wir uns sagen: »Wer bin ich, dass ich annehme, meine eigene Natur alleine besiegen zu können? Es kann mir doch niemand dabei helfen!«

Die Vorsehung des Schöpfers

Wenn alles nach dem Plan des Schöpfers geschieht, wozu sind dann unsere Anstrengungen gut? Als Ergebnis unserer eigenen Arbeit, die sich auf das Prinzip von Belohnung und Bestrafung gründet, erwerben wir von Oben ein Verständnis der Regeln des Schöpfers. Dann steigen wir auf eine Stufe des Bewusstseins, von der aus wir deutlich sehen, dass es der Schöpfer ist, der alles regelt, und somit alles vorbestimmt ist.
Zuerst aber müssen wir diese Phase erreichen, und bis wir so weit sind, können wir nicht merken, dass alles in der Hand des Schöpfers liegt. Außerdem können wir nicht in Übereinstimmung mit diesen Gesetzen leben oder handeln, solange wir dieser Phase entgegengehen, denn diese Weltanschauung ist uns unverständlich. Dadurch können wir nur in Übereinstimmung mit den Gesetzen handeln, die wir kennen.
Erst wenn wir uns gemäß der Prinzipien angestrengt haben, die auf »Belohnung und Bestrafung« basieren, werden wir des vollständigen Vertrauens des Schöpfers würdig. Nur dann haben wir das Recht, die wahre Welt und ihre Funktionsweise zu sehen. Und wenn wir auf dieser Stufe angekommen sind und realisiert haben, dass alles vom Schöpfer abhängt, sehnen wir uns nach Ihm.
Man kann die Gedanken und Wünsche seines Herzens nicht selbst vertreiben und es leer lassen. Erst wenn wir das Herz mit Spiritualität und altruistischen Wünschen anstelle von egoistischen füllen, können wir die alten Sehnsüchte mit gegenteiligen ersetzen und auf diese Weise den Egoismus auslöschen.
Diejenigen von uns, die den Schöpfer lieben, fühlen sicherlich gegenüber ihrem Egoismus Abscheu, seit wir durch persönliche Erfahrungen wissen, wie viel Schaden unser Ego anrichten kann.
Jedoch besitzen wir wahrscheinlich noch keine Mittel, mit denen wir uns eigenständig von unserem Ego befreien können, und es wird uns eventuell klar, dass es über unsere Kraft hinausgeht, den Egoismus loszuwerden, denn es war ja der Schöpfer selbst, der uns – Seine Schöpfung – mit dieser Eigenschaft ausgestattet hat.
Aus eigener Kraft kann sich der Einzelne nicht vom Egoismus loslösen. Je eher wir ihn jedoch als Feind und als Vernichter unserer Spiritualität wahrnehmen, desto größer wird unser Hass auf ihn. Letzten Endes wird dieser Hass den Schöpfer dazu bewegen, uns zu helfen, den Feind zu überwinden; so wird dadurch sogar unser Egoismus zum Zweck der spirituellen Erhöhung dienen.
Der Talmud sagt im Namen des Schöpfers: »Ich erschuf die Welt nur für vollkommene Gerechte oder völlige Sünder.« Es ist verständlich, warum die Welt für die absolut Rechtschaffenden geschaffen wurde, aber warum wurde diese Welt nicht genauso für jene geschaffen, die weder Rechtschaffende noch absolute Sünder sind?
Wir nehmen die Vorsehung in der Übereinstimmung wahr, wie sie auf uns wirkt. Sie ist »gut« und »freundlich«, wenn es für uns angenehm ist, und »hart«, wenn sie Leiden verursacht. Dadurch halten wir den Schöpfer eher für gut oder schlecht, abhängig davon, wie wir unsere Welt wahrnehmen.
Es gibt daher nur diese zwei Wege für die Menschen, die Vorsehung des Schöpfers durch die Welt wahrzunehmen. Entweder nehmen wir den Schöpfer wahr und betrachten das Leben als wundervoll, oder wir leugnen die Vorsehung des Schöpfers in dieser Welt und gehen davon aus, dass die Welt durch die »Kräfte der Natur« geregelt wird. Obwohl wir feststellen mögen, dass Letzteres nicht möglich ist, sind es mehr unsere Gefühle als unser Verstand, die unsere Haltung gegenüber der Welt bestimmen. Darum beginnen wir uns als Sünder zu sehen, wenn wir den Unterschied zwischen unseren Gefühlen und Gedanken feststellen. Wenn wir verstehen, dass der Schöpfer nur Zuwendung und Güte schenken möchte, begreifen wir, dass dies nur möglich ist, wenn wir uns Ihm nähern. Folglich nehmen wir dieses als etwas »Schlechtes« wahr, wenn wir uns vom Schöpfer entfernt glauben, und betrachten uns dann als Sünder.
Aber wenn wir uns als so schlecht erachten, dass wir den Schöpfer voller Verzweiflung anrufen, Er möge uns retten – Ihn darum bitten, dass Er sich uns doch zeigen möge, um uns die Kraft zu geben, aus dem Gefängnis unseres Egoismus auszubrechen, um in die spirituelle Welt zu gelangen –, dann hilft uns der Schöpfer sofort.
Für dieses menschliche Befinden wurden diese Welt und die Höheren Welten geschaffen.

Wenn wir die Stufe eines absoluten Sünders erreicht haben, können wir den Schöpfer anrufen und so bis zur Stufe des vollkommenen Gerechten steigen.

Erst nachdem ein Mensch seinen Dünkel aufgegeben und das Unvermögen und den geringen Wert seiner Wünsche erkannt hat, wird dieser würdig, den Schöpfer in Seiner Größe wahrzunehmen.
Je mehr Bedeutung wir dem Schöpfer nahe zu sein beimessen, umso mehr nehmen wir Ihn wahr und umso eher erkennen wir die verschiedenen Nuancen und die Äußerungen des Schöpfers in unseren täglichen Leben. Diese tiefe, eindrucksvolle Ehrfurcht für Ihn lässt Gefühle in unserem Herzen aufsteigen und reine Freude hineinfließen.
Wir stellen fest, dass wir nicht besser sind als unsere Mitmenschen, und trotzdem können wir im Gegensatz zu uns auch sehen, dass sich andere noch nicht die besondere Aufmerksamkeit des Schöpfers verdient haben. Darüber hinaus sind sie sich noch nicht einmal der Möglichkeit bewusst, mit dem Schöpfer zu kommunizieren. Sie sind auch nicht wirklich darauf bedacht, den Schöpfer wahrzunehmen und den Sinn des Lebens und eines spirituellen Ablaufs zu verstehen. Andererseits sind wir uns nicht klar darüber, womit wir solch eine besondere Beziehung zum Schöpfer verdient haben, in der uns – wenn auch nur manchmal – die Gelegenheit gewährt wurde, uns selbst mit dem Sinn des Lebens und unserem Bund mit dem Schöpfer zu befassen. Sollten wir an dieser Stelle die einzigartige Haltung des Schöpfers uns gegenüber würdigen, dann dürfen wir grenzenlose Dankbarkeit und Freude erfahren. Je mehr wir individuellen Erfolg zu würdigen wissen, umso inniger können wir dem Schöpfer danken. Je feinfühliger wir jeden einzelnen Punkt und Augenblick des Kontaktes mit dem Schöpfer erfahren, desto besser können wir sowohl die Größe der Spiritualität der Welt, die sich uns enthüllt, als auch die Größe und Macht des allmächtigen Schöpfers würdigen. Daraus ergibt sich ein stärkeres Vertrauen, mit dem wir unsere zukünftige Vereinigung mit Ihm erahnen können.
Wenn wir die überwältigenden Unterschiede zwischen den Eigenschaften des Schöpfers und denen Seiner Schöpfung betrachten, können wir leicht den Rückschluss ziehen, dass der Schöpfer und seine Schöpfung vereinheitlicht werden können, wenn die Geschöpfe ihre durch und durch egoistischen Eigenschaften umwandeln. Das ist nur möglich, wenn sich die Schöpfung für null und nichtig erklärt, so als würde sie nicht existieren, und auf diese Weise gäbe es nichts, was sie vom Schöpfer trennt.
Nur wenn wir fühlen, dass wir kein spirituelles Leben empfangen, und dadurch tot sind (so als hätte das Leben den Körper verlassen), und nur, wenn wir den Drang verspüren, uns ein spirituelles Leben zu wünschen, haben wir die Möglichkeit, in dieses spirituelle Leben einzutreten und spirituelle Luft zu atmen, sich der Herrschaft des Schöpfers gewahr zu werden.

Das Gesetz des Schöpfers erkennen

Wie können wir eine spirituelle Stufe erklimmen, auf der wir Selbstinteresse und Sorge um uns selbst völlig ausgemerzt haben? Wie kann unser Wunsch, uns dem Schöpfer hinzugeben, das einzige Ziel werden, und noch dazu ein so großes, dass wir uns ohne Erlangen dieses Zieles wie tot fühlen?
Das Aufsteigen zu dieser Stufe findet Schritt für Schritt statt und wird in Form von Rückmeldungen verarbeitet. Je mehr wir uns während unserer Suche nach einem spirituellen Weg anstrengen, sowohl beim Studieren als auch im Nacheifern spiritueller Objekte, desto mehr werden wir von unserer völligen Unfähigkeit überzeugt sein, dieses Ziel durch eigene Kraft zu erreichen.
Je mehr wir die Texte studieren, die für unsere spirituelle Entwicklung überaus wichtig sind, desto verwirrender und unordentlicher stellt sich dieses Material uns dar. Je mehr wir versuchen, unsere Lehrer und Mitstudenten besser zu behandeln, sollten wir tatsächlich spirituell fortschreiten, desto deutlicher wird es, dass alle unsere Handlungen durch Egoismus diktiert werden.
Solche Ergebnisse folgen dem Prinzip: »Dränge ihn so lange, bis er sagt: ›Ich tue es!‹«. Wir können unseren Egoismus nur dann loswerden, wenn wir begreifen, dass der Egoismus tödlich ist, da er uns von dem wirklichen, dem ewigen Leben und dem Erfülltsein mit Freude fernhält.

Indem wir Hass gegen den Egoismus entwickeln, werden wir zur Befreiung geführt.

Über allem sollte unser Wunsch stehen, uns völlig dem Schöpfer hinzugeben, und zwar durch das Erkennen seiner Größe (uns dem Schöpfer hinzugeben, bedeutet das »Ich« aufzugeben).
An dieser Stelle müssen wir entscheiden, welches das würdigere Ziel ist: vorübergehende Werte zu erlangen oder solche, die ewig währen. Nichts, was wir geschaffen haben, bleibt für immer bestehen; alles ist vergänglich. Nur spirituelle Strukturen wie altruistische Gedanken, Handlungen und Gefühle sind ewig. Durch das Nachahmen des Schöpfers in unseren Gedanken, Wünschen und Bemühungen sind wir tatsächlich dabei, die Struktur unserer eigenen Ewigkeit zu bilden.
Sich dem Schöpfer ganz und gar zu widmen, ist jedoch nur dann möglich, wenn wir die Großartigkeit des Schöpfers wahrnehmen können.
Es ist dasselbe in unserer Welt: Wenn wir irgendjemanden als bedeutend erachten, sind wir glücklich, dieser Person dienen zu können. Wir können dann sogar fühlen, dass der Empfänger unserer Geschenke uns durch das Akzeptieren unserer Gaben einen Gefallen getan hat, anstatt umgekehrt.
Dieses Beispiel zeigt, dass die Absicht, mit der eine Handlung durchgeführt wird, die äußere Form eines mechanischen Aktes ändert – geben oder nehmen – und sie in ihr Gegenteil verkehren kann. Je lobenswerter wir daher den Schöpfer achten, desto bereitwilliger übergeben wir Ihm all unsere Gedanken, Wünsche und Anstrengungen.
Wenn wir uns nun so verhalten, haben wir das Gefühl von Ihm zu empfangen, anstatt Ihm zu geben. Wir glauben, dass uns eine Gelegenheit geboten wird, einen Dienst zu leisten, eine Gelegenheit, die nur einigen Auserwählten in jeder Generation geschenkt wird. Im folgenden Kapitel soll mittels eines Schauspiels noch weiter darauf eingegangen werden.

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Kapitel 3

Gast und Gastgeber


Erster Akt

In einem hellen Haus mit großen Räumen arbeitet ein freundlich aussehender Mann in der Küche. Er bereitet für seinen schon lange ersehnten Gast ein Essen vor. Während er mit Töpfen und Pfannen beschäftigt ist, erinnert er sich an die Delikatessen, die sein Gast so sehr mag. Seine Vorfreude ist sehr offensichtlich. Tanzenderweise deckt er den Tisch mit einem Fünf-Gänge-Menü. Am Tisch stehen zwei gepolsterte Stühle.
Es klopft an der Tür, und der Gast tritt ein. Das Gesicht des Gastgebers erhellt sich beim Anblick seines Gastes, und er lädt ihn ein, am Esstisch Platz zu nehmen. Der Gast setzt sich, und der Gastgeber sieht ihn liebevoll an. Der Gast betrachtet die Köstlichkeiten, die vor ihm ausgebreitet sind, und atmet aus gesetztem Abstand diskret ihren Duft ein. Ganz offensichtlich mag der Gast, was er vor sich sieht, aber er drückt seine Bewunderung mit einer taktvollen Zurückhaltung aus, ohne zuzugeben, dass er weiß, dass die Speisen für ihn gedacht sind.

Gastgeber: Setz dich, ich habe diese Speisen extra für dich zubereitet, weil ich weiß, wie sehr dich jede einzelne entzückt. Wir beide wissen doch, wie vertraut ich mit deinem Geschmack und deinen Essgewohnheiten bin. Ich weiß, wie hungrig du bist, und auch, wie viel du essen kannst, deshalb habe ich alles genauso zubereitet, wie du es magst, und genau so viel zubereitet, dass du alles aufessen kannst, ohne auch nur einen Krümel übrig zu lassen.

Erzähler:
Würde irgendetwas von den Speisen übrig bleiben, nachdem der Gast gesättigt ist, wären beide, Gastgeber und Gast, unzufrieden. Der Gastgeber wäre unzufrieden, da dies bedeuten würde, dass er dem Gast mehr geben wollte, als dieser zu empfangen bereit war. Der Gast seinerseits wäre enttäuscht, nicht in der Lage gewesen zu sein, den Wunsch des Gastgebers zu erfüllen, die ihm angebotene Menge verzehren zu können. Der Gast würde es außerdem bedauern, bereits satt zu sein, während noch mehr Köstlichkeiten übrig sind, die er nicht genießen kann, da für sie im Magen kein Platz mehr ist. Dies würde bedeuten, dass der Wunsch nach Genuss nicht der vorhandenen Menge entsprach.

Gast ( feierlich):
Du hast wirklich genau das vorbereitet, was ich auf meinem Esstisch gern sehen und speisen möchte. Sogar die Menge ist genau richtig. Das zu genießen ist alles, was ich mir im Leben wünschen kann. Wenn ich das alles haben darf, würde ich vermutlich in den höchsten göttlichen Genuss kommen.

Gastgeber:
Nun, dann nimm alles zu dir, genieße es und mache mich damit glücklich!

Der Gast beginnt zu essen.

Gast (der offensichtlich alles genießt, sieht jedoch plötzlich mit gefülltem Munde sehr beunruhigt aus):
Woher kommt es, dass ich, je mehr ich esse, desto weniger die Speisen genieße? Der Genuss, den ich erhalte, stillt meinen Hunger, und ich genieße immer weniger und weniger. Je näher ich dem Sattwerden komme, umso weniger genieße ich meine Mahlzeit. Und wenn ich dann schließlich das gesamte Essen empfangen habe, bleibt mir nichts weiter als die Erinnerung an den Genuss, nicht aber der Genuss selbst. Dieser war nur so lange vorhanden, wie ich hungrig war. Als der Hunger verschwand, verschwand mit ihm auch die Freude. Ich bekam, was ich mir so sehr gewünscht habe, und was jetzt davon übrig ist, ist weder Genuss noch Freude. Ich werde mir nie mehr etwas wünschen und möchte niemals mehr etwas haben, was mir Freude bereitet!

Gastgeber (ein wenig gekränkt):
Ich habe alles für deinen Genuss getan, was ich konnte. Es ist nicht meine Schuld, dass das wahre Empfangen des Vergnügens sich so sehr vom Empfinden der Freude unterscheidet, weil das Verlangen verschwunden ist. Wie dem auch sei, du bist nun satt von dem, was ich für dich vorbereitet hatte.

Gast (sich verteidigend):
Durch das Empfangen von allem, was du für mich vorbereitet hast, kann ich dir nicht einmal danken, weil ich aufgehört habe, den Überfluss zu genießen, der mir von dir gegeben wurde. Im Moment fühle ich nur, dass du mir gegeben hast, und ich dir nichts zurückzugeben habe. Das Ergebnis davon ist, dass ich deinetwegen nun Scham empfinde, und es sich herausstellt, dass du der Geber bist und ich der Nehmer bin.

Gastgeber:
Ich habe dir nicht gezeigt, dass du der Empfänger bist und ich der Geber bin. Tatsächlich hast du etwas erhalten, ohne dass es in dir das Gefühl verursachte, von mir zu empfangen, obwohl Freundlichkeit meine Absicht war, und ich mir nichts mehr wünschte, als dass du meine Speisen annimmst. Ich kann das nicht ändern. Beispielsweise züchte ich Fische. Sie interessieren sich nicht dafür, wer sie füttert und ernährt. Ich versorge auch Bob, meinen Kater, er kümmert sich ebenso ziemlich wenig darum, wer ihm das Futter gibt. Doch meinem Hund Rex ist es wichtig, denn er nimmt keine Nahrung von irgendjemandem an.

Erzähler:
Menschen sind so gemacht, dass es einige gibt, die empfangen, ohne zu merken, dass jemand da ist, der ihnen gibt, und sie nehmen alles einfach so. Einige stehlen sogar ohne Gewissensbisse! Wenn jedoch ein Mensch einen Sinn für sich selbst entwickelt hat, fühlt er den Geber, und es erweckt in ihm das Bewusstsein, dass er selbst der Nehmer, der Empfangende ist. Das hat zur Folge, dass man Scham und Schande, Selbstvorwürfe und Schmerz empfindet.

Gast (etwas beschwichtigt):
Aber was kann ich tun, um einerseits das Vergnügen zu empfangen und andererseits mich nicht als den Nehmer wahrzunehmen? Wie werde ich das Gefühl in mir los, dass du der Geber bist und ich der Nehmer? Wenn eine Situation des Gebens und Nehmens in mir so ein Schamgefühl verursacht, was kann ich dann tun, um es zu vermeiden? Oder kannst du dich möglicherweise so verhalten, dass ich mich nicht als der Nehmende fühle? Aber das ist wohl nur möglich, wenn ich nicht wüsste, dass das von dir ist, wenn ich von dir ebenso wenig wüsste wie die Fische, oder wenn ich dich wahrnehmen würde, ohne zu verstehen, dass DU mir etwas gibst wie bei dem Kater oder wie bei einem unterentwickelten Menschen.

Gastgeber (er kneift seine Augen konzentriert zusammen und spricht mit Bedacht):
Ich denke, es gibt noch eine Lösung für all das. Ist es möglich, dass du eine Handlung in dir selbst durchführst, die die Empfindung des Empfangens in dir selbst aufhebt?

Gast (seine Augen leuchten auf):
Oh ja! Ich habe es! Du wolltest mich doch immer als deinen Gast haben. So werde ich morgen hierher kommen, und ich werde das Empfangen so ausführen, dass es dir nicht das Gefühl gibt, der Geber zu sein, sondern der Empfänger. Ich werde selbstverständlich weiter der Empfänger sein, esse alles, was du vorbereitet hast, jedoch werde ich mich selbst als den Geber wahrnehmen.

Zweiter Akt

Am nächsten Tag und im gleichen Raum hat der Gastgeber eine Mahlzeit, bestehend aus genau den gleichen Köstlichkeiten wie am Tage zuvor, frisch zubereitet. Er sitzt am Tisch, und der Gast tritt mit einem ungewohnten, geheimnisvoll verschlossenen Gesichtsausdruck ein.

Gastgeber (strahlend lächelnd, nichts ahnend von einer Änderung):
Ich habe auf dich gewartet. Ich bin so glücklich, dich zu sehen, setz dich doch.

Der Gast sitzt nun am Tisch und schnuppert höflich an den Speisen.

Gast (die Speisen betrachtend):
Ist das alles für mich?

Gastgeber:
Aber selbstverständlich! Nur für dich! Ich wäre so glücklich, wenn du bereit wärst, all das von mir zu empfangen.

Gast:
Ich möchte wirklich nicht alles, das ist zu viel.

Gastgeber:
Ja aber, das ist doch nicht wahr! Du wünschst es dir doch, und ich weiß, dass das die Wahrheit ist! Warum willst du nicht alles?

Gast:
Ich kann nicht alles von dir annehmen. Es gibt mir ein unangenehmes Gefühl.

Gastgeber:
Was meinst du mit unangenehm? Ich wünsche dir so sehr, all das zu bekommen! Für wen, denkst du, habe ich das zubereitet? Es würde mir so viel Freude machen, wenn du alles aufessen würdest.

Gast:
Vielleicht hast du recht, aber ich möchte nicht alles von diesen Gerichten annehmen!

Gastgeber:
In Wirklichkeit erhältst du nicht nur einfach eine Mahlzeit, du tust mir sogar einen Gefallen, indem du an meinem Tisch sitzt und genießt, was ich für dich zubereitet habe. Letzten Endes habe ich das alles nicht nur für dich gemacht, sondern auch dafür, dass ich auf diese Weise genießen kann, wie du von mir empfängst. Deshalb ist deine Zustimmung zu essen kein Empfangen deinerseits, sondern du erweist mir eine große Gunst. Du würdest all das für mich empfangen! Von dir aus handelt es sich gar nicht um ein Nehmen, sondern viel eher um ein auf mich ausgerichtetes freudiges Geben. Nun ist es umgekehrt, denn es bist nicht mehr du, der meine Köstlichkeiten empfängt, sondern ich bin es, der von dir die große Freude erhält. Du bist derjenige, der mir gibt, und nicht andersherum. Der Hausherr stellt, inständig bittend, den wohlriechenden Teller vor seinen widerstrebenden Gast. Dieser schiebt ihn weg. Erneut schiebt der Hausherr ihn seinem Gast zu, und dieser weist die angebotenen Speisen abermals zurück. Der Hausherr seufzt, sein ganzes Äußeres drückt seinen Wunsch aus, dass der Gast die Speisen doch annehmen möge. Dann nimmt der Gast die Haltung des Gebers ein, der dem Gastgeber einen Gefallen tut.

Gastgeber:
Ich flehe dich an! Mach mich glücklich!

Der Gast fängt an zu essen, dann hält er inne, um nachzudenken. Danach beginnt er wieder zu essen und macht erneut eine Pause. Immer wenn der Gast eine Pause einlegt, regt ihn der Gastgeber dazu an, mit dem Essen fortzufahren. Erst nachdem er eine gewisse Überzeugungsarbeit geleistet hat, speist der Gast weiter. Der Gastgeber stellt immer wieder neue Köstlichkeiten vor seinen Gast, jedes Mal mit der Bitte, ihm die Freude zu machen, sie anzunehmen.

Gast:
Wenn ich mir sicher sein könnte, dass ich esse, weil es dir Vergnügen bereitet, und nicht, weil ich es wünsche, dann wärst du der Empfänger, und ich würde derjenige sein, der dir Vergnügen bereitet. Aber dafür muss ich sicher sein, dass ich allein deinetwegen esse, und nicht für mich.

Gastgeber:
Aber selbstverständlich, du isst nur für mich. Letztendlich hast du am Tisch gesessen und nichts probiert, bis ich dir bewiesen habe, dass du nicht einfach nur isst, sondern mir eigentlich eine große Freude machst. Du bist doch gekommen, um mir Genuss zu bereiten.

Gast:
Wenn ich etwas annehme, wofür ich zuerst kein Verlangen besitze, nur deswegen, weil du mir etwas zum Annehmen anbietest, wäre ich nicht in der Lage, das »Empfangen« zu genießen, und du könntest es ebenfalls nicht genießen zu sehen, wie ich dein Angebot bereitwillig annehme. Ich stelle fest, dass du dein Vergnügen nur in dem Ausmaß empfangen kannst, mit welchem ich dein Angebot genieße.

Gastgeber:
Ich weiß genau, wie sehr du diese Speisen magst und wie viele du von jeder essen kannst. Dementsprechend habe ich diese fünf Gänge vorbereitet. Schließlich kenne ich dein Verlangen nach dieser oder jener Speise, und auch die, wonach du kein Verlangen in deinem Leben hast. Das Wissen, wie sehr du die Speisen genießt, lässt mich dein Vergnügen empfinden. Es macht mir sehr viel Freude, dass du meine Köstlichkeiten genießt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass das Vergnügen, das ich durch dich erhalte, wahr ist.

Gast:
Wie kann ich sicher sein, dass ich ausschließlich genieße, weil du es wünscht, und nur deswegen all das für mich vorbereitet hast? Woher genau kann ich wissen, dass ich durch das »Empfangen« von dir eigentlich dir eine Freude mache und dich nicht zurückweisen sollte?

Gastgeber:
Ganz einfach! Als du meine Angebote völlig ablehntest, hast du erst, nachdem du sicher warst, dass du es für mich tust, damit begonnen, sie anzunehmen. Nach jedem Bissen, den du genommen hast, fühltest du, dass du es für mich tust, und spürtest die Freude, die du mir damit machst.

Gast:
Also bedenke ich jedes Mal, wenn ich etwas empfangen darf, dass ich es für dich annehme – denn sonst würde ich ablehnen, etwas zu nehmen –, daran knüpfe ich dann immer die Absicht, nur deinetwegen zu handeln und verbinde das mit dem »für dich Empfangen«, dann werde ich die Scham und Schande los und bin stattdessen stolz darauf, dir Vergnügen zu bereiten.

Gastgeber:
Dann iss bitte alles! Wenn du alles genießt, gelingt es dir folglich, mir mit jedem Bissen Vergnügen zu schenken.

Gast (isst mit Freude und beendet die letzte Speise, ist aber danach immer noch nicht zufrieden):

So, jetzt habe ich alles gegessen und genossen. Es gibt keine Speisen mehr zum Genießen. Mein Vergnügen ist verschwunden, weil ich nun nicht mehr hungrig bin. Ich kann im Moment niemandem von uns irgendeine Freude bereiten. Was tue ich als Nächstes?

Gastgeber:
Ich weiß es nicht. Durch das Empfangen von mir hast du mir eine große Freude bereitet. Was kann ich noch für dich tun, damit du dich immer wieder erfreust? Wie kannst du dir wieder wünschen zu essen, jetzt wo du alles aufgegessen hast?! Woher bekommst du einen neuen Appetit?

Gast:
Ja, das stimmt, mein Wunsch zu genießen hat sich in einen Wunsch, dir zu schenken, gewandelt. Wenn ich jetzt nicht mehr genieße, wie kann ich dir dann Vergnügen bereiten? Schließlich kann ich nicht noch den Appetit für ein weiteres Fünf-Gänge-Menü in mir erzeugen.

Gastgeber:
Ich habe auch nicht mehr für dich vorbereitet, als du es dir wünschtest. Für meinen Teil habe ich alles getan. Deine Schwierigkeit ist: »Wieso kann ich es nicht bewerkstelligen, mir mehr zu wünschen, obwohl ich mehr und mehr empfange?«.

Gast:
Aber wenn das Vergnügen meinen Hunger nicht befriedigt, wird es nicht als Vergnügen empfunden. Die Empfindung des Vergnügens kommt von der Befriedigung der Notwendigkeit. Wenn ich nicht hungrig wäre, könnte ich die Nahrung nicht genießen, folglich könnte ich dir auch nichts schenken. Was kann ich tun, um in einem Zustand des konstanten Verlangens zu bleiben und dir ständig Freude zu übermitteln, indem ich neues Vergnügen empfange?

Gastgeber:
Dafür benötigst du unterschiedliche Quellen von Wünschen und unterschiedliche Mittel zur Zufriedenstellung. Wenn du deinen Hunger für die Nahrung nutzt und Freude empfängst, schalten sie sich danach gegenseitig aus.

Gast:
Ich verstehe! Das Problem ist, dass ich mich selbst daran hinderte, Freude zu empfinden, solange ich dich als den Wohltäter sah. Ich lehnte das Angebotene in solch einem Umfang ab, dass letztlich die gesamten Speisen vor mir ausgebreitet wurden, und dennoch konnte ich wegen des Gefühls der Schande nichts annehmen. Dieses Schamgefühl war so intensiv, dass ich zu verhungern bereit war, nur um das Gefühl der Schande – weil ich ja der Empfangende war – zu vermeiden.

Gastgeber:
Nachdem du einmal überzeugt warst, dass du nicht für dich selbst etwas bekommen hast, fingst du an, um meinetwegen zu erhalten. Deswegen hast du die Speise und das Vergnügen genossen, weil du mir das Vergnügen zurückgeben konntest. Aus diesem Grunde sollten die Speisen deinem Willen entsprechen. Welche Freude könntest du mir denn im Grunde geben, wenn du selbst keine Freude am Essen hast?

Gast:
Aber es ist doch nicht ausreichend, nur für dich zu empfangen, mit der Gewissheit, dass du an mir Freude hast. Wenn mein Vergnügen von deiner Freude herrührt, dann ist die Quelle meines Vergnügens nicht die Nahrung, sondern du bist es! Ich muss deine Freude fühlen.

Gastgeber:
Mir ist alles recht.

Gast:
Ja, aber wovon hängt mein Vergnügen denn ab? Es ist von demjenigen abhängig, dem ich das Vergnügen bereite. Das bedeutet, dass mein Vergnügen von der Größe meines Wunsches, dich zu beschenken, abhängt, was der Menge entspricht, wie ich deine Großmütigkeit empfinde.

Gastgeber:
Also was kann ich tun?

Gast:
Wenn ich mehr von dir wüsste, wenn ich ein vertraulicheres Wissen von dir hätte, und wenn du wirklich großmütig bist, dann würde sich vor mir deine Großartigkeit und Allmacht enthüllen. Ich würde es somit nicht nur genießen, dir Freude zu bereiten, sondern ich wäre mir auch bewusst, wem ich das Vergnügen übertrage. Mein Vergnügen wäre dann proportional zur Offenbarung deiner Großartigkeit.

Gastgeber:
Also liegt es an mir?

Gast:
Schau, wenn ich gebe, ist es für mich wichtig zu wissen, wie viel ich gebe und wem. Wenn es für geliebte Personen ist, zum Beispiel für meine Kinder, dann bin ich bereit, ihnen in der Größe meiner Liebe zu geben, denn dadurch genieße ich auch selbst. Aber wenn irgendjemand von der Straße in meine Wohnung käme, dann möchte ich ihm schon auch etwas geben. Denn ich glaube, die Qual des anderen zu spüren, oder ich hoffe, dass mir in der gleichen Weise geholfen würde, sollte ich selbst einmal in eine so schlimme Lage geraten.

Gastgeber:
Dieses Prinzip ähnelt dem Konzept der sozialen Wohlfahrt. Die Menschen stellten fest, dass alle darunter leiden, wenn es keine gegenseitige Unterstützung gibt, und dass sie einmal selbst leiden würden, wenn sie eines Tages die Notdürftigen wären. Der Egoismus zwingt den Menschen zu helfen, aber dies ist kein echtes Geben. Es ist der Mensch, der sich seine Zukunft absichert.

Gast:
Ich denke, dass wir diese Art des Gebens nicht einmal in Betracht ziehen können. Unsere ganze Großzügigkeit ist nichts anderes als getarntes Nehmen, zum Zweck unserer eigenen Zufriedenheit und der Zufriedenheit derjenigen, die wir lieben.

Gastgeber:
Wie kann ich dir also ein Vergnügen bereiten, das größer ist als jenes, das du in den köstlichsten Speisen findest?

Gast:
Das ist nicht dein Problem, sondern meins. Wenn die Person, die mich besucht, nicht irgendeine Person wäre, sondern eine sehr wichtige Persönlichkeit, würde ich größeres Vergnügen dadurch erhalten, ihr etwas zu geben, als bei einer gewöhnlichen Person. Dies bedeutet, dass die Freude nicht von den Speisen abhängt, sondern davon, für wen man alles zubereitet hat!

Gastgeber:
Was kann ich denn tun, damit du mich mehr respektierst?

Gast:
Da ich nicht für meinen eigenen Nutzen erhalte, sondern für deinen, bedeutet das, je mehr Respekt ich vor dir habe, desto mehr Vergnügen werde ich bekommen, wenn ich weiß, wem ich gebe.

Gastgeber:
Wie kann ich also deine Wertschätzung für mich noch vertiefen?

Gastgeber:
Erzähle mir etwas über dich, zeige mir, wer du bist! Dann könnte ich Freude nicht nur durch das Erhalten der Speisen empfangen, sondern auch das Bewusstsein, wer mir dies alles gegeben hat und mit wem ich eine Beziehung aufgenommen habe. Selbst die kleinste Menge an Speisen von einer großen Persönlichkeit zu empfangen, wird ein viel größeres Ausmaß an Vergnügen bedeuten. Das Vergnügen wächst im gleichen Maße, wie sehr ich dich schätze.

Gastgeber:
Das bedeutet, damit das Vergnügen groß wird, muss ich mich selbst öffnen, und du müsstest dich dahin entwickeln, mir ähnlich zu werden.

Gast:
Ganz genau! Das ist es, was einen neuen Hunger in mir bewirkt, der Wunsch, dir zu geben, wächst in Relation zu deiner Größe, und nicht weil ich der Empfindung der Schande entgehen möchte, denn die Schande lässt mich nicht meinen Hunger stillen.

Gastgeber:
Auf diese Weise fängst du damit an, nicht den Hunger, sondern meine Großmütigkeit und das Verlangen, mir Vergnügen zu bereiten, wahrzunehmen. Somit beginnst du, nicht nur den Appetit zu stillen – denn er war es nicht, der dich zu mir führte –, sondern meine Großartigkeit wahrzunehmen und den Wunsch zu entwickeln, mich zufrieden zu stellen?!

Gast:
Was wäre daran falsch? Ich kann von den Speisen um ein Vielfaches mehr Vergnügen empfangen, als die Nahrung selbst wirklich geben kann, denn ich füge zu dem Hunger einen zweiten Wunsch hinzu – den Wunsch, dich zu beschenken.

Gastgeber:
Den ich dann auch erfüllen muss.

Gast:
Nein, diesen Willen und seine Erfüllung bringe ich in mir selbst hervor. Dafür benötige ich nur eines: dich zu kennen. Enthülle dich mir, und ich erzeuge in mir ein Bedürfnis, dich zu beschenken. Dann empfange ich Vergnügen vom Geben und nicht von der Beseitigung der Scham.

Gastgeber:
Was wirst du davon haben, außer der Tatsache, dass sich dein Vergnügen vermehrt?

Gast (offensichtlich darauf anspielend, dass dies das Wesentlichste ist):
Es gibt einen anderen großen Gewinn: Wenn ich in mir einen neuen Wunsch kreiere, abgesehen von dem angeborenen, innewohnenden Hunger, werde ich der Herr über diesen Willen. Ich kann ihn immer erhöhen, jederzeit mit Vergnügen und Freude füllen, und gebe dir immer alles, indem ich Vergnügen empfange.

Gastgeber:
Verliert die Erfüllung nicht genauso wie der Hunger diesen Willen?

Gast:
Nein, denn ich kann jedes Mal in mir einen großartigeren Eindruck von dir entwerfen. Daraus entstehen ständig neue Wünsche zu geben und zu schenken, und indem ich von dir empfange, werde ich diesen Willen ausführen. Dieser Prozess kann auf unbestimmte Zeit weitergehen.

Gastgeber:
Wovon hängt es also ab?

Gast:
Vom ständigen Entdecken neuer Tugenden und deiner Größe.

Gastgeber:
Das heißt, dass für eine konstante Genusssucht – damit sogar durch das Erhalten selbstsüchtiger Freuden der Hunger nicht aufhört, sondern er sich vielmehr durch dieses Empfangen noch steigert – neuer Hunger gebildet werden muss: nämlich der Wille, den Geber zu spüren.

Gast:
Ja, zusätzlich zum Empfangen der Köstlichkeiten, sprich: des Vergnügens, wird ein Sinn für die Größe des Gebers entwickelt. Die Entdeckung des Gastgebers und der Köstlichkeiten werden das Gleiche. Das Vergnügen bringt selbst ein Bewusstsein des Gebers hervor, nämlich dass der Geber, die Nahrung und die Eigenschaften des Gebers ein und dasselbe sind.

Gastgeber:
Es ergibt sich demzufolge, dass der Geber sich offenbart, wie du es dir unterbewusst schon gewünscht hast. Für dich stellt dies tatsächlich eine Erfüllung und sonst nichts weiter dar.

Gast:
Am Anfang habe ich nicht einmal verstanden, dass es das war, was ich wollte. Ich sah nur die köstlichen Speisen und dachte, dass es das sei, was ich mir wünschte.

Gastgeber:
Ich tat dies aus einem bestimmten Grund! Damit du nach und nach deinen eigenen unabhängigen Willen entwickelst, den du in dir selbst erzeugt hast, und dadurch dein Verlangen von dir aus erfüllst. Das bedeutet, dass du gleichzeitig den Platz des Gastes und den des Gastgebers eingenommen hast.

Gast:
Warum ist dies alles so aufgebaut?

Gastgeber:
Es hat das Ziel, dich zur Vollkommenheit zu führen. Damit du jede Sache in der Gesamtheit wünschen und höchstmögliche Erfüllung erreichen kannst. Du kannst somit jeden Wunsch genießen, und damit ist der Genuss durch nichts gebunden.

Gast:
Aber weshalb wusste ich dies nicht von Anfang an? Alles, was ich um mich herum sah, waren die Dinge, die ich mir wünschte, ohne dabei zu vermuten, dass du es warst, den ich wirklich wollte.

Gastgeber:
Das geschah bewusst so, damit du von einer Situation, in der du mich nicht fühlst, von dir aus zu mir kommst, um diesen inneren Willen in dir selbst zu erzeugen.

Gast (verwirrt):
Aber wenn ich diesen Willen in mir erzeuge – wo bist du dann in dieser Vorstellung?

Gastgeber:
Ich bin es, der diesen einfachen egoistischen Willen in dir schuf, um erst einmal damit anzufangen. Ich entwickle ihn, indem ich dich ständig mit neuen Objekten der Freude umgebe.

Gast:
Aber wofür ist das alles gut?

Gastgeber:
Es soll dich davon überzeugen, dass die Jagd nach irgendeinem Vergnügen dich nicht erfüllen kann.

Gast:
Das kann ich verstehen: Sowie ich bekomme, was ich mir wünsche, ist das Vergnügen sofort verschwunden, und ich sehne mich wieder nach etwas – entweder nach etwas Besserem oder etwas ganz anderem. Auf diese Art und Weise bin ich auf einer permanenten Jagd nach Vergnügen, erreiche die Freude jedoch tatsächlich niemals vollständig, denn in dem Moment, in dem ich sie in meinen Händen halte, entgleitet sie mir wieder.

Gastgeber:
Genau aus diesem Grund entwickelst du deine Wahrnehmung von dir selbst und erreichst schließlich das Bewusstsein über die Sinnlosigkeit dieser Art der Existenz.

Gast:
Aber wenn du dann ein Bild dessen, was geschieht, in mir entwickeln würdest, würde ich die Bedeutung und den Zweck von allem, was geschieht, verstehen.

Gastgeber:
Dieses Bild wird dir nur dann offenbart, wenn du völlig von der Ziellosigkeit deiner egoistischen Existenz überzeugt bist. Du wirst dir bewusst, dass eine neue Form der Handlungsweise erforderlich ist. Du musst um deinen Ursprung und die Bedeutung deines Lebens wissen.

Gast:
Aber dieser Prozess kann Tausende von Jahre dauern. Wann wird er aufhören?

Gastgeber:
Nichts wird umsonst erschaffen. Alles, was existiert, ist zum alleinigen Zweck des Hervorbringens der Schöpfung vorhanden, um eine andere Form der Existenz zu kennen. Dieser Prozess ist langsam, denn jeder kleinste Wunsch, jedes noch so unbedeutende Verlangen soll zur folgenden Verwendung entspringen, um in seiner einleitenden Form als unwürdig erkannt zu werden.

Gast:
Gibt es denn viele solcher Wünsche oder Sehnsüchte?

Gastgeber:
Eine große Menge! In direkter Relation zum Vergnügen, das du zukünftig empfängst. Das Vergnügen, das du vom Erhalten der Nahrung empfindest, ändert sich nicht. Du kannst nicht mehr als einmal Mittag essen. Das Fassungsvermögen deines Magens ändert sich nicht. Folglich ändert sich auch nicht die Menge, die von mir kommt und von dir empfangen wird. Wenn du jedoch an meinem Tisch mir zum Gefallen speist, wird schon durch den bloßen Gedanken ein neuer Wille und eine neue Freude in dir erzeugt – abgesehen vom Genuss der Speisen. Dieses Vergnügen wird in der Größe und in der Stärke gemessen, das heißt in Quantität und Qualität, entsprechend der Menge des Genusses, den du von den Speisen meines Tisches und mir zuliebe erhältst.

Gast:
Wie kann ich meinen Wunsch vergrößern, dir zuliebe Freude zu empfangen?

Gastgeber:
Das hängt von deiner Anerkennung und vom Respekt für mich ab, davon, für wie groß du mich erachtest.

Gast:
Wie kann ich meine Würdigung in Bezug auf dich erhöhen?

Gastgeber:
Du musst dafür einfach mehr über mich wissen und mich in jeder Tätigkeit erkennen, die ich ausübe. Du musst beobachten und überzeugt sein, wie großartig ich wirklich bin – dir sicher sein, dass ich allmächtig, barmherzig und freundlich bin.

Gast:
So zeige dich!

Gastgeber:
Wenn deine Bitte von einem Wunsch herrührt, mich zu beschenken, werde ich mich enthüllen. Wenn jedoch der Wunsch davon kommt, dir selbst eine Freude zu bereiten, indem du mich wahrnimmst, werde ich es nicht nur unterlassen, mich dir zu offenbaren, sondern ich werde mich immer tiefer verbergen.

Gast:
Warum? Ist es nicht das Gleiche für dich, auf welche Weise ich von dir etwas empfange? Schließlich wünschst du für mich, dass ich genieße. Warum sich also vor mir verstecken?

Gastgeber:
Wenn ich mich vollständig offenbaren würde, würdest du so viel Freude durch meine ewige Allmacht und Vollkommenheit empfangen, dass du nicht in der Lage wärst, diese Freuden meinetwegen zuzulassen und zu verarbeiten. Dieser Gedanke wäre dir nicht einmal gekommen, und du würdest dich danach wieder beschämt fühlen. Außerdem, weil das Vergnügen ewig ist, wird es, wie wir vorher gesehen haben, dein Bedürfnis eliminieren, und du bleibst wieder ohne einen Willen zurück.

Gast (schließlich einsehend):
Das ist also der Grund, weshalb du dich vor mir verbirgst – um mir zu helfen! Ich dachte schon, aus irgendeinem Grund, dass es so ist, weil du mir nicht wünschst, dass ich dich erkenne.

Gastgeber:
Mein größter Wunsch ist, dass du mich wahrnehmen wirst und nahe bei mir bist. Aber was kann ich tun, wenn du dann nicht dazu in der Lage sein wirst, Freude wahrzunehmen … Wäre das nicht das Gleiche wie Sterben?

Gast:
Wenn ich mir deiner aber nicht bewusst bin, wie kann ich dann irgendeinen Fortschritt erzielen? Alles hängt davon ab, wie weit du dich mir zeigst.

Gastgeber:
In der Tat, nur das Gefühl meiner Anwesenheit erzeugt in dir die Fähigkeit, zu wachsen und zu empfangen. Ohne diese Wahrnehmung schluckst du einfach alles hinunter, und schon ist das Empfinden der Freude vorbei. Daher empfindest du, wenn ich vor dir erscheine, Scham, das Gefühl des Nehmenden, und den Willen, die gleichen Eigenschaften wie die des Gebenden zu erlangen.

Gast:
Bitte enthülle dich vor mir so bald wie möglich.

Gastgeber:
Das werde ich, aber nur so weit, dass du auch davon profitieren kannst, obwohl ich mich dir immer zeigen möchte. Schließlich verbarg ich mich zu dem Zweck, um für dich die Bedingungen der freien Wahl zu schaffen, und du somit ausführen und auswählen und, unabhängig von meiner Anwesenheit, denken konntest. So gab es überhaupt keinen Druck von Seiten des Gastgebers.

Gast:
Also, wie wirst du dich mir enthüllen?

Gastgeber:
Ich tue es langsam und stufenweise. Jeder Grad der Enthüllung wird eine Welt genannt. Von der am meisten verhüllten Stufe bis zur völlig offenbarten.

Ende.

Hieraus folgt, dass unser Hauptziel ist, die Wichtigkeit des Schöpfers in unseren Augen zu erhöhen, das heißt, wir müssen Vertrauen in Seine Allmacht und Größe haben. Wir brauchen das, denn es ist unsere einzige Möglichkeit, aus dem Gefängnis der persönlichen Selbstsucht heraus in die höheren Welten einzutreten.
Wie schon zuvor erwähnt, können wir äußerst große Schwierigkeiten auf dem Glaubenswege erleben, und wir geben alle Sorgen um uns selbst auf. Wir können uns dann vom Rest der Welt isoliert fühlen, im Nichts hängen, ohne die allgemeine Unterstützung des gesunden Menschenverstandes oder von früher gemachten Erfahrungen.
Es scheint, als ob wir unsere Umgebung, Familie und Freunde verließen, um mit dem Schöpfer vereint zu werden. Diese Gefühle kommen auf, wenn wir keinen Glauben an den Schöpfer haben, Ihn oder Seine Herrschaft über die gesamte Schöpfung nicht spüren können.
Sowie wir jedoch beginnen, die Herrschaft des Schöpfers zu fühlen, sind wir bereit, uns ganz Seiner Macht zu ergeben und Ihm blind zu folgen. Wir sind immer bereit, uns vor Ihm zu annullieren und fast instinktiv den Gebrauch unseres Intellektes zu schmälern. Aus diesem Grund ist das größte Problem, dem wir uns gegenübersehen, wie wir die Gegenwart des Schöpfers wahrnehmen können.
Wann immer Zweifel dieser Art entstehen, lohnt es sich, all unsere Energien und Gedanken ganz dem Schöpfer zu widmen; sowie solch ein Gefühl auftaucht, strebt der Mensch mit seiner ganzen Seele danach, sich an den Schöpfer zu hängen. Dieses Gefühl über den Schöpfer wird »Glauben« genannt!
Dieser Vorgang kann beschleunigt werden, wenn wir ihn zur Hauptsache machen. Je wichtiger er für uns ist, desto schneller können wir Glauben erlangen, das heißt das Bewusstsein unseres Schöpfers. Mehr noch, je mehr Wichtigkeit wir der Wahrnehmung des Schöpfers beimessen, umso stärker wird sie sein, bis sie zum Teil unseres Seins wird. Glück (hebräisch: Masal) ist etwas Besonderes in der Vorsehung, das wir in keiner Weise beeinflussen können. Aber es ist von Oben vorgeschrieben, dass wir als Individuen für die Änderung unserer Anlagen verantwortlich sind. Hinterher wird der Schöpfer unsere Bemühungen bewerten und unsere Eigenschaften ändern und uns über unsere Welt erheben.
Darum sollten wir wissen, dass wir, bevor wir uns anstrengen, nicht von den Höheren Kräften, vom Glück oder einer anderen Behandlung von Oben erwarten können, dass sie für uns einspringt. Im Gegenteil, wir müssen uns dessen gewahr werden, dass wir, wenn wir selbst nichts unternehmen, nicht an das Gewünschte herankommen werden.
Wenn wir eine Aufgabe erfüllen, mit dem Studium anfangen oder uns auf andere Weise irgendwie bemühen, dann werden wir zu folgender Erkenntnis gelangen:

Alles, was wir mit unseren Bemühungen erreicht haben, hätten wir auch ohne etwas zu tun erreicht, denn die Ergebnisse sind schon vom Schöpfer vorbestimmt.

Wenn wir nun die wahre Vorsehung verstehen wollen, müssen wir von früh an versuchen, diese Widersprüche in uns zu integrieren. Zum Beispiel sollten wir morgens unsere tägliche Routine des Studiums und der Arbeit beginnen und alle Gedanken an die göttliche Herrschaft des Schöpfers über die Welt und ihre Einwohner hinter uns lassen. Jeder von uns sollte so beschäftigt sein, als ob das Endresultat nur von uns abhinge.
Aber wenn der Tag zuende geht, sollten wir unter keinen Umständen glauben, dass das, was wir erreicht haben, durch unsere Bemühungen geschehen ist. Wir müssen wissen, dass wir auch das Gleiche erreicht hätten, wenn wir den ganzen Tag im Bett geblieben wären, denn es war vom Schöpfer so vorgesehen.
Wenn ein Mensch daher das Leben der Wahrheit leben möchte, muss er auf der einen Seite die Gesetze der Gesellschaft einhalten und die Naturgesetze beachten, so wie jeder andere, aber auf der anderen Seite muss er auch an die absolute Herrschaft des Schöpfers über unsere Welt glauben.

Unsere Handlungen können in gute, neutrale oder böse Handlungen eingeteilt werden. Unsere Aufgabe ist es, unsere neutralen Handlungen auf die Stufe der guten zu erheben.

Das können wir dadurch erreichen, indem wir es uns immer wieder ins Gedächtnis zurückrufen, dass wir unsere Handlungen letztendlich dem Willen des Schöpfers folgend ausführen. Wenn wir zum Beispiel krank sind, sollten wir die verschriebene Medizin nehmen und glauben, dass das von einem etablierten Arzt verschriebene Medikament und seine Kunst uns helfen, unseren Krankheitszustand zu bessern. Wenn wir dann, nachdem wir uns streng an die Medizin gehalten haben, gesund werden, müssen wir denken, dass wir gesund geworden sind, weil es so vom Schöpfer geplant war.
Anstatt dem Arzt zu danken, müssen wir dem Schöpfer danken. Auf diese Weise verwandeln wir eine neutrale Handlung in eine spirituelle, und indem wir diesen Vorgang wiederholen, können wir alle unsere Gedanken allmählich »spiritualisieren«.
Die oben gegebenen Beispiele und Erklärungen sind wichtig, weil sie tatsächlich zu ernsthaften Hindernissen werden können, die unseren spirituellen Aufstieg erschweren. Das Problem wird manchmal größer, weil wir meinen, die Regeln der Göttlichen Herrschaft zu verstehen. Wir mögen dann unsere Energien künstlich auf die allgegenwärtige Macht des Schöpfers konzentrieren, statt hart an uns zu arbeiten.
Oft meinen wir auch, dass wir nicht an uns arbeiten müssen, um unseren Glauben an den Schöpfer zu demonstrieren, da ohnehin alles in Seiner Macht liegt. Oder wir schließen unsere Augen und verlassen uns auf blindes Vertrauen, und dabei weichen wir lebenswichtigen Fragen über wahrhaftigen Glauben aus.
Wenn wir diese Fragen umgehen und sie nicht beantworten, entziehen wir uns der Möglichkeit spirituellen Fortschritts. Es heißt von unserer Welt: »Du sollst Dein Brot im Schweiße Deines Angesichtes verdienen«. Wenn wir dann etwas verdient haben, fällt es uns schwer zuzugeben, dass das Ergebnis nicht unserer harten Arbeit zu verdanken war, sondern der Schöpfer Seine Hand im Spiel hatte.

Im Schweiße unseres Angesichtes müssen wir unser Vertrauen in die absolute Herrschaft des Schöpfers legen.

Um zu wachsen und neue spirituelle Gefühle zu erleben, müssen wir uns bemühen, die widersprüchliche Natur der Göttlichen Herrschaft zu verstehen und zu akzeptieren (welche uns nur aufgrund unserer Blindheit als widersprüchlich erscheint).
Erst dann werden wir genau wissen, was von uns verlangt wird, und können langsam neue spirituelle Empfindungen erleben.

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Kapitel 4



Die persönlichen Interessen ausschalten

Vor der Schöpfung existierte einzig und allein der Schöpfer. Der Schöpfungsakt beginnt damit, dass der Schöpfer einen Teil von sich aussondert, mit dem Ziel, diesen in der Zukunft mit bestimmten, verschiedenen Eigenschaften auszustatten.
Nachdem der Schöpfer diesen Teil mit einem Selbstgefühl ausgestattet hat, »stößt« er ihn praktisch aus Sich heraus. Dieser so geformte Teil bildet unser »Ich«. Der Abstand vom Schöpfer, der durch die unterschiedlichen Eigenschaften zwischen diesem Teil und dem Schöpfer entsteht, wird von uns als die Verhüllung des Schöpfers wahrgenommen. Da dieser getrennte Teil den Schöpfer nicht wahrnehmen kann, entsteht bedingt durch die egoistischen Eigenschaften dieses Teils eine Leere zwischen ihm und dem Schöpfer.
Wenn der Schöpfer diesen abgespaltenen Teil näher an sich heranziehen will, dann erzeugt diese dunkle Leere bei dem Teil ein Gefühl der Hilflosigkeit. Sollte der Schöpfer andererseits diesen Teil nicht näher bei sich haben wollen, dann wird diese Leere gar nicht wahrgenommen. Es ist nur die Distanz zwischen dem Schöpfer und dem Teil, die nicht wahrgenommen wird. Der Schöpfer selbst ist durch den getrennten Teil nicht direkt wahrnehmbar, der höchstens eine Vorstellung davon haben kann, was es bedeuten könnte, den Schöpfer unmittelbar wahrzunehmen.
Diese dunkle Leere, die durch den abgetrennten Teil wahrgenommen wird, wird von uns als Leid erfahren, entweder durch materielle Nöte, Krankheiten oder familiäre Probleme. Der Schöpfer hat die Umgebung des abgetrennten Teils so geschaffen, dass er ihn durch selbige auch beeinflussen kann. Wie und zu welchem Zweck tat er das?
Um uns zu zeigen, dass wir uns von allem Leid nur befreien können, wenn wir unseren Egoismus aufgeben, schafft der Schöpfer durch Probleme in unserem Umfeld, mit Kindern, bei der Arbeit, Schulden, Krankheit oder in der Familie Bedingungen, die für uns unerträglich erscheinen. Es kommt uns so vor, als seien diese schlimmen Umstände das Ergebnis unserer Anstrengungen und Versuche, etwas zu erreichen. Dann entsteht ein einziger Wunsch in uns, der Wunsch, nichts mehr zu wollen. Anders gesagt entwickeln wir keine persönlichen Interessen mehr, da diese nur Leid bringen.
Infolgedessen bleibt uns nur noch die Möglichkeit, Gott darum zu bitten, uns von unserem Egoismus zu befreien. Das zwingt uns dazu, danach zu streben, all unsere Probleme zu bewältigen, was uns weiteres Leid beschert.
Aus diesem Grund schreibt Rabbi Ashlag in seiner »Einführung zum Talmud Esser Sefirot« (Paragraph 2), »Wenn Sie mit Ihrem Herzen auf die eine berühmte Frage hören, bin ich mir sicher, dass dann jeglicher Zweifel darüber, ob Sie Kabbala studieren sollen, spurlos verschwinden wird. Diese Frage ist sowohl bitter als auch gerecht, eine Frage, die sich jeder auf der Erde stellt: ›Was ist der Sinn meines Lebens?‹«
Der Grund dafür ist, dass diese Frage unmittelbar vom Herzen und nicht vom Intellekt oder Wissen kommt. Daher betrifft die Frage vielerlei Aspekte: das Leben und seine Bedeutung; der Grund unserer Leiden, die unsere Freuden um ein Vielfaches übertreffen; die Schwierigkeiten des Lebens, die uns den Tod als einfachen Ausweg und Erleichterung erscheinen lassen; und als Letztes den Strudel der Schmerzen, der kein Ende nimmt, bis wir das Leben ausgemergelt und zerrüttet verlassen. Wer profitiert davon oder genauer gefragt: Wem dient mein Leben? Gibt es etwas anderes vom Leben zu erwarten?
Obwohl jeder von uns unbewusst von diesen Fragen geplagt wird, trifft es uns manchmal unerwartet, treibt uns zum Wahnsinn, lässt unsere Handlungsfähigkeit erstarren, zermartert unser Gehirn und stürzt uns in den tiefsten Abgrund der Hoffnungslosigkeit und vermittelt uns eine Vorstellung unserer eigenen Bedeutungslosigkeit. Als Antwort darauf treiben wir weiter im Strom des Lebens, ohne dabei allzu tief darüber nachzudenken.
Keiner will darüber nachdenken. Trotzdem bleibt diese Frage mit all ihrer Stärke und Bitterkeit vor uns bestehen. Ab und zu werden wir damit ungewollt konfrontiert, und sie durchdringt unseren Geist und wirft uns nieder. Und dann betrügen wir uns weiter, indem wir fortfahren, gedankenlos im Fluss des Lebens dahinzutreiben.
Der Schöpfer lässt solche Eindrücke in uns entstehen, damit wir allmählich wahrnehmen, dass all unser Unglück und Leid von der Tatsache herrühren, dass wir ein persönliches Interesse, ein erworbenes Recht an dem Ausgang unserer Handlungen haben. Unser Egoismus, unser Charakter und unsere Natur verleiten uns, für unser eigenes Wohlergehen zu handeln. Da sich persönliche Wünsche niemals erfüllen lassen, leiden wir auch weiterhin.
Wenn wir hingegen all unsere persönlichen Interessen auslöschen, so würden wir uns von den Ketten des Körperlichen befreien und würden unser Umfeld als leidlos und zufrieden empfinden.

Die Methodik, um sich von der Sklaverei des Egoismus freizumachen, liegt in der Kabbala.

Der Schöpfer hat absichtlich unsere Welt mit all ihren Übeln zwischen sich und uns gestellt, um uns die Notwendigkeit der Befreiung vom Egoismus vor Augen zu führen, da dieser die Quelle allen Leidens ist. Um uns von Leid zu befreien und den Schöpfer zu spüren, der die Quelle aller Freuden ist, müssen wir den aufrichtigen Wunsch hegen, uns vom Egoismus loszulösen.
In den spirituellen Welten sind die Wünsche den Taten gleichbedeutend, da sich aufrichtige und ehrliche Wünsche sofort verwirklichen.
Generell führt der Schöpfer uns die endgültige Lösung in jeder Lebenssituation vor Augen: Wir müssen jegliche persönlichen Interessen fallen lassen. Er schafft dies, indem er so viel Leid entstehen lässt, dass nur noch der Wunsch besteht, dem Leiden ein Ende zu setzen. Das ist nur möglich, wenn man absolut kein persönliches, eigennütziges Interesse an dem Ausgang der Ereignisse des täglichen Lebens mehr besitzt.

Aber wo ist dann unser freier Wille? Wo ist die Freiheit zu entscheiden, welchen Weg wir im Leben gehen oder was wir tun?
Der Schöpfer zwingt uns zur Annahme einer bestimmten Lösung.
Das erreicht er, indem er uns so viel Leid auferlegt, dass uns der Tod dem Leben gegenüber wünschenswerter erscheint. Doch der Schöpfer verleiht uns nicht die Stärke, unserem Leben ein Ende zu setzen und damit dem Leid zu entkommen. Vielmehr gibt er uns plötzlich einen winzigen Einblick in den einzigen Ausweg, der wie ein Sonnenschein am bewölkten Himmel zu uns durchdringt. Die Lösung ist weder der Tod noch die Flucht vor dem Leben. Sie liegt einzig und allein in der Loslösung vom eigennützigen Interesse am Ausgang weltlicher Geschehnisse; nur sie bringt uns Ruhe und Frieden und bewahrt uns vor unerträglichem Leid.
Es gibt keine freie Wahl in dieser Entwicklung; wir werden zu dieser Entscheidung gezwungen, um dem Leiden zu entgehen. Der freie Wille drückt sich in unseren Versuchen aus, uns aus dem bisherigen Zustand weiterzuentwickeln, so dass wir die Lösung darin finden, dass wir nicht für uns selbst, sondern für den Schöpfer handeln, denn das eigennützige Leben beschert uns nichts als Leid. Die unablässige Korrektur des Selbst und die Kontrolle unserer Gedanken wird als »Der Prozess der Verfeinerung« bezeichnet.
Das Gefühl des Leidens, das durch egoistische Interessen hervorgebracht wird, sollte so intensiv sein, dass wir dazu bereit sind, »von einem Stück Brot und einem Schluck Wasser zu leben und auf dem nackten Boden zu schlafen«. Dadurch werden wir dazu bereit sein, alles dafür zu tun, um unseren Egoismus abzulegen und alle persönlichen Interessen im Leben fallen zu lassen.
Sobald wir diesen eben beschriebenen Zustand erreicht haben und uns darin wohlfühlen, treten wir in die spirituelle Welt ein, die auch als »die kommende Welt« (Olam HaBa) bezeichnet wird.
Dadurch gelangen wir durch Leiden zu dem Schluss, dass die Loslösung vom Egoismus vorteilhaft für uns ist. Und als Ergebnis unserer Anstrengungen, indem wir uns immer wieder an vergangene Leiden erinnern und diese Lösung in unserem Herzen aufrechterhalten und stärken, werden wir einen Zustand erlangen, in dem all unsere Handlungen auf das Wohl des Schöpfers ausgerichtet sind. Abgesehen von den Grundbedürfnissen würden wir uns davor fürchten, auch nur an unser alleiniges Wohlergehen und eigennützige Freuden zu denken – aus Angst, wieder die unsäglichen Leiden zu erfahren, die aus dem Eigeninteresse entspringen.
Wenn wir alle selbstsüchtigen Gedanken aus unserem Geist verbannt haben, sogar die Gedanken an essenzielle Dinge, bedeutet es, dass wir die allerletzte Stufe der Löslösung von unseren persönlichen Bedürfnissen erreicht haben.

Im Alltag werden wir uns dann daran gewöhnt haben, keinerlei Eigennutz aus zwischenmenschlichen Beziehungen, der Familie oder der Arbeit zu ziehen.
Nach außen hin werden wir uns gegenüber anderen in unserem Umfeld nicht verändert haben. In uns gibt es, entsprechend dem Prinzip, dass Gewohnheit zur zweiten Natur wird, keinerlei Überreste von persönlichem Interesse.
Von diesem Zeitpunkt an können wir zu den nächsten Stufen des spirituellen Lebens voranschreiten und uns daran erfreuen, dem Schöpfer Freude zu bereiten. Jedoch ist diese Freude dann nicht mehr für uns selbst, sondern für den Schöpfer, da wir jedes Bedürfnis für persönliche Freude »getötet« haben. Aus diesem Grund währt diese Freude auch unendlich und ist in ihrem Ausmaß nicht zu ermessen, da sie nicht durch persönliche Interessen begrenzt wird. Erst dann können wir sehen, wie gütig und wunderbar der Schöpfer ist, der uns die Möglichkeit gegeben hat, diese außerordentliche Freude des Verschmelzens mit Ihm in ewiger Liebe erfahren zu dürfen.

Lasse die Kabbala dein Führer sein

Um dieses Ziel der Schöpfung zu erreichen, gibt es zwei aufeinanderfolgende Stufen auf unserem Weg. Die erste Stufe beinhaltet das Leiden und die Qual, bis wir uns vom Egoismus befreit haben. Aber sobald wir diese erste Phase durchschritten haben und uns von unseren persönlichen Interessen befreit haben, sobald wir also in der Lage sind, all unsere Gedanken auf den Schöpfer auszurichten, beginnt für uns ein neues Leben voller spiritueller Freude und Gelassenheit, wie sie der Schöpfer zu Beginn der Schöpfung hervorgebracht hat. Auf diesem Weg ist es nicht notwendig, sich vollständig selbst zu verneinen bis hin zu dem Punkt, an dem man seinen Körper an ein Stück Brot, einen Schluck Wasser und den Schlaf auf dem nackten Boden gewöhnt, um den Egoismus loszuwerden.
Anstatt mit Gewalt die physischen Bedürfnisse zu unterdrücken, wurde uns die Kabbala gegeben, das Licht der Kabbala, die jedem hilft, sich vom Egoismus zu befreien, die Wurzel allen Übels. Es existiert eine Kraft, genannt das Licht der Kabbala, die es jedem ermöglicht, die Bedürfnisse des Körpers zu überwinden.
Aber diese spirituelle Kraft der Kabbala kann uns nur dann beeinflussen, wenn wir auch daran glauben, dass sie uns hilft und dass sie für unser Überleben notwendig ist, statt dass wir an unsäglichem Leiden zerbrechen. Es funktioniert aber nur, wenn wir daran glauben, dass die Kabbala uns zu unserem Ziel führt und uns dabei hilft, die erhoffte Belohnung zu erhalten: die komplette Löslösung von selbstsüchtigen Wünschen.
Diejenigen von uns, die dies als lebensnotwendig erachten, sind beständig auf der Suche, sich zu befreien. Während des Studiums der Kabbala sind wir unaufhörlich auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Gefängnis des Eigennutzes. Man kann den Glauben einer Person an die Kabbala daran ermessen, wie stark ihr Bedürfnis zu studieren und zu suchen ausgeprägt ist.

Wenn sich all ihre Gedanken nur um die Suche nach der Befreiung vom Egoismus drehen, so kann man von absolutem Glauben sprechen. Das ist nur dann möglich, wenn der Mensch tief und wahrhaftig spürt, dass ein Scheitern auf der Suche nach einem Ausweg schlimmer als das Sterben selbst ist, da das Leiden, das durch die Eigeninteressen verursacht wird, wahrlich unermesslich ist.

Nur wenn wir wahrhaftig und mit Bestimmtheit nach Erlösung streben, wird uns das Licht der Kabbala helfen. Nur dann wird uns die Kraft gegeben, uns selbst aus unserem Ego herauszuziehen. Und nur dann werden wir wirklich frei sein.
Auf der anderen Seite wird für diejenigen, die eine solche Notwendigkeit nur wenig oder überhaupt nicht spüren, sich das Licht der Kabbala in Dunkelheit verwandeln. Dadurch werden sie im Laufe des Studiums der Kabbala immer tiefer in ihrem Egoismus versinken, denn sie wenden die Kabbala nicht entsprechend ihres einzig wahren Zwecks an.
Wenn wir beginnen, die Kabbala zu studieren und eines der Bücher von Rashbi, Ari, Rabbi Yehuda Ashlag oder Rabbi Baruch Ashlag aufschlagen, dann sollte unser Ziel das der Belohnung sein, nämlich vom Schöpfer die Kraft des Glaubens zu empfangen; dass wir unseren Weg finden, uns zu ändern, und dass unsere Belohnung dafür das Wachstum unseres Glaubens ist. Wir sollten die Zuversicht gewinnen, dass es selbst in unserer egoistischen Ausgangssituation möglich ist, dieses Geschenk von Oben zu erhalten, gleichsam als Brücke zum entgegengesetzten Endzustand.
Und selbst wenn wir nicht all das Leid erfahren haben, das uns zwingt, die persönlichen Interessen zu überwinden, wird uns die Kabbala helfen. Anstelle des Leidens wird uns eine Alternative an die Hand gegeben, diesen Weg zu Ende zu gehen.

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Kapitel 5

Der Zweck des Studiums der Kabbala

Das Licht, das aus den Schriften der großen Kabbalisten ausströmt, hilft uns, zwei Herausforderungen zu meistern: unseren Egoismus und unsere Tendenz zu vergessen, dass das Leiden durch unseren Egoismus hervorgerufen wird. Beten ist der einzige Weg zu allen Verbesserungen, die der Schöpfer in unserem Herzen sehen wird.

Wenn wir uns vollständig dem Gebet hingeben, werden wir erreichen, was immer wir an Erleichterungen suchen; welche Korrektur wir auch immer benötigen.

Aber um die Vollendung der Korrektur zu erreichen, müssen wir uns dieser Anstrengung vollständig hingeben – mit Körper, Geist und Seele. Wahre Gebete und die Reaktion darauf, beispielsweise Befreiung, werden nur unter der Bedingung kommen, dass man sich mit äußerster Mühe engagiert und sich selbst ganz und gar dieser Bemühung hingibt, quantitativ und, noch wichtiger, qualitativ.
Beten wird dadurch erlernt, indem man Kabbala richtig lernt. Die benötigte Medizin für die persönliche Erlösung – die Essenz, um das eigene Ego auszurotten – ist die Kabbala. Die Sehnsucht nach Erlösung muss so stark sein, dass wir uns dem Studium vollkommen hingeben, unfähig, auch nur für einen Augenblick abgelenkt zu werden bei der Suche nach uns selbst in der Weisheit der Kabbala.
Wenn wir durch das Leiden, wie ein verschrecktes Tier in einem Käfig, noch nicht genug in die Enge getrieben wurden und in den tiefsten Ecken unseres Herzens uns nach Vergnügen sehnen, dann werden wir nicht wahrnehmen, dass der Egoismus noch verborgen in uns lebt. Egoismus ist der Feind, den wir besiegen müssen.
Solange wir dies nicht tun, sind wir nicht in der Lage, durch unsere Verzweiflung hindurchzudringen und uns anzustrengen, um in der Kabbala die Stärke und den Weg zu finden, dem Gefängnis unseres Egoismus zu entfliehen. Freiheit wird uns so lange nicht gehören, bis wir nicht den in uns lebenden Egoismus überwunden haben.
Dennoch kann es sein, obwohl wir am Anfang des Studiums voll Entschlossenheit und Zielstrebigkeit sind, dass uns unser Enthusiasmus während des Verlaufs des Studiums ungewollt abhanden kommt. Wie oben erwähnt, sind unsere Gedanken von unseren Wünschen bestimmt, und unser Verstand fungiert als Hilfsmittel. Er sucht nur nach den Mitteln, den Willen und die Wünsche unserer Herzen zu erfüllen.
Was ist der Unterschied zwischen der Kabbala und anderen Systemen? Ganz einfach: Nur durch das Studium der Kabbala können wir die Stärke finden, uns selbst aus der Verkettung mit dem Egoismus zu befreien. Während des Studiums der Kabbala sind wir fähig, mit den Beschreibungen aus erster Hand die Handlungen des Schöpfers, Seine charakteristischen Eigenschaften und unsere eigenen sowie ihre Verschiedenartigkeit zu jenen des Geistes zu untersuchen. Kabbala berichtet uns vom Ziel des Schöpfers für Seine Schöpfung und davon, wie wir unsere Seelen verbessern können.
Wir mögen vielleicht das Licht der Kabbala sehen, die spirituelle Kraft, die uns hilft, unseren Egoismus zu überwinden, aber nur wenn wir die Kabbala studieren. Die anderen Elemente dieser Lehren verführen uns gegen unseren Willen nur zu Diskussionen über körperliche Aktivitäten und starres Festhalten an Gesetzen.
Manche mögen Kabbala nur zur Erweiterung ihres Wissens studieren. Sollte dies der Fall sein, dann werden sie diese nur als Erzählung erfassen. Es wird ihnen nicht gelingen, das Licht aus den Seiten der Kabbala herauszuziehen. Nur diejenigen, die Kabbala zur Verbesserung des Selbst studieren, werden diesen Gewinn erhalten.
Die Kabbala ist ein Studium unserer spirituellen Wurzeln. Dieses System strömt von Oben aus. Wir können es in Übereinstimmung mit strikten Gesetzen studieren, welche, wenn sie als Punkt zu einem einzigen Höheren Zweck verschmolzen sind, »die Größe des Schöpfers offenbaren, so dass Seine Größe durch die Schöpfung in dieser Welt greifbar wird«.
Kabbala, die Wahrnehmung des Schöpfers, besteht aus zwei Teilen: dem geschriebenen Werk der Kabbalisten, die bereits den Schöpfer wahrgenommen haben; und dem Wissen, das nur durch diejenigen wahrgenommen wird, die die spirituellen Gefäße und die selbstlosen Sehnsüchte erworben haben, mit denen sie spirituelle Empfindungen empfangen können oder die Wahrnehmungen des Schöpfers.
Wenn wir nach dem Erreichen einer spirituellen Erhöhung in unreinen Wünschen versinken, dann verbinden sich die guten Wünsche, die wir durch unsere spirituelle Erhöhung erworben hatten, mit den unreinen Wünschen.
Die Ansammlung von unreinen Wünschen nimmt stufenweise ab und dauert so lange an, bis wir fähig sind, permanent in der höheren Stufe der ausschließlich reinen Wünsche zu verbleiben.

Wenn wir unsere Arbeit vollbracht haben und uns alle unsere Wünsche enthüllt haben, werden wir Licht von Oben in solch einem starken Ausmaß empfangen, dass es uns für immer aus den Hüllen unserer Welt bringen wird, um ewig in der spirituellen Welt zu leben. Unsere Umwelt jedoch wird dieser Tatsache nicht gewahr.
Die »rechte Linie« kennzeichnet einen Zustand, in dem der Schöpfer in unseren Augen stets makellos ist; wir werden des Schöpfers Aufsicht über uns in allem rechtfertigen. Dieser Zustand nennt sich »Glaube«.
Von unserem frühesten Zeitpunkt des Versuchs einer spirituellen Entwicklung und Erhöhung an sollten wir uns bemühen, so zu handeln, als hätten wir schon den völligen Glauben an den Schöpfer erlangt. Wir sollten uns vorstellen, dass wir mit unserem ganzen Wesen bereits fühlen können, dass der Schöpfer die Welt mit äußerstem Wohlwollen beherrscht, und dass die gesamte Welt nur Güte von Ihm empfängt.
Schon nach Prüfung unserer eigenen Situationen werden wir sehen können, dass wir immer noch nicht das haben, was wir uns so sehr wünschen. Wenn wir uns umschauen, können wir das gesamte Leiden der Welt und jedes Menschen auf seine bestimmte Weise sehen. Trotzdem müssen wir uns sagen, dass das, was wir sehen, ein verzerrtes Bild der Welt ist, wie durch das Vergrößerungsglas unseres eigenen Egoismus betrachtet, und dass die wahren Bilder der Welt sich uns nur dann aufdecken werden, wenn wir die Stufe des vollständigen Altruismus erreicht haben. Nur dann werden wir sehen, dass der Schöpfer die Welt einzig und allein zu dem Zweck schuf: um Seiner Schöpfung den vollkommenen Genuss und die reine Freude zu schenken.
Wenn unser Glaube an die absolute Güte des Schöpfers sich gegenüber dem durchsetzt, was wir sehen und fühlen, erleben wir einen Zustand, der als »Glaube über dem Verstand« bezeichnet wird.

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Kapitel 6

Spiritueller Fortschritt

Wir sind weder in der Lage, unseren eigenen Zustand korrekt einzuschätzen, noch können wir erkennen, ob wir uns gerade in einem spirituellen Auf- oder Abstieg befinden. Denn obwohl wir das Gefühl haben, eine spirituelle Zurückweisung erhalten zu haben, kann es im Wunsche des Schöpfers liegen, uns damit unseren wahren Zustand zu zeigen.
Das bedeutet, dass wir ohne Hingabe nicht bestehen und uns sofort der Verzweiflung hingeben. Depression oder Wut können entstehen, wenn unser Körper von dieser Lebensweise nicht ausreichende Befriedigung erhält.
Dieser Mangelzustand ist in Wahrheit jedoch ein spiritueller Aufstieg, da wir in diesem Moment der Wahrheit näher sind, als wenn wir uns glücklich fühlten.
Man sagt, dass jemand, »der sein Wissen vergrößert, auch seinen Kummer vergrößert«. Umgekehrt gilt auch, dass ein Gefühl von spirituellem Aufstieg in Wahrheit die Fehlinterpretation eines Zustandes von Selbstzufriedenheit und Selbstgefälligkeit sein kann.
Nur jemand, der bereits den Schöpfer und seine göttliche Vorsehung über die gesamte Schöpfung wahrnimmt, kann genau seinen spirituellen Zustand bestimmen.
Aus dem Gesagten ist leicht ableitbar, dass, je weiter man auf dem Weg der Selbstverbesserung fortschreitet, mit dem Bestreben, seinen Egoismus in Altruismus umzuwandeln, sich zu bessern und zu studieren, in einem Menschen das Verständnis von sich und den persönlichen Eigenschaften wächst. Mit jedem weiteren Versuch, mit jedem Tag, der neu anbricht, mit jeder Veränderung werden wir unserer Illusion beraubt, auch nur irgendetwas aus eigener Kraft erreichen zu können.
Je verzweifelter uns unsere Bemühungen machen, desto stärker wächst unser Verlangen, sich dem Schöpfer zu nähern. Wir verlangen dann, aus diesem dunklen Abgrund und dem Kerker der physischen, animalischen Begierden, in dem wir uns befinden, herausgerissen zu werden.
So schreiten die Ereignisse voran, bis wir nach Ausschöpfung unseres eigenen Vermögens und nachdem wir alles versucht haben, was in unserer Macht steht, erkennen, dass wir unfähig sind, uns selbst zu helfen. Wir müssen uns nun an den Schöpfer wenden, der uns durch die in den Weg gelegten Hindernisse zwingt, Ihn um Hilfe zu bitten und in uns den Wunsch nach der Verbindung mit Ihm zu erwecken.
Damit dieser Wunsch entsteht, muss ein Erflehen aus tiefstem Herzen kommen – was nur möglich ist, wenn wir wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben und erkennen, dass wir hilflos sind. Nur der Schrei aus der Tiefe unseres Seins, der zu unserem alleinigen Wunsch geworden ist, dass uns nur noch ein Wunder von Oben vor unserem größten Feind, dem Ego, retten kann, wird vom Schöpfer erhört, und er wird dann das egoistische Herz mit einem spirituellen ersetzen – »das steinerne Herz mit einem Herzen aus Fleisch«.

Je mehr Fortschritte wir machen, desto schlechter wird unsere Meinung über uns, bis uns der Schöpfer korrigiert.

Wir waren wirklich schon immer so, jedoch merken wir an einem gewissen Punkt nach der Erfassung der Eigenschaften der Höheren Welten, wie unsere persönlichen Wünsche eigentlich gegen das Betreten dieser Welten sind.
Obwohl wir uns müde und hoffnungslos fühlen, können wir jedoch wieder Kontrolle über unseren Körper erlangen, und nach sorgfältigen Überlegungen erkennen wir endlich, dass wir uns in einer ausweglosen Situation befinden, und dann mögen wir durch Anstrengungen des Verstandes und mit dem Erkennen der wahren Ursachen dieser Gefühle uns in einen Zustand des Optimismus und guten Mutes versetzen. Dadurch bekennen wir uns zu einem Glauben an eine gerechte Weltherrschaft, einen fürsorglichen Schöpfer und dessen Herrschaft über die Welt. Dadurch werden wir spirituell vorbereitet, das Licht des Schöpfers zu empfangen; denn nun haben wir den Glauben als Fundament unserer Weltsicht gewählt und stellen den Glauben über den Verstand.
Es gibt keinen kostbareren Moment im Leben eines spirituell voranschreitenden Menschen als den, wo er alle seine Kräfte erschöpft zu haben meint, alles Erdenkliche getan und das Ziel immer noch nicht erreicht hat. Denn nur an diesem Punkt kann er sich wahrhaftig zum Schöpfer aus der Tiefe seines Herzens nähern, da er nun ganz und gar überzeugt ist, dass ihm seine eigenen Anstrengungen nicht helfen können.
Bevor er allerdings kapituliert, ist er immer noch überzeugt, dass keine andere Kraft imstande ist, das erwünschte Ziel zu erreichen, als er selbst. Dann ist er unfähig, ernsthaft genug um Hilfe zu bitten und fällt der Stimme seines Egos zum Opfer, die ihn dazu drängt, lieber seine Anstrengungen zur Erreichung des Zieles zu vergrößern, als um Hilfe zu bitten.
Am Schluss erkennt der Suchende, dass er im Kampf gegen sein Ego diesem unterlegen ist, und Hilfe beim Bezwingen seines Feindes benötigt. Erst dann erkennt er seine eigene Bedeutungslosigkeit und die Unfähigkeit, sein Ego zu besiegen. Dann erst ist er bereit, sich vor dem Schöpfer zu beugen und Ihn um Hilfe anzuflehen.
Erst wenn der Sucher diesen Tiefpunkt erreicht hat, wird ihm klar, dass er nur mit inbrünstigen, an den Schöpfer gerichteten Gebeten aus den Niederungen seiner eigenen Natur herausgehoben werden kann.

Glaube an die Einzigartigkeit des Schöpfers

Der Glaube an die Einzigartigkeit des Schöpfers setzt voraus, dass der Mensch die ganze Welt, einschließlich sich selbst, wie Gefäße in der Hand des Schöpfers sieht. Und umgekehrt, wenn wir glauben, dass wir das Geschehen irgendwie beeinflussen können, bedeutet dies, dass wir an das Wirken vieler verschiedener Kräfte in der Welt glauben, anstatt ausschließlich der Lenkung eines Einzigen Schöpfers zu vertrauen.
Durch die Vernichtung unserer Egos bringen wir uns in Einklang mit dem wahren Zustand der Welt, in der allein der Wille des Schöpfers regiert. Solange wir diesen Zustand nicht erreicht haben, steht es uns nicht an, wie Gläubige zu handeln, die an die Einzigartigkeit des Schöpfers glauben, denn dann steht unser spiritueller Fortschritt still.
Nur durch harte Arbeit an uns selbst und durch das Pflegen der entsprechenden Sehnsüchte in uns können wir uns von der Einzigartigkeit des Schöpfers überzeugen. Erst nachdem wir vollständige Vereinigung mit dem Schöpfer und absolute Gleichheit in all seinen Wahrnehmungen erreicht haben, also bis zum höchsten Niveau der Welten gelangt sind, können wir seine Einheit erkennen. Nur dann können wir im Handeln und Tun zusammen mit der richtigen Wahrnehmung der Wirklichkeit übereinstimmend fortschreiten.
Bevor wir diesen Zustand erlangen, müssen wir in Übereinstimmung mit der jeweiligen Stufe handeln, auf der wir uns gerade befinden, und nicht auf der Stufe, die wir uns in Fantasien und Träumen wünschen.
Echte Selbst-Verbesserung auf unserem Niveau besteht aus der Verknüpfung von Vertrauen auf unsere eigenen Kräfte zu Beginn der Arbeit mit dem Glauben, dass das, was wir erreicht haben, ohnehin so gekommen wäre, da doch das gesamte Universum sich gemäß der Planung des Schöpfers und dessen Vorstellung von der Schöpfung entwickelt. Man sollte behaupten, dass alles gemäß den Vorstellungen des Schöpfers abläuft, allerdings erst nachdem wir uns bereits nach Kräften bemüht haben.

Es geht über die menschliche Vorstellungskraft hinaus, das eigentliche Wesen spiritueller Qualitäten wie Altruismus und Liebe zu verstehen.

Die Ursache dafür liegt an der simplen Tatsache, dass der Mensch nicht verstehen kann, wie solche Gefühle überhaupt existieren können, da doch jeder scheinbar einen inneren Anstoß benötigt, um irgendeine Handlung auszuführen; tatsächlich können Menschen ohne persönlichen Nutzen gar nicht über sich hinauswachsen. Daher kann eine Eigenschaft wie Selbstlosigkeit nur von Oben geschenkt werden, und nur Menschen, die Selbstlosigkeit schon erlebt haben, können sie begreifen.
Die Frage lautet, warum wir so schwer arbeiten müssen, wenn wir diese Eigenschaft dann doch von Oben erhalten? Wird die Arbeit misslingen und zu keinem Ergebnis führen, wenn der Schöpfer dem Menschen nicht hilft und ihn mit neuen Eigenschaften und einer neuen Natur ausstattet?
Der Schlüssel liegt darin, dass der Mensch von unten den Schöpfer bittet, seine Natur zu ändern. Denn nur, wenn das Verlangen ehrlich und wahrhaft stark ist, wird der Schöpfer ihm dieses gewähren.
Der Mensch muss sich enorm bemühen, dieses Verlangen stark genug zu entwickeln, damit der Schöpfer es ihm schenkt. Während wir dieses Ziel zu erreichen suchen, erkennen wir schrittweise, dass wir weder das Verlangen noch die Fähigkeiten besitzen, es aus eigener Kraft zu erreichen. Dann stellen wir dem Schöpfer eine echte Forderung: uns aus der Einengung unserer alten Eigenschaften zu befreien und was die neuen Anlagen zu schenken – eine Seele.
Dies kann erst geschehen, wenn wir uns bemühen, all unsere Kräfte und Fähigkeiten zu benutzen, um uns selbst zu ändern. Nachdem wir überzeugt sind, dass all dies nicht zum gewünschten Ergebnis führt, kann nur ein Hilfeschrei aus tiefstem Herzen eine Antwort des Schöpfers hervorrufen.
Wir können erst dann einen Ruf nach Änderung unserer Eigenschaften äußern, wenn wir erkannt haben, dass weder unsere Wünsche noch ein einziger Teil unseres Körpers mit der Änderung unserer Natur einverstanden sind, so dass wir uns bedingungslos dem Schöpfer ergeben. Man könnte sagen, dass man in dem Maße, wie man sich momentan als Sklave seiner Natur fühlt, sich gleichermaßen wünscht, ein Sklave der Selbstlosigkeit zu sein.
Erst nachdem wir die Hoffnungslosigkeit verinnerlicht haben, dass wir mit einer Änderung niemals einverstanden sein werden, können wir uns aus tiefstem Herzen an den Schöpfer wenden. Nur dann wird der Schöpfer den Schrei akzeptieren und darauf antworten, indem er all die egoistischen Eigenschaften durch ihr Gegenteil, durch altruistische, ersetzt und uns so näher an Ihn, den Schöpfer, heranzieht.
Wenn wir bedenken, dass wir gezwungenermaßen in dieser Welt arbeiten müssen, was bleibt uns dann am Lebensende übrig von all unseren Mühen? Worin liegt der Sinn all unserer Anstrengungen in dieser Welt? Wir werden feststellen, dass es eigentlich gar nicht so schwer ist, daran zu arbeiten, sich zu ändern.
Wenn wir uns geändert haben, bescheren uns unsere veränderten Eigenschaften als Ergebnis unserer inneren Anstrengungen große Freude, wenn uns bewusst ist, wozu wir all diese Arbeit auf uns nehmen. Daher erscheinen uns diese Anstrengungen nicht als Schwierigkeiten, sondern als Quelle der Freuden. Je größer die Anstrengungen, desto glücklicher sind wir, sie erhalten zu haben, da wir für jede sofort große und ewige Belohnung empfinden.
Auch in unserer Welt sehen wir, wie Begeisterung und Erregung es leichter machen, uns anzustrengen. Wenn wir Hochachtung für jemanden empfinden und ihn für die größte Person der Welt halten, dann tun wir für diesen Menschen alles mit Freuden und Dankbarkeit, aus dem einfachen Grunde, überhaupt etwas für ihn tun zu können. Die größte Anstrengung wird als Freude erlebt. Das ist ähnlich, als ob man Tanzen oder Training liebt, die Anstrengung wird mehr als Freude denn als Arbeit betrachtet.
Ein Mensch, der die Größe des Schöpfers fühlt und verinnerlicht hat, wird daher Freude an jeder Gelegenheit empfinden, dem Schöpfer zu gefallen. Was also anfangs wie Sklaverei aussah, wird sich tatsächlich in Freiheit voller Freuden verwandeln.
Wenn also unsere spirituellen Anstrengungen nur mit Schwierigkeiten verbunden sind, und wir uns außerordentlich anstrengen müssen, um Spiritualität zu erreichen, dann ist das ein Anzeichen dafür, dass in unseren Augen und mit unserer Wahrnehmung uns der Schöpfer noch nicht groß genug erscheint, und dass unsere Aufmerksamkeit auf andere Ziele gelenkt wird, statt nach dem Spirituellen zu greifen. Solange wir aber andere Ziele verfolgen, werden wir keinerlei Unterstützung vom Schöpfer bekommen und weiter von unserem ursprünglichen Ziel abweichen.

Auch wenn wir uns auf den Schöpfer zubewegen, werden wir Seine spirituelle Unterstützung nicht sofort erhalten.

Würden wir durch unsere Anstrengungen umgehend Inspiration und Freude empfinden, würde unser Ego höchst erfreut sein und die Anstrengung nur um der daraus resultierenden Freude willen unternehmen. So wäre jedoch die Möglichkeit verloren, die egoistische Natur zu überwinden und zu reinem Altruismus aufzusteigen. Idealerweise sollten wir nur an Freuden aus der spirituellen Selbst-Besserung interessiert sein, die größer sind als alle anderen.

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Kapitel 7

Unsere Wahrnehmungen

Wenn man sich kontinuierlich mit etwas beschäftigt, entwickelt man allmählich ein tieferes Verständnis gegenüber der betreffenden Sache und auch eine entsprechende Terminologie. Daher können wir aus allem in der Welt Existierenden, ohne vorheriges Wissen darüber, mit Hilfe der Praxis Erfahrung sammeln.
Es gibt jedoch eine entscheidende Grenze für unsere Wahrnehmung und dem dazugehörigen Verständnis. Wir sehen uns dem wahrgenommenen Objekt separat gegenüber.
Es gibt den Wahrnehmenden und das Objekt, das von ihm wahrgenommen wird. So gibt es den Menschen, der versteht, und getrennt von ihm das zu erfassende Objekt.
Ein gewisses Maß an Kontakt zwischen dem Wahrnehmenden und dem wahrgenommenen Objekt ist unerlässlich für den Prozess der Wahrnehmung: eine Verbindung, etwas, das beide vereinigt und während der Wahrnehmung beiden gemeinsam ist. Man erfasst die Umgebung nur durch die eigene Wahrnehmung, und diese wird als wahre und verlässliche Information empfunden.
Da wir unfähig sind, unsere Umgebung objektiv wahrnehmen zu können, nehmen wir an, dass das durch unsere Sinne entstandene Bild wahr ist. Wir haben keine Kenntnis davon, wie das Universum außerhalb unserer Sinne aussieht oder wie es Wesen erscheinen würde, die mit anderen Sinnesorganen ausgestattet sind als den unsrigen. Wir erlangen ein Abbild der Realität aus der Wahrnehmung unserer Umgebung; wir nehmen an, dass unsere Sinnesorgane genau arbeiten, und wir halten das Bild der Realität, das wir bekommen, für wahr.
Ausgehend von der Grundannahme, dass außer dem Schöpfer und Seiner Schöpfung nichts existiert, können wir sagen, dass das Bild und die Wahrnehmung eines jeden von uns die Mittel sind, mit denen der Schöpfer sich unserem Bewusstsein zeigt. Auf jeder Stufe unseres spirituellen Aufstiegs kommt das Abbild dem wahren Bild näher, bis wir auf der letzten Stufe der Erhöhung den Schöpfer wahrnehmen und dann ausschließlich Ihn. Daher existieren alle Welten und alles, was es unserer Annahme nach außerhalb von uns zu geben scheint, tatsächlich nur in ihrer Beziehung zu uns, also zu jemandem, der die Realität auf diese spezielle Art und Weise wahrnimmt.

Wenn wir den Schöpfer oder Seine Herrschaft über uns jetzt nicht anerkennen, dann bedeutet das, dass wir in Dunkelheit verharren.

Dennoch können wir die Abwesenheit der Sonne nicht feststellen, da unsere Wahrnehmungen subjektiv sind. Nur wir selbst bauen unsere Wirklichkeit auf diese Weise auf.
Wenn wir jedoch feststellen, dass die Verleugnung des Schöpfers und Seiner göttlichen Regeln rein subjektiv und einem Wandel unterzogen ist, können wir dennoch den spirituellen Aufstieg durch Willensanstrengung und mithilfe verschiedener Texte und Lehrer beginnen. Am Anfang unseres spirituellen Aufstiegs erkennen wir darüber hinaus, dass der Zustand der Dunkelheit vom Schöpfer aus einem einzigen Grund erzeugt wurde, nämlich um das Bedürfnis nach Seiner Hilfe zu entwickeln und um uns Ihm näher zu bringen und uns an Ihn zu heften.
In der Tat hat der Schöpfer solche Bedingungen gerade für die Geschöpfe geschaffen, von denen er eine Annäherung wünscht. Es ist daher wichtig zu erkennen, dass das Erheben eines Individuums aus dem Zustand der Dunkelheit seinem Schöpfer Vergnügen bereitet; je dunkler die Nacht, aus der ein Mensch herausgezogen wird, desto heller wird die Erscheinung der Größe des Schöpfers und desto größer die Freude an seinem neuen spirituellen Zustand sein.
Während wir die Dunkelheit wahrnehmen und gegenüber der Herrschaft des Schöpfers blind sind sowie der Glaube an Ihn fehlt, sollten wir unter Aufwendung unserer Willenskraft mithilfe eines Buches oder eines Lehrers den Weg aus der Dunkelheit suchen, bis wir wenigstens einen feinen Lichtstrahl, eine schwache Wahrnehmung vom Schöpfer bekommen. Dann gelingt es uns, aus der Dunkelheit zum Licht zu gelangen und den Lichtstrahl weiter zu stärken, indem wir unaufhörlich unsere Gedanken auf den Schöpfer richten.
Wenn wir erkennen, dass ein solcher Zustand in der Dunkelheit für die Weiterentwicklung notwendig und sogar wünschenswert ist und uns vom Schöpfer persönlich geschickt wurde, dann werden wir die Dunkelheit willkommen heißen. Uns wird die Erkenntnis zuteil, dass uns vom Schöpfer die Wahrnehmung der Schatten oder unvollständige Dunkelheit geschenkt wurden, damit wir nach der Quelle des Lichts suchen mögen.
Wenn wir allerdings nicht die Gelegenheit nutzen, vom Lichtstrahl berührt zu werden, dann verhüllt sich der Schöpfer vollständig. Absolute Dunkelheit wird vorherrschen und uns das Gefühl der Abwesenheit des Schöpfers und Seiner Herrschaft vermitteln. Dann verstehen wir nicht mehr, warum wir jemals versucht haben, spirituelle Ziele zu verfolgen, wie überhaupt die Realität und der eigene Verstand ignoriert werden konnten. Und so wird es stockfinster bleiben, bis uns der Schöpfer aufs Neue einen feinen Lichtstrahl sendet.

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Kapitel8

Die Struktur der Spiritualität

Die Wünsche eines Menschen werden Gefäße genannt, die spirituelles Licht oder Vergnügen beinhalten können. In ihrer Substanz jedoch müssen diese Wünsche den Eigenschaften des spirituellen Lichts entsprechen. Anderenfalls kann nach dem Gesetz der Äquivalenz der Form spiritueller Objekte das Licht nicht in sie hineinfließen.
Die Beziehung spiritueller Objekte untereinander – ob sie sich nahe oder fern sind, ineinander fließend und verbindend – basiert immer auf dem Prinzip der Gleichheit der Eigenschaften.

Der Schöpfer möchte dem Menschen das geben, was sich der Mensch wünscht – die Rückkehr zum Schöpfer.

Daher wird das Herz oder das Gefäß eines Menschen mit der Wahrnehmung des Schöpfers in Relation zu dem Ausmaß gefüllt, in welchem der Egoismus abgebaut und umgewandelt wurde. Dies geschieht in Übereinstimmung mit dem Gesetz der Gleichheit der Eigenschaften zwischen Licht und Gefäß.
Wir sind tatsächlich in der Lage, unseren spirituellen Aufstieg aus jeder Situation, in der wir uns befinden, zu beginnen. Wir müssen uns nur bewusst werden, dass unter Berücksichtigung vom höchsten bis zum niedrigsten der Schöpfer für uns diesen Zustand ausgesucht hat, damit wir uns auf den Weg des spirituellen Fortschritts begeben.
Daher gibt es keine bessere Verfassung, Stimmung oder äußere Umstände, die geeigneter oder vorteilhafter als unser jetziger Zustand für unsere Entwicklung sein könnten, wie hoffnungslos und trostlos er uns auch erscheinen möge.
Wenn wir das erkennen, können wir über die Gelegenheit, den Schöpfer um Hilfe zu bitten und ihm zu danken, froh sein, auch wenn wir uns in einer schrecklichen Lage befinden.
Wenn etwas ewig ist und nicht aus dem Universum verschwindet, selbst wenn es das endgültige Ziel erreicht, wird es als »spirituell« bezeichnet. Dahingegen wird Egoismus (die angeborenen Wünsche und die Natur des menschlichen Wesens) als kaum relevant bezeichnet, da er nach der Korrektur verschwindet. Unsere Substanz bleibt bis zur endgültigen Korrektur erhalten, und dann ändert sich nur die Form. Wenn unsere Wünsche korrigiert sind und sich in altruistische verwandelt haben, werden es uns auch unsere negativen angeborenen Eigenschaften erlauben, den Schöpfer zu erfassen.
Das Vorhandensein eines spirituellen Ortes steht nicht in Beziehung mit einem tatsächlichen Ort. Alle diejenigen, die diesen Zustand nach der Verbesserung ihrer spirituellen Eigenschaften erreichen, sind in der Lage, das Gleiche zu sehen und zu empfinden.
Die Leiter des Schöpfers hat 125 Stufen. Diese Stufen sind gleichmäßig auf fünf Welten verteilt, die folgende sind:
die Welt von Adam Kadmon,
die Welt von Azilut,
die Welt von Briah,
die Welt von Jezira,
die Welt von Assija.
Jede Stufe steht für eine unterschiedliche Wahrnehmung des Schöpfers, je nach der ihr eigenen Eigenschaft. Diejenigen, die die Eigenschaften einer bestimmten Stufe erhalten haben, sehen die Kabbala und den Schöpfer in einem neuen Licht.
Jeder, der ein bestimmtes Niveau in der spirituellen Welt wahrnimmt, verfügt über die gleiche Wahrnehmung aller anderen auf der gleichen Stufe.
Wenn Kabbalisten sagen: »Also sprach Abraham zu Isaak«, zeigt es an, dass sich die Kabbalisten auf der gleichen Stufe wie Abraham befanden, denn die Kabbalisten verstanden die Antwort, die Abraham Isaak gab, weil sie mit ihm auf gleicher Stufe standen.
Zu seinen Lebzeiten erreichte der Kabbalist Rabbi Yehuda Ashlag alle 125 Ebenen. Von diesem erhabenen Ort aus schrieb er die Kabbala und das Meisterwerk der Kabbala, seinen Kommentar zum Zohar, an denen sich unsere Generation nun erfreuen darf.
Jede dieser 125 Stufen existiert tatsächlich; diejenigen, die jede einzelne von ihnen erkennen, sehen das Gleiche, genauso wie alle Bewohner unserer Welt ein und dasselbe sehen, wenn sie am gleichen Ort sind.
Sobald wir auch nur mit dem kleinsten selbstlosen Wunsch in Berührung kommen, können wir den Weg der spirituellen Auf- und Abstiege beginnen: einerseits sind wir bereit, uns vor dem Schöpfer für null und nichtig zu erklären, und zum anderen verschwenden wir keinen Gedanken an Ihn. Der Gedanke an Spiritualität scheint auf einmal ganz fremd und beschäftigt uns nicht mehr.
So ähnlich ist es zwischen Mutter und Kind, wenn das Kind laufen lernt. Sie hält es an der Hand und lässt es so ihre Unterstützung spüren, und dann lässt sie plötzlich los. Dabei fühlt sich das Kind verlassen und ohne Hilfe und macht gezwungenermaßen einen Schritt wieder auf die Mutter zu. Nur so kann es lernen, unabhängig zu laufen.

Es mag daher den Anschein haben, als ob uns der Schöpfer verlässt, doch in Wirklichkeit wartet Er auf unseren ersten selbstständigen Schritt.

Man sagt, dass die Höhere Welt in völliger »Ruhe« verharrt, und das Wort »Ruhe« bedeutet, dass die Wünsche keine Änderung durchlaufen. Der Wunsch, Gutes zu schenken, verändert sich nie.
Bei unseren Taten und Antrieben in unserer emotionalen (egoistischen) und in der spirituellen (altruistischen) Welt dreht es sich darum, vorherige Wünsche durch neue zu ersetzen. Wenn ein solcher Austausch nicht stattgefunden hat, hat sich nichts verändert und kein Schritt vorwärts wurde gemacht.
Das betrifft auch den ursprünglichen, kontinuierlichen Gedanken, der sehr lebhaft und intensiv sein mag, wenn er uns keine Ruhe lässt. Sollte der Wunsch jedoch unveränderlich und beständig bleiben, gibt es keine Bewegung.
Wenn es also heißt, dass das Höhere Licht in absoluter Ruhe verweilt, bedeutet es, dass der Wille des Schöpfers uns beharrlich und konstant Gutes verleiht. Wir befinden uns in einem Lichtermeer. Der Punkt jedoch, der das »Ich« in uns ist, wird vom Egoismus umhüllt, und wir sind deshalb nicht in der Lage, uns am Licht zu erfreuen und treiben nur so dahin.

Trügerische Genüsse

Die Genüsse dieser Welt, wie sie unsere Gesellschaft definiert und vorzieht, kann man in verschiedene Typen aufteilen: Statussymbole: (Reichtum, Berühmtheit), natürliche (Kinder, Familie), kriminelle (Vergnügen auf Kosten anderer Leben), illegale (Vergnügen auf Kosten des Vermögens anderer), erotische usw.
All diese Freuden werden von der Gesellschaft akzeptiert, auch wenn einige von ihnen einer Verurteilung oder Bestrafung unterliegen. Es gibt jedoch eine bestimmte Art von Genuss, die in keiner Gesellschaftsschicht akzeptiert wird und die Proteste heraufbeschwört und nur mit ausgiebigem finanziellem Aufwand bekämpft werden kann, obwohl der Schaden, der der Gesellschaft dadurch bereitet wird, vielleicht am bedeutungslosesten ist. Zum Beispiel sind Drogensüchtige in der Regel anspruchslose Leute, die ganz in ihre Gefühle vertieft sind. Warum erlauben wir unseren Mitmenschen nicht, sich ihren Vergnügen zu widmen, die nur eine geringe Bedrohung für die Gesellschaft darstellen? Warum geben wir ihnen nicht die Chance, ihren vergleichsweise anspruchslosen, friedvollen Vergnügen nachzugehen, die niemanden schädigen, im Gegensatz zu kriminellen, illegalen und anderen Vergnügen?
Trügerische Genüsse trennen uns von unseren wahren Zielen und bewirken, dass wir uns selbst vergessen und uns antreiben, unser Leben damit zu verbringen, ihnen wie betäubt nachzujagen.
Stimmt es denn, dass alles, was uns anzieht, falsche Vergnügungsmittel sind? Anstatt wahren Genuss zu suchen und uns zum Spirituellen hinzuwenden, suchen wir Befriedigung in ständig wechselnden Modeerscheinungen, in der Anhebung unseres Lebensstandards und in der Produktion von neuen Gütern. Es ist so, als ob wir rasen, um ja nicht irgendwann ohne das neueste Vergnügen zu enden, damit wir nicht fühlen müssen, dass das Leben per se uns eigentlich keinen zufriedenstellenden Genuss verschafft.

Sobald ein Mensch erreicht, was er angestrebt hat, muss er sich sofort ein neues Ziel setzen, weil das bereits erreichte Ziel seine Anziehungskraft verliert.

Jetzt ohne Hoffnung auf neue Vergnügen, ohne Suchen und Jagen, erscheint einem das Leben ohne Anreiz. Kann man da nicht sagen, dass all unsere Moden und Lebensstile, denen wir ständig hinterherjagen, nichts weiter als eine andere Art von Drogen sind? Was ist der Unterschied zwischen dem Vergnügen eines Drogensüchtigen und dem Vergnügen, das aus dem Weltlichen und Materiellen bezogen wird?
Warum widersetzt sich der Schöpfer, die göttliche Oberaufsicht, dem aus Drogen bezogenen Vergnügen? Warum veranlasst er uns, Anti- Drogen-Gesetze zu verfassen? Warum erweitern wir diesen Ansatz nicht auch auf andere materielle Vergnügen, die uns ganz gewöhnliche Dinge dieser Welt bereiten?
Drogen sind in unserer Welt nur aus dem Grund verboten, weil sie einer Person ermöglichen, sich vor der Realität zu flüchten. Sie machen eine Person unfähig, den Höhen und Tiefen des Lebens die Stirn zu bieten, die aus Mangel an egoistischen Vergnügen verursacht werden. Diese Tiefs sind tatsächlich Mittel, um uns zu reformieren, denn nur eine kleine Gruppe der Bevölkerung wendet sich freiwillig zur Religion und zur Kabbala, um sich zu ändern. Paradoxerweise wenden sich Menschen in harten Zeiten, wenn sie Kummer erleiden, dem Schöpfer zu. Ist es nicht seltsam, dass sie sich nicht vom Schöpfer abwenden? Wo er doch derjenige ist, der den Menschen dieses Leiden schickt?
Drogen sind eine Quelle trügerischen Genusses und sind deshalb verboten. Eine Person unter dem Einfluss von Drogen glaubt, Vergnügen zu empfinden, was zur Folge hat, dass diese Person den Weg zur wahren spirituellen Freude nicht finden kann. Aus diesem Grund sieht die Gesellschaft unterbewusst Drogen auch als die gefährlichste Sucht an, obwohl sie für andere Menschen gar keine unmittelbare Gefahr darstellt.

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Kapitel 9

Ein Hilfegesuch

Das Einzige, was der Schöpfer in uns geschaffen hat, ist unser Egoismus. Wenn wir die Auswirkungen unseres Egoismus zunichte machen können, dann werden wir wieder nur den Schöpfer wahrnehmen, und das egoistische Element wird nicht länger existieren.
Wenn wir an uns arbeiten, sollten wir versuchen, beides zu fördern, das Gefühl unserer eigenen Minderwertigkeit bezüglich des Schöpfers und das Gefühl von Stolz auf Grund der Tatsache, dass das menschliche Wesen der Mittelpunkt der Schöpfung ist. Uns wird diese Sonderstellung eingeräumt, wenn wir die Absicht der Schöpfung voll erfüllen; ansonsten sind wir nicht anders als die Tiere. Nachdem wir Erfahrungen aus diesen beiden widersprüchlichen Stadien gesammelt haben, entwickeln wir zwei Reaktionen dem Schöpfer gegenüber. Die erste ist die Bitte um Hilfe. Die zweite ein Ausdruck von Dankbarkeit für die Gelegenheit, spirituell erhoben zu sein.
Die primären Hilfsmittel, mit denen wir in der Spiritualität vorankommen, sind die Bitten an den Schöpfer um Hilfe und die Forderung an Ihn, die Sehnsucht in uns nach spiritueller Entwicklung zu mehren. Dieses Ersuchen um das Geschenk der Stärke wird uns helfen, unsere Furcht vor der Zukunft zu überwinden. Des Weiteren sollten wir, um unseren selbstsüchtigen Neigungen widerstehen zu können, unseren Glauben an die Großartigkeit, die Kraft und die Einheit des Schöpfers stärken. Darum müssen wir unseren Schöpfer bitten, uns die Fähigkeit zu geben, unseren dauernden Drang, nach unserer eigenen Vernunft zu handeln, zu unterdrücken.
Einige von uns werden anfangen, während unserer Gebete (Kavanot), Bitten oder bestimmten Handlungen gedanklich bei anderen Vorhaben zu verweilen.

Der Schöpfer hört jedoch nicht auf die Worte, die wir äußern, sondern schaut auf die Gefühle in unserem Herzen.

Daher ist es wertlos, Energie darauf zu verschwenden, schöne Phrasen von uns zu geben, die keine innere, von Herzen kommende Bedeutung haben, zweifelhafte Symbole anzuschauen oder Kavanot aus kabbalistischen Gebetbüchern zu lesen. Wir müssen hingegen von ganzem Herzen nach dem Schöpfer streben, um die Natur unserer Sehnsüchte zu verstehen und den Schöpfer anzuflehen, diese zu ändern. Am wichtigsten ist es, niemals unsere Unterhaltung mit dem Schöpfer abzubrechen!

In Gedenken an den Kabbalisten Rabbi Baruch Ashlag

Der Schöpfer wirkt auf uns durch verschiedene Elemente, aus denen unsere Welt gemacht ist. Die Ereignisse, die wir erleben, sind eigentlich Botschaften vom Schöpfer. Wenn wir auf die göttlichen Handlungen richtig reagieren, verstehen wir vollkommen, was der Schöpfer von uns erwartet, und wir werden Ihn spüren.
Der Schöpfer wirkt auf uns nicht nur durch die Menschen um uns herum, sondern er verwendet alles, was in der Welt existiert. Die Welt ist auf solche Weise geschaffen, dass der Schöpfer auf uns Einfluss nehmen kann und uns näher an das Ziel der Schöpfung bringt.
Selten fühlen wir die Präsenz des Schöpfers in den uns täglich gestellten Situationen. Das ist so, weil unsere Attribute uns dem Schöpfer gegenüber platzieren und es daher für uns unmöglich ist, den Schöpfer zu fühlen. Sobald wir Eigenschaften ähnlich denen des Schöpfers erwerben, beginnen wir Ihn proportional dazu zu spüren.
Wenn wir dann in Not geraten und schwere Zeiten durchleben, müssen wir uns fragen: »Warum passiert mir das?«, und: »Warum tut der Schöpfer mir das an?« Bestrafungen als solche existieren nicht, obwohl sie häufig in der Bibel (den Fünf Büchern Moses, den Schriften und den Propheten) erwähnt werden. Das sind nur Anreize, die uns zwingen, gegen unsere selbstsüchtigen Wünsche vorzugehen.
Unser Bewusstsein von Dingen ist nur ein zusätzlicher Mechanismus, der uns hilft, richtig zu verstehen, was wir fühlen. Wenn wir uns unser Leben vorstellen, sollten wir es uns als ein gigantisches Klassenzimmer vorstellen mit dem allwissenden Schöpfer als Lehrer, der das Wissen, das wir bereit sind zu empfangen, großzügig an uns verteilt. Dieses erweckt kontinuierlich in unseren neugeborenen spirituellen Sinnesorganen das Gespür für den Schöpfer.
Der Schöpfer hat für uns eine Leiter für unseren Aufstieg gefertigt. Es ist eine bewegliche Leiter.
Diese Leiter erschien Jakob im Traum und wurde von Rabbi Yehuda Ashlag, der Baal HaSulam genannt wird, und seinem Sohn Baruch Ashlag beschrieben.
Oft drehen wir der Quelle des Wissens, durch die Leiter symbolisiert, den Rücken zu, und nur mit großer Mühe schaffen wir es, uns wieder umzudrehen, um uns zum Schöpfer hinzubewegen. Deswegen schickt er uns Lehrer, Bücher und Studiergemeinschaften.
Studenten, die der Lehre der Kabbala folgen, leben in der physischen Welt, sind aber von ihrer Selbstsucht überladen. Deswegen können sie die Weisen, die ihnen körperlich nahe sind und sich aber auch in der spirituellen Welt entfalten, nicht wirklich verstehen.
Diejenigen, die die Vernunft und eigenen Meinungen beiseite lassen können und dem Beispiel der Schreiber der authentischen Bücher der Weisheit folgen, werden fähig sein, sich unbewusst mit dem Spirituellen zu verbinden. Nur weil wir den Schöpfer in der Welt nicht sehen oder fühlen können, gelingt es uns nicht, unsere Selbstsucht Ihm zu unterwerfen.
Die Gedanken der Lehrer oder Kabbalisten können ihre Studenten durchdringen und Glauben in ihnen erwecken. Dieses entspricht dem spirituellem ACHaP des Lehrers: Osen (Ohr), Chotem (Nase), Pe (Mund) und repräsentiert die Gefäße des Empfangens, hinunter bis zu G”E (Galgalta ve Ejnaim), welches das Gefäß der Schenkung für die untere Ebene repräsentiert (zum Beispiel der Stufe des Studenten). Ein Aufsteigen zur Stufe des Lehrers ACHaP bedeutet Verbindung mit der Weisheit und den Gedanken des Meisters. Desgleichen, wenn sich ein Student in die ACHaP eines Textes von Weisheit vertieft, er dann kurzzeitig aufsteigt und ihm das Spirituelle enthüllt wird.
Wenn wir Bücher von Kabbalisten wie Baal HaSulam, Shimon Bar Jochai lesen, sind wir direkt durch das sie umgebende Licht mit ihnen verbunden. Wir sind dann erleuchtet, und unser Gefäß des Empfangens wird gereinigt.
Es ist wichtig, während des Lesens die Gestalt des Schreibers im Gedächtnis zu behalten, unabhängig davon, ob er lebt oder gestorben ist. So können wir jederzeit gefühlsmäßig ein Band mit dem Autor während des Studiums seines Werkes knüpfen.
Es gibt viele Wege, die zum Schöpfer führen, und er benutzt viele Mittel, um über uns zu walten. Jede Schwierigkeit oder jedes Hindernis auf dem Weg des Studenten, besonders der Tod eines Lehrers, kann als eine Gelegenheit zur Transformation auf einer individuellen Stufe angesehen werden.

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Kapitel 10

Den Wünschen der Selbst-Erfüllung widerstehen

Der Hörsinn wird Glauben genannt, denn wenn ein Mensch als Wahrheit das akzeptieren möchte, was er hört, muss er auch glauben, was er gehört hat.
Sehen wird Wissen genannt, weil der Mensch, der nichts vertrauensvoll annehmen kann, es erst akzeptiert, wenn er es mit eigenen Augen sehen kann. Bis man keine selbstlosen Eigenschaften von Oben empfangen hat, ist man nicht fähig zu sehen, weil wir alles, was wir sehen, mit unseren egoistischen Sinnen aufnehmen. Das macht es für einen Menschen umso schwieriger, sich vom Egoismus zu lösen. Deswegen müssen wir zuerst blind umherlaufen, während wir das erobern müssen, was uns unser Ego zu tun befiehlt. Dann, nachdem wir uns den Glauben zu Eigen gemacht haben, erwerben wir allmählich das höhere Wissen.
In der Absicht, unseren Egoismus durch Altruismus zu ersetzen und unsere Vernunft durch Glauben, müssen wir die Großartigkeit und Herrlichkeit der spirituellen Welt gegenüber unserer erbärmlichen, materiellen, zeitlich begrenzten Existenz schätzen. Wir müssen begreifen, wie bedeutungslos es ist, uns selbst statt dem Schöpfer zu dienen. Wie viel segensreicher und genussvoller ist es, den Schöpfer zu erfreuen, anstelle des unzulänglichen Egos (unseres Körpers). Das Ego kann in keiner Weise zufriedengestellt werden und kann uns seine Würdigung nur durch Belohnung mit flüchtigen Vergnügen zeigen.
Wenn man den menschlichen Körper mit dem Schöpfer vergleicht, müssen wir entscheiden, für wessen Vorteil wir arbeiten und wessen Sklave wir werden möchten. Es gibt keine andere Alternative. Je mehr ein Mensch seine eigene Bedeutungslosigkeit versteht, desto leichter wird es für ihn sein, den Schöpfer zu wählen.
Es gibt vier Aspekte des Wunsches zu empfangen: unbelebt, pflanzlich, belebt und sprechend.
Der Aspekt der unbelebten Natur stellt Vollkommenheit dar. Das Gefühl von Perfektion entsteht in dem umgebenden, von weit her kommenden Licht, und dieses ferne Licht scheint auf einige in unserer Welt, auch wenn die Eigenschaften dieser Welt der Welt des Schöpfers entgegengesetzt sind. Auf die gleiche Weise behält eine »spirituell unbelebte « Person ihre Existenz bei, so wie sie jetzt eben gerade ist. Aus diesem Grund unterscheiden sich ihre Wünsche nicht von den Wünschen der anderen, die so sind wie sie, das heißt, sie ist unfähig und unwillig, sich irgendwie von allein spirituell anzustrengen.
So wie die pflanzliche Welt auf der leblosen Natur gegründet ist, braucht die spirituelle Welt eine Vorstufe auf der unbelebten Basis. Ein Mensch hat keine andere Wahl, als auf der unbelebten Stufe zu beginnen.
Diejenigen, die nicht nur auf der spirituell unbelebten Stufe verharren möchten, müssen einen neuen Anlass finden, das zu ändern, was sie vorher gezwungenermaßen zu ihren Handlungen motivierte: die Macht der Gewohnheit, die Erziehung und die Umgebung.

Ein Mensch, der sich wünscht, zu wachsen, spirituell aufzuwachen, eigene große spirituelle Schritte zu machen, unabhängig davon, was andere darüber denken oder was die Gewohnheiten oder die Erziehung durch die Gesellschaft betrifft, so ein Mensch wird sich weigern, einfach blind seiner Erziehung zu folgen.

Die Entscheidung, nicht mehr automatisch zu handeln, ist der Beginn eines neuen spirituellen Daseins.
So wie sich eine Saat in der Erde erst verlieren muss, um zu wachsen, so muss der Mensch auch völlig aufhören, irgendein spirituelles Leben unter der Masse der Unbelebten zu spüren, bis er zur Schlussfolgerung kommt, dass er unbelebtes Leben für tödlich hält. Dieses Gefühl in sich selbst gestaltet ein Gebet.
Mit der Absicht, lebendig und fähig zu werden und individuell, spirituell zu wachsen, muss der Mensch beginnen, auf verschiedene Art und Weise an sich zu arbeiten und sozusagen mit dem Beackern der unbelebten Erde anfangen.
Der spirituelle Fortschritt kann nur durch Widerstehen des Wunsches, sich selbst zu erfüllen, erreicht werden. Deswegen überprüft jemand, der zum Schöpfer hin strebt, regelmäßig seine eigenen Wünsche und entscheidet genau, welche Freuden er akzeptiert. Weil der Schöpfer es wünscht, Seine Geschöpfe zu beschenken, muss der Mensch bestimmte Freuden hinnehmen. Er muss jedoch alle Freuden ausschließen, die nicht für den Segen des Schöpfers gedacht sind.
In der Sprache der Kabbala kann es so beschrieben werden: Unsere Willenskraft (Pe de Rosh, ein Schirm, der im Verstand platziert ist) kalkuliert das Ausmaß des Vergnügens, das zum Wohle des Schöpfers empfangen werden kann mit der Absicht, Ihm Freude zu bereiten, die mit dem Ausmaß unserer Liebe für Ihn exakt übereinstimmt. Wir erfahren genau diese Menge. Jedes andere Vergnügen, an dem ein Mensch teilnimmt und das sich nicht auf das Wohl des Schöpfers ausrichtet, ist mit Furcht behaftet, den Schöpfer zu verärgern.
Deshalb sollten die Handlungen eines Menschen nur durch das Bestreben bestimmt werden, dem Schöpfer zu gefallen statt durch den Vorteil, Ihm näher zu stehen oder aus Furcht, weiter weg von Ihm zu sein. Letzteres bezieht sich auf das egoistische Bestreben im Vergleich zur selbstlosen, bedingungslosen Liebe. Der Wunsch, dem Schöpfer zu gefallen, oder die Furcht, Ihn zu verärgern, stellen das selbstlose Verlangen dar.
Wir erfahren starke Emotionen wie Freude, Kummer, Vergnügen und Furcht mit unserem ganzen Körper und nicht nur mit einigen Körperteilen. Ein Mensch, der seine Wünsche überprüfen möchte, sollte feststellen, ob sein ganzer Körper mit seinen Gedanken einverstanden ist.
Wenn jemand zum Beispiel betet, sollte er sich vergewissern, dass all seine Gedanken, Wünsche und alle Organe seines Körpers mit dem übereinstimmen, was er sagt, oder er äußert seine Worte nur mechanisch, ohne ihrer Bedeutung Beachtung zu schenken. Unter einem mechanischen Lesen versteht man, dass jemand entweder ein Unwohlsein vermeidet, welches die Ursache im Konflikt zwischen dem Körper und der Bedeutung des Gebetes sein könnte, oder das fehlende Verständnis, wie ein Gebet einem Gutes tun soll, wenn es von einem Menschen aus einem Gebetbuch heruntergeleiert wird.
Es lohnt sich, sein Herz zu befragen, wofür es beten soll.
Ein Gebet ist nicht das, was unsere Lippen mechanisch sagen, sondern was sich unser ganzer Körper und unsere Vernunft wünschen.

So kann man sagen, dass ein Gebet die Arbeit des Herzen ist, wenn das Herz absolut mit dem übereinstimmt, was die Lippen sagen.
Erst wenn ein Mensch seinen gesamten Körper in Anspruch nimmt, wird er eine Antwort bekommen, was bedeutet, dass nicht nur ein einzelnes Organ sich wünscht, sich vom Egoismus zu befreien, geschweige denn den Schöpfer in diesem Bemühen um Hilfe zu bitten.
Erst in dem Moment ist er fähig, ein aufrichtiges Gebet an den Schöpfer zu richten, indem er um Erlösung aus der spirituellen Verbannung bittet.
Ein Mensch muss danach streben, das Motiv seiner Handlung einer automatischen Handlung gleichzumachen, die den Willen des Schöpfers ausführt. Genauso wie der Körper wie ein Roboter den Willen des Schöpfers ausführt, ohne die Gedanken dahinter zu verstehen oder sofort den Vorteil zu erkennen, muss auch die Absicht sein, Seinen Willen zu befolgen, weil »es so der Wille des Schöpfers ist«.
Solch ein Akt wird »dem Schöpfer zuliebe«, lishma, genannt. Es gibt einen einfachen Weg, um festzustellen, welche Motivation hinter der Handlung eines Individuums steckt: Wenn es »für den Segen des Schöpfers« ist, dann ist der Körper eines Menschen unfähig, auch nur die geringste Bewegung zu machen. Ist es für den eigenen Vorteil in dieser oder in der kommenden Welt, dann ist es so, dass je mehr einer an seinen eigenen Vorteil denkt, er umso mehr Energie bekommt, um den Willen des Schöpfers zu achten.
All das verdeutlicht, dass es die Absicht (Kavana) ist, welche die Qualität unserer Handlung bestimmt. Mehr Handlungen auszuführen, führt nicht unbedingt zu deren qualitativer Verbesserung.
Alles, was passiert, geschieht unter dem Einfluss von höheren, spirituellen Kräften. Und wir hier unten in unserer Welt haben dem Prinzip von Ursache und Wirkung der spirituellen Kräfte jahrhundertelang zugeschaut. Ein Mensch, der die Folgen von Ereignissen voraussehen kann und deswegen unerwünschte Konsequenzen vorhersagt und vermeidet, wird Kabbalist genannt.
Unsere Welt ist eine Welt von sich abwechselnden Erscheinungsformen spiritueller Kräfte, wobei die Wechselwirkung zwischen diesen Kräften über uns steht und jenseits unserer Vorstellungen liegt.
Nur ein Kabbalist hat die Fähigkeit, die Ereignisse vorauszusehen, bevor sie sich hier in dieser Welt manifestieren. Somit hat er auch die Möglichkeit, deren Erscheinung zu verhindern.

Weil jedoch alle Ereignisse mit der Absicht für eine Selbstkorrektur geschickt werden, weil wir diese Korrektur zum Erreichen des letztendlichen Zieles der Schöpfung benötigen, gibt es niemanden, der uns in unseren Bemühungen helfen kann, außer wir selbst. Der Schöpfer schickt uns kein Leiden, sondern eher alles, was wir für unseren spirituellen Fortschritt benötigen.
Ein Kabbalist ist kein Zauberer, der Wunder vollbringt. Seine Aufgabe unter uns ist es, den Menschen hauptsächlich bei der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins zu helfen, bis zu dem Niveau, an dem der Prozess der Selbstkorrektur als notwendig erkannt wird. Letztendlich ist er auch dazu da, den Menschen, falls sie es wünschen, individuell zu helfen.
Ein Mensch ist in keiner Weise seines Herzens mächtig, egal wie stark, intelligent oder wie fähig er sein mag. Das Einzige, was er tun kann, ist, gute Taten zu vollbringen, und den Schöpfer darum zu beknieen, sein Herz gegen ein anderes auszutauschen. (Das Wort »Herz« bezeichnet gewöhnlich alle Wünsche eines Menschen). Alles, was von ihm gefordert wird, ist, dass er anstelle unzähliger Wünsche nur noch einen großen Wunsch hegt. Der Wunsch, der von ganzem Herzen kommt, ist wie ein Gebet. Solch ein großer, von ganzem Herzen kommender Wunsch lässt keinen Platz mehr für irgendeinen anderen.
Ein Einzelner kann diesen großen Wunsch in seinem Herzen nur entwickeln, wenn er sich beharrlich und unablässig darum bemüht. Dabei muss er eine Reihe von Widerständen überwinden und weiter voranschreiten, auch wenn er ganz deutlich bemerkt, dass er weit entfernt vom Ziel ist und Kabbala nur zu seinem eigenen Nutzen und nicht zum Segen des Schöpfers studiert.
Die zu überwindenden Widerstände sind: körperliche Beschwerden; die Besorgnis, dass die Bemühungen nicht wirklich spiritueller Natur sind, sondern eher vom Egoismus herrühren; der Glaube daran, dass sobald die Zeit reif ist, der Schöpfer das gewünschte Resultat hervorbringt, genauso wie er den Menschen in diesen besonderen Zustand brachte; die Theorie, dass einer das Erreichte überprüfen muss, denn jede Arbeit muss auf ihr Ergebnis geprüft werden; der Glaube, dass alles schlimmer geworden ist, seitdem man angefangen hat, Kabbala zu studieren, oder dass alle anderen erfolgreicher sind in ihren Studien als man selbst; endlose Klagen, Vorwürfe, Anschuldigungen, die von sich selbst und seitens der Familie kommen. Nur wenn man diese Schwierigkeiten übersteht, wird ein Mensch einen wahren Wunsch entwickeln.
Es gibt nur einen Weg, diese Hindernisse zu überwinden:
»Mache dem Egoismus den Garaus«, wie es die Kabbala vorschreibt, das bedeutet, gehe nicht auf seine Anforderungen ein oder antworte: »Ich mache ohne Erklärungen oder Überprüfungen, die nur auf dem Egoismus gründen, den ich hinter mir lassen muss, weiter. Und weil ich noch keine anderen Sinnesorgane habe, werde ich dir nicht zuhören, sondern nur den großen Weisen, welche schon in die höheren Welten eingetreten sind und wissen, wie man handeln muss. Und wenn mein Herz noch selbstsüchtiger wird, bedeutet das nur, dass ich vorwärts komme und ich es verdient habe, dass mir etwas mehr von meinem wahren Egoismus vom Himmel enthüllt wird«.
Dann kommt als Antwort, dass der Schöpfer sich dem Menschen enthüllen wird, so dass dieser die Großartigkeit des Schöpfers fühlt und er unfreiwillig sein Sklave wird. Von diesem Zeitpunkt an wird ein Mensch keine körperlichen Anfechtungen mehr erleben. Dieser Prozess kennzeichnet den Austausch des steinernen Herzens, das nur sich selbst kennt, mit dem Herzen aus Fleisch, das sich anderer bewusst ist.

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Kapitel 11

Innere Bewegung und Entwicklung

Auf dieser Welt bewegen wir uns körperlich unter Gebrauch unserer Beine. Nachdem wir uns vorwärts bewegt haben, benutzen wir unsere Organe des Tastens – die Hände. Im Gegensatz dazu sind spirituelle Organe den unseren entgegengesetzt: Wir können nur die Stufen hinaufsteigen, wenn wir bewusst jegliche Unterstützung, die vom Verstand kommt, zurückgewiesen haben. Zusätzlich können wir den Zweck der Schöpfung nur erreichen, indem wir unsere Hände öffnen und geben, anstatt zu nehmen.
Der Zweck der Schöpfung ist, uns Vergnügen zukommen zu lassen. Warum dann führt der Schöpfer uns zu diesem Ziel auf solch einen schmerzlichen Weg?
Lasst uns eine Antwort finden. Als Erstes hat der Schöpfer in Seiner Vollkommenheit das menschliche Wesen geschaffen.

Eine Eigenschaft dieser höchsten Vervollkommnung ist der Ruhezustand, denn Bewegung wird entweder durch einen Mangel an etwas oder durch den Versuch, etwas Wünschenswertes zu erreichen, verursacht.

Menschen bevorzugen es zu ruhen und werden dies nur opfern, falls sie etwas Lebensnotwendiges entbehren, so wie Nahrung oder Wärme usw.
Je mehr der Mensch durch den Mangel an dem, was er möchte, leidet, umso bereitwilliger wird er immer größere Anstrengungen unternehmen, um das Gewünschte zu erhalten.
Deshalb erschuf der Schöpfer für den Menschen den Mangel an Spiritualität, so dass er gezwungen ist, sich anzustrengen, um diese zu erreichen. Sobald sie die Spiritualität erreicht haben, die der Zweck der Schöpfung ist, erfahren die Menschen den Genuss, den der Schöpfer für sie bereithält. Aus diesem Grund ziehen diejenigen, die sich der Spiritualität nähern möchten, das durch ihren Egoismus erlittene Leiden nicht in Betracht, sondern sehen es nur als Beweis des guten Willens des Schöpfers an, ihnen zu helfen. Folglich empfinden sie ihre Leiden als Segen und nicht als Fluch.
Erst nach Erreichen der Spiritualität verstehen sie, was diese wirklich ist und was für Vergnügen darin zu finden ist. Bis dorthin leiden sie nur unter dem Mangel daran. Der Unterschied zwischen dem Materiellen und dem Spirituellen ist, dass unser Mangel an materiellem Genuss bei uns Leiden hervorruft, solange unser Mangel an spirituellem Genuss nicht existiert. Darum – um uns spirituellen Genuss zu bereiten – hat der Schöpfer uns eine Empfindung des Leidens durch einen Mangel an spirituellen Gefühlen verliehen.
Andererseits, wenn wir materiellen Genuss erfahren, erreichen wir nie die vollständige, endlose Erfüllung, die sogar in den kleinsten spirituellen Freuden vorhanden ist.
Sobald wir anfangen, einen Sinn für die Spiritualität zu entwickeln, entsteht die Gefahr, dass wir den Genuss durch die Wahrnehmung der Spiritualität als einen egoistischen Wunsch empfangen könnten, und infolgedessen werden wir uns weiter von der Spiritualität entfernen. Der Grund für solch eine Umkehrung des Verlaufs ist folgender: Nachdem wir größeren Genuss am Einhalten der Spiritualität erfahren konnten als vorher – in unserem gesamten widerwärtigen Leben –, fangen wir an, die Spiritualität auszuüben. Wir sehen jetzt, dass wir Vertrauen – die Grundlage der gesamten Spiritualität – nicht länger benötigen. Denn es wurde klar, dass das Ausüben der Spiritualität es wert ist, zu unserem eigenen Nutzen.
Aber der Schöpfer benutzt diese Herangehensweise nur bei Anfängern, um sie anzulocken und dann zu korrigieren. Diese Vorgehensweise ähnelt der einer Mutter, die ihrem Kind das Laufen beibringen möchte: Je besser das Kind alleine laufen kann, desto weiter entfernt sie sich.
Jeder von uns glaubt, dass wir besser als jeder andere wissen, was wir tun sollten und was gut für uns ist. Diese Empfindung rührt von der Tatsache her, dass wir innerhalb eines egoistischen Zustands nur uns selbst und sonst nichts wahrnehmen. Folglich sehen wir uns selbst als Weise, da nur wir wissen, was wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens wünschen.
Der Schöpfer regelt unsere Welt in strikter Übereinstimmung mit den materiellen Gesetzen der Natur. Deshalb ist es unmöglich, uns über diese Gesetze hinwegzusetzen oder ihnen zuwider zu handeln: Wenn wir von einer Klippe springen, werden wir zu Tode stürzen; wenn wir uns Sauerstoff entziehen, ersticken wir, und so weiter.
Der Schöpfer hat solche Naturgesetze geschaffen, um uns verstehen zu lassen, dass Überleben Bemühung und Vorsicht erfordert. In der spirituellen Welt, wo wir nicht die Konsequenzen der Ereignisse voraussehen und die Gesetze des Überlebens nicht kennen, müssen wir von vornherein das Hauptgesetz kennen. Diesem Gesetz kann man sich nicht entziehen, genauso wie den Gesetzen der Natur in unserer Welt nicht ausgewichen werden kann. Das Hauptgesetz besagt, dass wir nicht durch Empfindungen von Vergnügen geführt werden können, da es nicht der Genuss, sondern der Altruismus ist, der festlegt, ob ein spirituelles Leben vorteilhaft oder schädlich ist:
Licht – das vom Schöpfer ausströmt und von uns als immenser Genuss wahrgenommen wird. Der Zweck der Schöpfung liegt im Begreifen des Genusses oder der Wahrnehmung des Schöpfers (was sogar ein und dasselbe ist, denn nicht Ihn nehmen wir wahr, sondern sein Licht erreicht uns).
Glaube – die Kraft, die einem Menschen Vertrauen in die Möglichkeit der Erlangung eines spirituellen Lebens gibt, nach dem spirituellen Tod wieder lebendig zu werden. Je klarer uns wird, dass wir spirituell tot sind, desto stärker empfinden wir die Notwendigkeit, zu glauben.
Gebet – die Bemühungen eines Menschen, besonders von Herzen kommend, den Schöpfer wahrzunehmen und das Ihn Anflehen, dass Er ihm Vertrauen in die Möglichkeit der Erlangung eines spirituellen Lebens gewähren möge.
Jede Arbeit, jede Strapaze der Bemühung und jedes Gebet sind nur möglich, wenn der Schöpfer vor dem menschlichen Sein verborgen ist. Ein wahrhaftiges Gebet fragt den Schöpfer, ob Er die Stärke bewilligt, dem Egoismus mit geschlossenen Augen gegenüberzutreten, ohne dass sich der Schöpfer der Person enthüllen muss, weil das die höchste Belohnung wäre. Unsere Stufe der Spiritualität ist durch unsere Bereitwilligkeit, selbstlos vorzugehen, definiert.
Wenn wir Vertrauen in unsere eigene altruistische Stärke gewinnen, können wir stufenweise anfangen, Genuss um des Schöpfers willen zu erleben, denn durch diese Handlung gefallen wir dem Schöpfer. Es ist des Schöpfers Wille, uns Genuss zu schenken; diese Übereinstimmung der Wünsche bringt den Gebenden und den Empfangenden näher zusammen. Abgesehen von dem Vergnügen, das wir durch die Wahrnehmung des Lichts des Schöpfers empfangen, erfahren wir auch endlosen Genuss durch die Wahrnehmung der Gestalt des Schöpfers, das heißt von unserer Einheit mit der endgültigen Vervollkommnung. Diesen Genuss zu erreichen ist der Zweck der Schöpfung.
Weil der Egoismus – unser Wunsch zu empfangen – unser wesentlichstes Merkmal ist, herrscht er auf allen Stufen der Natur vor, von der atomar-molekularen zur hormonellen, tierischen und zu höheren Stufen.

Der Egoismus dehnt sich vollständig bis zu den höchsten Systemen des menschlichen Verstandes und des Unterbewusstseins aus, einschließlich unserer selbstlosen Wünsche. Er ist so stark, dass wir unfähig sind, ihm in jeder möglichen Situation absichtlich entgegenzuwirken.

Wenn wir daher der Kraft des Egos entfliehen wollen, müssen wir kämpfen. Wir müssen entgegen den Wünschen unseres Körpers und unseres Verstandes handeln, alles in Bezug auf unseren Fortschritt in Richtung Spiritualität, selbst wenn wir keinen Nutzen für uns selbst sehen.
Anderenfalls werden wir niemals die Beschränkungen unserer Welt überschreiten. In der Kabbala heißt dieses Prinzip der Arbeit: »Zwinge ihn so lange, bis er sagt ›Ich will‹«. Sobald der Schöpfer uns hilft, indem er uns seine eigene Natur vermittelt, möchten unsere Körper von sich aus im spirituellen Bereich funktionieren. Dieser Zustand wird »Die Rückkehr« (Teshuva) genannt.
Die Umwandlung unseres egoistischen Wesens in ein altruistisches Wesen geschieht auf folgende Weise: In Seiner Weisheit erzeugte der Schöpfer einen Wunsch zur Selbst-Befriedigung und setzte es in das menschliche Sein ein. Dieser Wunsch repräsentiert den Egoismus, einen schwarzen Punkt in jedermanns Wesen. Er ist schwarz als Resultat der Einschränkung des Lichts (Zimzum), die stattfand, als sich das Licht des Schöpfers von ihm entfernte. Die Korrektur des egoistischen Wesens ereignet sich mithilfe eines Schirms (Masach), der den Egoismus in Altruismus umformt.
Wir sind unfähig zu verstehen, wie solch eine wunderbare Umwandlung stattfinden kann, bis wir sie selbst erfahren. Es erscheint uns unglaublich, dass das allgemeine Naturgesetz sich so ändern könnte, dass wir plötzlich fähig sind, so zu handeln, wie wir es vorher nicht konnten.
Am Ende werden wir entdecken, dass unsere Handlungen dieselben sind wie vorher, und dass dort nichts ist, was wir dem Schöpfer geben könnten, weil der Schöpfer vollkommen ist und sein einziger Wunsch darin besteht, uns mit Seiner Vollkommenheit zu füllen. Als Gegenleistung für den immensen Genuss, den wir vom Schöpfer empfangen, können wir Ihm nichts zurückgeben außer dem Gedanken, dass wir die gleichen Taten wie zuvor durchführen, obwohl wir sie jetzt durchführen, weil dieses Tun dem Schöpfer so gefällt anstatt uns.
Aber selbst dieser Gedanke ist nicht für den Schöpfer, sondern für uns. Das erlaubt uns, unbegrenzt Genuss ohne Schamgefühl zu empfinden, dem Gefühl »etwas ohne Gegenleistung zu bekommen«. Wir können uns immer mehr dem Schöpfer angleichen, indem wir altruistisch werden. Wenn wir so handeln, sind wir in der Lage, unendlich zu empfangen und Vergnügen zu erfahren, da Altruismus nicht für das Selbst ist.
Obwohl wir uns zwingen können, eine bestimmte körperliche Tat durchzuführen, können wir unsere Wünsche nicht nach Belieben ändern, weil wir nichts tun können, was nicht für das Selbst ist. Kabbalisten sagen, dass ein Gebet ohne den rechten Beweggrund wie ein Körper ohne eine Seele ist, denn Handlungen betreffen den Körper und Gedanken die Seele. Wenn wir unsere Gedanken (Seele) noch nicht korrigiert haben, um deretwillen wir eine Handlung (Körper) durchführen, dann kann die Handlung selbst spirituell tot genannt werden.
Alles besteht aus beidem, dem Allgemeinen und dem Besonderen. Das Allgemeine, der spirituelle Tote (Domem), zeigt, dass es für die meisten Menschen nur eine allgemeine Bewegung geben kann, aber nicht eine besondere spirituelle Bewegung, da sie kein inneres Bedürfnis danach haben. Deshalb gibt es dort keine besondere individuelle Entwicklung, einzig eine allgemeine Entwicklung in Übereinstimmung mit der allgemeinen Vorsehung von Oben. Aus diesem Grund denken die Massen, dass sie recht hätten und perfekt seien.
Spirituell pflanzlich zu sein (Zomeach) bedeutet, dass Einzelpersonen einen einzigartigen Grad innerer Bewegung und Entwicklung besitzen. An diesem Punkt wird ein Mensch als Mann oder Adam bezeichnet, wie es in der Bibel geschrieben steht: »Adam – der Baum des Feldes«.
Da spirituelles Wachstum Vorwärtsbewegen erfordert und Bewegung nur entstehen kann, wenn man einen Mangel an etwas verspürt, berücksichtigt der Mensch ständig jene Mängel, die ihn zwingen, die Wege des Wachsens zu suchen.

Wenn der Mensch auf irgendeiner Stufe der spirituellen Entwicklung haltmacht, wird er in seinen Wahrnehmungen nach unten gestoßen. Das soll ihn zur Bewegung antreiben, anstatt stehen zu bleiben.

Wenn er nachher wieder steigt, ist er auf einem höheren Niveau als vorher.
Infolgedessen steigt man entweder auf oder ab, aber man kann nicht still stehen, denn dieser Zustand ist nicht typisch für den Menschen. Nur die, die den Massen angehören, stehen noch und können nicht von ihren Niveaus fallen; so erleben sie es nie, abzustürzen.
Lassen Sie uns gedanklich den Raum mit einer horizontalen Linie teilen. Über der Linie ist die spirituelle Welt. Unterhalb der Linie ist die egoistische Welt.
Diejenigen, die es vorziehen, entgegen ihrem Verstand zu handeln, können über der Linie bestehen. Diese Einzelpersonen weisen irdischen Verstand zurück, selbst wenn er ihnen eine Gelegenheit gibt, alles zu wissen und zu sehen. Sie ziehen es vor, durch den Glauben mit geschlossenen Augen weiterzuleben und das Spirituelle zu verfolgen (Altruismus anstelle von Egoismus).
Jedes spirituelle Niveau wird durch das Maß des darin vorhandenen Altruismus definiert. Wir befinden uns auf dem spirituellen Niveau, das unseren spirituellen Fähigkeiten entspricht.
Diejenigen von uns, die sich über der Linie befinden, sind fähig, den Schöpfer wahrzunehmen. Je höher wir über der Linie sind, desto stärker ist die Fähigkeit des Wahrnehmens. Die höhere oder niedrigere Platzierung wird durch den Schirm innerhalb von jedem von uns festgelegt. Der Schirm stößt die unmittelbaren egoistischen Vergnügen, die vom Licht des Schöpfers abgeleitet werden können, ab. Das Licht über der Linie nennt sich »Tora«.
Der Schirm, oder die Linie, die unsere Welt von der spirituellen trennt, wird »Barriere« (Machsom) genannt. Diejenigen, die diese Barriere überqueren, steigen nie wieder zum tiefen spirituellen Niveau unserer Welt herab.
Unterhalb der Linie ist das Reich des Egoismus, während sich über der Linie das Reich des Altruismus befindet.

Dem altruistischen Genuss näher kommen

Azilut ist die Welt, in der wir den Schöpfer vollkommen wahrnehmen und uns mit Ihm vereinigen. Ein Mensch steigt langsam in die Welt Azilut auf und erringt dabei altruistische Eigenschaften. Wenn er diese Welt und die Eigenschaft zu geben völlig erlangt hat, dann beginnt er zugunsten des Schöpfers zu empfangen, auch wenn er auf der niedrigsten Stufe steht.
Wir ändern nicht unseren Wunsch, Genuss zu empfinden, sondern eher unser Wesen, indem wir den Grund ändern, aus welchem wir Genuss suchen.
Wenn wir allmählich unseren Egoismus durch Altruismus ersetzen, können wir dementsprechend aufsteigen, bis wir alles empfangen, was uns zusteht, in Übereinstimmung mit der Wurzel unserer Seele (Shoresh Neshama), die ursprünglich ein Teil des letzten Grades (Malchut) der Welt Azilut war. Aufgrund unserer Korrekturen, die wir an uns vornehmen, steigt unsere Seele zu einem Zustand völliger Vereinigung mit dem Schöpfer auf, und dabei erhält sie 620mal mehr Licht als das, was unsere Seelen besaßen, bevor sie sich in den physischen, menschlichen Körper kleideten.
Alles Licht, das der Schöpfer uns zu geben wünscht, wird die »Urseele « (Schechina) der Schöpfung genannt. Das Licht, das jedem von uns zugeteilt wurde, ist Teil dieser Urseele. Jeder von uns sollte diesen Teil erhalten, wenn wir unsere Wünsche korrigieren.

Wir können den Schöpfer (unsere eigene Seele) erst empfinden, wenn wir unser eigenes Verlangen nach Genuss korrigiert haben.

Dies wird »Gefäß der Seele«, Kli, genannt. Genauer gesagt bedeutet dies, dass die Seele aus dem Gefäß und dem Licht besteht, das vom Schöpfer kommt.
Wenn wir einmal das egoistische Gefäß völlig durch ein altruistisches ersetzt haben, dann wird dieses Gefäß mit dem Licht verschmelzen, denn es hat nun vollständig dessen Eigenschaften erlangt.
So werden wir dem Schöpfer gleich und verschmelzen mit Seinen Eigenschaften und erleben dabei alles, was im Licht besteht und es erfüllt.
Es gibt keine Worte, diesen Zustand zu beschreiben. Aus diesem Grund heißt es auch, dass die Gesamtsumme aller Genüsse nur ein Funke vom unendlichen Feuer der Freude ist, welche die Seele während ihrer Vereinigung mit dem Schöpfer erfährt.
Wir können auf der spirituellen Leiter nur weiterkommen, wenn wir uns dem Gesetz der Mittleren Linie (Kav Emza’i) unterordnen. Man kann das kurz beschreiben mit »Jemand, der damit zufrieden ist, was er hat, wird reich genannt«. Wir sollten mit dem zufrieden sein, was wir während unseres Studiums der Kabbala erreichen. Das Wichtigste jedoch ist, dass wir uns bewusst werden müssen, dass wir beim Lernen der Kabbala gute Taten vor dem Schöpfer ausführen. Wenn wir Seinen Willen ausführen, haben wir das Gefühl, als ob wir es mit allen Kräften getan hätten.
Dieses Gefühl wird uns mit unglaublicher Glückseligkeit belohnen, und wir meinen, das größte Geschenk der Welt empfangen zu haben.
Wir besitzen dieses Gefühl, weil wir den Schöpfer als Herrscher des Universums weit über uns stellen. Darum sind wir glücklich, dass wir aus Milliarden von Menschen vom Schöpfer ausgewählt wurden, Der uns durch Bücher und Lehrer darüber aufklärt, was Er von uns will. Dieser spirituelle Zustand wird »das Verlangen zu geben« genannt, (Chafez Chessed). Darin stoßen die Eigenschaften des spirituellen Objekts Bina mit denen des Menschen aufeinander.
Dieser Zustand stellt jedoch noch nicht die menschliche Perfektion dar, denn wir benutzen während dieses Vorganges der Selbstkorrektur noch nicht unseren Verstand. Darum gelten wir noch als »unwissend arm an Wissen« (Ani be da’at), weil wir uns noch nicht der Beziehung zwischen unseren Handlungen und ihren spirituellen Folgen bewusst sind. Um es anders zu sagen, handeln wir nur vom Glauben geleitet, ohne zu wissen, was wir tun.
Um bewusst spirituell zu handeln, müssen wir sehr viel Gewicht in die Vorstellung legen, dass »unsere Gedanken zugunsten des Schöpfers« gehen müssen. An dieser Stelle mögen wir anfangen zu fühlen, dass wir nicht spirituell aufsteigen. Die Wahrheit ist jedoch, dass es jedes Mal, wenn wir etwas untersuchen, offensichtlich wird, dass wir weiter denn je davon entfernt sind, die richtige Absicht zu besitzen: den Schöpfer in gleichem Maße zu erfreuen, wie der Schöpfer uns erfreut.
Doch dürfen wir unsere derzeitige Stufe nicht stärker kritisieren, als die Stufe, welche es uns erlaubt, uns mit der Vervollkommnung zufrieden zu geben. Dieser Zustand wird »die mittlere Linie« (Kav Emza’i) genannt. Und wenn wir allmählich unser Wissen mit der linken Linie (Kav Smol) aufbauen, dann können wir absolute Perfektion erreichen.
Um es noch einmal zu wiederholen: Wir wollen die Arbeit analysieren, die uns auf die mittlere Linie bringt. Wir müssen unseren spirituellen Aufstieg damit beginnen, dass wir in Übereinstimmung mit der mittleren Linie sind, die ein Gefühl der Perfektion im Spirituellen darstellt, Zufriedenheit mit dem, was wir haben, und unser Verlangen, den Willen des Schöpfers uneigennützig und ehrlich auszuführen. Wir müssen fragen: »Wie viel Freude erhalten wir von unserer spirituellen Suche?«
Wir halten jede Menge für ausreichend, weil wir davon überzeugt sind, dass der Schöpfer alles auf dieser Welt regelt, und was immer wir auf unserer spirituellen Suche empfinden, es so vom Schöpfer gewollt ist. Welcher Zustand auch bestehen mag, er muss sich vom Schöpfer ergeben. Daher beglückt uns das einfache Bewusstwerden, dass der Schöpfer uns leitet und uns die spirituelle Perfektion das Gefühl unserer eigenen Vervollkommnung gibt und uns dazu führt, dem Schöpfer zu danken.
Jedoch fehlt diesem Zustand die linke Linie, in welcher wir unseren eigenen Zustand (Cheshbon Nefesh) überprüfen. Die innere Aufgabe ist der Arbeit entgegengesetzt, die in der rechten Linie getan wird und in welcher man sich hauptsächlich darauf konzentriert, das Spirituelle und den Schöpfer zu verherrlichen, ungeachtet unserer selbst oder unseres eigenen Zustandes. Wenn wir anfangen zu untersuchen, wie ernsthaft es uns mit unserer Haltung dem Spirituellen gegenüber ist und wie nahe wir der Perfektion sind, dann wird es offensichtlich, dass wir immer noch im kleinlichen Egoismus stecken und nicht einmal einen Finger um anderer willen oder gar dem Schöpfer zugunsten bewegen können. Nachdem wir das Böse in uns selbst entdeckt haben, müssen wir uns Mühe geben, dieses Böse mit aller Macht zu vertreiben. Wir müssen dann auch den Schöpfer um Hilfe bitten, sobald klar wird, dass es uns nicht möglich ist, uns ohne Hilfe zu ändern.
So werden es zwei gegenüberliegende Linien in einem Menschen. Entlang der rechten Linie denken wir, dass alles in den Händen des Schöpfers liegt und deswegen alles perfekt ist. Wir haben keine Verlangen mehr und sind daher vollkommen zufrieden. In der linken Linie spüren wir kein Interesse am Spirituellen. Wir besitzen kein Verständnis dafür und merken, dass wir noch in den Fängen des Egos eingeschlossen sind, so wie vorher. Hinzu kommt, dass wir den Schöpfer nicht um Hilfe bitten, aus diesem Zustand herauszukommen.
Nachdem wir das Böse in uns entdeckt haben, beschließen wir, nicht mehr unseren gesunden Menschenverstand zu benutzen, denn er versucht uns dazu zu bringen, hoffnungslose Versuche zu unternehmen, den Egoismus zu korrigieren. Gleichzeitig sollten wir dem Schöpfer für unseren gegenwärtigen Zustand danken und diesen wahrlich für den perfekten Zustand halten. Wir sollten auch weiterhin genauso zufrieden sein, wie wir es vorher waren, bevor wir unseren Zustand überprüft haben.
Wenn es uns gelingt, dem zu folgen, dann werden wir entlang der mittleren Linie vorankommen. Daher ist es lebenswichtig zu vermeiden, ausschließlich der linken Linie zu folgen. Es ist ebenfalls wichtig, im zufriedenen Zustand der mittleren Linie zu verbleiben. Erst dann wird es uns gelingen, das spirituelle Reich mit sprichwörtlich »beiden Füßen« zu betreten.
Es gibt zwei Stufen der menschlichen Entwicklung: die tierische und die menschliche. (Man darf diese nicht mit den vier Stufen der Wünsche verwechseln).
Wie man in der tierischen Natur beobachten kann, lebt ein Tier in seinem Zustand weiter, in welchem es geboren wurde. Es entwickelt sich nicht. Die Eigenschaften, mit denen es am Tage seiner Geburt ausgestattet wurde, reichen aus bis an sein Lebensende.
Dasselbe kann von einem Menschen gesagt werden, der auf der Stufe dieser Entwicklung stehen bleibt, in welcher er während seiner Erziehung war. Die Veränderungen eines solchen Menschen sind nur mengenartiger Natur.
Das kann jedoch nicht vom »menschlichen Typ« gesagt werden. In diesem Zustand wird der Mensch als Egoist geboren. Irgendwann wird der Mensch dann entdecken, dass der Egoismus der Herrscher ist, und als Reaktion darauf wird er versuchen, diesen Schaden zu korrigieren.
Wenn sich ein Mensch wirklich die Enthüllung des Schöpfers verdienen möchte, dann müssen folgende Bedingungen erfüllt werden:

1. Es muss sein stärkstes Verlangen werden, so dass nebenbei kein anderes besteht. Zusätzlich muss dieses Verlangen permanent sein, denn der Schöpfer ist ewig und sein Wille zu schenken andauernd. Daher muss derjenige, der dem Schöpfer näher kommen will, Ihm in dieser Eigenschaft ebenfalls ähneln, was bedeutet, dass alle seine Verlangen konstant sein müssen. Sie dürfen nicht je nach Umständen wechseln.

2. Er muss altruistische Wünsche entwickeln und alle Gedanken und Verlangen dem Schöpfer widmen. Diese Stufe wird Chessed oder Katnut genannt. Letzten Endes gelangt er dahin, das Licht des Glaubens zu verdienen, welches ihm das Geschenk des Vertrauens bereitet.

3. Er muss das vollständige und vollkommene Wissen des Schöpfers verdienen. Die Folgen unserer Handlungen werden von unserer spirituellen Stufe bestimmt. Es gibt jedoch keinen Unterschied zwischen den spirituellen Stufen, wenn das Licht des Schöpfers auf ein Individuum scheint. Da der Schöpfer dem Empfänger das Gefäß und das Licht der Seele gleichzeitig schenkt, meint der Mensch, dass das empfangene Wissen perfekt ist. Normalerweise befinden wir uns in perfekter Übereinstimmung mit unserem Körper; der Körper diktiert uns seine Wünsche und belohnt uns für unsere Anstrengungen, indem er uns Genuss verspüren lässt. Genuss an sich ist spirituell, doch in unserer Welt muss er an einen weltlichen Träger gebunden sein, z. B. Essen, Sex, Musik, damit wir ihn empfinden können. Obwohl wir in uns diesen puren Genuss spüren können, ist es uns unmöglich, ihn komplett vom Träger zu trennen.

Verschiedene Menschen erfreuen sich an unterschiedlichen Dingen und anderen Genussträgern. Genuss an sich jedoch ist spirituell, obwohl wir ihn in unserem Gehirn als das Resultat eines elektrischen Impulses empfinden. Theoretisch ist es möglich, eine große Reihe von Genüssen zu stimulieren, indem man elektrische Impulse zum Gehirn sendet. Da wir daran gewöhnt sind, verschiedene Genüsse in Form ihrer materiellen Träger zu empfangen, wird dieser pure Genuss eine Reihe von Bildern verschiedener Träger im Gehirn des Menschen produzieren, damit der Verstand Musik, den Geschmack von Essen usw. kreieren kann.
Das oben Genannte macht deutlich, dass wir und unsere Körper uns gegenseitig instand halten. Folglich, wenn unsere Körper mit Arbeiten einverstanden sind, erwarten sie daraufhin irgendeine Form von Genuss als Entlohnung. Unangenehmen Empfindungen aus dem Wege zu gehen, kann auch als eine Art Genuss angesehen werden. Jede mögliche Wechselbeziehung zwischen der Arbeit, die durchgeführt wird, und dem empfangenen Genuss (Belohnung) ist ein maßgebliches Anzeichen, dass der Mensch eine egoistische Tat durchgeführt hat.
Wenn ein Mensch andererseits fühlt, dass der Körper sich widersetzt und sich fragt: »Warum Arbeit?«, bedeutet es, dass der Körper keinen größeren Grad an Genuss in der Zukunft vorhersieht, als er bereits jetzt besitzt. Schließlich ist der Anstieg des Vergnügens ausreichend, um die Neigung zu überwinden, in einem Zustand der Ruhe zu verharren. Sonst sieht er keinen Nutzen darin, seinen Zustand zu ändern.
Wenn sich ein Mensch aber entscheidet, sich von den Bedürfnissen des Körpers abzuwenden und wählt, sich auf die Verbesserung der Zustände der Seele zu konzentrieren, dann lehnt es der Körper ab, auch nur die kleinste Bewegung zu machen, es sei denn, es besteht Aussicht auf einen persönlichen Nutzen. Der Mensch wird nicht imstande sein, den Körper zum Arbeiten zu zwingen. So bleibt nur eine Lösung offen –– der Appell an den Schöpfer um Hilfe zum Vorankommen.
Der Schöpfer ersetzt weder den Körper eines Menschen, noch ändert er dessen Natur. Er lässt keine Wunder geschehen, die die grundlegenden Naturgesetze ändern. Jedoch in Erwiderung auf ein ehrliches Gebet gibt der Schöpfer einem Menschen eine Seele – die Kraft, nach den Prinzipien der Wahrheit zu handeln.

Wenn wir egoistische Vergnügen empfangen, bedeutet das, dass gleichzeitig jemand anders nicht glücklich ist.

Das ist so, weil sich egoistische Vergnügen nicht nur darauf konzentrieren, was wir haben, sondern auch auf das, was andere nicht haben, da alle Vergnügen vergleichbar und relativ sind.
Aus diesem Grund ist es unmöglich, eine gerechte Gesellschaft auf der Grundlage eines angemessenen Egoismus zu errichten. Die fehlerhafte Natur solcher Utopien wurde in der Geschichte nachgewiesen, besonders in altertümlichen Gemeinschaften, in der ehemaligen UdSSR und bei anderen Versuchen, Sozialismus aufzubauen.
Es ist unmöglich, jedes einzelne Mitglied einer egoistischen Gesellschaft zufriedenzustellen, weil sich Einzelpersonen immer mit den anderen vergleichen. Das wird in kleinen Siedlungen am deutlichsten.
So setzte der Schöpfer, der immer bereit ist, jedem grenzenlosen Genuss zuzusprechen, eine Bedingung – dass dieser Genuss nicht durch die Wünsche des Körpers begrenzt werden soll. Genuss würde nur in den Wünschen empfangen, die von den Wünschen des Körpers unabhängig sind. Diese sind als »altruistische« (Hashpa’a) bekannt.
Die Kabbala ist eine Abfolge der spirituellen Wurzeln, die nach unabänderlichen Gesetzen von einer zur anderen übergehen, sich vereinigen und in Richtung ihres einzigen allgemeinen Zweckes zeigen – »das Erfassen der Größe und der Weisheit des Schöpfers durch die Geschöpfe dieser Welt«.
Die kabbalistische Sprache hängt eng mit spirituellen Objekten und ihren Handlungen zusammen. So kann sie nur studiert werden, während man gleichzeitig den Prozess der Schöpfung erforscht. Kabbala wirkt sich auf bestimmte Sachverhalte aus, die dann denen aufgedeckt werden, die spirituelle Erkenntnis suchen: Ein Konzept der Zeit gibt es nicht; nur durch eine Ursache-und-Wirkungs-Kette wird jeder Effekt, wenn es an seiner Zeit ist, die Ursache des folgenden Effektes – die Schöpfung einer neuen Tat oder eines Objektes.
Prinzipiell ist das, was wir für Zeit halten, auch in unserer Welt in Wirklichkeit unsere Vorstellung unserer inneren Ursache-und-Wirkung- Prozesse. Sogar die Wissenschaft behauptet, dass Zeit und Raum relative Konzepte sind. Ein Ort oder Raum ist ein Wunsch nach Genuss. Eine Tätigkeit ist entweder das Empfangen des Genusses oder seine Ablehnung.
»Am Anfang«, das heißt vor Beginn der Schöpfung, existierte nichts außer dem Schöpfer. Er kann nicht mit irgendeinem anderen Namen bezeichnet werden, denn jeder Name zeigt eine bestimmte Vorstellung des Gegenstandes an. Aber die einzige Sache, die wir in Ihm wahrnehmen, ist die Tatsache, dass Er uns geschaffen hat. So können wir zu Ihm nur als unserem Schöpfer, Erschaffer und dergleichen sprechen.
Der Schöpfer überträgt Licht. Das Licht stellt Seinen Wunsch dar, ein Geschöpf zu schaffen und dieses Geschöpf mit dem Gefühl auszustatten, von Ihm erfreut zu sein. Allein diese einzige Qualität des Lichts, das vom Schöpfer ausgeht, gibt uns eine Grundlage, durch die wir Ihn beurteilen können.
Um genauer zu sein, das Empfangen des Lichts ermöglicht uns nicht, den Schöpfer allein zu beurteilen, sondern nur die Wahrnehmungen, die Er in uns erwecken möchte. Aus diesem Grund beziehen wir uns auf Ihn wie auf jemanden, der uns erfreuen möchte.
Dieses Vergnügen wird nicht vom Licht allein erzeugt, aber es wird in uns durch den Effekt des Lichts auf unsere »Organe der spirituellen Empfindungen« produziert. Ähnlich wie ein Stück Fleisch in sich nicht den Genuss enthält, den man fühlt, wenn man es schmeckt. Nur indem es mit den sensorischen Organen in Berührung kommt, kann ein Objekt auf uns bezogene Empfindungen des Genusses produzieren.
Jede spirituelle oder körperliche Handlung besteht aus beidem – einem Gedanken und einer Tätigkeit, die den Gedanken verkörpert.

Der Gedanke des Schöpfers ist, Seinen Geschöpfen Genuss zu schenken. Infolgedessen belohnt er uns mit Vergnügen.

Diese Tat wird »Geben um des Gebens willen« genannt. Sie wird eine einfache Tat genannt, weil ihr Zweck ihrer Ausrichtung entspricht.
Das Geschöpf wurde von Natur aus egoistisch erschaffen, das bedeutet, dass wir kein anderes Ziel haben, als Genuss zu erhalten. Wir können uns entweder mit Nehmen oder mit Geben beschäftigen, als Teil des Strebens nach unserem Gewünschten, doch unser entscheidendes Ziel bleibt immer zu empfangen, selbst wenn wir anderen physisch etwas geben.
Wenn die Handlung durch die gleiche Absicht wie das Ziel gekennzeichnet ist, das heißt, wenn das Resultat einer Tätigkeit Empfangen ist und das Resultat des Ziels Empfangen ist, dann wird eine solche Tätigkeit als »eine einfache Tat« bezeichnet. Wenn andererseits die Richtung Geben ist, aber der Zweck Empfangen, dann wird die Tat als »eine komplizierte Tat« bezeichnet, weil ihr Zweck und ihre Richtung in ihren Absichten auseinandergehen.
Wir können uns nicht die Wünsche und die von ihnen beeinflussten Gebiete über den Raum hinaus vorstellen. Folglich können wir uns den Schöpfer nur als spirituelle Kraft vorstellen, die einen Raum füllt.
Kabbalisten sagen, dass der Schöpfer die Menschen ursprünglich mit der Fähigkeit entwarf, sich nur mit einfachen Taten zu beschäftigen; jedoch haben wir seitdem dieses ursprüngliche Design komplizierter gestaltet.
Je höher wir die spirituelle Leiter emporsteigen, desto einfacher werden die Gesetze der Schöpfung, da die grundlegenden Kategorien einfach und nicht kompliziert sind.
Da wir nicht den Ursprung der Schöpfung erkennen und nur ihre weit entfernten Folgen sehen, sehen wir die Gesetze der Schöpfung in unserer Welt voller Bedingungen und Einschränkungen und folglich als kompliziert.
Da authentische kabbalistische Bücher verborgenes Licht enthalten, welches von den Autoren beim Schreiben ihrer Bücher ausströmt, ist es lebenswichtig, beim Studium dieser Werke die richtige Absicht zu haben. Und zwar den Willen, den Schöpfer zu spüren. Es ist auch beim Studium sehr wichtig zu beten, um das spirituelle Verständnis und den Intellekt zu erlangen, die der Autor besaß. Auf diese Weise verbinden wir uns mit dem Autor und können uns an ihn wenden.
Daher ist es notwendig, nichts von anderen Autoren zu lesen, besonders von solchen, die sich auch mit spirituellen Welten befassen. Der Grund dafür ist, dass diese Schriftsteller den Leser ebenfalls beeinflussen können.
Wenn wir spirituelles Wissen erlangen wollen, dann müssen wir eine spezielle tägliche Routine einführen und uns von äußeren Einflüssen, unwichtigen Nachrichten und schädlichen Büchern schützen. Kontakt mit anderen Leuten muss vermieden werden, es sei denn, er bezieht sich auf unseren Arbeitsplatz oder ist zum Studium notwendig, doch müssen wir unsere Gedanken ständig unter Kontrolle haben. Wo gegeben, sollten wir an unsere Arbeit denken, ansonsten gehen die Gedanken an den Zweck des Lebens.
Um den Zweck des Lebens zu erfassen, ist mehr die Qualität der dafür gemachten Anstrengungen als deren Anzahl erforderlich: Ein Mensch kann pausenlos über den Büchern sitzen und ein anderer seinen Studien nur eine Stunde täglich aufgrund seiner Verpflichtungen seiner Familie und Arbeit gegenüber widmen.
Jede Bemühung kann nur innerhalb unserer Freizeit gemessen werden und wie sehr jemand daran leidet, dass er keine Zeit hat, sie dem Spirituellen zu widmen. Das Ergebnis ist dann genau proportional der Intensität der Absichten des Menschen: Das Ziel liegt in der Aufdeckung des Wunsches bei der Widmung unserer Zeit des Studiums und der Selbstkorrektur.
Es gibt zwei Arten, ein Kind zu füttern. Eine Methode ist die Zwangsfütterung. Sie gibt dem Kind keinen Genuss, aber trotzdem die notwendige Nahrung zum Aufbau seiner Kräfte und seines Wachstums. In der Kabbala wird diese Art von spiritueller Pflege »wegen des Höheren« genannt. Das »Kind« mag jedoch den Wunsch haben, spirituell aufzuwachsen, indem es spirituelle Nahrung selbstständig aufnimmt. Dieses kann auftreten, nachdem es Geschmack daran entwickelt hat (es stellt die Notwendigkeit dafür fest oder hat Genuss vom Licht empfangen). Dann wächst es nicht nur spirituell, sondern genießt auch das Leben, das heißt, spirituelles Empfinden zu entwickeln.
Das intensive Gefühl, das uns das Bewusstsein von Gut und Böse gibt, wird in der Kabbala als »der Prozess des Nährens« bezeichnet: So wie eine Mutter ihr Kind an die Brust hält und es ernährt, so wird einem Kabbalisten das Licht gegeben, das in einer Höheren Stufe enthalten ist, damit er die Kluft zwischen Gut und Böse klar erkennt. Und dann, so wie eine Mutter ihr Kind wieder entwöhnt, verliert der Kabbalist die Verbindung mit der Höheren Quelle und auch die klare Erkenntnis von Gut und Böse. Dieser Prozess ist dazu da, den Menschen dazu zu bringen, den Schöpfer um Hilfe zu bitten, die gleichen Eigenschaften zum Empfang (Kelim) von Gut und Böse zu empfinden, die im Besitz der Höheren Quelle sind.
Wir empfangen Egoismus und Altruismus von Oben. Der Unterschied liegt in der Tatsache, dass der Mensch die egoistischen Wünsche mit der Geburt erhält, während er um altruistische Verlangen erst unentwegt bitten muss.
Zuerst sollte man einen Zustand erreichen, in welchem man »den Schöpfer »erfreuen« möchte, genauso wie er uns Genuss gibt, ungeachtet unserer egoistischen Wünsche (beim Aufsteigen der Stufen von den Welten BJA). An dieser Stelle muss man dann entscheiden, was dem Schöpfer Genuss bringen wird. Folglich sehen wir, dass wir dem Schöpfer nur Genuss geben können, wenn wir selbst Genuss empfinden. Dieses wird »um des Schöpfers willen zu empfangen« genannt und liegt in der Welt von Azilut. Wenn man die verschiedenen Grade an Intensität des Wunsches, dem Schöpfer uneigennützig zu geben erreicht, dann werden diese »die Stufen der Welten BJA« (Briah, Jezira, Assija) genannt. Wenn man die Stufe erreicht, wo man Genuss vom Schöpfer zu Seinen Gunsten empfängt, dann ist das als »Erreichen der Stufe der Welt Azilut« bekannt.
Beit Midrash ist der Ort, an dem wir lernen, um vom Schöpfer die spirituelle Stärke zu fordern (lidrosh).
Da wir (unsere Körper, unser Egoismus) naturgemäß auf alles zustreben, das größer und stärker als wir ist, müssen wir den Schöpfer bitten, sich uns zu enthüllen und uns unsere eigene Unzulänglichkeit im Vergleich zu Seiner Größe sehen zu lassen. Dann werden wir Ihm auf ganz natürliche Weise nacheifern, so wie dem Größten und Stärksten. Am wichtigsten ist für uns die Bedeutung unserer Bestrebungen. Zum Beispiel mögen reiche Leute so hart arbeiten, damit sie von anderen beneidet werden. Wäre Reichtum jedoch nicht mehr bedeutend, dann würden sie nicht mehr von anderen beneidet werden und keinen Anreiz zum Arbeiten mehr haben. Daher ist das Wichtigste dabei, die Bedeutung zu erkennen, wie man den Schöpfer wahrnimmt.
Es wird nie dazu kommen, dass es einem Individuum gelingt, das spirituelle Reich ohne Anstrengung zu erreichen, denn diese Bemühungen sind die Gefäße für das Licht. Bevor der Kabbalist Ari seine Korrekturen in dieser Welt einführte, war es irgendwie leichter, das Spirituelle zu erfassen. Als Ari jedoch den Weg eröffnete, das Spirituelle zu ergreifen, wurde es viel schwieriger, die Genüsse dieser Welt aufzugeben. Vor Aris Zeiten waren die spirituellen Wege noch verschlossen, und es gab keine tatsächliche Bereitschaft von Oben, den Geschöpfen das Licht zu schenken. Dieses erschwerte den Menschen, ihren Egoismus zu bekämpfen. Im Gegenteil, der Egoismus wurde stärker und ausgeklügelter.
An folgendem Beispiel kann dies schematisch illustriert werden: Nehmen wir an, dass man vor Aris Zeiten einhundert Einheiten an Verständnis erreichen konnte. Jede Anstrengung, gleich einer Einheit, würde eine Einheit von Wahrnehmung nach sich ziehen. Heute, nachdem die Korrekturen von Ari eingeführt wurden, können einhundert Einheiten mit nur einer Einheit an Bemühung erreicht werden, doch ist es unvergleichlich schwieriger, diese eine Einheit an Anstrengung aufzubringen.
Baal HaSulam hat solche Korrekturen eingeführt, dass heute ein Einzelner sich nicht damit betrügen kann, dass er perfekt sei, sondern er muss den Weg des Glaubens über den Verstand folgen. Obwohl der Weg schon klarer wurde, ist es dieser Generation unmöglich, die benötigte Quantität und Qualität an Bemühungen aufzubringen, wie es die vorigen Generationen konnten. Dies, trotz der Tatsache, dass die Wahrnehmung individueller Fehler eindeutiger als zuvor ist. Diese Generation jedoch erhebt das Spirituelle nicht auf die Stufe, welche es verdient, das heißt über das Materielle, wie es vorherige Generationen taten, als die Mehrheit der Menschen alles taten, um spirituellen Aufstieg zu erreichen.
Eine bedeutende Korrektur wurde in der Welt vom Kabbalisten Baal Shem Tov eingeführt. Sogar die Massen konnten eine leichte Erhöhung des Spirituellen feststellen. Für eine gewisse Zeit fanden es diejenigen, die es wünschten, sogar leichter, das Spirituelle zu erreichen. Um ehrenwerte Studenten für seine kabbalistische Gruppe auszuwählen, führte Baal Shem Tov Admorut ein, eine Einteilung der jüdischen Gesellschaft in Gruppen, jede mit einem Kabbalisten versorgt, mit ihrem eigenen spirituellen Führer.
Diese Führer (Admorim) wählten Einzelne aus, die sie würdig für ein Studium hielten. Hier beschäftigten sie sich mit dem Bau der nächsten Generation von Kabbalisten und Menschenführern. Die Auswirkung von der von Baal Shem Tov eingeführten Korrektur ist nun verflogen, und somit sind nicht alle Führer unserer Generation Kabbalisten und in der Lage, den Schöpfer zu spüren. Nach dem Ableben von Baal HaSulam geriet unsere Welt in einen Zustand spiritueller Entartung, welche immer einem Aufstieg vorangeht.
Wenn wir uns als erschaffene Kreaturen ansehen, bedeutet dies, dass wir vom Schöpfer getrennt sind.
Da unsere egoistische Natur uns instinktiv dazu bringt, allem, was Leiden bringen kann, aus dem Weg zu gehen, benutzt der Schöpfer dies, um uns zum Guten zu führen. Er entzieht uns die Genüsse und Vergnügen der materiellen Welt und belohnt uns nur mit dem Genuss, der durch völlig selbstlose Taten erfolgt. Dies ist der Weg des Leidens.

Kapitel 12

Den Egoismus auslöschen

Der Weg der Kabbala unterscheidet sich von anderen Wegen. Obwohl wir in unserer Welt Genuss empfangen, können wir uns dennoch durch den Glauben (über Verstand) am Sinn der Schöpfung von unserem Egoismus losreißen. Auf diese Weise können wir vielleicht mehr erlauschen, als das, was unser Körper und Verstand uns erzählen. Wenn wir es tun, fangen wir an, die Liebe für den Schöpfer zu entdecken und auch Seine Liebe zu uns zu spüren. Dieses ist der Weg des Friedens und der Freude und des Glaubens an die Tatsache, dass dieser lange Weg in Wirklichkeit der kurze Weg ohne Leiden ist.
Wenn wir nicht fähig sind, das Licht in uns zu empfangen – das innere Licht (Or Pnimi) –, wird unsere spirituelle Entwicklung nur von dem umgebenden Licht (Or Makif) beeinflusst.
Dieser Pfad der spirituellen Entwicklung wird »der natürliche Weg« oder »der Weg des Leidens« (Derech Bito) genannt. Es ist der Weg aller Menschen.
Eine Alternative zu unserer spirituellen Entwicklung ist, eine persönliche Bindung mit dem Schöpfer aufzubauen, die durch die Arbeit entlang der drei Linien charakterisiert ist. Dieser Weg wird »Weg der Kabbala « (Derech Kabbala, Derech Achishena) genannt. Er ist viel kürzer als der Weg des Leidens. Deswegen sagen die Kabbalisten, dass ein Einzelner, der sich wünscht, direkt zum Schöpfer zu gehen, die Zeit der Korrektur verkürzt.
Obwohl es schwer ist, am Glauben festzuhalten, wenn uns das Leiden nicht dazu zwingt, ist es sehr wichtig für uns, anzunehmen, dass das Ergebnis unserer Arbeit nur von unseren Bemühungen abhängt.
Deshalb sollten wir an die göttliche Regel von Belohnung und Bestrafung glauben.
Der Schöpfer belohnt den Einzelnen mit dem Zugewinn von guten Gedanken und Wünschen. Wir sollten Glauben und Vertrauen von unseren Mitstudenten und aus Büchern einholen.
Wenn wir jedoch einmal Glauben erlangt haben – die Wahrnehmung des Schöpfers –, müssen wir uns selbst davon überzeugen, dass er uns vom Schöpfer gegeben wurde.
Die Höhere spirituelle Kraft kann wie eine Lebensmedizin wirken, wenn sie uns Stärke und den Willen zur Arbeit verabreicht. Sie wird jedoch zu Gift, wenn wir glauben, dass alles von Oben bestimmt ist und nichts von unseren Bemühungen abhängt.
Die Hauptbemühung sollte in der Erhaltung des erhabenen Strebens liegen, welches uns von Oben gegeben wird. Zuerst werden uns spirituelle Empfindungen von Oben gesendet. Dann steigen wir auf, gefolgt von einer Zeit harter Arbeit und einem kontinuierlichen Bemühen, aus unserer eigenen Kraft auf dieser spirituellen Stufe zu verbleiben. Wir sollten uns darauf konzentrieren, den Wert unseres spirituellen Fortschritts zu würdigen. Sobald wir missachten, was wir erreicht haben oder daraus Genugtuung beziehen, beginnen wir, unsere erreichte spirituelle Stufe wieder zu verlieren.
All das fällt unter die Macht des Egoismus, welche sich im zentralen Punkt der Schöpfung (Nekuda Emzait) befindet. Alles, was nicht den Wunsch hat, das Selbst zu befriedigen, ist über diesem Punkt platziert. Es heißt, dass die Linie (Kav), die den Abstieg des Lichts (Or) repräsentiert, Kontakt herstellt (so belebt es dabei unbemerkt die Schöpfung) und stellt keinen Kontakt mit dem Mittelpunkt her (füllt nicht die Schöpfung mit dem Licht des Schöpfers).
Es steht geschrieben, dass demjenigen, der danach strebt, spirituell vorwärts zu kommen, geholfen wird, indem ihm eine Seele gegeben wird – ein Teil des Schöpfers –, das Licht. Mit dem Ergebnis, dass man anfängt, sich als ein Teil des Schöpfers zu fühlen.
Wie erzeugt das Licht des Schöpfers den Wunsch, Freude von Ihm zu erlangen? Ein Beispiel: Wenn jemandem auf unserer Welt unerwartete Ehre zuteil wird, die ihm dann jedoch wieder genommen wird, so wird der Mensch sich nach den gewohnten Freuden sehnen, die ihm durch diese Achtung zuteil wurden. Der Wunsch, den einmal erfahrenen Genuss wieder zurückzubekommen, wird »Gefäß« (Kli) genannt. Das Licht veranlasst das Gefäß, allmählich zu wachsen, mit der Absicht, es ganz mit Genuss (vom Licht) zu füllen.
Abraham fragte den Schöpfer: »Wie kann ich sicher sein, dass Du meine Nachkommen segnest? Wie kann ich sicher sein, dass meine Kinder fähig sind, sich mithilfe der Kabbala vom Egoismus loszureißen? Warum ihnen das Licht geben, wenn sie kein Verlangen danach haben?« Der Schöpfer antwortete, dass ihnen von ihrem Egoismus ein Gefühl der Versklavung gegeben wird, und darum wird ihnen zum Gegensatz ein Gefühl für das Licht gegeben.
Beim Versuch, unsere Wünsche zu überwinden, müssen wir wissen, dass unsere Körper keinen Begriff von Zeit haben und deshalb die Vergangenheit und die Zukunft nicht wahrnehmen, sondern nur die Gegenwart. Wenn es zum Beispiel äußerst wichtig ist, sich für fünf Minuten mit dem Ziel anzustrengen, sich danach auszuruhen, würde sich der Körper trotzdem weigern, weil er nicht fähig ist, den Vorteil zu sehen, der kurz darauf entsteht. Auch wenn wir uns an den Genuss nach getaner harter Arbeit erinnern, wird unser Körper die notwendige Kraft zurückhalten, um die Aufgabe zu vollenden. Das kann man mit dem vergleichen, wenn ein Mensch vor dem Vollenden seiner Arbeit bezahlt wird und er nicht wirklich die Absicht hat, sich Mühe zu geben, seinen Job zu Ende zu bringen. Deswegen ist es wichtig, den Kampf gegen den Körper nicht zu verzögern, sondern jeden Moment die Gelegenheit zu nutzen, dem Körper mit erhabeneren Gedanken zu widerstehen.
Weil wir alle hundertprozentige Egoisten sind, werden wir nie freiwillig ein Bündnis mit dem Schöpfer eingehen. Erst wenn wir überzeugt sind, dass dieser Bund uns einen bestimmten Vorteil bringt, werden wir uns eine Verbindung wünschen.
Daraus können wir schließen, dass das bloße Erkennen unseres Übels und das Verständnis, dass nur der Schöpfer uns Hilfe schicken kann, immer noch ein ungenügender Antrieb ist, nach Hilfe vom Schöpfer zu suchen. Erst wenn wir feststellen, dass ein Näherrücken an den Schöpfer und eine Verknüpfung mit Ihm uns die Erlösung bringen, werden wir das Bestreben haben, Hilfe zu suchen.
Kabbala bietet uns ihren Weg, anstatt den Weg des Leidens. Zeit verändert die Bedingungen um uns herum: Vor zweitausend Jahren suchten nur wenig Würdige eine Verbindung zum Schöpfer wie in der Zeit von Rabbi Shimon. In der Zeit von Ari und Ramchal waren bereits kleine Gruppen mit dem Studium der Kabbala beschäftigt. In der Zeit von Baal Shem Tov wuchs die Anzahl der Gruppen in die Dutzende. Am Ende stieg die Anzahl in der Zeit des HaSulam weiter.
In unserer Zeit ist die Schranke, welche die Massen von der Kabbala trennt, so gut wie nicht mehr vorhanden, es gibt der Lehre der Kabbala gegenüber kaum noch Widerstand. Während in der Vergangenheit nur solche mit einem starken Charakter die Verbindung mit dem Schöpfer erlangen konnten, können heute Anfänger – selbst Kinder – das gleiche Ergebnis durch das Studium der Kabbala unter geeigneter Führung erzielen.
Wir sind nicht fähig, das Gute vom Schlechten zu trennen, so wie wir nicht unterscheiden können, was gut oder abträglich für uns ist. Nur der Schöpfer kann uns helfen, unsere Augen zu öffnen. Erst dann fangen wir an, zu sehen, was es bedeutet, »das Leben zu wählen«. Bis wir jedoch nicht die absolute Notwendigkeit verspüren, mit dem Schöpfer ewig verbunden sein zu müssen, wird Er nicht unsere Augen öffnen. So bringt Er uns dazu, um Mitgefühl zu bitten.
Im inneren Gefühl eines Kabbalisten existiert ein Teil der Höheren Stufe, des zukünftigen Zustandes (ACHaP). Jemand, der die höhere spirituelle Stufe als unattraktives Vakuum anstelle eines Zustandes voller Licht wahrnimmt, empfängt nicht von der Höheren Stufe.
Obwohl die höhere Stufe voller Licht ist, nimmt die niedrigere Stufe nur so viel Licht wahr, wie es der Grad der niedrigeren Eigenschaften erlaubt. Weil die vorhandenen Eigenschaften nicht genügen, das höhere Licht zu empfangen, nimmt der Einzelne es nicht wahr.
Die Verhüllung des Schöpfers ist die Ursache dafür, dass sich jeder von uns enorm anstrengen muss, um auf die Stufe der Existenz zu kommen, die gewöhnlich von unserer Gesellschaft akzeptiert wird. Wir bewegen uns blind vorwärts, geführt vom leisen inneren Geflüster unseres Egos. Als blindes Werkzeug unseres Egos hetzen wir uns, seine Befehle auszuführen, um einer Bestrafung durch Leiden zu entgehen, und dadurch werden wir gezwungen, den Willen des Egos gegen unseren eigenen Willen zu akzeptieren. Demnach führen wir seine Verlangen ohne lange nachzudenken aus.
Unser Egoismus ist so tief in uns verwurzelt, dass wir angefangen haben, ihn als grundlegenden Teil unserer Natur zu akzeptieren, als etwas, das unsere wahren Wünsche repräsentiert.
Er durchdringt jede unserer Körperzellen und zwingt uns, all unsere Wahrnehmungen in Übereinstimmung mit unseren Verlangen einzuschätzen. Er zwingt uns auch, unsere Handlungen nach seinem Vorhaben zu planen, und damit seinen Vorteil mit unseren Handlungen zu vergrößern.
Wir stellen uns nicht einmal vor, dass wir den Einfluss des Egos abschütteln und unser Selbst von ihm reinigen können. Aber es ist möglich, die egoistische Wolke auszutreiben, welche die Form unseres Körpers hat, uns durchdringt und sich in unser Fleisch kleidet. Wenn wir von diesem Verlangen erlöst sind, wird uns der Schöpfer Seine altruistischen Bestrebungen verleihen.
Solange die egoistische Gegenwart in uns verbleibt, sind wir jedoch unfähig, uns vorzustellen, dass es für uns etwas Gutes ist, wenn wir sie auslöschen. Mehr noch, die altruistischen Gedanken und Verlangen erscheinen uns als unakzeptabel, dumm, unseriös und absolut unfähig, die Grundlage unserer Gesellschaft und, noch weniger, die des Universums zu bilden.
Aber das passiert nur, weil unsere Gedanken und Verlangen unter dem Einfluss des Egoismus verweilen. Mit der Absicht, objektiv unseren eigenen Zuständen gegenüber zu sein, müssen wir versuchen, Egoismus als etwas außerhalb unseres Wesens anzusehen, wie einen Feind, der versucht, sich als Freund auszugeben. Wir müssen versuchen, den Egoismus als etwas Fremdes zu sehen, als etwas, das durch den Willen des Schöpfers in uns platziert wurde. Solche Aktionen werden als unsere Versuche angesehen, das Übel zu bemerken, das von unserem Ego abstammt.
Aber dies ist nur so weit möglich, wie wir die Existenz des Schöpfers fühlen und Sein Licht wahrnehmen können, weil alles nur in Beziehung zu anderen Objekten verstanden werden kann, indem man ihre jeweiligen Gegenseiten wahrnimmt. Deswegen sollten wir statt unsere Energie auf die Suche nach dem Übel in uns zu lenken, alle Kraft darauf richten, das Licht des Schöpfers wahrzunehmen.
Jede Kreatur, ausgenommen das menschliche Wesen, handelt nach dem Gesetz des Altruismus. Nur das menschliche Wesen und die Welt, die uns umgibt (unsere Welt, Olam Ha’se), ist gegensätzlich mit egoistischen Qualitäten erschaffen. Wenn wir die Möglichkeit hätten, nur einen Funken vom Schöpfer und allen spirituellen Welten zu erhaschen, würden wir sofort verstehen, wie winzig unsere Welt verglichen mit den spirituellen Welten ist. Deswegen arbeiten die egoistischen Gesetze der Natur nur in einer winzigen, erbsengroßen Welt.
Warum verhüllte sich dann der Schöpfer selbst, nachdem Er uns absichtlich in eine Welt voller Dunkelheit, Unsicherheit und Traurigkeit gesetzt hat?
Als der Schöpfer uns erschuf, war es Sein Ziel, uns eine ewige Existenz gemeinsam mit Ihm zu schenken. Wir müssen jedoch diesen Zustand von selbst erreichen, damit wir uns nicht beschämt fühlen, ungerechterweise ewigen Genuss erworben zu haben.
Deshalb erschuf der Schöpfer eine Welt, die Seiner Natur gegenübersteht, und welche die Eigenschaft gegenüber Seinem Wesens verkörpert: der Wunsch, sich selbst zu erfreuen, oder der Egoismus. Deswegen stattet er uns mit dieser Eigenschaft aus. Sobald ein menschliches Wesen unter diesem Einfluss steht, wird es in diese Welt geboren und hört sofort auf, den Schöpfer wahrzunehmen.
Die Verhüllung des Schöpfers existiert mit der Absicht, uns eine Illusion eines freien Willens zu geben, um zwischen dieser und der Welt des Schöpfers – der Höheren Welt – zu wählen.
Wenn wir trotz unseres Egoismuses fähig wären, den Schöpfer zu sehen, würden wir natürlich Seine Welt der unseren vorziehen, weil sie nur Genuss und kein Leiden enthält.
Eine Freiheit der Wahl und ein freier Wille können nur in Abwesenheit unserer Wahrnehmung des Schöpfers existieren, während er verhüllt ist. Aber wenn wir vom Moment der Geburt an so stark von unserem Ego dominiert werden, dass wir nicht zwischen unserem Selbst und dem Ego unterscheiden können, wie können wir dann wählen, frei vom Einfluss des Egos zu sein? Welche Wahl gibt es dann wirklich, wenn unsere Welt voller Leiden und Tod ist, während die Welt des Schöpfers voll von Freude und Unsterblichkeit ist? Was bleibt dem Menschen zur Auswahl?
Mit der Absicht, uns einen freien Willen einzuräumen, gibt uns der Schöpfer zwei Möglichkeiten:
1. Manchmal enthüllt er sich Selbst einem von uns, um diesem Menschen zu ermöglichen, Seine Großartigkeit und Barmherzigkeit zu sehen und als Folge davon Gelassenheit zu erfahren.
2. Er gab uns die Kabbala – deren Studium (vorausgesetzt, dass man wirklich aus seinem Zustand herauskommen und den Schöpfer wahrnehmen will) ein verborgenes, umgebendes spirituelles Licht (Or Makif) hervorbringt. Der Vorgang unserer Verbindung zum Schöpfer, angefangen von der untersten Stufe (wo wir leben) bis hin zur höchsten Stufe (wo der Schöpfer wohnt), kann mit dem Erklimmen der Stufen einer spirituellen Leiter verglichen werden.
Alle Stufen dieser Leiter existieren in der spirituellen Welt. Der Schöpfer befindet sich auf der höchsten Stufe, während die unterste Stufe herunter zu unserer Welt kommt.
Der Mensch ist unterhalb der niedrigsten spirituellen Stufe platziert, weil unsere anfängliche, egoistische Stufe nicht mit dem ersten spirituellen Zustand verbunden ist, der vollkommen selbstlos ist. Wir können eine spirituell Höhere Stufe wahrnehmen, wenn unsere Qualitäten dazu mit dem spirituellen Zustand deckungsgleich sind. Dann wird unser Grad der Wahrnehmung proportional zu dem Grad der Übereinstimmung zwischen unseren und denen der spirituellen Qualitäten sein.
Wir können die Höhere Stufe erfassen, weil die spirituellen Stufen, von der niedrigsten bis zur höchsten, der Reihe nach geordnet sind. Darüber hinaus überlappen die aufeinanderfolgenden Zustände sich gegenseitig; die untere Hälfte des höheren Zustands reicht in die obere Hälfte des unteren Zustands hinein (ACHaP des Höheren fällt in G”E des Unteren). Deshalb ist der unterste Teil des höheren Zustands immer gegenwärtig in uns, aber gewöhnlich spüren wir ihn nicht.
Der höhere Zustand über uns wird »der Schöpfer« genannt, weil er als Schöpfer für uns fungiert. Er gebiert uns und gibt uns Leben und Anleitung. Weil wir keine Wahrnehmung von dem Höheren Zustand haben, behaupten wir oft, dass es keinen Schöpfer gibt.
Wenn wir aber in dem Zustand sind, in dem wir die Höhere Lenkung des Schöpfers über die ganze Schöpfung deutlich sehen können, verlieren wir die Möglichkeit, frei wählen zu können.
Wir können nur eine Wahrheit, nur eine Kraft und nur einen Willen erkennen, der über alles und in jedem wirkt.
Weil der Wille des Schöpfers jedem menschlichen Wesen einen freien Willen zugesteht, ist die Verhüllung des Schöpfers vor seinen Geschöpfen notwendig.
Nur wenn Er verborgen ist, können wir behaupten, dass wir dazu streben, uns mit unseren freien Willen selbst an den Schöpfer anzuhängen – Ihm zuliebe zu handeln und ohne eine Spur von Eigeninteresse.
Der ganze Prozess von Selbstkorrektur ist nur möglich, wenn der Schöpfer vor uns verhüllt ist. Sobald Er sich Selbst vor uns enthüllt, werden wir sofort Seine Diener und fallen unter die Kontrolle Seiner Gedanken, Größe und Kraft. An dieser Stelle ist es unmöglich zu bestimmen, was unsere wahren Gedanken sind.
Damit wir frei handeln können, muss sich der Schöpfer verhüllen. Andererseits muss der Schöpfer sich selbst offenbaren, um uns eine Chance zu geben, aus der blinden Sklaverei des Egoismus auszubrechen. Das ist so, weil der Mensch nur auf zwei Kräfte in dieser Welt hört: die Kraft des Egoismus – den Körper –, und die Kraft des Schöpfers – den Altruismus.
Daraus folgt, dass ein sich Abwechseln dieser zwei Zustände notwendig ist. Diese Zustände sind die Verhüllung des Schöpfers vor uns, wenn wir uns nur selbst wahrnehmen und uns die egoistischen Kräfte beherrschen, und die Offenbarung des Schöpfers, wenn wir die spirituelle Kraft spüren.
Damit jemand, der noch unter dem Einfluss des Egoismus steht, das nächste, Höhere Objekt (den Schöpfer) wahrnehmen will, muss der Schöpfer einige Seiner Eigenschaften dem niederen Wesen angleichen, dem Menschen, der eine Verbindung zum Schöpfer sucht.
Er wird einige seiner altruistischen Qualitäten mit egoistischen Attributen ausstatten und kann sich somit dem Menschen angleichen, der Kontakt mit Ihm sucht. Der Höhere Teil erhöht das Malchut-MidathaDin zur Stufe von Seinem Galgalta ve Ejnaim, mit der Folge, dass Sein ACHaP egoistische Qualitäten annimmt. Auf diese Weise steigt Sein ACHaP zu dem untersten Teil herunter (die spirituelle Stufe des Suchenden) und kommt so zu einem Zustand der Gleichheit mit den Qualitäten des niederen Teils.
Ursprünglich war der niedere Teil nicht fähig, den höheren spirituellen Zustand wahrzunehmen. Da der Schöpfer Seine höchsten, altruistischen Eigenschaften jedoch hinter den egoistischen verbarg, war Er fähig, auf die Stufe des Menschen hinabzusteigen, so dass der Mensch Ihn wahrnehmen konnte.
Weil wir höhere Qualitäten für egoistisch halten, sind wir unfähig, deren wirkliches Wesen wahrzunehmen. Es scheint so, als ob es nichts Positives im Spirituellen gäbe, was uns Genuss, Inspiration, Vertrauen oder Ruhe bringen könnte.
Genau an dieser Stelle haben wir die Gelegenheit, unsere Willenskraft auszuüben. Wir mögen stattdessen erklären, dass die Abwesenheit von Genuss und Geschmack am Spirituellen und an der Kabbala daher rührt, dass sich der Schöpfer absichtlich zu unserem eigenen Wohl verhüllt. Weil wir noch nicht über die notwendigen spirituellen Qualitäten verfügen, ist es für uns unmöglich, die höheren spirituellen Genüsse wahrzunehmen, vielmehr ist es so, dass all unsere weltlichen Wünsche vom Egoismus bestimmt werden.

Anfänger müssen unbedingt verstehen, dass ihnen Depressionen und Leiden mit der Absicht geschickt werden, diese zu überwinden.

Sie lenken vielleicht ihre Gebete für ihre Erlösung an den Schöpfer, sie mögen studieren und gute Taten vollbringen. Der Umstand, dass diese Menschen keinen Genuss oder Vitalität von spirituellen Sehnsüchten erfahren, ist von Oben vorgegeben. Dieses verleiht ihnen die Freiheit, darauf zu kommen, dass es ihnen selbst an den geeigneten altruistischen Eigenschaften mangelt. Deswegen muss der Höhere Seine wahren Qualitäten vor ihnen verbergen.
Darum müssen wir uns erinnern, dass die erste Stufe spiritueller Wahrnehmung das Gefühl von spiritueller Entbehrung ist.
Wenn der untere Teil fähig ist zu merken, dass der Höchste sich Selbst aufgrund der Ungleichheit der Eigenschaften zwischen Ihm und diesem niederen Teil verhüllt, und wenn der untere Teil Hilfe bei der Umwandlung seines eigenen Egoismus fordert, indem er sein Gebet (Ma’N) erhebt, dann enthüllt der höhere Teil stückweise sein Selbst (erhebt Sein ACHaP) und zeigt seine wahren Eigenschaften, die vorher bis zu diesem Moment hinter dem Egoismus getarnt waren. Daraus folgt, dass spiritueller Genuss sichtbar wird. So fängt der untere Teil an, die Größe und den spirituellen Genuss des Höheren Wesens zu erfahren, das spirituelle, altruistische Qualitäten besitzt.
Weil das Höhere Seine altruistischen Qualitäten in den Augen des Einzelnen erhöht, erhebt er damit den Einzelnen zur Mitte Seines Zustandes (Er hebt G”E des Niederen zusammen mit Seinem eigenen ACHaP). Dieser spirituelle Zustand ist als des Menschen »niedrigere spirituelle Stufe« (Katnut) bekannt.
Der Höhere Teil erhebt den niedrigeren Teil gewissermaßen zu Seiner eigenen spirituellen Stufe, indem Er beides, Seine Erhabenheit und die Herrlichkeit der altruistischen Eigenschaften, enthüllt. Indem wir die Kraft des Spirituellen sehen und sie mit dem Materiellen vergleichen, können wir eventuell spirituell über unsere Welt aufsteigen. Wenn wir ungeachtet unseres Willens das Spirituelle wahrnehmen, verwandeln sich unsere egoistischen Qualitäten in altruistische, sprich in die Qualitäten des Schöpfers.
In der Absicht, dem niederen Teil zu erlauben, die erste höhere Stufe vollkommen in Besitz nehmen zu dürfen, enthüllt der Höhere Teil dem niederen Teil Sein ganzes Selbst und all Seine Qualitäten. Das bedeutet, Er enthüllt Seine Herrlichkeit, Er macht Gadlut. An diesem Punkt nimmt der Mensch den Höheren Teil als den einzigen und alleinigen absoluten Herrscher von allem im Universum wahr. Zur gleichen Zeit erfasst der niedere Teil das höchste Wissen vom Ziel der Schöpfung und die Herrschaft des Höheren. Es wird dem niedrigeren Teil klar, dass es keinen anderen Weg sich zu verhalten gibt, als auf dem durch die Kabbala vorgeschriebenen Weg. Deshalb benötigt die Vernunft des niederen Teils angemessene Handlungen.
Aufgrund des klaren Bewusstseins über den Schöpfer muss man mit dem Widerspruch zwischen Glauben und Wissen, zwischen rechter und linker Linie handeln. Nachdem nun altruistische Eigenschaften (Katnut) erworben sind, zieht es der niedere Teil vor, nur mittels des Glaubens an die Kraft des Schöpfers fortzuschreiten, denn diese dient ihm als ein Zeichen für sein aufrichtiges Verlangen, dem Schöpfer näher zu kommen.
Dieses dient als Zeichen des Herzenswunsches des Suchenden, dem Schöpfer näher zu kommen. Jedoch behindert des Schöpfers Enthüllung Seiner Erhabenheit (Gadlut) uns nun im Glauben weiterzuschreiten. Folglich muss das Individuum willentlich vom erworbenen Wissen Abstand nehmen.
Wenn jemand versucht, nur im Glauben an die Großartigkeit des Schöpfers blind fortzuschreiten, statt Seine Kraft und Erhabenheit zu bemerken, und er nur seine Vernunft anteilsmäßig zu seinem Glauben benutzt, ist der Schöpfer gezwungen, seine Enthüllung zu begrenzen.
Wenn eine solche Handlung den Schöpfer nötigt, Seine Enthüllung von Seiner Herrschaft, Seiner Allmacht und Sein Licht (Or Chochma) zu reduzieren, wird das »der Schirm von Chirik« genannt. Durch diesen Schirm sind wir fähig, die Enthüllung der Höheren Vernunft (linke Linie) bis zu einem Punkt so weit zu vermindern, an dem die Enthüllung mit dem Glauben, die rechte Linie, in Einklang gebracht werden kann.
Die korrekte Wechselbeziehung zwischen Glauben und Wissen wird eine »spirituelle Ausgeglichenheit« genannt oder die Mittellinie. Wir als Individuen bestimmen den Zustand, in dem wir sein wollen.
Ist erst einmal die korrekte Wechselbeziehung von Glauben und Wissen an ihrem Platz, können wir Vollkommenheit wahrnehmen. Dies ist als die »Mittellinie« bekannt.
Der Teil von enthülltem Wissen (die linke Linie), den wir anteilsmäßig unserem Glauben gemäß(die rechte Linie) benutzen können, indem wir mit dem Glauben über der Vernunft (die mittlere Linie) fortschreiten, wird zu den spirituellen Qualitäten hinzugefügt, die wir schon vorher in Besitz hatten, im Zustand von Katnut. Die neu erworbene spirituelle Stufe wird als Gadlut bezeichnet, was »groß« und »vollkommen« bedeutet.
Nachdem die erste, komplette spirituelle Stufe wahrgenommen worden ist, werden wir gleich in den Qualitäten des allerersten (des niedrigsten) Stadiums der spirituellen Leiter.
Wie schon früher erwähnt, überlappen alle Stadien oder Sprossen der Leiter.
Ist einmal die erste Stufe erreicht, können wir in uns der Präsenz einer höheren Stufe entdecken. Indem wir das gleiche Prinzip anwenden, so als ob wir die erste Stufe erreichen wollten, können wir Schritt für Schritt bis zum Ziel der Schöpfung voranschreiten – zur vollkommenen Einheit auf der höchsten Stufe mit dem Schöpfer.
Ein wesentlicher Teil unseres spirituellen Aufstiegs ist ein spezieller Vorgang, der erfordert, dass, während wir immer mehr Böses in uns entdecken, wir vom Schöpfer fordern, er möge uns die Kraft verleihen, das Böse zu überwinden. Wir empfangen dann Stärke in Form eines größeren spirituellen Lichts. Dies geht so lange vor sich, bis wir den eigentlichen Ursprungspunkt und Platz unserer Seele erreicht haben: An diesem Punkt ist unser Egoismus vollkommen korrigiert und mit Licht gefüllt.

Die Suche nach dem Schöpfer


Wenn wir durch äußere Gedanken abgelenkt werden, spüren wir, dass uns die Gedanken von der Erkundung des Spirituellen abhalten, weil unsere Stärke und Absicht mit belanglosen Angelegenheiten vergeudet, während unsere Herzen mit unnötigen Wünschen erfüllt werden. In Zeiten wie diesen verlieren wir den Glauben an die Tatsache, dass nur Kabbala das wahre Leben beinhaltet.
Haben wir einmal diesen Zustand überwunden, kommen wir aus diesem heraus und bewegen uns zum Licht, empfangen ein höheres Licht, das uns hilft, weiter aufzusteigen. Auf diese Weise sind unsere äußeren Gedanken dazu da, uns zu helfen, spirituell weiterzukommen.
Wir können Hindernisse nur mit Hilfe des Schöpfers überwinden. Wir können nur an etwas arbeiten, wenn wir einen persönlichen Vorteil in der Aufgabe erkennen. Jedoch verstehen unser Körper, Herz und Intellekt nicht, welche Vorteile sich aus dem Altruismus ergeben.
Sobald wir versuchen, auch nur die geringste altruistische Bewegung zu machen, verlieren wir deswegen die ganze Kraft des Verstandes, des Herzens und des Körpers. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns an den Schöpfer zu wenden und Ihn um Hilfe zu bitten. Auf diesem Weg, ungewollt und ohne freie Wahl, schreiten wir vorwärts zum Schöpfer hin, bis wir vollkommen mit Ihm verbunden sind.
Wir sollten uns nicht darüber beklagen, dass wir nicht genügend schlau, stark oder mutig geboren sind, oder es uns an Qualitäten mangelt, die andere besitzen.

Wenn wir nicht auf dem rechten Pfad wandeln, was macht es dann für einen Unterschied, ob wir mit den besten Fähigkeiten und dem größten Potenzial ausgestattet sind?

Es kann sein, dass ein talentierter Mensch ein großer Wissenschaftler werden kann, aber ohne eine Verbindung mit dem Schöpfer wird dieser Mensch seinen Zweck nicht erreichen, und er scheitert wie die Mehrheit der Menschen.
Es ist äußerst wichtig, die Stufe eines rechtschaffenen Menschen zu erreichen; nur dann können wir unser ganzes Potenzial für die richtigen Aufgaben nutzen, statt unsere Stärke mit Belanglosem zu vergeuden. Gerade die schwächsten und einfachsten uns vom Schöpfer gegebenen Fähigkeiten sollten wir zugunsten der erhabenen Ziele benutzen. Wenn wir in einem Zustand des spirituellen Abstiegs sind, ist es sinnlos zu versuchen, uns aufzumuntern oder uns zu zwingen, die gelernte Weisheit eines anderen zu hören. Nichts, was andere sagen, kann uns helfen. Die Dinge, die andere Menschen durchlebt haben, und deren Ratschläge werden uns nicht beleben, wenn wir depressiv gestimmt sind, weil wir unseren Glauben an alles verloren haben, schließlich der Errungenschaften der anderen.
Wenn wir uns jedoch immer wieder sagen, was wir uns im Zustand des spirituellen Hochgefühls und voller Leben sagten und fühlten, und nicht spirituell tot wie im gegenwärtigen Moment sind; wenn wir uns an unsere eigenen Ziele und des spirituellen Fortschritts erinnern, dann können wir wachsen und unsere gute Laune zurückgewinnen.
Wenn wir uns daran erinnern, dass wir an einem gewissen Punkt einen festen Glauben hatten und durch Glauben über der Vernunft im Leben weitergekommen sind, können wir uns selbst beim Verlassen des Zustandes des spirituellen Todes helfen. Aus diesem Grund sollten wir uns immer auf unsere eigenen Erinnerungen und Erfahrungen berufen. Nur diese werden uns motivieren, den Zustand der Depression aufzugeben.
Jemand, der eine bestimmte spirituelle Stufe erreicht hat, hat die Aufgabe, von den unzähligen aufkommenden Genüssen eine Auswahl zu treffen, und sofort alle Genüsse, die nicht durch den Glauben ausgeglichen werden können, zu verwerfen, weil sie sich nicht zur Verwendung eignen. In der Kabbala wird der Teil von Genuss, den ein Mensch zum Wohl des Schöpfers empfängt, für den alleinigen Zweck, den Glauben zu stärken, für »Nahrung« gehalten. Auf der anderen Seite wird der andere Teil, der nicht fähig ist, zu empfangen, für »Unrat« gehalten. Ist ein Mensch nicht fähig, zwischen den beiden zu unterscheiden und möchte das Ganze verschlingen (kabbalistisch gesehen »betrunken zu werden vom Rausch des Genusses«), dann verliert der betreffende Mensch alles, und es bleibt ihm nichts. In der Kabbala wird ein solcher Mensch »ein Armer« genannt.

Uns allen ist »vorgeschrieben«, was wir tun und nicht tun dürfen. Wenn wir entscheiden, das »Vorgeschriebene« zu ignorieren, werden wir bestraft.

Wenn wir uns der Schmerzen und des Leidens nicht bewusst werden, welche durch den Gesetzesbruch entstehen, dann sind wir gezwungen, dieses Gesetz zu brechen, da wir dadurch dann Genuss erhalten werden.
Folglich werden wir die Bestrafung auch erhalten, damit wir uns für die Zukunft merken, dass wir so nicht handeln sollen.
Zum Beispiel gibt es ein Gesetz, wonach es verboten ist, Geld zu stehlen. Wenn aber ein Mensch einen starken Drang zum Geld verspürt, und er weiß, wo es gestohlen werden kann, wird die Straftat ausgeführt. Das ist so, auch wenn kein Zweifel besteht, dass der Dieb bestraft wird; dem potenziellen Dieb gelingt es weiterhin nicht, sich das volle Ausmaß des Leidens vorzustellen, das nach dem Verstoß erfolgt. Deswegen entscheidet der Mensch, dass das Vergnügen, das Geld zu ergaunern, das Leiden der darauf folgenden Bestrafung überschreitet. Aber wenn das Leiden dann eintritt, bemerkt der Dieb, dass das Leiden alle Erwartungen übertrifft und größer ist, als das aus dem Diebstahl bezogene Vergnügen. An diesem Punkt ist der Dieb bereit, sich an das Gesetz zu halten.
Wenn der Mensch frei wird, kommt die Warnung, dass die nächste Bestrafung bei der nächsten Übertretung viel größer sein wird. Das geschieht, damit man das erlebte Leiden nicht vergisst. Wenn der Wunsch zu stehlen erneut aufkommt, erinnert man sich daher an beides, an vergangene Leiden und an die Warnung, dass die nächste Bestrafung viel härter ausfallen wird als die vorhergegangene. Dies bringt den Anreiz, dem Diebstahl zu entsagen.
Am oberen Beispiel und an vielen anderen, die uns täglich umgeben, können wir sehen, dass das Leiden einen Menschen auf einen Pfad führt, den er sonst nicht gewählt hätte, wenn er dem Ego gefolgt wäre. Es ist immer leichter zu stehlen, als mit Arbeit zu verdienen, zu ruhen, als zu denken, oder zu arbeiten und zu genießen, als zu leiden.
Ein Mensch, der sich für das Studium der Kabbala entscheidet, sollte wissen, dass es zu seinem Besten ist. In anderen Worten, ein Mensch sollte sich klar werden, dass das Ego von solch einem Handeln profitiert. Niemand von uns kann sich eine Arbeit aufbürden, die vollkommen selbstlos ist, die kein Geld einbringt, keine Ehre, keinen Genuss oder eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft verspricht.
Es ist eher so, dass wir unfähig sind, eine Arbeit aufzunehmen, die keine Ergebnisse oder Früchte irgendeiner Art trägt; die anderen nichts gibt; die nicht in etwas Gutem für einen anderen mündet oder scheinbar nur sinnlose Anstrengungen in einem Vakuum produziert. Es ist nur natürlich, dass unsere egoistische Vernunft und der Körper nicht für solche Aufgaben vorbereitet sind, denn sie sind vom Schöpfer zum Empfangen von Genuss erschaffen.
Wir werden gezwungen, »altruistisch« zu fühlen und zu handeln, aufgrund des Leidens, das wir täglich empfangen, den vollkommenen Verlust von jeglicher Freude oder von Wünschen in unserem Leben und unserer starken Überzeugung, dass wir nicht fähig sind, auch nur das geringste Vergnügen aus unserer Umgebung zu beziehen. So versuchen wir es mit dem Altruismus in der Hoffnung, dass wir Erlösung auf diesem neuen Weg finden.
Obwohl diese neue Herangehensweise an das Leben nicht als der ultimative Altruismus bezeichnet werden kann, weil das Ziel unserer Handlungen persönliches Wohlbefinden und Seelenheil ist, kommt dieses dem Altruismus schon näher. Es erlaubt uns allmählich, in den gewünschten Zustand zu kommen, unter den Einfluss des Lichts, das in unseren Handlungen verborgen ist.
Indem wir uns altruistisch verhalten, aber noch zu unserem Vorteil, weil wir um des Empfangens willen geben, beginnen wir das Licht (Genuss) wahrzunehmen, das in unseren Taten versteckt ist. Die Natur des Lichts ist dergestalt, dass es uns korrigiert.
Wir können solche Vorgänge in der Natur beobachten. Beispielsweise kann es stark regnen, nur leider nicht da, wo der Regen den größten Vorteil bringen würde. So könnte der Regen in der Wüste fallen, wo er nur eine geringe Auswirkung hat, statt auf den Feldern, wo auch nur der geringste Niederschlag zum Wachstum vieler Saaten führen kann. Ähnlich einem Menschen, der ständig mit dem Lesen von spirituellen Texten beschäftigt ist, aber die Früchte – das spirituelle Verständnis für den Schöpfer, welches aus den Bemühungen erfolgen sollte – verflüchtigen sich. Andererseits ist es möglich, dass man durch das Studium der richtigen Menge der Kabbala und mit einem geringeren Aufwand an Mühe eine größere Ernte einfahren könnte.
Dasselbe kann auch auf das Studium der Kabbala angewandt werden. Wenn das gesamte Studium der Suche des Schöpfers gewidmet ist, anstatt nur Wissen zu sammeln, dann wird die gesamte, Leben spendende Auswirkung der Kabbala am richtigen Ort wiedergegeben.
Aber wenn der Mensch nur darauf aus ist, sich ein größeres Wissen anzueignen, oder wenn er, noch schlimmer, seinen Intellekt stolz zur Schau stellen möchte, dann wird auch die Kabbala nicht zum richtigen Ergebnis führen. In diesem Fall kann es aber trotzdem das eigentliche Ziel des Studiums aufdecken und dabei helfen, die Bemühungen in die richtige Richtung zu lenken.
Dieser Prozess der Richtungskorrektur der Gedanken dauert so lange, wie jemand unablässig Kabbala studiert, weil jeder Mensch die Aufgabe hat, die Gedanken und Taten in die richtige Richtung zu bringen. Auf diese Weise werden sie einheitlich mit dem Ziel der Schöpfung kommunizieren. Diese ist besonders während des Studiums der Kabbala wichtig, weil es keine stärkere Möglichkeit gibt, dem Spirituellen näher zu kommen.
In der Bibel symbolisiert Ägypten die oberste Gewalt unseres Egoismus (so bekannt unter Mizraim, vom Wort Miz-ra, die Anhäufung des Bösen). Amalek stellt den Stamm dar, der Krieg führt gegen Israel (abgeleitet von Isra- (yashar, direkt) und el (Schöpfer), nämlich der, welcher selbst direkt auf den Schöpfer zusteuert). Amalek personifiziert unseren Egoismus, der unter keinen Umständen erlauben möchte, dass ein Mensch sich aus seiner Macht befreien kann.
Egoismus (greift an) tritt nur im Wunsch eines Menschen auf, der versucht, sich aus der Gefangenschaft von Ägypten zu entfernen (Egoismus). Selbst wenn einer ganz am Anfang seines Weges ist, wird Amalek sich diesem Individuum sofort in den Weg stellen.
Eine plötzliche Steigerung in der Wahrnehmung des Egoismus wird nur solchen gesandt, die vom Schöpfer ausgezeichnet und erwählt sind. Nur denen, die ausgewählt sind, ein höheres Verständnis vom Schöpfer zu erreichen, wird Amalek gesandt. Dies geschieht in der Absicht, in diesen Menschen ein wirkliches Bedürfnis nach dem Schöpfer zu entwickeln, anstatt nur ihre persönlichen Eigenschaften zu verbessern oder einfach um »gute Menschen« zu werden.
Ein so ausgewählter Einzelner beginnt, große Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Selbstverbesserung zu erfahren. Der Wunsch zu studieren, der in der Vergangenheit sehr stark war, flaut ab. Der Körper wird schwer, wenn er sich den zu erledigenden Aufgaben gegenübersieht.
Der Körper (der Intellekt, unser »Ich«) kämpft mit dem Wunsch zu verstehen, wer der Schöpfer ist, wohin der Körper gehen soll und aus welchem Grund, und ob der Körper von jeder seiner Bemühungen profitieren wird. Ansonsten, ohne irgendeinen Gewinn, wird weder der Verstand noch der Körper irgendeine Energie oder Motivation verspüren, irgendetwas auszuführen. Und dabei haben sie völlig recht, weil es dumm ist, etwas zu tun, ohne zu wissen, was dabei herauskommt.
Es gibt keinen Weg, die Begrenzungen unserer menschlichen Natur zu überwinden und in die spirituelle Meta-Welt einzutreten, außer den Intellekt und den Wunsch, die dieser spirituellen Welt gemeinsam sind, zu erlangen. Diese Verlangen stehen ihrer Natur nach unserer Welt gegenüber, weil alles, was wir wahrnehmen und fühlen, und alles, was ein Bild von »unserer Welt« erzeugt, Produkte unseres egoistischen Intellekts und unserer egoistischen Herzen sind.
Deshalb können wir nur durch den Austausch der bestehenden Begriffe mit den gegensätzlichen Begriffen (Glaube ersetzt Vernunft, und »Geben« ersetzt »Nehmen«) in die spirituellen Welten eintreten.
Weil wir aber nur die Werkzeuge besitzen, mit denen wir ursprünglich erschaffen sind, Intellekt und Egoismus, und weil unser Intellekt nur für den Vorteil unseres Egoismus arbeitet, können wir nicht die unterschiedlichen Werkzeuge der Vernunft und Wahrnehmung in uns erzeugen. Diese müssen von außen, vom Schöpfer, erhalten werden.
Aus diesem Grund zieht uns der Schöpfer zu Sich Selbst hin, um uns zu zeigen, dass wir unfähig sind, uns ohne Seine Hilfe zu verändern.
Obwohl der Körper sich weigert, müssen wir nach einer Bindung mit dem Schöpfer suchen und sie pflegen, denn nur diese Verbindung wird unsere spirituelle Erlösung ermöglichen.
Wir sollten den Schöpfer nicht um die Fähigkeit bitten, Wunder zu sehen und diese zu erleben, in der irrtümlichen Annahme, dass uns diese Erfahrung dabei helfen würde, unser Selbst zu überwinden, und uns dazu bringt, das Spirituelle mehr zu würdigen, anstatt es einfach in gutem Glauben zu überwinden. Kabbala warnt vor solchem Denken in der Erzählung über den Auszug aus Ägypten: Als Amalek die Menschen attackierte, verteidigte sie Moses, indem er nur die Hand erhob und um die Macht des Glaubens bat.

Während des spirituellen Aufstiegs erwerben wir uns ständig einen höheren Beweggrund, der mit jeder erreichten Stufe anwächst.

Daraus folgt, dass wir ständig die Macht des Glaubens verstärken müssen, damit sie immer größer als die Macht des Verstandes ist; ansonsten können wir wieder einmal unter den Einfluss unseres Egoismus kommen.
Dieser Prozess geht so lange weiter, bis wir uns nur noch am Schöpfer festhalten.
Im letzten Stadium erlangen wir das endgültige Verstehen, das höchste Empfangen von Licht (Or Chochma) ohne irgendeine Skala. Es wird beschrieben als »das Licht, das am ersten Tag der Schöpfung geschaffen wurde, in welchem der erste Mensch von einem Ende der Welt bis zum anderen Ende der Welt sehen konnte«. Und in der Kabbala steht geschrieben: »Von Beginn an war alles in Höchstes Licht eingehüllt. « Mit anderen Worten: Wenn das Licht auf alles scheint, ohne die Stufen zu unterscheiden, dann wird alles klar. Dann gibt es weder ein Ende noch einen Anfang dieses Lichts, keine Abstufungen und alles ist voll und ganz nachvollziehbar.

Kapitel 13

Die Methode der Kabbala

Das Studium der Kabbala ist schwierig und langwierig. Man braucht viel Zeit, um seine Lebensziele neu bewerten zu können, das Selbst neu einzuschätzen, um klar definieren zu können, in welche Richtung sich Sehnsüchte bewegen sollen. Es dauert, bis man wahrheitsgetreu die motivierenden Kräfte der eigenen Taten bewerten, das körperliche Begehren überwinden, die Forderungen des Intellekts und die Kraft des Egoismus verstehen kann. Die Kabbala ist gleichzeitig eine schwierige, lange Leidenszeit und die Suche nach der Befriedigung unserer Begehren; sie ist eine Zeit der Enttäuschungen, denn man kann sich nicht wirklich auf seine Sehnsüchte konzentrieren. Während der Zeit des Studiums der Kabbala erkennt man, dass man der endgültigen Quelle des Leidens (dem Egoismus) nur dann entfliehen kann, wenn man seine Gedanken in altruistische Gedanken, die allmählich zu Gedanken an den Schöpfer führen, umwandeln kann. Der Schöpfer jedoch schenkt uns wiederum solche Glückseligkeit, dass man an gar nichts anderes mehr denken kann.
Nur wenn wir alle Phasen der spirituellen Entwicklung mithilfe der Kabbala durchgemacht haben, fangen wir an, das göttliche Licht – das Licht der Kabbala –, das immer intensiver auf uns scheint, wahrzunehmen; dabei steigen wir die Stufen der spirituellen Leiter immer weiter hinauf, bis wir die Stufe der absoluten Vereinigung mit dem Schöpfer erreicht haben.

Unser Weg besteht aus zwei Teilen: dem Weg der Kabbala und dem Licht der Kabbala.

Das Studium der Kabbala ist eine Zeit der Vorbereitung neuer Gedanken und Wünsche und eine Zeit des Leidens. Aber wenn wir erst einmal diese Brücke, die uns zum Schöpfer führt, betreten haben, steigen wir in die Welt der Spiritualität, in das Königreich des Lichts ein. Hier erreichen wir das Endziel der Schöpfung – die absolute Wahrnehmung des Schöpfers.
Die Generation der Flut bedeutet »eine Zeit der Arbeit des Herzens «, wohingegen die Generation des Erbauens des Babylonischen Turmes als »die Zeit der Arbeit des Intellekts« bezeichnet wird.
Jeder von uns ist vom ersten bis zum letzten Moment des Lebens daran interessiert, seine Wünsche erfüllt zu bekommen. Der Unterschied zwischen uns Menschen jedoch besteht in der Wahl dessen, was uns Freude bereitet, während Freude an sich immer spirituell ist. Nur die äußere Hülle kreiert die Illusion, dass Freude materieller Natur ist.
Im Unterbewusstsein haben wir deshalb das Bedürfnis, die äußere »Kleidung« der Freude zu verändern, in der Hoffnung, dadurch Freude in ihrer reinsten Form – als Licht des Schöpfers – zu erhalten. Da jedoch unsere Sehnsüchte auf verschiedenste Art und Weise zum Ausdruck kommen, beurteilen wir die Menschen entsprechend dieser Hüllen oder »Kleidungsstücke«, in die sich das Verlangen kleidet, und betrachten dies als »normal«, so wie zum Beispiel die Liebe zu Kindern, für Nahrung, Wärme und dergleichen. Andere »Kleidungsstücke« sind weniger akzeptabel wie Drogen, Mord oder Diebstahl. Die Menschen, die diesem Genuss nachgehen, müssen diese Art von Freude geheim halten.
Die gesamte Menschheit jedoch akzeptiert im gewissen Maße egoistisches Verhalten ohne jegliches Schamgefühl. Zudem ändern sich die Grenzen des Egoismus ständig wie eine momentane Modeerscheinung. Im Laufe unseres Lebens und mit dem Älterwerden, in Übereinstimmung mit der Vorsehung des Schöpfers, verändern sich auch die »Kleidungsstücke «, die wir zur Befriedigung unseres Verlangens nach Freude benötigen.
Sogar zwischen zwei Menschen ist der Wechsel von einer Hülle zur anderen dramatisch. Zum Beispiel hat ein Mädchen große Freude an einer Puppe, aber es kann keine rechte Freude an der Pflege für ein echtes Baby aufbringen. Andererseits empfindet seine Mutter keine Freude an einer Puppe, und es ist ihr unmöglich, die Tochter davon zu überzeugen, dass die Sorge um ein lebendiges Kind viel Freude macht. Vom Standpunkt des Mädchens aus gesehen und in Übereinstimmung mit seinen eigenen Wahrnehmungen ist die Sorge für ein echtes Baby Schwerstarbeit für die Mutter, und es empfindet keine Freude darüber.
Es ist der Meinung, dass man keine Freude an der Pflege eines echten Babys haben kann, weil es ja keine Puppe ist. Das Mädchen ist davon überzeugt, dass seine Mutter dafür irgendwann in einer zukünftigen Welt für ihre schwere Arbeit belohnt wird, aber das Kind möchte sich bereits in dieser Welt freuen und entschließt sich deshalb, lieber mit der Puppe zu spielen.
So oder so ähnlich denken Kinder, und man kann ihnen das gut nachempfinden. Sie sind noch nicht in dem Alter, in dem sie sich an den wirklichen Dingen dieser Welt erfreuen können. Sie haben ihre Freude an Spielsachen – den illusorischen, unwirklichen Gegenständen.
Da wir alle göttliche Wesen sind, sehnen wir uns nach dem Genuss, der vom Schöpfer ausgeht. Wir spüren ein großes Verlangen nach Ihm und nehmen das Leben nur mit diesem Verlangen wahr. Darin unterscheiden wir uns nicht von unserer Seele, bevor sie in diese Welt gekommen ist und sich in unseren Körper gekleidet hat. Wir unterscheiden uns aber auch nicht von unserer Seele, nachdem sie durch alle Zyklen des Lebens gegangen und schließlich zum Schöpfer zurückgekehrt ist.

Wir wurden so geschaffen, dass wir uns wünschen, von dem Licht, das von Ihm ausgeht, erfüllt zu werden, und das kann nicht und sollte auch nicht geändert werden.

Das Einzige, das von uns erwartet wird, ist, dass wir die äußere »Kleidung « unseres Verlangens ändern, dass wir sozusagen die Puppe mit dem echten Baby ersetzen, denn das bringt uns wahre Freude.
Ein Mensch ist wie ein Kind beim Füttern. Er besteht darauf, das zu bekommen, was er sich wünscht. Wir Menschen bemühen uns sehr, wenn wir davon überzeugt sind, dass uns am Ende harter Arbeit eine Belohnung erwartet. Sobald wir uns verbessern wollen und anfangen, Kabbala zu studieren, will der Körper wissen: Warum ist das nötig? Es gibt vier Ziele:

1.
Aus Gehässigkeit anderen gegenüber. Das ist das schlimmste Ziel, weil es sich darauf konzentriert, jemanden leiden zu lassen.

2.
Um eine gute Stellung, Ehre und Geld zu bekommen; um einen Erfolg versprechenden Partner zu finden: Dieses Ziel ist besser als das vorhergehende, weil es für andere von Nutzen ist. Das ist »für andere arbeiten «, weil andere Menschen ihn für diese Anstrengung entlohnen.

3.
Um nur den Schöpfer von unserem Studium und unseren Bemühungen, uns selbst zu verbessern, wissen zu lassen, es jedoch vor anderen geheim zu halten, um zu vermeiden, dafür geehrt zu werden. Erwünscht ist aber nur die Belohnung vom Schöpfer. Das ist gleich »für den Schöpfer arbeiten«, denn man erwartet die Belohnung nur vom Schöpfer.

4.
Der Schöpfer akzeptiert die Früchte unserer Arbeit, der Mensch jedoch erwartet keine Gegenleistung. Nur in diesem Fall stellt der Egoismus die Frage: »Was bekommst du dafür?«, aber darauf gibt es keine sinnvolle Antwort; die einzige Lösung ist, weiterzumachen, auch dem eigenen Intellekt und den eigenen Gefühlen zuwider.
Das heißt: »Oberhalb des Verstandes und der Gefühle«. Auf diese Weise konzentrieren sich alle Aufgaben auf ein einziges Bemühen, nämlich den Verstand und die Gefühle von der kritischen Bewertung des Zustandes, in dem man sich befindet, zu trennen. Folglich vertraut man vollkommen dem Schöpfer. Das eigene Bemühen sollte sich nur auf die Gedanken und Gefühle für den Schöpfer und auf die Erhabenheit des spirituellen Lebens konzentrieren. Wenn sich jedoch die Stimme des Verstandes meldet und den Menschen herausfordert, sich wieder mit dem Alltag zu befassen und sich einzig und allein darauf zu konzentrieren, dann soll der Mensch nur sagen: »Alles, was für mich notwendig ist, ist in Erfüllung gegangen.« Gleichzeitig sollte man dabei jeden Gedanken und jeden Wunsch auf den Schöpfer richten. Außerdem sollte man sich weigern, der Kritik dieser inneren Stimme zu gehorchen, selbst wenn man das Gefühl hat, in der Luft zu hängen ohne jegliche spirituelle und vernunftmäßige Basis. Dieses Stadium ist als »oberhalb des Verstandes und der Gefühle« (Lema’la mi ha Da’ at) bekannt.
Je größer die Freude ist, die man an einem materiellen Gegenstand hat, desto mehr hängt man an diesem Besitz. Je mehr man etwas schätzt, desto mehr Angst hat man, es zu verlieren.
Woran erkennt ein Mensch, dass die Verwirklichung des Spirituellen wichtig ist, wenn er die Spiritualität niemals erfahren hat? Diese Erkenntnis erfährt man in einem Zustand spiritueller Leere, wenn uns die Abwesenheit der kleinsten Wahrnehmung der Herrlichkeit des Spirituellen aufwühlt. Das bedeutet, dass man das Gefühl hat, weit vom Schöpfer entfernt zu sein, und dass man sich unmöglich verändern kann.
Die Arbeit in dieser Phase wird als die »tägliche Arbeit« angesehen und führt allmählich zur spirituellen Wahrnehmung, die man als Shabbat (Sabbat) kennt. In dieser Zeit braucht man nicht mehr (und es ist sogar verboten) an sich selbst zu arbeiten; man ist nur verpflichtet, den Shabbat einzuhalten, damit man das Geschenk des Schöpfers nicht verliert.
Wenn ein Mensch persönlich an dem, womit er in Verbindung ist, Anteil nimmt, dann kann er dem nicht mehr objektiv gegenüberstehen. Wenn ein Mensch daher einem anderen erklären möchte, dass dessen Verhalten falsch ist, dann ist es unwahrscheinlich, dass dieser Mensch diese Meinung teilt, da er von der Richtigkeit seines Verhaltens überzeugt ist und dementsprechend handelt.
Ist dieser Mensch jedoch einverstanden, den Anweisungen anderer Folge zu leisten, dann wird sich mit der Zeit herausstellen, dass die Wahrheit nicht durch vergangene Taten und Gedanken zum Vorschein kommt, sondern durch das Verhalten, das gegenwärtig vorliegt.
Der Schöpfer hat das Ziel, die Menschen, das heißt Seine Schöpfung (damit sind wir gemeint, weil alles andere, das von Ihm erschaffen wurde, nur Hilfszwecken dient) zu unterstützen, bis der Mensch die Quelle der Freude wahrnimmt und aufhört, nur Fehler in den verschiedenen Eigenschaften, Lernstufen und so weiter zu sehen; aber selbst dann hat dieser Mensch immer noch nicht das Ziel der Schöpfung erreicht.
Um Freude – das Ziel der Schöpfung – zu verspüren, muss man zuerst die Korrektur seiner Wunscherfüllung vornehmen. Man soll zufrieden sein, einfach nur deshalb, weil es der Schöpfer so will; wir brauchen uns keine Gedanken zu machen, was uns wohl Freude bereiten könnte, denn sobald wir die Korrektur durchgeführt haben, werden wir diese Freude ganz von selbst empfinden. Daher sollten wir uns nur auf die Aufgabe konzentrieren, unseren Wunsch, Freude zu verspüren – unser Gefäß zu korrigieren.
Man kann das mit dem Vorgang eines Wohnungskaufs vergleichen. Wir brauchen uns nicht darum zu sorgen, wie wir die Wohnung bekommen können, sondern wie wir sie bezahlen sollen und wo wir das Geld dafür hernehmen sollen. Sobald der finanzielle Aspekt geregelt ist, gehört uns diese Wohnung. Daher sollte man sich nur auf das Geld und nicht auf die Wohnung konzentrieren.
Das gilt auch für die Wahrnehmung des Spirituellen. Alle Anstrengung sollte aufgebracht werden, um die Bedingungen zu erfüllen, die für den Empfang des Lichts nötig sind, aber auf das Licht selbst braucht man sich nicht zu konzentrieren. Wenn wir altruistische Gedanken und Wünsche kultivieren, dann spüren wir sofort spirituelle Glückseligkeit.
Der Fortschritt der Menschheit geschieht durch das Leid der ewigen Seele und nicht durch den vergänglichen Körper; die Menschheit irrt sich ständig und scheint nicht aus ihren eigenen Fehlern zu lernen.
So gesehen leidet der Mensch aber nicht umsonst. Irgendwann einmal, in einem der vielen Lebenszyklen auf unserer Welt, wird die Menschheit erkennen, dass es notwendig ist, den spirituellen Aufstieg zu verwirklichen, damit die Menschheit vom Leiden erlöst werden kann.
Die Höheren Spirituellen Welten werden im Vergleich zu unserer Welt als »Anti-Welten« bezeichnet, weil in unserer Welt alle Naturgesetze auf der Basis von Egoismus und auf dem Ehrgeiz des Begreifenund Verstehen-Wollens beruhen. Die Natur der Höheren Welten dagegen ist absolut selbstlos – sie will geben und glauben.
Die spirituelle und materielle Natur sind so völlig entgegengesetzt, dass jegliche Ähnlichkeit zwischen ihnen aufhört. Deshalb sind unsere Versuche, uns vorzustellen, wie andere Welten funktionieren könnten, völlig zwecklos. Nur indem man das Verlangen des Herzens von »nehmen« zu »geben« und seinen Intellekt von »verstehen« zu »glauben« umwandelt, werden wir spirituell wahrnehmungsfähig.
Beide Wünsche sind miteinander verbunden, auch dann, wenn man den Wunsch zu nehmen im Herzen verspürt und den Wunsch zu verstehen im Gehirn. Das liegt daran, dass die Grundlage beider Wünsche der Egoismus ist.
Kabbala erklärt, dass die Geburt der spirituellen Existenz damit beginnt, dass »der Vater die Mutter nach draußen nimmt«, um einen Sohn zu zeugen; die Vollkommenheit »verdrängt« den Verstand und verhindert damit, dass dieser seine Umwelt analysiert; dadurch entsteht ein neuer, höherer Verstand, der von allen Wünschen unabhängig und daher durch und durch objektiv ist.
Nur an den Schöpfer zu glauben reicht allerdings noch nicht aus. Dieser Glaube muss um des Schöpfers willen existieren und nicht aus Eigennutz. Der Suchende soll sich mit einem Gebet an den Schöpfer wenden und in Ihm den Wunsch zu helfen erzeugen, damit dieser ein Gefühl für die Ehrerbietung und die Großartigkeit des Schöpfers entwickle. Nur wenn man sich an Ihn wendet, reagiert der Schöpfer und erhebt den betenden Menschen in die höchste Welt und offenbart Seine Herrlichkeit ihm gegenüber. Nur so bekommt man die nötige Kraft, über seine eigene Natur hinauszuwachsen.
Ausschließlich das Licht des Schöpfers spendet einem genügend Kraft, seine egoistische Natur zu überwinden und das Gefühl zu haben, die Ewigkeit und die Gewissheit erreicht zu haben. Nichts kann sich nunmehr in diesem Menschen verändern. Er kann nicht mehr zu seinem Egoismus zurückkehren, denn er hat endlich die ewige Existenz in der spirituellen Welt erreicht. Dieser Mensch empfindet Gegenwart und Zukunft gleichzeitig und erzeugt damit das Gefühl der Ewigkeit, den Wunsch, Freude zu empfangen.

Das Verlangen nach Genuss

Da sich der Schöpfer immer in absoluter Ruhe befindet, streben auch wir, seine Schöpfung, nach diesem Zustand der Ruhe, weil wir hoffen, in diesem das Erwünschte zu erreichen. Der Schöpfer hat für uns zwei Kräfte erschaffen, die unserer Entwicklung beistehen können. Die Kraft, die uns von hinten anschiebt, ist das Leid, das uns zwingt, dem unerträglichen Dasein, in dem wir uns befinden, zu entfliehen, und die Kraft der Anziehung, die uns zur erwartenden Glückseligkeit zieht. Aber nur das Zusammenwirken beider Kräfte bringt uns unserem Ziel näher.
Daher sollten wir uns unter keinen Umständen beschweren, dass der Schöpfer uns Faulheit gegeben hat, denn damit würden wir jedes Mal, wenn das Vorwärtsschreiten etwas schwierig ist, den Schöpfer beschuldigen. Die Tatsache, dass wir faul sind, beweist, dass wir nicht impulsiv und gedankenlos jeder kleinen Versuchung im Leben nachjagen, sondern erst einmal abwägen, ob sich der Aufwand lohnt.
Wir versuchen auch nicht, jedem Leid sofort zu entfliehen. Zuerst denken wir über den Grund des Leidens nach und lernen, wie wir das in Zukunft vermeiden können. Das Leiden zwingt uns zum Handeln, und wir versuchen, diesem Drang Widerstand zu leisten.
In allen Lebenssituationen möchten wir am liebsten unser Ego gelten lassen. Jedoch halten uns andere Menschen davon ab.
Die Regeln in unserer Gesellschaft sind mit stillschweigender Übereinstimmung so festgesetzt, dass jedem durch unseren Egoismus nur minimaler Schaden zugefügt wird.
Diese Vereinbarung entstand aus der Tatsache, dass wir von einem sozialen Kontakt maximalen Nutzen erhoffen. Beispielsweise würde ein Verkäufer lieber sein Geld erhalten, ohne sich von seiner Ware trennen zu müssen. Auf der anderen Seite möchte auch der Käufer sehr gerne die Ware, ohne dafür zahlen zu müssen. Ein Arbeitgeber träumt von Arbeitern, die unentgeltlich arbeiten, und die Arbeiter wollen bezahlt werden, ohne arbeiten zu müssen.
Unsere Wünsche werden nur nach dem Grad des Leidens bemessen, das uns die Abwesenheit des Gewünschten bereitet. Je größer das Leiden durch die Abwesenheit des Gewünschten ist, desto größer ist der Wunsch, diesen Gegenstand zu besitzen.
Es heißt: »Der Schöpfer möchte in niedrigen Wesen verweilen.« Sowohl unser Lebensziel als auch der Zweck der Schöpfung sind es, in uns die richtigen Bedingungen zu schaffen, damit das Göttliche in uns verweilen kann.
Götzendienst (Avoda Sara) bedeutet, den egoistischen Wünschen des Körpers Folge zu leisten. Im Gegensatz dazu ist die spirituelle Arbeit (Avodat HaShem, Avodat haKodesh) die Befolgung altruistischer Wünsche oder Ziele, auch wenn die Wünsche noch nicht existieren.
»Spirituelle Bindung« kommt von der Ähnlichkeit der Eigenschaften zweier spiritueller Erscheinungen.
»Spirituelle Liebe« ist das Gefühl vollkommener Bindung zweier gegensätzlicher Eigenschaften: der Mensch und der Schöpfer. Wenn der Mensch keinen Wunsch verspürt, die Macht wiederzuerlangen, den eigenen Wünschen zu folgen, dann hat er die wahre Liebe für seinen Schöpfer erreicht und ist nicht nur unterwürfig.
Wenn die Eigenschaften übereinstimmen, dann empfindet der Schöpfer Freude, weil Er einen positiven Einfluss auf Seine Schöpfung hat, und auch der Mensch ist glückselig, weil er dem Schöpfer etwas zurückgeben kann.
Mit Rückkehr (Teshuva) ist unsere Rückkehr zum spirituellen Stadium unserer Existenz gemeint, während wir noch auf dieser Welt leben; die Rückkehr zu dem Moment, als unsere Seelen geschaffen wurden, bedeutet die Rückkehr in das Stadium des ersten Adams vor dem Fall.
Wir haben zwei Handlungsursprünge und zwei Anfänge: den Intellekt und das Herz, den Gedanken und den Wunsch. Beides muss sich einer Änderung seiner egoistischen Grundlage unterziehen und sich in eine altruistische umwandeln.
Die Freude erfahren wir in unserem Herzen. Wenn wir daher den weltlichen oder egoistischen Freuden widerstehen können, schenkt uns der Schöpfer wahre Glückseligkeit, weil wir nicht mehr egoistisch sind.
Auf der anderen Seite verspürt der Intellekt keine Freude am Verständnis seiner Handlungen. Wenn wir etwas tun, weil wir glauben, und nicht, weil wir verstehen, und trotz des Widerstands des Intellekts weitermachen und über unserem Verstand stehen, dann haben wir den Egoismus unseres Verstandes überwunden und können nun dem Verstand des Schöpfers folgen, und nicht unserem eigenen Verständnis.

Das Licht des Schöpfers durchdringt die gesamte Schöpfung und damit auch unsere Welt, selbst wenn wir das nicht immer spüren.

Dieses Licht heißt »das Licht, das die Schöpfung stärkt«. Aufgrund des Lichts existieren die Schöpfung und die Welt. Gäbe es dieses Licht nicht mehr, würde alles Leben aufhören, und die materielle Dimension dieser Welt würde verschwinden. Dieses Leben spendende Licht zeigt sich in den mannigfaltigen »Gewändern« und verschiedensten Erscheinungen der Welt, so wie wir sie mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können.
Unsere ganze Umwelt, vom Einzeller bis hin zum Menschen, ist im Prinzip nichts anderes als das Licht des Schöpfers in seinen verschiedensten Erscheinungsformen. Wir reagieren mit unserem Sinnesvermögen auf die äußere Kleidung, in die sich das Licht des Schöpfers gehüllt hat. In Wahrheit ist es ein und dieselbe Kraft, die in jedem von uns und in der gesamten Schöpfung agiert – das Licht des Schöpfers.
Die Mehrheit der Menschen nimmt nicht das Licht des Schöpfers wahr, sondern nur die äußere Hülle. Es gibt jedoch auch die Menschen, die das Licht wahrnehmen, aber nur in der Kabbala. Es gibt die Menschen, die das Licht des Schöpfers in ihrer Umwelt wahrnehmen können. Diese Menschen erkennen in allem das göttliche Licht, das vom Schöpfer ausgeht und alles erfüllt.
Der Schöpfer entscheidet, einen Menschen in diese Welt zu setzen, und gibt diesem Menschen die Möglichkeit, sich von der Tiefe seines Urzustandes zur Ebene des Schöpfers zu erheben und so wie der Schöpfer zu werden. Darum schuf der Schöpfer den Egoismus – den Wunsch nach Glückseligkeit.
Am Anfang erfüllte das Licht (Freude) auch den Egoismus der Schöpfung. Es erfüllte alle Wünsche und bereitete Freude als Teil des am Leben erhaltenden Egoismus. Dann schränkte der Schöpfer das Strömen des Lichts ein und versteckte es. Durch die Abwesenheit des Lichts traten an seine Stelle das Leid und der Schmerz, die Dunkelheit und die Sorgen.
Nur um den minimalsten Lebenswunsch aufrechtzuerhalten und Selbstmord zu verhindern, ließ uns der Schöpfer den Wunsch nach ein wenig Licht (Ner Dakik), verborgen in den verschiedensten Ausprägungen auf unserer Welt.
Darum machen wir unbewusst und völlig automatisch ständig Jagd auf das Licht des Schöpfers und können nicht aufhören, Sklaven dieses natürlichen Ehrgeizes zu sein.
Aber wir müssen erkennen, dass das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das durch die Abwesenheit der Freude entstanden ist, und das Verborgenhalten des Schöpfers allein zu unserem Nutzen geschieht. Wenn das Licht des Schöpfers in unseren Egoismus eindringen würde, dann würden wir die Gelegenheit verlieren, unseren freien Willen auszuüben und könnten nicht mehr frei und unabhängig handeln; stattdessen würden wir zu Sklaven der Glückseligkeit.
Nur durch die Trennung vom Licht des Schöpfers erleben wir Seine Verborgenheit und werden dazu gebracht, unabhängige, autarke Wesen zu sein.
Auf diese Weise verspüren wir ein ehrliches Verlangen, den Schöpfer wahrzunehmen, und das begründet die notwendige Bedingung für die Offenbarung des Schöpfers.
Die Macht des Glaubens an die Fähigkeit, den Schöpfer wahrzunehmen, wird an der Tiefe unseres spirituellen Falls gemessen, von wo aus wir zum Schöpfer flehen.
Jedoch müssen wir verstehen, dass wir ohne genügend Vorbereitung auf den Empfang des Schöpfers ungewollt in den materiellen Erscheinungsformen egoistische Freuden erfahren.
     Deshalb müssen wir den Schöpfer bitten,
1. uns auf die Erfahrung höherer Freuden vorzubereiten,
2. und uns die notwendige Kraft zu geben, den Glauben über dem Verstand
     zu behalten, auch nachdem sich der Schöpfer offenbart hat.
Es gibt zwei verschiedene Hindernisse in uns, die von unreinen Kräften (Klipot) herstammen: der Nahrungszwang (achisat Klipot) und die Attraktivität von Nahrung (jenikat Klipot).
Wenn wir durch Lernen keine Erfahrung machen oder trotz Selbstverbesserung nur mit größter Anstrengung vorwärtskommen, dann zeigt uns die Klipa alle möglichen Mängel einer spirituellen Existenz mit dem Ergebnis, dass wir meinen, das Spirituelle sei völlig wertlos.
So erhält die Klipa eine Gelegenheit, uns von unseren Studien abzubringen, da wir nichts Großartiges im Spirituellen feststellen können. Solch einen Zustand kennt man als »Die Offenbarung des Schöpfers in der Asche«. (Schchinta be Afra).
Aber wenn wir, mit Hilfe der Willenskraft, weitermachen, dann beginnen wir allmählich, Gefallen an unserer eigenen Selbstverbesserung zu finden, und die Klipa profitiert von unserer spirituellen Leistung. Sie will sich alles aneignen, was wir durch unsere Anstrengung erreicht haben (die Glückseligkeit des Spirituellen). Die Klipa erreicht dieses Ziel, indem sie in uns den Wunsch kreiert, weiterzumachen. Jedoch ist die Motivation hinter diesem Wunsch persönliche Freude und nicht die Akzeptanz, dass diese Arbeit vom Schöpfer so gewollt ist.
Wenn wir dieser Tendenz dulden, dann herrscht das Ego über diese Glückseligkeit. Das kennt man als »Nahrung anlocken«, (der) Klipa. In diesem Fall müssen wir den Schöpfer bitten, uns zu helfen, den Versuchungen schädlicher Gedanken zu widerstehen.
Zum Abschluss müssen wir zuerst den Schöpfer bitten, uns Freude durch das Studium der Kabbala zu bringen, dann müssen wir Ihn anflehen, dass diese Freude nicht vom Egoismus aufgesogen wird.
Die Proteste des Körpers gegen die spirituelle Arbeit, die ihm kein großes Vergnügen bereitet und keine Aussicht auf eine Belohnung bietet, kennt man als »gemeine Zunge«. Um uns den Versuchungen des Körpers zu widersetzen, müssen wir uns blind und taub stellen; wir müssen uns auch vorstellen, dass das Licht des Schöpfers existiert, aber für uns unsichtbar ist. Nur dann wird der Schöpfer unsere Augen und Ohren öffnen, damit wir Sein Licht empfangen können und damit wir hören können, was der Schöpfer uns allein zu sagen hat.
Die Anstrengung, die wir jeder Aufgabe, die die Wahrnehmung des Spirituellen zum Ziel hat, entgegenbringen, summiert sich zu einer genügend großen Quantität, um das Gefäß (Kli) oder das Kleid (Livush) zu formen, das wir benötigen, um das Licht des Schöpfers – unsere spirituelle Seele – empfangen zu können.

Kapitel 14



Offenbarung und Verhüllung


Außer dem Licht (dem Schöpfer) und dem, was durch dieses Licht geschaffen wurde (den Menschen, der innerhalb dieses Lichts verharrt), gibt es nichts anderes in der Welt. Ein Mensch kann dieses Licht wahrnehmen, sobald die Eigenschaften des menschlichen Wesens denen des Schöpfers entsprechen.
Wenn diese Eigenschaften nicht übereinstimmen, ist der Mensch nicht in der Lage, das Licht – und somit den Schöpfer – wahrzunehmen. Anfänglich werden wir den expliziten und ausschließlichen Bedingungen des Herrschaftsbereichs des Egos unterworfen, bekannt als unsere Welt.
Nur durch unsere eigenen Bemühungen können wir stufenweise in uns den Wunsch entwickeln sowie die Notwendigkeit, den Schöpfer wahrzunehmen (sprich: ein Gefäß für das Licht des Schöpfers herzustellen), dass wir schließlich beginnen, Ihn zu empfinden.
Unsere Bemühungen sollten sich nur auf den Versuch konzentrieren, uns mit aller Kraft, die wir besitzen, zu korrigieren, bis es offensichtlich wird, dass all unsere Mühen, das gewünschte Ziel zu erreichen, vergeblich sind. Dann wird es Zeit, sich mit einem Gebet an den Schöpfer zu wenden, Ihn um seine Hilfe anzuflehen, um die Erlösung vom Egoismus zu finden und sich mit Ihm zu vereinigen. Dieser Vorgang kann Monate, sogar Jahre dauern, wenn wir uns unter der Anleitung eines kabbalistischen Lehrers darum bemühen, oder er kann auch einige Leben und Reinkarnationen (Gilgulim) dauern, wenn dieses Bemühen von uns ohne fremde Hilfe auf dem Weg des Leidens unternommen wird.
Nur die richtigen Bemühungen mit der korrekten Ausrichtung können das Gefäß der Seele erschaffen, in welchem sich der Schöpfer uns enthüllen wird.
In der Kabbala werden die Gründe für unsere Taten »die Väter« und die Konsequenzen von Handlungen »die Söhne« (die korrekten spirituellen Taten) genannt.
Man wird nicht aus eigenem Willen geboren. Spirituell sind wir vom Schöpfer gezwungen, durch Leiden geboren zu werden (eine Seele zu empfangen – das Licht des Schöpfers). Aber wir haben die Kapazität, mittels der Kabbala, unabhängig geboren zu werden.
Man lebt nicht aus eigenem Willen. Wenn man nicht in Übereinstimmung mit dem eigenen egoistischen Willen handelt (lebt), dann kann dies durch ein wahrhaftiges und ewiges spirituelles Bestehen gewürdigt werden, das wirklich »Leben« genannt werden kann.
Man stirbt nicht aus eigenem Willen. Wenn man nicht den Wunsch hat zu sterben (spirituell), oder in einem Zustand des spirituellen Todes zu sein (ohne die Seele, ohne das Licht des Schöpfers), dann sollte man nicht in Übereinstimmung mit dem eigenen Willen handeln.
Die Arbeit in der mittleren Linie der Seele beginnt mit der Arbeit in der rechten Linie: Da es verboten ist, diese zu verwenden (Beschränkung, Zimzum), stellt das Licht der Weisheit (Or Chochma) den Egoismus als schlecht dar (Aviut); man fühlt, dass es nichts Schlechteres gibt, als für das eigene Wohl zu arbeiten. Der Mensch besitzt nach wie vor weder den Wunsch noch die Stärke, für das Wohl des anderen zu arbeiten, sprich: zu geben.
Aus diesem Grund ist die linke Linie vonnöten, denn sie gibt uns die altruistischen Wünsche und die entsprechende Kraft.
Die spirituellen Empfindungsorgane funktionieren genau wie unsere fünf Sinne (Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten) in Übereinstimmung eines bestimmten festgelegten Ziels.
Der Effekt des Lichts der Weisheit veranlasst uns zu erkennen, dass es von keinem persönlichen Vorteil ist, diese fünf Sinne zu verwenden. Um es deutlicher zu sagen: Es ist wertlos, für unseren Egoismus zu arbeiten.
In Ermangelung des Wunsches, sich selber zufriedenzustellen, welcher normalerweise unsere fünf Sinne zum Wirken veranlasst, erfahren wir einen vollkommen energielosen Zustand, werden lethargisch und verfallen ins Nichtstun. In diesem Stadium haben wir nicht erkannt, dass »Geben« das Ziel unserer Bemühungen sein kann, was bedeutet, dass unsere Handlungen altruistisch sein können.
Aus diesem Grund benötigen wir den Einfluss einer anderen spirituellen Eigenschaft, die als das »rote Licht«, die linke Linie bekannt ist (»Malchut memuteket be Bina«). Diese zweite Eigenschaft ist notwendig, um unsere Wünsche zu überzeugen, altruistisch zu arbeiten (was den Eigenschaften von Bina entspricht).
Sobald wir die spirituelle Energie empfangen und beginnen, altruistisch zu empfinden, fangen wir an, in Kombination der Eigenschaften von beiden Linien, der rechten und der linken, zu handeln.
Infolgedessen empfangen wir das Licht des Schöpfers in unseren neuen Wünschen (die mittlere Linie) und somit weiterhin Vergnügen von der Vollkommenheit.
Wenn wir bereit sind, die Stärke des Vertrauens sowie des Altruismus anzunehmen, dann werden wir auch in der Lage sein, den höchsten Sinn zu empfangen.
Das Zurückweisen von Selbsterfüllung, von einer der Hauptreligionen der Welt als Grundregel übernommen, und das Prinzip des Erlangens von Genuss, welches von einer anderen gewählt wurde, stammen beide von den unreinen (egoistischen) Kräften (Klipot) der rechten und der linken Linie des spirituellen Aufstieges.
Dort, wo die Kabbala über das Platzieren von Einschränkungen an dem Selbst spricht, setzt dies ein einleitendes Stadium der Arbeit mit dem eigenen Selbst voraus: zu versuchen, alles was der Selbsterfüllung dient, aus eigener Willenskraft zurückzuweisen.
Die Wurzeln sämtlicher Glaubensrichtungen, aller spirituellen Tendenzen, von allen Gruppen und allen religiösen Philosophien können alle zu den verschiedenen Klipot zurückverfolgt werden. Diese umgeben die linken und rechten, spirituell reinen Linien, die durch den Prozess des Ergreifens und Festhaltens (Achisa) oder durch die Anziehung von Nahrung (Jenika) unterstützt werden.
Aber das Ziel jeder Aufgabe ist es, die mittlere Linie zu erreichen, um zur endlosen und grenzenlosen Ewigkeit aufzusteigen und somit die Wahrnehmung des Schöpfers zu erreichen, ohne durch besondere menschliche Eigenschaften begrenzt zu werden.
Im spirituellen Wortschatz hat ein Wunsch die Bedeutung eines »Platzes«. Das Fehlen eines Wunsches hält man für die »Abwesenheit eines Platzes«. Das ähnelt einer Situation, in welcher ein Mensch erklärt, dass in seinem Magen kein Platz mehr für Nahrung ist, da er kein Verlangen mehr nach einer zusätzlichen Portion hat.
Ein spiritueller Ort oder der Wunsch eines Individuums, den Schöpfer wahrzunehmen, wird Gefäß (Kli) der Seele oder auch Schechina genannt. Dieses Gefäß empfängt das Licht des Schöpfers oder auch die Offenbarung des Schöpfers, auch »Seele des Menschen« genannt. Der Schöpfer Selbst ist bekannt als Schochen.
Da all unsere Wünsche von unserem Egoismus durchdrungen sind (der Wunsch zu empfangen), ist das Licht des Schöpfers verborgen. Wenn der Egoismus allmählich und stufenweise aus unseren Wünschen ausgestoßen wird, wird immer mehr Platz verfügbar. Der unkorrigierte Wunsch wird als »Egoismus« bezeichnet. Der korrigierte Wunsch wird »Israel« genannt.
Sobald ein Platz durch einen korrigierten Wunsch frei geworden ist, offenbart sich dort das Licht des Schöpfers, aber der Schöpfer arbeitet auf eine uns verhüllte Weise weiter.
Nachdem wir unsere Wünsche (Plätze, Gefäße) korrigiert und gereinigt haben, nehmen wir den Prozess der Enthüllung des Schöpfers als eine Erscheinung des Lichts wahr. In Wirklichkeit jedoch findet keine Bewegung statt, so wie beim Entwickeln eines Negativs, wo das Licht stufenweise in unserer Wahrnehmung erscheint.
Da wir das Licht selbst nicht wahrnehmen, sondern nur seine Wirkung auf unser Gefäß, sprechen wir vom Schöpfer mit dem Namen, der mit Seiner Offenbarung verbunden ist: Schechina. Nur durch die Empfindungen und die Gefühle, die Er in uns hervorruft, können wir Sein Wesen feststellen.
Aus diesem Grund wird die Offenbarung des Schöpfers Schechina genannt. Wenn der Schöpfer Sich verbirgt, wird das »die Schechina ist im Exil«, oder »der Schöpfer ist verborgen« genannt. Wenn aber ein Individuum mit der Enthüllung des Schöpfers gewürdigt wird, dann bezeichnet man dies als »die Rückkehr aus dem Exil«.
Der unterschiedliche Grad, in welchem sich der Schöpfer uns enthüllt, wird als die »Seele« (Neshama) bezeichnet.

Sobald wir in der Lage sind, wenigstens einen unserer Wünsche in einen altruistischen umzuwandeln, nehmen wir unverzüglich den Schöpfer wahr.

Deswegen heißt es, dass die menschliche Seele ein Teil des Schöpfers ist. Sobald wir das Endstadium der Korrektur erreicht haben, wird der Schöpfer all unsere Wünsche erfüllen, das heißt, Er offenbart Sich Selbst im Höchsten Grad, in dem Er beabsichtigt hatte, Sich Selbst in Seinen Geschöpfen zu offenbaren.
All unsere Wünsche wurden bereits ganz zu Beginn der Schöpfung für dieses endgültige Ziel geschaffen.
Schechina ist die Wurzel und die Summe aller individuellen Seelen.
So ist jede Seele ein Teil der Offenbarung des Schöpfers. Wenn der Schöpfer Sich Selbst offenbart, drückt Er Seinen Wunsch aus, Seine Geschöpfe zu erfreuen.
Wir sind außerstande, die Frage zu beantworten, was den Schöpfer dazu veranlasste, sich zu wünschen, uns zu erschaffen, um Freude zu bereiten, weil sich diese Frage mit einem Vorgang beschäftigt, der vor der Schöpfung stattfand. Wir können nur jene Dinge verstehen, die uns enthüllt werden können, jene Dinge, die sich erst nach der Schöpfung entwickelt haben.
Das Ausgangsstadium, in dem wir anfangen, die Schöpfung zu begreifen, ist die Wahrnehmung der Freude, die vom Schöpfer stammt.
Aus diesem Grund bezieht sich das Ziel der Schöpfung – »der Wunsch des Schöpfers zu erfreuen« – nur auf jene Geschöpfe, die Ihn bereits wahrnehmen.
Alle Fragen, die über diese Stufe hinausgehen, liegen außerhalb unserer Fähigkeit, sie zu verstehen. Wir müssen uns immer daran erinnern, dass alles menschliche Wissen und Verständnis nur von persönlicher Vorstellung abgeleitet wird.
Das Einzige, woraus wir bestehen, ist unser Verlangen, erfreut zu werden.

All unser physisches und mentales Potenzial, unsere Fähigkeiten und Begabungen und all unsere Fortschritte haben nur zum Ziel, Freude aus verschiedenen Dingen, die wir andauernd erfinden, erforschen und als notwendig, modisch oder akzeptabel betrachten, zu beziehen. Dies geschieht mit dem alleinigen Ziel, dass wir in der Lage sind, ständig zu genießen.
Wir können uns nicht über die grenzenlosen Formen des Verlangens, Vergnügen zu empfangen, beschweren. Es reichte dem Schöpfer, nur ein einzelnes Verlangen zu erschaffen, um die Menschen zu veranlassen, sich als unabhängige (wünschende) Individuen zu fühlen, die fähig sind, aufgrund eines einzigen Instinktes unabhängig zu handeln – der Maximierung unseres persönlichen Vergnügens.
Dieser Prozess findet mithilfe all unserer Fähigkeiten statt: den intellektuellen, unterbewussten, körperlichen, ethischen und vielen anderen.
Er umfasst auch alle Stufen der Erinnerung, angefangen von der molekularen und biologischen bis hin zum höchsten Niveau unseres Intellekts.
Hier ein einfaches Beispiel: Ein Mann liebt Geld, ist aber willens, sein gesamtes Vermögen einem Straßenräuber zu geben, falls dieser ihn mit dem Tod bedroht. Auf diese Weise tauscht er eine Quelle des Vergnügens (Geld) gegen ein sogar noch größeres Vergnügen (am Leben zu bleiben) ein.
Wir sind nicht fähig, etwas zu tun, außer wir sind sicher, dass wir als Folge davon in eine vorteilhaftere Lage gelangen. Es ist irrelevant, wie der Nutzen dargereicht wird. Entscheidend ist, dass der daraus resultierende Grad des Vergnügens das Ausgangsniveau übersteigt. Erst dann handeln wir.
Was ist dann der Unterschied zwischen der Freude, die durch den Egoismus (das Nehmen) empfunden wird, und der Freude, die durch den Altruismus (das Geben) empfunden wird?
Ein bedeutender Unterschied liegt in dem Umstand, dass, wenn wir Vergnügen vom Egoismus beziehen, unser Gefühl des Vergnügens ständig von einem Gefühl der Scham begleitet wird. Wenn wir aber um des Gebers willen nehmen, dann haben wir keine Gefühle der Schande, und unser Genuss ist absolut.
Das ursprüngliche spirituelle Wesen, bekannt als »die gemeinsame Seele« oder »der erste Mann«, war nicht imstande, solch eine Umwandlung des Denkens durchzuführen, als es das enorme Vergnügen vom Schöpfer empfing. Folglich wurde es in 600.000 Teile (Seelen) geteilt. Jedes Teil, jede Seele, empfängt einen kleinen Teil der Last des Egoismus, die sie korrigieren muss. Wenn alle Teile korrigiert sind, werden sie noch einmal in Form »einer gemeinsamen und verbesserten Seele« vereinigt. Wenn solch ein Zustand erreicht ist, wird auch der Prozess der Korrektur, der als Gmar Tikkun bekannt ist, abgeschlossen sein.
Beispielsweise kann sich in unserer Welt ein Mensch zurückhalten, Geld zu stehlen, wenn es dabei nur um eine kleine Summe geht, da ihm das keinen besonders großen Vorteil verschafft. Die Furcht vor der Bestrafung, kombiniert mit dem Gefühl der Schande, überwiegt bei Weitem den Wunsch zu stehlen. Wenn jedoch die Geldmenge nur groß genug ist, dann ist der Drang nach Befriedigung stärker als die Kraft, dieser Anziehung zu widerstehen.
Auf diese Weise erschuf der Schöpfer die Bedingungen für die Freiheit der Wahl, die wir benötigen, um unseren Egoismus zu überwinden. Er spaltete die Seele in viele Teile, und danach trennte er die Teile in viele aufeinander folgende Stufen korrigierender Phasen, (wo jede Phase die Notwendigkeit besitzt, dieses Teil in einen menschlichen Körper zu kleiden). Er zerbrach dann jede Entwicklungsstufe des menschlichen Individuums in eine Anzahl von Auf- und Abstiegen, die für das Streben nach Veränderung eines Wesens erforderlich sind.
Wenn wir Liebe zum Schöpfer fühlen, müssen wir sofort versuchen, auch in uns selbst ein Gefühl von Furcht aufzubauen, um sicher zu sein, dass unser Gefühl der Liebe nicht egoistisch ist. Nur wenn beide Gefühle vorhanden sind, das heißt Furcht und Liebe, ist unser Streben, dem Schöpfer näher zu kommen, makellos.
Diejenigen, die das Verlangen nach der Suche nach spiritueller Erfahrung, aber nicht den Schöpfer wahrnehmen, sind voll von spiritueller Verwirrung und Panik. Obwohl es diesen Individuen gegeben ist, den Schöpfer von Oben zu begreifen, sind diese Einzelpersonen jedoch noch nicht bereit, den selbstständigen Schritt hin zum gewünschten Endergebnis zu tun. Stattdessen warten sie, bis sie einen starken Wunsch von Oben gesandt bekommen. Das wird für einen gewaltigen Schub nach vorn ausreichen. Es wird diesen Individuen die Erkenntnis ermöglichen, dass jedes Gefühl und jeder Umstand durch den Schöpfer mit Seinem Wunsch beseelt sind, ihre Aufmerksamkeit auf Ihn zu lenken und sich Ihm nähern zu wollen. Dann ist es möglich herauszubekommen, wo man Ihn findet.
Aus diesem Grund sieht jeder von uns die Welt auf sehr persönliche Art und deutet alles, was um ihn herum stattfindet, auf seine eigene Weise. Die Regel, dass genau so viele unterschiedliche Meinungen vorherrschen, wie es unterschiedliche Individuen gibt, unterstreicht noch die Tatsache, dass jeder von uns einzigartig ist.
Wenn wir uns unsere eigenen Gefühle bewusst machen, können wir einen Dialog mit dem Schöpfer beginnen, indem wir der Grundregel folgen, »jeder Mensch ist ein Schatten des Schöpfers«. So wie der Schatten mit der Bewegung eines Menschen mitgeht, sind auch alle Bewegungen des Schattens die genaue Wiederholung der Bewegung eines Menschen; so ähnlich wiederholen unsere inneren Bewegungen, unsere Wünsche, Bedürfnisse, Aspirationen, Vorstellungen, unser spirituelles Wesen und unsere Lebensanschauung die Bewegungen (Wünsche) des Schöpfers.

Hat ein Mensch daher plötzlich das Bedürfnis, den Schöpfer wahrzunehmen, so muss er erkennen, dass dieses Bedürfnis nicht aus irgendwelchen bestimmten Handlungen entsteht, sondern dass der Schöpfer einen Schritt in Richtung dieses Menschen unternommen und somit einen Reiz und eine Anziehung zu Ihm erschaffen hat.

Am Anfang des Weges nutzt der Schöpfer jede passende Gelegenheit, mit uns zu kommunizieren, indem Er in uns beides weckt, das freudige und das qualvolle Verlangen nach spiritueller Wahrnehmung. Aber jedes Mal, wenn der Schöpfer uns einen Schritt in Richtung Spiritualität gewährt, erwartet Er die gleiche Reaktion unsererseits. Wenn wir verstehen, dass die Intensität, mit der wir uns danach sehnen, den Schöpfer wahrzunehmen, genauso stark ist wie die Intensität, mit der der Schöpfer uns näher zu Sich heranziehen möchte, sollten wir daher versuchen, in uns selbst diese Gefühle zu entwickeln und zu verstärken. Auf diese Art können wir uns dem Schöpfer annähern, bis wir uns mit all unseren Wünschen und all unseren Eigenschaften endgültig mit Ihm vereinen können.
Aber wenn wir noch am Anfang des Weges stehen, fühlen und verstehen wir den Schöpfer nicht. Nachdem bereits eine Anzahl von Versuchen, Ihm näher zu kommen, gescheitert sind, erscheint es uns so, als würde der Schöpfer uns missachten, während wir Ihm doch nahe sein wollen. Als Antwort darauf beginnen wir, Ihn zu beschuldigen, anstatt unser Verlangen in dem Grad zu steigern, der erforderlich für die Verknüpfung mit dem Schöpfer ist. Wir werden ärgerlich und vergessen völlig, dass der Schöpfer unsere Nähe genauso stark herbeisehnt wie wir die Seine und dass Er uns nur aus diesem Grund eine solche Sehnsucht aufbürdete.
Solange uns der Glaube an die Einzigartigkeit des Schöpfers fehlt, werden wir unvermeidbar andauernd unsere Fehler wiederholen, bis der Schöpfer uns gewahr werden lässt, dass unser ganzes Verlangen nach Ihm von Ihm selbst, dem Schöpfer, kommt, und dass er alle Anstrengungen, die wir auf uns nehmen, gutheißt, und uns helfen wird, indem Er uns durch Seine Offenbarung das vollständige Bild der Welten und auch von Ihm selbst zeigt.
Wir können uns nur mit dem Schöpfer verbinden, indem wir uns Ihm freudig und mit all unseren Sehnsüchten zuwenden, man spricht dabei als »von ganzem Herzen« kommend. Dieses beinhaltet sogar die Bedürfnisse, die es nicht nötig haben, die Gleichheit der Form mit dem Schöpfer zu erlangen.
Wenn wir alle vorherigen egoistischen Wünsche vollständig unterdrücken können, während wir das Glück in unseren Herzen fühlen, stellen wir die erforderlichen Bedingungen her, unsere Herzen mit dem Licht des Schöpfers zu füllen.
Der wichtigste Aspekt der Selbstkorrektur wird an dem Punkt erreicht, an dem wir Freude an den Tätigkeiten empfinden, die den Schöpfer zufriedenstellen, da alles, was wir nur für uns selbst tun, uns vom Schöpfer wegführt. Folglich müssen sich all unsere Bemühungen auf Annehmlichkeiten für den Schöpfer konzentrieren, auf freundliche Gedanken und positive Gefühle für Ihn.
Wenn wir uns leer fühlen, ist es an der Zeit, nach der Herrlichkeit des Schöpfers zu suchen und Unterstützung in Ihm zu finden. Je unwichtiger wir uns selbst empfinden, und je größer wir den Schöpfer wahrnehmen, desto höher können wir aufsteigen, und das in dem Maße, in dem wir den Schöpfer angefleht haben, uns zu retten und unsere gegenwärtige Situation zu erleichtern. Der Schöpfer erhöht uns, nachdem er Seine Größe offenbart hat, um uns so die Kraft zu schenken, vorwärts zu schreiten.
In solch einer Situation benötigen wir den Schöpfer und Seine Hilfe, da uns die Vernunft in eine völlig andere Richtung zieht. Aus diesem Grund wird uns das Gefühl der Leere gegeben, damit wir sie fühlen, zusammen mit der Größe des Schöpfers, bekannt als »Glaube«.
Ein rechtschaffener Mensch ist jemand, der in allem, was er fühlt, sei es nun Schlechtes oder Gutes, die Taten des Schöpfers rechtfertigt, ungeachtet der Gefühle, die durch Körper, Herz und Verstand erfahren werden. Indem er alle Empfindungen rechtfertigt, die ihm vom Schöpfer gesandt werden, ist es so, als ob jemand einen Schritt auf den Schöpfer zu macht, der als der »rechte« Schritt bezeichnet wird. Unter gar keinen Umständen dürfen wir unseren wahren Zustand und unsere Gefühle ignorieren, gleichgültig, wie unangenehm sie auch sein mögen. Selbst wenn schwierige Situationen wie diese erforderlich sind, dürfen wir nicht versuchen, sie für null und nichtig zu erklären. Durch eine derartige Handlung würden wir einen »linken« Schritt vorwärts machen.
Die Vervollkommnung des spirituellen Wachstums besteht aus der Tatsache, dass wir ständig weiter vorrücken und dabei zwischen den beiden vorher erwähnten Bedingungen hin und her wechseln müssen.

Ein durch und durch rechtschaffener Mensch ist derjenige, der alle Handlungen des Schöpfers rechtfertigt, sowohl in Hinblick auf sich selbst als auch auf alle anderen Geschöpfe.

Ein Individuum, das die Möglichkeit hat, alle Empfindungen außerhalb der Einschränkungen durch egoistische Wünsche wahrzunehmen, hat sich bereits von ihnen losgelöst und will nur noch im Geben glücklich sein.
Wer diesen Bewusstseinszustand erreicht hat, kann keinen spirituellen Absturz mehr erfahren, da kein Ereignis vom Standpunkt eines persönlichen Gewinns aus bewertet wird. So geschieht alles, was geschieht, ausschließlich zum Guten.
Da der Schöpfer in der Schöpfung jedoch ein anderes Ziel hat – die geschaffenen Wesen sollen besonders in ihren eigenen Gefühlen begünstigt werden; sie sollen die Stufe eines rechtschaffenen Menschen erreichen –, ist dieser nicht der Endzustand für den Menschen. Daraus folgt, dass, nachdem ein Mensch die Ebene von Rechtschaffenheit erreicht hat, es an der Zeit ist, damit zu beginnen, den Egoismus stufenweise wieder herzustellen, der durch das Erreichen dieser Stufe zerstört wurde.
Dieser gleiche egoistische Wunsch, den der rechtschaffene Mensch zurückerlangt, kann nun dem Wunsch, den Schöpfer glücklich zu machen, hinzugefügt werden, der durch die spirituelle Arbeit erworben wurde. Deswegen kann man nicht nur Freude schenken, sondern auch Vergnügen innerhalb der wiedererlangten egoistischen Wünsche empfinden, immer mit der Absicht, dem Schöpfer dabei Freude zu schenken.
Diese Situation kann mit einem Altruisten unserer Welt verglichen werden, der danach verlangt, Gutes für andere zu tun, da er diese selbstlose Eigenschaft von Geburt an in sich hatte. In Wirklichkeit hat der Altruist sie nicht vom Schöpfer als Belohnung für seine Arbeit an sich selbst erhalten. Vielmehr ist es so, als ob der Altruist nichts wünsche, da die Freude darüber, einem anderen etwas Gutes tun können, das eigene Ego füllt. Der Altruist ist nicht in der Lage, anders zu handeln.
Das erinnert an die Situation, in der jemand Gast im Hause seines Freundes ist. Je größer der Appetit des Gastes und die Freude an dem, was angeboten wird, umso mehr Zufriedenheit kann der Gastgeber empfinden. Diese Freude könnte nicht empfunden werden, wäre der Gast nicht hungrig.
Aber da der Gast möglicherweise Scham über all die ihm dargereichten Genüsse empfindet, wird er weitere Angebote ablehnen. Indem er häufig genug absagt, wird dem Gast mit der Zeit klar, dass indem die angebotenen Delikatessen angenommen werden, der Wirt einen Gefallen bekommt. Daraufhin verschwinden alle Gefühle der Scham, und der Gast kann in vollem Umfang genießen.
In den spirituellen Empfindungen gibt es keinen Selbstbetrug wie die Vorstellung, dass eine rechtschaffene Person kein Vergnügen aus reinem Eigennutz empfinden möchte. Mit dem Erwerb der Stufe der Rechtschaffenheit lehnt man mit der Hilfe des Schöpfers, der unsere egoistische Natur durch eine altruistische ersetzt, wirklich alle egoistischen Vergnügen ab und strebt danach, nur noch den Schöpfer zu beschenken.
Wenn jedoch ein rechtschaffener Mensch feststellt, dass der Schöpfer nur dann genießt, wenn Er Seine Geschöpfe durch die Vergnügen erfreut, die von Ihm ausgehen, Vergnügen, die sozusagen nicht verlacht oder zerstört sind, wird dieser Mensch erneut gezwungen werden, sich dem Egoismus zuzuwenden. Diesmal jedoch ist das Ziel ein anderes: Genuss dem Schöpfers zuliebe zu erfahren.
Am Ende verschmelzen der Schöpfer und die Individuen völlig in ihren Absichten und Handlungen, da beide Parteien versuchen, den jeweils anderen zu erfreuen und dadurch Genuss erfahren. Auf diese Weise sind dem Empfangen des Genusses keine Grenzen gesetzt. Im Gegenteil, je stärker die Freude, desto höher ist die erreichte spirituelle Stufe. Genuss wird auch durch das Erkennen der endlosen Stärke, der Energie und der Macht empfunden, ohne irgendwelches Interesse für sich selbst.
Folglich reicht die Stufe einer rechtschaffenen Person nicht aus, um das Ziel der Schöpfung zu erfüllen. Freude am Licht zu empfangen, das vom Schöpfer ausströmt, ist für die Korrektur unserer Absichten entscheidend: »die Gründe, deretwegen wir Vergnügen suchen«. Nur das Erreichen der Stufe der Rechtschaffenen ermöglicht es uns, uns von den Gefühlen der Schande zu befreien, die wir erfahren, wenn wir Freude vom Schöpfer geschenkt bekommen.
So sehr der Egoismus auch unsere Natur in dieser Welt bestimmt und Altruismus als ein utopischer Begriff betrachtet wird, werden doch beide als gegensätzlich zu denen empfunden, die sich im Bereich der spirituellen Welt befinden.
Die Schwierigkeiten entstehen durch die Verhüllung des Schöpfers. Wir empfinden Vergnügen nur, wenn wir unsere Wünsche erfüllen. Aber die Kabbala lehrt, dass das schlecht und nicht gut für uns ist. Wir können nicht verstehen, warum das so ist, da wir kein Vergnügen am Leiden empfinden, und wir müssen trotzdem glauben, dass das Leiden gut für uns ist.
Deshalb bringen all unsere Taten oder Gedanken eine Menge an Überlegungen hervor. Mehr noch, je näher wir dem Eingang der spirituellen Welt (Machsom) kommen, umso komplizierter wird die Situation werden. Nur eine Wahrheit wird offensichtlich: »Es gibt viele Gedanken im Herzen eines Menschen, aber nur der Ratschlag des Schöpfers wird beständig sein.«
Der Unterschied zwischen einem Menschen, der spirituelle Erhebung wünscht (das heißt, spirituelle Eigenschaften wie die des Schöpfers erwerben will), und einem Menschen, der Seinen Willen nur für eine Belohnung erfüllt (als Resultat der erhaltenen Erziehung), ist dieser: der Letztere vertraut auf die Belohnungen und die Bestrafungen, aus diesem Grund erfüllt er den Willen des Schöpfers. Der Schöpfer ist wie ein Arbeitgeber, der ein Gehalt zahlt; der Mensch ist wie ein Arbeiter, der sich nicht für den Arbeitgeber interessiert, eher für das Gehalt: Belohnung und Bestrafung in dieser Welt oder in der kommenden Welt.
Das gibt dem »Angestellten« die Stärke, die Gebote zu beobachten, ohne die Frage zu stellen: »Warum erfülle ich den Willen des Schöpfers? « Die Antwort ist, der Angestellte glaubt an das Prinzip von Belohnungen.
Aber jemand, der versucht, den Willen des Schöpfers in die Tat umzusetzen, ohne dafür eine Belohnung zu bekommen, wird ständig fragen: »Warum tue ich das?« und: »Wenn dies der Wille des Schöpfers ist, warum braucht der Schöpfer das? Er ist ganz und gar vollkommen, also was können unsere Handlungen Ihm geben?« Es könnte so aussehen, als ob diese Fragen nur für diese eine bestimmte Person gelten, die sich dann weiter fragen würde:
»Was gewinne ich dadurch, dass ich den Willen des Schöpfers erfülle? « Schritt für Schritt gelangt die Person zu der Einsicht, dass die Belohnung für die Erfüllung des Willens des Schöpfers seine eigene Selbstkorrektur ist, bis er von Oben die Seele (Neshama) – das Licht des Schöpfers – empfängt.

Die Kabbala lehrt, dass die schlechte Neigung (Egoismus) dem Sünder wie eine Kleinigkeit (ein kleines Hindernis) vorkommt, während sie der rechtschaffenen Person wie ein hoher Berg erscheint.

Die Kabbala muss angewendet werden, als ob sie sich auf eine Person bezieht, von der die charakteristischen Gedanken und Bedürfnisse mit verschiedenen Namen unserer Welt bezeichnet werden. Also werden unter den Kategorien »von Sündern« und »von Rechtschaffenen« die Zustände des Individuums beschrieben.
Verhüllung verweist nicht nur auf die Verhüllung des Schöpfers, sondern auch auf die Verhüllung einer Person vor sich selbst. Wir kennen weder uns selbst noch unsere wahren Eigenschaften. Diese werden uns nur in dem Maße aufgedeckt, wie wir in der Lage sind, sie zu ändern. (In diesem Fall ist die Person mit einem Abfallbehälter vergleichbar: je mehr man in sich selbst sucht, umso größer wird der wahrgenommene Gestank.)
Aus diesem Grund zeigt der Schöpfer denen, die noch am Anfang des Weges stehen, also den Sündern, dass ihr Egoismus nicht so ungeheuerlich ist, dass er nicht überwunden werden kann. Dies ist deshalb der Fall, damit sie beim Anblick der bevorstehenden Arbeit nicht die Hoffnung verlieren.
Für diejenigen, die bereits auf dem Weg sind, enthüllt der Schöpfer eine größere Menge des Übels (Egoismus), das in ihnen steckt. Dieses wird passend abgestimmt auf die Wichtigkeit dieser Korrektur und die benötigte Energie, gegen den Egoismus, den sie erworben haben, vorzugehen. Schließlich deckt der Schöpfer denjenigen das volle Ausmaß ihres Egoismus auf, die rechtschaffen sein wollen. Infolgedessen erscheint es ihnen wie ein hoher, unüberwindbarer Berg.
So wie eine Person weiter voranschreitet, wird das innere Übel immer mehr und mehr enthüllt, in dem Maße, in dem es korrigierbar ist. Wenn einer Person plötzlich etwas Neues bewusst wird, was an ihr negativ ist, zeigt das an, dass jetzt die Möglichkeit zur Verbesserung besteht. Anstatt in Verzweiflung zu verfallen, sollte man den Schöpfer bitten, es zu ändern.
Ein Beispiel: Wenn wir beginnen, an uns selbst zu arbeiten, fühlen wir nur 10 Gramm der Freude von all dem Vergnügen dieser Welt, die uns umgibt, und wir sind in der Lage, davon Abstand zu nehmen. Später lässt uns der Schöpfer 15 Gramm des Vergnügens schmecken. Am Anfang unserer Arbeit an uns selbst fühlen wir uns durch den zusätzlichen Geschmack des Vergnügens noch wertloser (durch das Gefühl, Dinge, die uns vorher nicht anzogen, nun interessant zu finden) und schwächer (durch die Unterschiede zwischen der Anziehungskraft, die das Vergnügen auf uns hat, und der Energie unseres eigenen Widerstandes ihr gegenüber).
Dennoch müssen wir uns in solch einer Situation sagen, dass wir, obwohl der Schöpfer 5 Gramm Freude zum Geschmack des Vergnügens hinzugefügt hat, das wir durch die uns umgebende Welt empfangen, jetzt nicht imstande sind, uns zu ändern, und wir daher um Kraft vom Schöpfer bitten müssen. Wenn wir aber die Kraft erhalten, um 15 Gramm Vergnügen zu überwinden, empfangen wir daraufhin zu sätzliche 5 Gramm Geschmack an dem Vergnügen, und noch einmal fühlen wir, dass wir schwach und gering sind, und so setzt sich dieser Vorgang fort.

Egoismus in Altruismus verwandeln


Jemand, der den wahren Geschmack des Lebens erleben möchte, sollte dem spirituellen Punkt in seinem Herzen besondere Aufmerksamkeit schenken. Jeder hat diesen Punkt im Herzen. Jedoch gibt er allgemein noch kein Lebenszeichen von sich, und er leuchtet auch nicht, und aus diesem Grund sind wir uns seiner nicht bewusst. In dieser Situation wird er »schwarzer Punkt« genannt. Dieser Punkt ist ein Samen einer Seele.
Die Eigenschaft dieses Punktes ist altruistisch, weil er der Samen des zukünftigen Gefäßes der Seele und seines Lichts ist, ein Teil des Schöpfers. Aber in seinem Ausgangszustand wird er vor uns verborgen, da wir ihn nicht zu würdigen wissen, und aus diesem Grund wird dieser Zustand »Galut« (Exil) von der »Schechina« (Göttliche Anwesenheit) genannt. Dieser Zustand der Seele wird als ein »Punkt« bezeichnet.
Wenn wir die Wichtigkeit dieses Punktes über unser eigenes »Ich«, über unsere Köpfe erhöhen, wie die Kronen über den Buchstaben, machen wir ihn auf diesem Weg vergleichbar mit einer Krone auf unseren Köpfen, anstelle von Staub unter unseren Füßen. Das Licht wird vom Zentrum aus in den Körper hineingestrahlt, und von diesem potenziellen Zentrum wird es zur Quelle der Stärke für unseren spirituellen Aufstieg.
Deshalb sollte sich unser einziges Gebet darauf konzentrieren, die Wichtigkeit der Wahrnehmung des Schöpfers als Mittel unserer Vervollkommnung ihm zuliebe zu realisieren, anstelle auf alle unsere Bitten um Hilfe seinerseits.

Die Fähigkeit, altruistische Taten durchzuführen, ist nicht das Mittel, sondern die Belohnung für einen Menschen, der sich wünscht, dem Schöpfer zu ähneln.

Der folgerichtige Ablauf dieses Prozesses, bei dem ein Mensch sich vom Egoismus entfernt und in Richtung spirituelle Welt wechselt, wird in der Bibel als der Exodus aus Ägypten beschrieben. Die Erscheinung von Gefäßen des Gebens in einem Menschen wird »der Exodus aus Ägypten« genannt. Jedoch bedeuten altruistische Verlangen (Gefäße des Schenkens), dass eine Person eher dem Weg des Glaubens als dem des Wissens folgt. Aus dem Egoismus herauszutreten ist nur dann möglich, wenn wir Spirituelles fühlen, den Schöpfer wahrnehmen und das Licht der Weisheit, das Yam Suff (das Rote Meer), in der Mitte zerteilen. An dieser Stelle überqueren wir die Grenze zwischen zwei Welten.
Um dies zu tun, erschafft der Schöpfer ein Wunder. Er gibt uns das Licht der Weisheit (Or Chochma), trotz der Tatsache, dass wir nicht das passende Gefäß besitzen, um dieses Licht zu empfangen.
Mit Hilfe dieses Lichts können wir die Barriere (Machsom) durchbrechen. Später, wenn das Wunder vergangen ist, werden jene, die die spirituelle Welt betreten haben, nicht auf die Stufe unserer Welt zurückkehren. Im folgenden Stadium müssen wir ein Gefäß erwerben, um das Licht der Weisheit empfangen zu können, und dieses erreichen wir auf dem mühsamen Pfad des Fortschritts in der spirituellen Wüste, bis wir es verdienen, das Licht des Schöpfers durch den Aufstieg hin zum »Berg Sinai« zu empfangen.
In diesem Zustand halten wir die Gebote durch die Tugend von Glauben über Wissen ein, wenn wir unsere eigenen Gedanken und Wünsche dem Glauben unterstellen. Ein sogenannter niederer Zustand, Katnut, in diesem Fall Malchut, zeigt nur das Zentrum oder Keter (»Krone«) an. Unsere schlechten egoistischen Anlagen, die kaum vertreten sind, können uns nicht beeinflussen, weil wir Glauben über Wissen und Vorstellung gesetzt haben. Dies wird als niederer Zustand angesehen, da wir Egoismus in ihm nicht in Betracht ziehen, weil wir keine Kraft haben, uns gegen ihn aufzulehnen. Diese Situation kann damit verglichen werden, wenn wir nicht imstande sind, auch nur ein wenig Nahrung zu uns zu nehmen und so die gesamte Portion zurückweisen.
Jedoch kann eine Verschmelzung mit dem Licht des Schöpfers nur geschehen, wenn wir in der Lage sind, dieses Licht in uns selbst zu empfangen; das heißt, mit unserem eigenen Egoismus altruistisch zu arbeiten. Während wir unseren Egoismus in Altruismus verwandeln, wird das veränderte Gefäß mit dem Licht des Schöpfers gefüllt werden. Dieser Zustand unseres spirituellen Gefäßes (der korrigierte Egoismus, das Kli) wird als »Größerer Zustand, Gadlut« bezeichnet.
Malchut steigt von Keter herab zu einer Stufe, auf welcher wir in der Lage sind, dem Sog in Richtung Selbstzufriedenheit zu widerstehen und auch fähig sind, nicht um unseres eigenen Genusses willen zu empfangen. Das Licht des Schöpfers ganz zu empfangen, den Schöpfer im vollen Ausmaße unserer Fähigkeiten wahrzunehmen, uns völlig an Ihn zu heften, ist nur möglich, indem wir unseren Egoismus ausschließlich zum Dienst an den Altruismus verwenden. Solch ein Zustand wird »das Ende des Korrekturprozesses« genannt und stellt das Ziel der Schöpfung dar.
All unsere Wahrnehmungen sind ausschließlich subjektiv, und die Sicht von der Welt, die sich uns eröffnet, ist völlig von unseren inneren spirituellen und körperlichen Zuständen und Stimmungen abhängig. Aber in den spirituellen Wahrnehmungen besteht die Wirklichkeit aus den Empfindungen, da wir die Gegenwart in Übereinstimmung mit unserer spirituellen Lage verstehen.
Wir halten unsere Welt für unsere unmittelbare Empfindung. Die zukünftige Welt ist das, was im nächsten Augenblick gefühlt wird. Da gibt es keine Dimension der Zeit, nur eine Veränderung der Gefühle. Wenn wir alles mit Glauben über der Vernunft wahrnehmen, dann leben wir vollständig in der Zukunft.
Wenn wir beispielsweise im täglichen Leben ein Geschäft besitzen, schätzen wir systematisch das Resultat unserer Arbeit und unseren Gewinn ein. Wenn wir feststellen, dass unsere Unkosten und Bemühungen nicht im richtigen Verhältnis zueinanderstehen, das heißt, unser Gewinn ist kleiner als die Auslage, dann schließen wir das Geschäft und eröffnen ein neues, weil wir den zu erwartenden Gewinn vor Augen haben. Unter keinen Umständen machen wir uns etwas vor, sondern schätzen genau unsere Vorteile in Form von Geld, Ehre, Ruhm oder Ausgeglichenheit ein – wie auch immer wir uns unseren Gewinn vorstellen mögen.
Wir könnten uns fragen, warum wir nicht, sagen wir vielleicht einmal jährlich, unser Leben resümieren, und darüber nachdenken, wozu wir gelebt haben und wie wir das vergangene Jahr verbracht haben. Wenn wir uns auch nur ansatzweise mit der spirituellen Entwicklung beschäftigen, warum müssen wir uns dennoch über jeden einzelnen Moment befragen?

Unsere Welt ist eine Welt der Unwahrheit.

Infolgedessen möchten unsere Körper nicht diesen Fragen gegenübergestellt werden, da sie keine Antworten zur Verfügung haben. Wie könnte auch wohl unsere Antwort aussehen, wenn das Jahr zu Ende geht oder wenn sich das Lebensende selbst nähert? Alles geht vorbei, das Gute und das Schlechte, und was bleibt uns? Warum haben wir für unsere eigenen körperlichen Bedürfnisse gearbeitet? Es gibt keine Antwort, weil es keine Belohnung für das vergangene Leben gibt. Aus diesem Grund erlaubt es uns der Körper nicht, diese Fragen zu stellen.
Die Spiritualität stellt uns einerseits – weil sie wahr ist und die spirituelle Belohnung unendlich – die Frage nach unserer spirituellen Belohnung mit der Absicht, uns anzuspornen, noch größeren Nutzen von unseren Bemühungen zu erhalten. Auf diese Weise korrigieren wir uns weit mehr und werden somit eine größere, ewige Belohnung erhalten.
Warum aber gibt uns der Schöpfer falsche Beschäftigungen in unserem Leben in unserer Welt? Der Prozess, der notwendig ist, um ein spirituelles Gefäß zu erschaffen, ist sehr kompliziert und lang. Wir glauben, dass wir den gesamten Prozess des weltlichen Egoismus durchlaufen müssen, dass wir alles in all seiner Niedrigkeit und all seine falschen Vergnügen bis hin zur niedrigsten Stufe (des Egoismus) erleben müssen. Während unserer Arbeit, in der wir uns der Grenze zwischen dem körperlichen und dem spirituellen Reich nähern, sammeln wir Erfahrungen, bis wir das spirituelle Reich erlangen.
Dieser Prozess des Erfahrungsgewinns beschränkt sich nicht auf einen einzelnen Durchlauf des Lebens in dieser Welt.
Alle Informationen werden in unseren Seelen gespeichert und im passenden Moment entfaltet. Bis dahin jedoch wird der Prozess des Erreichens vor uns versteckt, und wir erfahren nur unseren aktuellen Stand. Seit unser ganzes Sein sich auf den Wunsch konzentriert, Genuss zu erreichen, gibt der Schöpfer denjenigen »das Leben«, bekannt als »Falschheit«, die noch nicht für den spirituellen Aufstieg bereit sind, damit sie eine Quelle der Stärke zum Leben haben.
Es gibt ein Licht, das eine Verminderung des Wunschgefäßes bringt, und eines, welches Wissen und Vergnügen bringt. Im Wesentlichen ist es ein und dasselbe Licht vom Schöpfer, und wir selbst ziehen aus dem Licht die bestimmte Eigenschaft, die wir für unsere spirituellen Ziele verwenden möchten.
»Gib das Übel auf und tue Gutes.« Die erste Stufe der Verbesserung unserer Seele wird »die Realisierung des Übels« genannt, denn sobald wir überzeugt sind, dass der Egoismus unser gefährlichster Todfeind ist, hassen wir ihn und lösen uns von ihm. Eine Situation wie diese wird jetzt unerträglich. Es ist jedoch nicht notwendig, vor dem Übel wegzulaufen, sondern es genügt zu fühlen, was das Übel wirklich ist, und wir werden uns danach instinktiv von dem Schädlichen trennen.
Unsere Erkenntnis dessen, was schlecht ist, findet zeitgleich zum Einfluss vom Tun guter Taten mit Einhalten der Gebote statt, und während wir die Kabbala studieren, denn wenn wir unter ihrem positiven Einfluss stehen, fangen wir an, uns nach spiritueller Vervollkommnung zu sehnen und uns zu merken, was uns genau an der Erfahrung eines spirituellen Lebens hindert.
Die Verborgenheit des Schöpfers vor uns, die wir in Form von Leiden erfahren, das Zweifeln an der göttlichen Vorsehung und der Mangel an Zuversicht und Vertrauen in den Schöpfer, störende Gedanken – all das wird die »Nacht« genannt.
Die Enthüllung des Schöpfers uns gegenüber, die wir in Form von Vergnügen erfahren, das Vertrauen in die göttliche Vorsehung und das Gefühl, mit dem Ewigen verbunden zu sein sowie das Verstehen der Höchsten Quelle aller Naturgesetze – all das wird der »Tag« genannt.
Während der Schöpfer noch im Zustand der Verborgenheit ist, müssen wir darauf hinarbeiten, den Glauben an die Tatsache zu erlangen, dass solch ein Zustand zu unserem Nutzen ist, weil der Schöpfer in allen Phasen nur das tut, was am nützlichsten und am vorteilhaftesten für uns ist.

Wenn wir bereit wären, das Licht des Schöpfers zu empfangen, ohne uns selbst zu schaden, dann würde sich der Schöpfer uns zweifellos enthüllen.

Aber da wir nicht imstande sind, die Freuden zu kontrollieren, die wir bereits empfinden, gibt uns der Schöpfer nicht so unermessliche Vergnügen wie die Seines Lichts, da wir sonst sofort dessen Sklaven werden würden, und so niemals in der Lage wären, den Ketten unseres Egoismus zu entkommen. Aus diesem Grund würden wir uns noch weiter vom Schöpfer entfernen.
Jede neue Generation und ihre Mehrheit bestimmen den Wert und die Schönheit von Dingen, Gegenständen, Ereignissen und Kategorien.
Jede Generation weist die Normen der vorhergehenden zurück. Folglich gibt es keine allseits verbindlichen Normen; eher die Stimmenmehrheit von einer Gruppe, und so schreibt auch jede Generation ihre eigenen Normen vor, damit der Rest sich diesen unterwerfen kann.
Deshalb gibt es immer neue Tendenzen und Vorbilder, nach denen man streben kann. Folglich ist alles schön, was die Mehrheit vorschreibt, während diejenigen, die an diese Werte glauben, Achtung und Ehre erhalten.
Infolgedessen ist man bereit, sich anzustrengen, das zu erreichen, worauf die Gesellschaft großen Wert legt.
Folglich ist es schwierig, spirituelle Eigenschaften zu erwerben, da die Mehrheit davon nicht so viel wie von den aktuellen Trends hält. Um ehrlich zu sein, ist es denn so wichtig, Spiritualität wahrzunehmen? In Wirklichkeit ist Spiritualität außerordentlich wichtig.
Wenn dem so ist, warum hält der Schöpfer sie dann versteckt? Die Antwort ist, damit wir sie nicht verderben können; Er erschuf einen speziellen »Trick«, der »Verhüllung« heißt. Dieser verhindert, dass die Großartigkeit der spirituellen Welt wahrgenommen wird, da wir Gefühle nicht steuern können, die wir bereits gefühlt haben, wie schon oben erklärt. Und da es jetzt vor uns verborgen ist, sind wir nur in der Lage, auf den Glauben zu bauen, demzufolge es von unermesslicher Wichtigkeit ist, den Schöpfer wahrzunehmen.
Nach Meinung der Mehrheit ist jedoch der Wert von spiritueller Anerkennung gleich null; so wird sie praktisch von jedem verabscheut. Diesen Vorgang gibt es trotz der Tatsache, dass die Standards der Schönheit, Dringlichkeitsstufen, Normen des Verhaltens und die Gesetze der Gesellschaft durch verachtenswerte Persönlichkeiten festgelegt werden, die ständig ihre Grundregeln verändern und so beweisen, dass es ihnen an Gehalt fehlt und ihre Normen unbegründet und falsch sind.

Kapitel 15



Stufenweise spirituelle Korrektur

Der Glaube über der Vernunft ermöglicht es uns, unseren größten Feind (der uns beim Erlangen von Güte im Wege steht) gerade mit dem Verstand wahrzunehmen. Wir können das Böse nur bis zu dem Grad spüren und wahrnehmen, wie wir an spirituellen Genuss vor Vernunft glauben.
Tatsächlich gibt es nichts anderes als den Schöpfer, doch nur ein Kabbalist auf der höchsten Stufe kann dies wahrnehmen. Bis dahin aber nehmen wir uns in dieser Welt ebenfalls wahr. In dem Prozess der Anreicherung der Wahrnehmung erlangen wir ein Verständnis von
1. dem Schöpfer
2. der ersten Schöpfung
3. den Geschöpfen
4. dem Genuss, den der Schöpfer Seinen Geschöpfen schenken will. Diese Entwicklung findet auf natürliche Weise in einer Kette von Übereinstimmungen mit Ursache und Wirkung statt und ist nicht zeitgebunden.
Der Schöpfer existiert. Er wünscht, eine Schöpfung zu kreieren, die Er erfreuen kann. Er entwickelt in uns den Wunsch zu genießen je nach der Freude (in Menge und Auswirkung), die er zu schenken wünscht.
Als erstes Wesen schuf er Malchut. Die erste Wahrnehmung vom Licht des Schöpfers durch das Geschöpf wird »Welt ohne Ende« genannt. Der Begriff »ohne Ende« wird deshalb verwendet, da in dieser Phase Malchut endloses Licht vom Schöpfer empfängt. Malchut empfand große Freude, als sie dieses Licht empfing. Während dieses Genusses jedoch wurde ihr der Schöpfer Selbst – Sein Wunsch zu schenken – bewusst. Da Malchut Sehnsucht verspürte, Ihm gleich zu sein, wies sie das Licht zurück, bis es verschwand.
Diese Handlung von Malchut wird »Einschränkung« (Einschränkung des Lichtempfanges – Zimzum) genannt. Dem Schöpfer mangelt es an nichts, und Malchut kann Ihm deshalb nicht auf die gleiche Weise geben, wie er Malchut beschenkt. Wie kann »Malchut« dem Schöpfer etwas geben? Sie tut es ausschließlich, indem sie den Geschöpfen Gutes tut, vom Schöpfer empfängt und somit dem Schöpfer Freude bereitet.
Das wird als »Schenken« seitens des Geschöpfes bezeichnet. Malchut kann nur die Form des Nehmens verändern. Diese Änderung wird erreicht, wenn die Absicht, dem Schöpfer zu gefallen, hinzugefügt wird. Um diese neue Form zu erreichen, ist die Einschränkung die erste notwendige Phase, wobei das Licht verschwindet.
Die eingeschränkte Malchut wurde dann in viele Teile, sprich: Seelen geteilt, von denen jede getrennt ihren Egoismus korrigieren muss. Diese winzigen, lichtlosen Teile von Malchut wurden dann an einen Ort versetzt, den man »Unsere Welt« nennt. Danach gaben diese Teile den Wunsch zu empfangen langsam auf und eigneten sich noch in dieser Welt das Verlangen zu geben an. Die uns helfende Kraft für die Überwindung egoistischer Neigungen wird die »Erlösende«, der Messias, genannt.
Die Stufen allmählicher Korrektur heißen »die spirituellen Welten«, und die inneren Abstufungen sind die Sefirot. Das Ziel der Korrektur ist es, zu unserem Ursprung vor der Einschränkung zurückzukehren, wo wir Freude nicht um unseretwillen, sondern dem Schöpfer zuliebe empfanden.
Alle Gedanken und Fragen, die in uns aufkommen über die Ziele der Schöpfung und über das Ziel eigener Anstrengungen, beispielsweise: »Ist es notwendig?« und »Der Schöpfer wird sowieso gemäß Seines eigenen Plans und Seiner Verlangen handeln, warum benötigt Er dann irgendetwas von mir?« sind direkt vom Schöpfer gesendet. So stellt sich uns noch eine weitere Frage: »Wofür?«
Wenn wir uns auf unserem Weg zur Spiritualität durch diese Fragen gestärkt fühlten, wären uns auch ihre Bedeutungen klar. Doch diejenigen, die sich gerade erst auf diese Reise begeben, tragen stetig Gedanken über die Schwierigkeiten, Hoffnungslosigkeit und Nachteile dieses Weges mit sich herum. Es gibt außer der Macht und dem Wunsch des Schöpfers nichts anderes auf der Welt, und alles wird mit der Absicht erschaffen, den Zweck der Schöpfung zu verstehen, und die »störenden « Fragen, Gedanken und Kräfte, die uns am Näherkommen zu Ihm hin hindern, gehören dazu.
Der Schöpfer stellt uns viele Hindernisse in den Weg, den er für unsere spirituelle Erhebung ausgesucht hat, zusammen mit der Angst, unser Ziel, Seine Herrlichkeit wahrzunehmen, nicht zu erreichen, und dafür ewig in dieser niedrigen Phase zu verharren. Diese Erkenntnis reicht, dass unsere Herzen zum Altruismus hingeführt werden können.

Es muss uns klar werden, dass nur der Schöpfer allein unsere Augen und Herzen öffnen kann, damit wir die Größe der Spiritualität wahrnehmen können. Störende Fragen sind notwendig, damit wir dieses Bedürfnis fühlen können.

Ein Anfänger hat die folgende grundlegende Schwierigkeit: »Wenn der Schöpfer es wünscht, sich vor mir zu enthüllen, würde Er es doch tun; und wenn Er es täte, würde ich (mein Körper – Egoismus – mein gegenwärtiger Herrscher) sofort und automatisch meine egoistischen Handlungen durch altruistische ersetzen und den Schöpfer mein Gebieter sein lassen« – »Ich möchte nicht die Freiheit haben, meine Handlungen selbst auszuwählen. Ich glaube, dass der Schöpfer recht hat und es für mich das Beste ist, nicht über meinen Eigennutzen nachzudenken. Nur dann verdiene ich alles wahrhaftig. Doch kann ich mich nicht selbst ändern. Allmächtiger, komme und tue es für mich, da Du mich so erschaffen hast und nur Du die Kraft hast, zu verbessern, was geschaffen wurde!«
Der Schöpfer könnte uns doch den Wunsch und das Gefühl für Spiritualität geben, das so genannte »Erwecken von Oben«. Wenn er das allerdings täte, würde es uns nie gelingen, der Herrschaft des egoistischen Wunsches zu entrinnen, alles zu unserem eigenen Nutzen zu tun, und wir würden dann gezwungenermaßen dem Genuss zuliebe handeln, nur um pures Vergnügen zu empfinden und nicht um des Schöpfers willen.
Das Ziel des Schöpfers ist es, uns die Möglichkeit zu geben, freiwillig den rechten Weg auszuwählen und damit Seine Schöpfung zu rechtfertigen. Das wird für uns nur verständlich, wenn wir ungeachtet unseres persönlichen Vergnügens völlig frei von Egoismus sind.
Der Schöpfer hat daher eine besondere Bedingung zur spirituellen Erhebung geschaffen: das Akzeptieren des Glaubens an Ihn und Seine Gerechtigkeit unter seiner Aufsicht. Somit sehen unsere Aufgaben folgendermaßen aus:
      Wir müssen
1. glauben, dass es einen Herrscher auf der Welt gibt,
2. erkennen, dass es der Schöpfer war, Der diesen Weg speziell für uns ausgesucht hat, obwohl uns der Glaube vielleicht nicht wichtig erscheinen mag,
3. glauben, dass wir den Weg des »Gebens« und nicht des »Nehmens« beschreiten müssen,
4. glauben, dass Er unser Werk annimmt, genau so wie es ist, wenn wir es Ihm zuliebe tun, wie immer es auch in unseren Augen aussehen mag,
5. auf dem Weg der Selbstentwicklung zwei Entwicklungsvorgänge wie folgt durchlaufen:
      a) mit »Glauben über Vernunft« fortfahren, weil wir keine andere Alternative haben,
      b) den Weg »Glauben über Vernunft« wählen, obwohl es uns hinlänglich klar wird, dass wir uns nicht länger auf »Glauben über Vernunft « zu verlassen brauchen,
6. wissen, dass, wenn wir auf der Basis von Egoismus arbeiten, die Früchte, die wir unserer Vorstellung nach zu erhalten hoffen, auf unser eigenes Vergnügen gehen. Wenn wir jedoch den     Schöpfer lieben, werden alle Nutzen freudvoll Ihm ausgehändigt, und die Früchte dieser Bemühungen erreichen andere,
7. dem Schöpfer für die Vergangenheit danken, denn davon hängt die Zukunft ab. Das Maß unserer Würdigung der Vergangenheit, für die wir dem Schöpfer danken, gleicht der     Würdigung für das von Oben Erhaltene. Dann können wir die von Ihm erhaltene Hilfe bewahren und festhalten,
8. wesentliche Arbeit tun: hauptsächlich der »rechten« Linie entlanggehen zusammen mit einem Gefühl von Vollkommenheit. Wir sind auch nur mit einer kleinen Verbindung mit der Spiritualität zufrieden und sind glücklich, dass wir Wünsche und Möglichkeiten empfangen haben, wenn auch nur Geringes für den Schöpfer im spirituellen Bereich zu leisten,
9. ebenfalls auf der »linken« Linie voranschreiten. Eine halbe Stunde am Tag genügt jedoch, um darüber zu reflektieren, wie man die Liebe zum Schöpfer der Selbstliebe vorzieht. In dem     gleichen Ausmaß, wie wir jeglichen Mangel feststellen, werden wir auch gebeten, zum Schöpfer über diese Gefühle zu beten, damit er uns näher auf den wahren Weg verhilft, der diese     beiden Linien vereint.

Im Verlauf der Bewältigung unserer spirituellen Aufgaben müssen wir unsere Gedanken und Wünsche in einer bestimmten Reihenfolge zusammenhalten:
1. Die Wege des Schöpfers zu erfahren und die Geheimnisse der Kabbala zu studieren, damit dieses Wissen uns beim Erfüllen des Wunsches des Schöpfers helfen kann. Das ist unser     Hauptziel.
2. Wir müssen uns danach sehnen, unsere Seele völlig umzuwandeln und sie ihrem Ursprung – dem Schöpfer – zurückzugeben.
3. Die Sehnsucht haben, den Schöpfer anzuerkennen und an Ihm mit der Gewissheit seiner Vollkommenheit festzuhalten.
Der Schöpfer ist in einem Zustand völliger Ruhe und der Mensch, der das Ziel der Schöpfung erreicht, ebenfalls. Es besteht kein Zweifel, dass dies nur von jemandem gewürdigt werden kann, der sich vorher abgeplagt und gearbeitet hat. Worauf sich hier bezogen wird, ist »spirituelle Ruhe«, ist die Absicht unserer Antriebe, Mühen und Arbeit auch spiritueller Natur.

Spirituelle Arbeit beinhaltet das Streben, dem Schöpfer Freude zu bereiten.

Unsere Arbeit beginnt genau dann, wenn unser Körper (der Wunsch zu empfangen) sich gegen Arbeit aufbäumt, die keinen Eigennutzen bringt. Denn der Körper, der Egoismus, ist nicht in der Lage, die Auswirkungen altruistischer Taten zu begreifen und sieht darin auch keine Belohnung.
Es sind große Bemühungen unsererseits erforderlich, den anfänglich nachvollziehbaren Klagen unseres Körpers zu widerstehen. Wir quälen uns lange in unseren Bemühungen, etwas vom Spirituellen zu verstehen. Was erhalten wir dafür? Kennen wir jemanden, der dieser Aufgabe wunderbar gewachsen war? Kann es sein, dass der Schöpfer es will, dass wir derart leiden?
Lerne aus deiner eigenen Erfahrung! Was hast du erreicht? Wenn man deinen gegenwärtigen Gesundheitszustand betrachtet, kannst du dich weiter misshandeln, wie du es jetzt tust? Denke an dich, deine Familie, deine heranwachsenden Kinder. Wenn der Schöpfer es so will, wird Er uns auf die gleiche Weise weiterführen, mit der Er uns zur Kabbala geführt hat, denn in allem herrscht und lenkt nur Er!
All diese Klagen und viele ähnliche mehr (wie man sie oft von Verwandten hört, die auch mit dem Konzept des Körpers verbunden sind) sind unbedingt gerechtfertigt, jedoch gibt es für sie keine Antworten. In Wirklichkeit braucht man keine Antworten, denn wenn wir aus der Begrenzung unserer Körper herauskommen wollen, dürfen wir solche Argumente eben nicht akzeptieren und ihnen keine Beachtung schenken. Stattdessen sollten wir uns sagen: »Unser Körper hat recht, die Argumente sind logisch und die Klagen sind ehrlich.«
Wir wollen aber aus unserem Körper heraustreten oder, in anderen Worten, seine Wünsche verlassen. Darum folge ich dem Glaubenswege und nicht dem gesunden Menschenverstand. Nur innerhalb unserer Welt wird meine Vernunft für logisch gehalten. In der spirituellen Welt jedoch, die ich nicht begreife, da ich keinerlei spirituelle Vision oder spirituellen Intellekt besitze, funktioniert alles nach einem anderen Gesetz, das mir zur Zeit fremd vorkommt, da nichts auf der Basis unserer physischen Wirklichkeit gegründet ist. Alles arbeitet nach dem Gesetz der Allmacht des Schöpfers und nach der kompletten und freiwilligen Hingabe an Ihn, mit Verstand und Geist, im völligen Glauben an Seine Hilfe, entgegen den Wünschen des Körpers zu empfangen und entgegen dessen Protesten.
Diese Arbeit an uns selbst wird »Geben um des Gebens willen« genannt, das heißt, eine rein altruistische Tat, die von der »rechten« Linie dargestellt wird. Wir geben alles, und zwar aus dem einfachen Wunsch zu geben. Die Freude, die wir daraus beziehen, kommt aus dem Zustand ähnlich dem des Schöpfers, denn wir geben nur, wie es der Schöpfer tut. Dies wird »das Licht des Glaubens oder der Gnade« oder auch »Or Chassadim« genannt.
Wenn wir versuchen, uns auf diese Weise zu verhalten, enthüllt der Schöpfer uns Seine unendliche Größe und Macht. Der Glaube gibt dem Wissen nach; der Körper beginnt, die Wichtigkeit des Schöpfers zu fühlen, und ist bereit, alles Ihm zuliebe zu tun, denn er hat nun die Wichtigkeit des Herrschers erkannt und Seine Bereitwilligkeit, alles von uns zu empfangen. Dies wird als Erlangen von Genuss akzeptiert.
Aber in diesem Falle bemerken wir wieder, dass wir mit unserem Körper Fortschritte gemacht haben. Es ist nicht die Großartigkeit des Schöpfers, sondern der Genuss und das Ausmaß an persönlichem Vertrauen in das Werk dem Schöpfer zuliebe, die unsere Handlungen bestimmen. Und so sind wir wieder in die Tiefe des Egoismus und in persönlichen Profit verfallen. Da wir so völlig unfähig sind, den Schöpfer wahrzunehmen, bestehen wir nun darauf, dass all unsere altruistischen und spirituellen Handlungen Ihm zuliebe ausgeführt wurden. Die Enthüllung des Schöpfers, dargestellt von der linken Linie, ist als »Wissen des Lichts der Weisheit« bekannt.
Daher macht die Offenbarung des Schöpfers es notwendig, dass wir uns beim Aneignen von Wissen, Lenkung und Wahrnehmung über Seine Größe stark einschränken. Dies gleicht den Glauben und das Wissen, die Abwesenheit der Wahrnehmung und die Freude am Schöpfer in solchem Maße aus, dass wir nicht erneut dem Egoismus zum Opfer fallen.
Indem wir dem Ausgangszustand wieder eine kleine Portion Egoismus hinzufügen, können wir Gebrauch von diesem kleinen Teil machen und fortfahren, als ob wir nichts gelernt hätten, ganz so wie im ursprünglichen Zustand. Durch das Ausgleichen der »rechten« Linie mit einem kleinen Anteil der »linken« Linie erschaffen wir eine Mittellinie. Der linke Teil in der Mittellinie bestimmt die Erhöhung auf unsere neue spirituelle Stufe. Die spirituelle Ebene selbst wird als die »des Höheren« betrachtet.
Die nachfolgende Entwicklung führt zur letzten und höchsten Stufe, der Vereinigung mit dem Schöpfer in unseren Eigenschaften und Wünschen. Dies findet durch allmähliches, abwechselndes Wachsen der rechten und dann der linken Linie statt. Das Ausgleichen beider Linien geschieht auf jeder Stufe der spirituellen Leiter.
Wenn wir uns in der »rechten« Linie befinden, müssen wir grundlos zufrieden sein und nur dem Gedanken frönen, dass es den Schöpfer in unserer Welt gibt. Andere Bedingungen für unser Glücklichsein gibt es nicht. Diesen Zustand kennen wir unter dem Motto »Zufriedensein mit dem, was man hat«. Wenn uns nichts aus diesem Zustand bringen kann, dann ist dieser als absolut zu betrachten.
Fangen wir jedoch an, unseren spirituellen Status zu prüfen, stellen wir fest, dass wir dem Schöpfer nicht näher kommen. Da wir auch die Erfahrung gemacht haben, dass wir der Selbstkorrektur nicht mächtig sind, bitten wir den Schöpfer um Hilfe. Sein Licht, das uns hilft, den Egoismus des Körpers zu überwältigen (Wunsch zu empfangen), wird Seele genannt.

Der sicherste Weg herauszufinden, ob unsere Handlung altruistisch oder egoistisch war, ist festzustellen, ob wir vollkommen bereit sind, jedes Ergebnis, sei es Vergnügen oder Entlohnung, zu ignorieren, ungeachtet des immensen Dranges, Befriedigung in unserer Arbeit zu finden.

Nur wenn wir Freude empfangen haben, können wir noch darauf bestehen, dass wir es dem Schöpfer zuliebe getan haben und nicht unseretwegen. Was wir auf dem Weg des spirituellen Aufstiegs erreichen müssen, ist die allmähliche Verweigerung, immer größere Vergnügen zu empfangen: zuerst die weltlichen Freuden und dann die spirituellen Freuden, besonders die Wahrnehmung des Schöpfers.
Der Schöpfer verhüllte sich, um uns Schritt für Schritt an diese Aufgabe heranzuführen. Daher muss die Verhüllung des Schöpfers als Teil unserer Korrektur angesehen werden, und wir sollten Ihn bitten, Sich uns zu enthüllen, denn sowie wir in der Lage sind, Ihn wahrzunehmen, ohne uns zu schaden, wird Er sich uns auf der Stelle offenbaren.
Wenn wir noch in unserem anfänglichen egoistischen Zustand die Freude über das Wahrnehmen des Schöpfers empfinden könnten, würden wir nie hinreichend Kraft aufbringen, um dem Egoismus den Garaus zu machen oder den Schöpfer zu bitten, die Willensstärke zu verleihen, dem Drang nach Befriedigung zu widerstehen. Wie die Motten vom Licht angezogen sind, das sie dann tötet, würden wir in den unwiderstehlichen Flammen der Freude umkommen. Nur diejenigen, die mangelnde Stärke angesichts großen Vergnügens erlebt haben, können verstehen, dass wir nicht in der Lage sind, uns Freude zu verweigern, wenn das Vergnügen größer als unsere Willenskraft und unsere Erkenntnis des Bösen ist.
Der Schöpfer verbirgt sich vor uns zu unserem Wohl, damit wir nicht vom Genuss überwältigt werden. Dies ermöglicht es uns, den Weg des Glaubens zu beschreiten und Gefäße des Gebens zu werden. Sollten wir etwas tun wollen, was nicht zu unserem Vorteil ist, dann verlangt unser Körper (der Egoismus) sofort, dass es sich auch lohnt. Denn ohne Ziel, ohne die Entlohnung durch Genuss, ist es uns unmöglich zu leben, und wir suchen alle erdenklichen Unzulänglichkeiten, spirituelle Wünsche und Fehler in unseren spirituellen Zielen oder Absichten.
Unser Körper fragt sich zuerst: »Zu welchem Zweck soll ich mich darauf einlassen?« In diesem Moment wird der Körper »die böse Neigung « genannt. In der darauf folgenden Phase behindert er uns, das Geplante zu erreichen. Er wird in dieser Phase »Satan« genannt (vom Hebräischen listot abgeleitet, was ausscheren/umspringen bedeutet), weil er uns vom Wege abbringen will. Danach tötet er unsere Spiritualität, indem er uns alle spirituellen Gefühle, die wir mit unserem Lernen und der Verbindung mit der Kabbala erreicht haben, entwendet, und uns weltliche Vergnügen schenkt und dann »der Todesengel« genannt wird.
Es gibt nur eine Antwort auf all diese körperlichen Klagen: »Ich schreite trotz allem, was du mir sagst, voran, gestärkt durch meinen Glauben, weil es der Schöpfer so von mir verlangt.« Diese Bedingung des Schöpfers ist als das »Gesetz der jenseitigen Welten« bekannt.
Wir haben nicht die Kraft, auf das Empfinden von Freuden zu verzichten, es sei denn, wir überzeugen uns erst, dass es schädlich für uns ist. Das heißt, wir benutzen den Verstand auf Kosten unseres Herzens. In diesem Fall jedoch wird nur eine einfache Berechnung benötigt, um festzustellen, was für uns gut ist: das unmittelbare Vergnügen und darauf folgendes Leiden oder den Verzicht auf Genuss und das Verbleiben in unserer jetzigen Situation. Wann immer wir uns Freude verweigern, müssen wir unserem Körper erklären, warum es sich nicht lohnt, Freude aus dem zu beziehen, von dem sie ausging.
So können wir unserem Körper Mitteilungen in einer Sprache machen, die er versteht: entweder in der Sprache des Genusses, wonach es sich lohnt, albernen und gelegentlichen Freuden dem Genuss in der Nachwelt zuliebe zu entsagen, oder in der Sprache des Leidens, wo wir sagen, dass es sich nicht lohnt, jetzt Freude zu empfinden und dafür hinterher Höllenqualen zu erleiden. Auf diese Weise errichten wir eine Verteidigungslinie gegen unsere Körper.
Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass der Hunger nach Vergnügen ein vernünftiges Kalkulieren verhindern kann und ein falsches Bild von dem Zusammenhang zwischen Freud und Leid abgibt.
Die einzig sichere Lösung ist, dem Körper mitzuteilen, dass wir an der Spiritualität ohne eigenen Vorteil arbeiten. So durchtrennen wir jegliche Verbindung zwischen Handlung und Körper, und der Körper kann nicht mehr mit seinen Überlegungen dazwischenreden, ob es sich zu arbeiten lohnt oder nicht. Diese Antwort wird »Arbeit des Herzens« genannt, da sich das Herz nach Freude sehnt.

Kapitel 16



Innere Eigenschaften und äußere Erscheinungen

Die einzige Antwort, die es für unseren Intellekt geben kann, lautet: »Ich glaube daran, dass der Schöpfer meine Bitten um Hilfe und meine Gebete erhört.« Wenn es uns gelingt, mit dem Verstand und in unserem Herzen fest bei den Antworten zu bleiben, dann offenbart sich uns der Schöpfer, und wir erkennen und spüren nur Ihn.
In jedem von uns existieren siebzig fundamentale Wünsche – die »Siebzig Nationen der Welt«. Unsere Seele entspricht deshalb dem Parzuf von Seir Anpin in der Welt Azilut, die siebzig Sefirot beinhaltet. Wenn wir anfangen, uns nach mehr Nähe zu unserem Schöpfer zu sehnen und das Licht der Kabbala empfangen, entwickeln wir Gefühle und Wünsche, von denen wir niemals glaubten, dass sie existieren könnten.
Die siebzig Wünsche entspringen zwei Quellen, da wir uns in der Kombination der zwei Linien – der rechten und der linken – vorwärts bewegen. Unseren Handlungen, die mit der rechten Linie übereinstimmen, wirkt eine böse (egoistische) Tendenz (die Hülle, Klipa) der Arbeit des Herzens (Klipat Ishmael) entgegen. Die Arbeit der linken Linie wird bekämpft durch eine böse Kraft, genannt Klipat Esav, die gegen die Arbeit des Verstandes gerichtet ist.
Je weiter wir jedoch in unseren Bemühungen fortschreiten, desto klarer erkennen wir, dass wir uns von beiden Klipot befreien müssen, um in den spirituellen Bereich zu gelangen. Der Grund dafür ist, dass wir die Gesetze des spirituellen Bereiches nicht akzeptieren wollen, genau wie es in der Bibel dargelegt wurde, wo der Schöpfer die Tora, also die Gesetze der spirituellen Ebene, Esau und Ismael anbot, die sie jedoch nicht empfangen wollten, bevor er sie schließlich Israel aushändigte.
Nur wenn wir erkennen, dass wir die altruistisch-spirituellen Gesetze weder mit der rechten noch mit der linken Linie empfangen können, bewegen wir uns allmählich auf die mittlere Linie zu, deren Motto lautet: »Wir werden handeln, und dann werden wir hören.« Die mittlere Linie heißt dann »der Schenkung zuliebe« und wird »Israel« genannt.
Da jeder von uns in seinen Gedanken, Absichten und Wünschen völlig und ganz in seinem Egoismus verharrt, ist es uns unmöglich, unabhängig, objektiv und selbstlos zu denken, und wir sind daher nicht in der Lage, Selbstkritik zu üben.
Im Prinzip haben wir auch keine Selbstkritik nötig, da wir ja wissen, dass unser ganzes Tun auf unseren egoistischen Wünschen basiert. Wenn wir jedoch an uns arbeiten, indem wir uns unseren Wünschen entgegenstellen und uns bemühen, spirituelles Verlangen zu entwickeln, sollten wir unseren Zustand überprüfen. Es liegt allein an uns, das zu tun, und nicht am Schöpfer, der unsere Situation bereits kennt.
Die sicherste Methode, den tatsächlichen Stand unserer Spiritualität zu prüfen, ist herauszufinden, ob wir Freude empfinden, wenn wir dem Schöpfer zuliebe handeln. Sollte dies der Fall sein, dann erkennen wir auch, dass dieses Nachfragen nicht dazu da ist, unsere körperliche oder emotionale Anstrengung zu prüfen, sondern unseren inneren Zustand.
Hier stellt sich die Frage, ob wir die gleiche Freude beibehalten, wenn wir vom Schöpfer das erhalten, was wir entweder als notwendig oder unnötig für uns erachten.

Die Kabbala spricht vom Menschen wie von einer vollständigen Welt, weil in seinem Inneren alles existiert, was in der Außenwelt ist: das Universum, die Nationen, die Nichtjuden, die Gerechten der Völker der Welt, Israel, der Tempel und sogar der Schöpfer selbst; Er ist der Punkt in unserem Herzen.

Als Erstes lehrt uns die Kabbala, welche inneren Eigenschaften wir haben, und geht dann zu den äußeren Aspekten über, denen dementsprechend dazugehörige Bezeichnungen gegeben wurden. Außerdem wirkt sich die spirituelle Beschaffenheit der inneren Eigenschaften auf den spirituellen Zustand der äußeren Erscheinungen aus, da Letztere direkten Einfluss auf uns haben.
Für uns Menschen ist der Egoismus unser anfänglicher, spiritueller Zustand. Derjenige, der jedoch beginnt, die Nähe des Schöpfers zu suchen, ist als »gerechter Mensch der Weltvölker« bekannt. Wie kann man nachweisen, dass ein Mensch sich bereits auf dieser Ebene befindet?
Da der Mensch nur egoistische Wünsche besitzt, kommt es ihm vor, als hätte man ihm das, was ihm zur Befriedigung des Egos fehlt, entzogen. Als hätte er das, was er sich gewünscht hat, schon besessen, und es wäre ihm nun gestohlen worden.
Aufgrund unserer spirituellen »Vergangenheit« kennen wir alle dieses Gefühl: Auf den früheren, spirituellen Ebenen waren unsere Seelen völlig vom »Guten« erfüllt, aber bei unserem spirituellen Abstieg in diese Welt ist uns all das verloren gegangen. Daher ist jeder Wunsch wie eine Klage an den Schöpfer darüber, was uns weggenommen oder was uns nie gegeben wurde – das, wonach man sich doch so sehnt.
Wenn wir aber von Herzen sagen können, dass alles Wirken des Schöpfers für unser aller Wohl ist, und wir dem Schöpfer gegenüber Freude und Liebe empfinden, als hätten wir tatsächlich alles, was wir uns nur vorstellen können, von Ihm erhalten, und könnten wir alles rechtfertigen, was der Schöpfer lenkt, dann können wir sagen, wir haben die Prüfung unserer Absichten (Kavana) erfolgreich bestanden. Ein solcher Mensch wird als »gerechter Mensch der Weltvölker« bezeichnet.
Wenn wir weiter mit der Hilfe des Schöpfers an der Korrektur unseres Wunsches zu empfangen arbeiten, dann wird unsere Bestätigung nicht mehr von unseren Gedanken, sondern von unseren Handlungen bestimmt. Der Schöpfer gibt uns alles, was wir uns je gewünscht haben; aber wir müssen bereit sein, alles wieder zurückzugeben und gleichzeitig nur das zu empfangen, was wir dem Schöpfer zuliebe empfangen können.
Die Prüfung stellt sich uns in vielen Situationen als Wahl zwischen zwei Möglichkeiten dar: Wir fühlen, dass uns die eine Hälfte unserer Wünsche auf die eine Seite zieht und die andere Hälfte zur anderen Seite. Im Allgemeinen fühlen wir zwischen den entgegengesetzten, den guten und bösen Kräften in uns, keinen Konflikt, da das Böse nur von innen regiert; das Problem, das jedoch immer wieder auftaucht, ist, welche Kraft uns den größten Vorteil bringt.
Sind die entgegengesetzten Kräfte gleich stark, sind wir nicht in der Lage, zwischen ihnen zu wählen, oder eine Kraft zu bevorzugen, weil wir von beiden Kräften beeinflusst werden. An dieser Stelle gibt es nur die Lösung, uns an den Schöpfer zu wenden und Ihn zu bitten, uns auf die gute Seite zu ziehen.

So müssen wir alle Ereignisse als Prüfung von Oben betrachten. Wenn uns das gelingt, dann kommen wir schneller ans Ziel der Schöpfung.
Um zu verstehen, was Schöpfung bedeutet und insbesondere, was mit uns geschieht, müssen wir das Endziel kennen. Nur so können wir die Handlungen des Schöpfers nachvollziehen, da diese alle vom endgültigen Ziel abhängig und ausgegangen sind. Man kann dies mit unserer Welt vergleichen, in der uns das Endergebnis unklar ist, und uns auch die Handlungen der anderen unverständlich erscheinen. Ein Spruch lautet: »Zeige niemals etwas, das noch nicht vervollständigt ist.«
Der Schöpfer verkörpert die gesamte Schöpfung, das Licht. Das Ziel des Schöpfers ist es, uns mit diesem Licht zu erfreuen. Das Einzige, was Er deshalb erschaffen muss, ist der Wunsch, erfreut zu werden. Alles Existierende verkörpert das Licht und den Wunsch, erfreut zu werden. Alles andere, das außer dem Menschen noch erschaffen wurde, hat nur einen Zweck – uns bei der Erlangung des Endziels der Schöpfung zu unterstützen.
Wir alle leben im Schöpfer, im Meer des alles erfüllenden Lichts. Aber wir können den Schöpfer nur in dem Grad wahrnehmen, mit welchem wir mit Seinen Eigenschaften vergleichbar sind. Das Licht kann nur in unsere Wünsche eindringen, wenn diese den Wünschen des Schöpfers ähnlich sind.
In dem Maße, in dem wir in den Eigenschaften und Wünschen vom Schöpfer abweichen, können wir Ihn auch nicht wahrnehmen, weil uns Sein Licht nicht durchdringt. Wenn unsere Eigenschaften völlig im Gegensatz zu den Seinen stehen, dann können wir den Schöpfer überhaupt nicht wahrnehmen, und meinen daher, die Einzigen auf dieser Welt zu sein.
Der Schöpfer möchte uns mit Seiner Eigenschaft, »dem Verlangen zu geben«, erfreuen. Aus diesem Grund hat Er die Welt und deren Bewohner mit der entgegengesetzten Eigenschaft, »dem Verlangen zu nehmen«, erschaffen.
Der Schöpfer erzeugte alle unsere egoistischen Eigenschaften: Unser niedriger Stand ist daher nicht unsere Schuld. Dennoch möchte Er, dass wir uns selbst korrigieren, damit wir so werden wie Er.
Das Licht verleiht der gesamten Materie Leben: der unbelebten Stufe, der pflanzlichen, der tierischen und der menschlichen. In unserer Welt ist das Licht verhüllt, deshalb können wir es nicht spüren. Wir »schwimmen« im Lichtmeer des Schöpfers, und wenn ein Teil des Lichts in uns eindringt, wird es die »Seele« genannt.
Da das Licht des Schöpfers Lebensenergie und Freude bringt, werden diejenigen, die nicht das Licht, sondern einzig einen leichten Schimmer empfangen, damit ihre physische Existenz aufrechterhalten werden kann, als spirituell tot und seelenlos betrachtet.
Nur wenige in dieser Welt, namentlich die Kabbalisten (Kabbala stammt von dem Wort Lekabel: »Die Lehre über die Methodik, das Licht zu erlangen«), erreichen die Fähigkeit, dieses Licht zu empfangen. Jeder von uns fängt bei seinem Ausgangszustand an, in dem wir noch des »Lichtmeeres, in dem wir schwimmen«, nicht gewahr sind. Es ist daher unsere Aufgabe, uns wieder ganz mit dem Licht aufzufüllen.
Dieser Zustand wird »das Ziel der Schöpfung« oder »die Endkorrektur « genannt. Hinzu kommt, dass dieses Ziel in einem unserer Erdenleben erreicht werden muss.

Spirituelle Stufen

Die Spirituellen Abstufungen, den allmählichen Fortschritt, mit dem Licht des Schöpfers erfüllt zu werden, nennt man »Spirituelle Stufen« oder »Welten«.
Es sind die Prüfungen und Sorgen des Lebens, die uns in Richtung des Schöpfungsziels drängen. Erst wenn das Ego großes Leid erfährt anstelle von Freude, ist es willig, auf das Verlangen »zu empfangen« zu verzichten, damit das Leiden aufhört; denn gar nichts zu bekommen ist immer noch besser, als Qualen zu erleiden. Leid und Schmerz verfolgen uns so lange, bis wir das Verlangen, »Nehmen zu wollen«, aufgeben und stattdessen »geben« wollen.
Der einzige Unterschied besteht in dem Grad der Freude, die jeder Mensch zu empfangen erhofft. Es gibt animalische (körperliche) Freuden, die man auch in den Tieren findet, menschliche Freuden (Berühmtheit, Ehre) und Freuden der Erkenntnis (Entdeckungen, Errungenschaften).
Der Drang, all diese Freuden zu erreichen, ist in jedem Menschen proportional und je nach seiner Einzigartigkeit zusammengesetzt.
Der menschliche Verstand ist lediglich ein Werkzeug, das dazu dient, unsere Wünsche zu erfüllen. Die Wünsche können sich immer ändern, und der Verstand hilft uns, Mittel und Wege zu finden, um alle möglichen Ziele zu erreichen.
Wenn das Ego zu leiden beginnt, gibt es den Wunsch nach Vergnügen auf und ist dazu gewogen »zu geben«. Es dauert ungefähr sechstausend Jahre, bis man das Ego völlig ausgelöscht hat. Diese Zahl steht jedoch in keinerlei Beziehung zu unserem Zeitverständnis.
Egoismus wird in der Kabbala »Körper« genannt. Wenn wir seinem Einfluss unterliegen, merken wir, dass er spirituell tot ist. Deshalb müssen wir den Körper in fünf Stadien »abtöten« und uns von der einfachsten Phase bis hin zur größten egoistischen davon loslösen.
Wenn wir den egoistischen Wünschen widerstehen können, empfangen wir das Licht des Schöpfers. Wir empfangen fünf verschiedene Lichtarten in der Reihenfolge: Nefesh, Ruach, Neshama, Chaja und Yechida.

Die Stadien unseres spirituellen Aufstieges sind:
1. Das Streben nach den egoistischen Freuden dieser Welt. Wir können unser Leben beenden, ohne jemals aus diesem Stadium herauszukommen, es sei denn, wir beginnen mit dem     Studium der Kabbala. Dann begeben wir uns in das zweite Stadium.
2. Wenn wir erkennen, dass der Egoismus und  das Böse schädlich für uns sind, gefolgt von dem Verzicht auf sie. Genau im Mittelpunkt unserer egoistischen Wünsche liegt die Quelle     oder der Samen unserer Spiritualität. An einem gewissen Punkt in unserem Leben verspüren wir das Verlangen und die Sehnsucht, Spiritualität zu erkennen und zu spüren. Wenn wir     uns diesen Wünschen entsprechend verhalten, diese entwickeln und kultivieren und nicht unterdrücken, dann werden diese Wünsche immer stärker. Wenn wir dann auch noch die     richtige Absicht hinzufügen, die wir durch die Führung unseres Lehrers erhalten, spüren wir zum ersten Mal das spirituelle Licht in unseren neuen spirituellen Wünschen. Seine Gegenwart hilft uns, die Zuversicht und Kraft zu bekommen, die wir brauchen, um weiter unseren Egoismus zu korrigieren.
3. Das Erreichen des Zustands, in welchem wir mit jeder Tat nur den Schöpfer erfreuen möchten.
4. Die Korrektur des neuen Wunsches zu »geben«; das bedeutet, diesen Wunsch in den Wunsch »zu empfangen« umzuwandeln, mit der Absicht »dem Schöpfer zuliebe«. Den Anfang     dieser Aufgabe nennt man »Die Wiederbelebung/Auferstehung der Toten«. In diesem Zustand verwandeln wir den zurückgewiesenen Wunsch in sein Gegenteil und haben so doppelten     Gewinn. Wir können uns nun sowohl am Schöpfer erfreuen als auch an unserer Ähnlichkeit mit Ihm. Der Abschluss dieses Prozesses, nämlich die Umwandlung des Egoismus in     Altruismus, wird »das Ende der Korrektur« genannt.
Jedes Mal, wenn wir einen Teil unserer Wünsche korrigieren, erhalten wir auch einen Teil unserer Seele zurück. Dieses Licht ermöglicht es uns, weiterzumachen, bis wir uns vollends verändert und unsere Seele zurückgewonnen haben. Die Lichtmenge, der Teil des Schöpfers, entspricht genau unserem prototypischen Egoismus, genauso wie dieser vom Schöpfer erschaffen wurde.
Wenn wir unseren Egoismus vollkommen in Altruismus umwandeln, können wir alle restlichen Barrieren entfernen, die uns noch am Empfangen des Lichts hindern. Wir können uns nun mit dem Schöpfer füllen, indem wir das gesamte Lichtmeer spüren, uns völlig mit ihm vereinen und uns daran erfreuen.
Immer wieder werden wir auf unser begrenztes Potenzial, die Welt zu verstehen, aufmerksam gemacht.

Je weniger wir uns selbst verstehen, desto weniger können wir auch den Schöpfer verstehen.

Unsere Wahrnehmungen sind das Ergebnis subjektiver Empfindungen, Reaktionen unseres Körpers auf Stimuli von außen.
Mit anderen Worten: uns wird speziell wird immer nur so viel Information gegeben, wie wir entsprechend der Qualität, Menge und Tiefe unseres Potenzials wahrnehmen können.

Vier fundamentale Lebensauffassungen

Da uns genaue Informationen über den Aufbau und die Funktion der höheren, schwer verständlichen Gedanken fehlen, nehmen wir es uns heraus, über deren Aufbau und Funktion zu philosophieren, ähnlich wie Kinder, die sich über ein völlig unbekanntes Thema streiten, wer recht hat und wer nicht.
Wenn religiöse, weltliche, wissenschaftliche und pseudo-wissenschaftliche Philosophien versuchen, »Seele« und »Körper« zu definieren, dann konzentrieren sie sich hauptsächlich auf vier fundamentale Meinungen.

Die religiöse Auffassung:
Das Einzige, was in jedem Wesen »existiert«, ist seine »Seele«. Jede Seele hat verschiedene Eigenschaften. Man kennt sie als die »spirituellen Eigenschaften« eines Menschen. Die Seele existiert unabhängig vom Körper; vor der Geburt des Körpers, bevor sie sich in einen Körper kleidet und nach dem Tod des Körpers. Der Körper ist lediglich ein organischer Prozess von Nährgeweben, die sich aus Einzelteilen zusammensetzen und dann wieder in ihre Einzelteile auflösen. Die Auffassung eines »Gläubigen« entspricht nicht unbedingt der Auffassung eines »religiösen Menschen«.

Der Tod des physischen Körpers wirkt sich daher nicht auf die Seele selbst aus, sondern dient lediglich dazu, die Seele vom Körper zu befreien.

Die Seele ist ewig, denn sie ist nicht aus Substanzen dieser Welt zusammengesetzt. Ihrer Natur nach ist die Seele auch nicht teilbar, das heißt, sie ist eine Einheit und kann daher nicht in mehrere Teile geteilt werden; sie löst sich weder in Bestandteile auf, noch stirbt sie.
Der physische, biologische Körper ist die äußere »Hülle« der Seele. Er ist die Kleidung, in welche sich die Seele hüllt. Durch den Körper handelt sie und bringt die verstandesmäßigen und spirituellen Eigenschaften sowie die Persönlichkeit zum Ausdruck, gleich einem Menschen, dessen Wünsche, Charakter und Verstand man an seiner Art, Auto zu fahren, erkennen kann.
Außerdem belebt und bewegt die Seele den Körper und schützt ihn. Ohne die Seele wäre der Körper nicht lebensfähig und könnte sich nicht bewegen. Der Körper selbst ist tote Materie, so wie er sich uns darstellt, wenn die Seele im Moment des Todes den Körper verlassen hat. Wir nennen den Moment des Todes »Der Körper haucht seine Seele aus/das Verlassen der Seele des Körpers«. So gesehen ist alles Leben von der Seele abhängig und wird durch ihre Anwesenheit bestimmt.

Die dualistische Auffassung:
Aus der Entwicklung wissenschaftlicher Untersuchungen hat sich eine neue Ansicht über den physischen Körper ergeben, nämlich der Glaube, dass unser Körper auch ohne den spirituellen, ihn belebenden Teil existieren kann. Tatsächlich kann der Körper völlig unabhängig von der Seele existieren. Das bewiesen biologische und medizinische Experimente, mit denen man den Körper oder einige seiner Teile wiederbelebte.
Dennoch ist der Körper in diesem Zustand nichts weiter als von der Seele unabhängig existierende, organische Materie, die aus Eiweißbausteinen besteht. Jener Faktor, der die verschiedenen persönlichen Eigenschaften bestimmt, ist die Seele, die von oben in den Körper herabsteigt, wie dies im vorhergehenden Teil beschrieben wurde.
Der Unterschied zwischen der dualistischen und der religiösen Herangehensweise besteht hauptsächlich darin, dass die religiöse Auffassung vorschlägt, dass die Seele dem Körper sowohl das Leben schenkt als ihm auch intellektuelle und spirituelle Eigenschaften verleiht. Die dualistische Denkweise bestreitet, dass die Seele dem Körper nur die spirituellen Eigenschaften verleiht, da durch Experimente bewiesen wurde, dass der Körper ohne Hilfe einer zusätzlichen, Höheren Macht – unabhängig – existieren kann.
So gesehen ist die einzige Funktion der Seele, die Quelle aller guten, spirituellen und nicht-materiellen Eigenschaften zu sein.
Außerdem bekräftigt diese Ansicht, dass der Körper zwar unabhängig existieren kann, aber dennoch ein Produkt der Seele ist. Die Seele ist das Wichtigste, weil sie für die Geburt und die Erhaltung des Körpers verantwortlich ist.

Die Ungläubigen:
Ein Ungläubiger ist jemand, der beides, die Existenz spiritueller Strukturen und die Gegenwart der Seele im Körper, verneint. Der Ungläubige erkennt lediglich die Existenz der Materie und deren Eigenschaften an. Da er behauptet, dass es keine Seele gibt, sind der menschliche Verstand so wie auch alle anderen menschlichen Eigenschaften Erzeugnisse des Körpers. Seiner Meinung nach ist der Körper ein System, das die Eigenschaften regelt, indem es Befehle durch elektrische Signale über die Nervenleitungen aussendet. (Ein ungläubiger Mensch ist nicht mit einem unreligiösen Menschen gleichzusetzen.)
Ungläubige behaupten, dass alle Körpergefühle deshalb auftreten, weil die Nervenenden, die untereinander in Verbindung stehen, mit »Außenstimulatoren« versehen sind. Die Gefühle (eigentlich Impulse) werden über die Nerven zum Gehirn geleitet, dort werden sie analysiert und entweder als »Schmerz« oder als »Freude« registriert. Der Verstand reagiert dementsprechend auf ein bestimmtes Organ, je nachdem, ob er es als schmerzlich oder angenehm empfindet.
Außerdem glaubt man, dass der ganze Mechanismus aus Sensoren besteht, der Signale an das Gehirn übermittelt, wo sie verarbeitet und neu ausgesendet werden. Kontrolliert werden sie durch Rückmeldung. Das Gehirn funktioniert nach dem Prinzip, sich vom Schmerz zu distanzieren und sich der Freude nähern zu wollen. Die Signale von Schmerz gegenüber Freude bestimmen die Einstellung des Menschen gegenüber dem Leben und seine daraus resultierenden Handlungen.
Wir betrachten den Verstand als eine Rückspiegelung unseres körperlichen Prozesses, ähnlich wie ein Photo. Der Hauptunterschied zwischen einem Menschen und einem Tier besteht darin, dass das menschliche Gehirn überaus gut entwickelt ist. Alle Prozesse, die im Menschen stattfinden, werden tatsächlich zu einem solch umfangreichen Bild zusammengefasst, dass wir diese Prozesse als Verstand und Logik wahrnehmen. Unser gesamter Verstand ist jedoch das Produkt unserer physischen Wahrnehmung und unseres Bewusstseins.
Zweifellos ist diese Ansicht verglichen mit den anderen Auffassungen die logischste, wissenschaftlichste und verständlichste, weil sie einzig und allein auf Erfahrung beruht und sich eher mit unseren Körpern beschäftigt als mit ephemerischen Vorstellungen wie die »Seele«.
Somit ist diese Herangehensweise die zuverlässigste, da sie sich nur mit dem Körper beschäftigt. Der Fehler dieser Ansicht jedoch ist äußerst unbefriedigend und wirkt sogar auf Ungläubige abstoßend. Dieses Konzept stellt den Menschen als Roboter dar, in Händen einer blinden Natur (vorbestimmte Charaktereigenschaften, die Normen gesellschaftlicher Entwicklungen, das Bedürfnis unseres Körpers, lediglich Leben zu erhalten und sich dem Vergnügen hinzugeben, usw.). Diese Anschauung jedoch entzieht uns den Status eines intellektuellen Wesens.
Wenn der Mensch demzufolge eben nur als Mechanismus funktioniert und gezwungen ist, den Daten entsprechend, mit denen er anfangs ausgestattet wurde und den akzeptablen, gesellschaftlichen Normen zu handeln, dann macht diese Auffassung jedoch die ganze Theorie des freien Willens und das Recht, unsere Handlungen selbst bestimmen zu können, (objektives Denken) zunichte.

Obwohl der Mensch von der Natur geschaffen wurde, halten wir uns für weiser.

Daher kann diese Ansicht nicht einmal von denen akzeptiert werden, die an keine höhere Intelligenz glauben, denn in diesem Fall werden die Menschen von ungebändigter Natur plan- und ziellos geleitet, wird mit diesen Menschen (vernünftige Lebewesen) herumgespielt, ohne auch nur einen Grund für deren Leben oder Tod anzugeben.
Damit diese wissenschaftliche Auffassung etwas erträglicher wird, und da sie spirituell unakzeptabel ist, führte die Frage unserer Existenz die Menschen unserer Zeit allmählich zur »modernen« Auffassung (zu einer neuzeitlichen Betrachtungsweise).

Die moderne Auffassung:
Gerade heutzutage ist diese Auffassung modisch – trotz unserer Tendenz, die vorhergehende, materialistische Herangehensweise als die wissenschaftlich zuverlässigste und verständlichste zu akzeptieren. Es ist auch Mode, zuzugeben, dass etwas Ewiges, Unsterbliches und Spirituelles in uns existiert, das sich in den materiellen Körper kleidet: In Quintessenz ist unser spirituelles Wesen als Seele bekannt – wohingegen der Körper nur die Kleidung ist.
Dennoch können die Vertreter dieser Ansicht weder erklären, wie sich die Seele in den Körper hüllt, welche Beziehung zwischen Körper und Seele existieren, noch die Quelle und das Wesen der Seele. Weil sie vor diesen Fragen die Augen verschließt, zieht sich die Menschheit in die altbewährte Selbstzufriedenheit zurück: darum vergessen sie alle Sorgen im Sturm täglicher kleiner Lasten und Freuden, indem sie heute genauso leben wie gestern.
Wer kann solche Fragen verstehen wie: Was ist ein Körper, und was ist die Seele? Welche Beziehung haben sie untereinander? Warum haben wir das Gefühl, aus zwei Teilen, einem materiellen und einem spirituellen, zusammengesetzt zu sein? In welchem Teil finden wir unser Selbst, unser ewiges »Ich«? Was passiert mit unserem »Ich« vor der Geburt und nach dem Tod? Bleibt es das gleiche »Ich«, wie wir es jetzt wahrnehmen? Ist das »Ich« dasselbe außerhalb des Körpers vor der Geburt und nach dem Tod wie das »Ich« in unserem jetzigen Körper?
Um all diese Fragen und möglicherweise auch Alternativen zu analysieren, benutzen wir unseren Verstand. Auf diese Weise beurteilen wir, wie unsere Seele verwandelt und verteilt wurde und sich unser Körper in Materie wandelte. Sind diese Vorstellungen wahr oder sind sie lediglich Hirngespinste unserer Vorstellungskraft und von unserem Verstand produziert? Der Verstand erzeugt entsprechend unseres weltlichen Verständnisses – und weil wir keine anderen Informationen haben – Vorstellungen von einer spirituellen Welt und von einem Weg, der von jener Welt zu unserer führt und zurück von unserer Welt zur spirituellen Welt.

Der Verstand kann nur gemäß seiner Wahrnehmung, wie er diese Welt in sich verankert sieht, funktionieren, und entsprechend dieser Wahrnehmung produziert er dann Fantasien und Vorstellungen.

Vergleichsweise können wir uns kein außerirdisches Wesen vorstellen, das völlig anders ist als wir und das kein Element besitzt, das unserer physischen Zusammensetzung ähnelt.
So stehen wir vor der Frage: »Was wäre, wenn unsere Vorstellungen, die die Basis der Theorie unserer Existenz bilden, nichts weiter sind als Versuche unseres Verstandes, etwas zu verstehen, das weit über unser Fassungsvermögen hinausgeht? Wenn wir jene Auffassung, nämlich dass das Produkt unseres Denkens auf den Erfahrungen dieser Welt basiert – (wir haben keine bessere Alternative) –, als Wahrheit annehmen, dann müssen wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten, diese Welt wahrzunehmen, fragen, ob es überhaupt eine Antwort gibt auf die Frage: »Was sind Körper und Seele?«
Ich habe bereits in anderen Abschnitten dieses Buches das Thema unserer begrenzten Fähigkeit zu verstehen erwähnt. In dem Maße, in dem wir etwas weder sehen noch wahrnehmen oder irgendetwas untersuchen können, können wir auch nicht unsere Seele oder eben auch unseren Körper beurteilen. Anhand der vier Kategorien, wie wir ein Objekt begreifen und seine materielle Zusammensetzung wie auch seine äußere und seine abstrakte Form und sein Wesen bestimmen können, können wir lediglich die äußere Form des Objektes erfassen, so wie es sich uns darstellt, und nachdem wir es untersucht haben, auch das Material, aus dem es besteht. Was wir aber nicht erfassen können, ist die tiefere Bedeutung des Objekts, das heißt seine nicht-materiellen Eigenschaften, sein eigentliches Wesen.

Kapitel 17

Vereinigung mit dem Schöpfer

Kabbala ist die »Wissenschaft des Verborgenen«, weil sie sich nur demjenigen offenbart, der lernt, was ihm vorher verborgen war. Die Wahrheit seines Wesens wird nur demjenigen offenbart, der sie begreift, wie es in einem Gedicht von Rabbi Ashlag beschrieben wird:
        Das Wunder der Wahrheit wird ausstrahlen,
        Und der Mund wird nur die Wahrheit äußern
        Und alles wird im Vertrauen offenbart.
        Du wirst sehen, und nichts anderes!
Kabbala ist die Lehre vom Geheimnisvollen, da dieses dem normalen Leser verborgen ist und sich nur unter besonderen Bedingungen offenbart.
Wer diese Lehre studiert, dem werden diese Geheimnisse durch das Lernen langsam klarer zusammen mit der speziellen Führung der Wünsche und Gedanken des Lesers.
Der Aufbau der Welt, der so genannte »Körper« und die so genannte »Seele«, kann nur von demjenigen erkannt und verstanden werden, für den die Kabbala keine verborgene Lehre mehr ist, weil sie sich ihm offenbart.
Die neu gewonnenen und wahrgenommenen Ansichten über die Schöpfung können jedoch niemand anderem vermittelt werden, denn niemand besitzt das Recht, dieses Wissen weiterzugeben, mit einer Ausnahme – während des allmählichen spirituellen Aufstiegs wird man sich der Wahrheit der Schöpfung bewusst: Es gibt außer dem Schöpfer niemanden!
Mit unseren angeborenen Sinnesorganen können wir nur einen ganz kleinen Teil der Schöpfung erfassen, »unsere Welt«. Mit den Mechanismen, die wir erfunden haben, können wir den Bereich unserer Sinnesorgane erweitern. Wir können uns jedoch nicht vorstellen, welche Sinnesorgane uns fehlen, da wir keinen Mangel durch ihre Abwesenheit empfinden. Vergleichen lässt sich das mit der Tatsache, dass wir kein Bedürfnis nach einem sechsten Finger verspüren.
Ähnlich können wir auch keine anderen Welten wahrnehmen, weil uns die dafür notwendigen Sinnesorgane fehlen. Um uns herum existiert eine unglaublich reiche Umgebung, von der wir aber nur einen Bruchteil sehen können, und selbst das, was wir wahrnehmen können, ist ziemlich verzerrt, denn wir können nur einen kleinen Teil davon erfassen. Indem wir allerdings das Wenige, das wir verstehen, als Ausgangspunkt nehmen, können wir uns ein Gesamtbild unserer Existenz machen.
Es ist ähnlich, als könnten wir nur mit Röntgenaugen sehen und deswegen unsere Umgebung nur als skelettartiges Bild wahrnehmen.
Wir haben ein verzerrtes Bild des Universums, weil unsere begrenzten Sinnesorgane das wahre Bild der Schöpfung nicht erkennen können. Keine noch so große Vorstellungskraft reicht aus, um die Abwesenheit dieser Wahrnehmungsfähigkeit auszugleichen, denn selbst unsere Vorstellungskraft ist auf vergangenen Erfahrungen aufgebaut.
Trotzdem wollen wir versuchen, ein einfaches Konzept der so genannten »anderen Welt« zu schaffen, wie sie außerhalb der Reichweite unserer Sinnesorgane auf der anderen Seite unserer Fassungskraft existiert.
Als Erstes stell dir vor, in einem Vakuum zu sein. Vor dir erstreckt sich eine Straße. Entlang der Straße, in bestimmten Abständen, sind Markierungen, angefangen bei Null, wo du jetzt stehst, bis zum Ende. Diese Markierungen gliedern die Straße in drei Teile.

Auf dieser Straße bewegen wir uns nicht vorwärts, indem wir abwechselnd einen Fuß vor den anderen setzen, sondern durch Veränderungen in unserem Wunschdenken.

In der spirituellen Welt bedeuten Platz, Raum und Bewegung etwas anderes als das, was wir gewöhnlich darunter verstehen. Die spirituelle Welt ist eine Welt der Gefühle, die außerhalb unseres physischen Körperbereichs liegt. Dinge sind Gefühle. Bewegung bedeutet Veränderung in den Eigenschaften. Mit dem »Ort« wird eine gewisse Eigenschaft bezeichnet.
Der Ort wird in der spirituellen Welt durch seine Charaktereigenschaften definiert. Daher wird »Bewegung« als »eine Veränderung der Gefühle« definiert, ähnlich wie das Konzept einer spirituellen Bewegung in unserer Welt, die Gefühlsbewegungen, die ja auch keine Körperbewegungen sind.

Unser Weg bedeutet daher die allmähliche Veränderung der inneren Eigenschaften, unserer Sehnsüchte und Verlangen.

Die Entfernung von einem spirituellen Objekt zum nächsten wird als Verschiedenheit der Eigenschaften definiert und an ihren Unterschieden gemessen. Je ähnlicher sich die Eigenschaften sind, desto näher sind sich die Objekte; oder anders ausgedrückt, die Nähe beziehungsweise die Entfernung von Objekten wird an der jeweiligen Veränderung der Eigenschaften gemessen. Wenn zwei Objekte miteinander identisch sind, dann vereinen sie sich. Wenn jedoch eine neue Eigenschaft in einem spirituellen Objekt auftritt, dann trennt sich dieses Objekt von dem ersten, und so wird ein neues spirituelles Objekt geboren.
Am Ende dieses Weges erwartet uns der Schöpfer. Seine Eigenschaft, Sein einziger Wille zu geben, wird davon bestimmt, wie weit wir von Ihm entfernt sind.
Da wir in diese Welt mit nur egoistischen Eigenschaften hineingeboren wurden, sind wir so weit vom Schöpfer entfernt wie Ost von West. Das Ziel, das der Schöpfer vor uns stellt, ist, Seine Eigenschaften im Erdenleben zu erreichen, das heißt, uns spirituell mit Ihm zu vereinen. Unser Weg muss zu einer allmählichen Veränderung unserer Eigenschaften führen, bis diese genau mit denen des Schöpfers übereinstimmen.
Die einzige Eigenschaft, die den Schöpfer auszeichnet, ist, dass Sein Wesen keine einzige Spur von Egoismus hat. Das bedeutet, die vollkommene Abwesenheit eines jeglichen Gedankens an das Selbst, an Status oder Macht – die Abwesenheit all dessen stellt das Wesen unserer Gedanken und unserer Bestreben dar.
Da wir jedoch in dieser Welt in einer gewissen Hülle existieren, müssen wir uns um die reinen Notwendigkeiten kümmern, um diese Hülle aufrechtzuerhalten. Das wird somit nicht als Egoismus angesehen. Im Allgemeinen kann man mit einem einfachen Test herausfinden, ob ein Gedanke oder ein Wunsch aus dem Egoismus des Körpers entstanden ist. Wenn wir frei von einem gewissen Gedanken sein wollen, aber unser Überleben davon abhängt, dann wird solch ein Gedanke oder eine Tat als unfreiwillig, nicht als egoistisch, angesehen und trennt uns daher nicht von unserem Schöpfer.
Der Schöpfer kommt uns auf unserem Ziel folgendermaßen entgegen: Er flößt uns einen »bösen« Wunsch ein oder lässt uns leiden; das kann man als die Vorwärtsbewegung des linken Fußes bezeichnen. Wenn wir in uns die Kraft finden, den Schöpfer um Hilfe zu bitten, dann schenkt Er uns einen »guten« Wunsch oder Freude; das kann man mit der Vorwärtsbewegung des rechten Fußes vergleichen. Dann haben wir ein noch größeres »böses« Verlangen oder auch Zweifel am Schöpfer, und wiederum, mit noch größerer Willensanstrengung, müssen wir den Schöpfer bitten, uns zu helfen.

Der Schöpfer hilft uns, indem Er uns ein noch größeres gutes Verlangen gibt, wieder und wieder.

Auf diese Weise bewegen wir uns vorwärts. Es gibt keine Rückwärtsbewegung. Je reiner unser Verlangen ist, desto weiter entfernen wir uns vom Ausgangspunkt des absoluten Egoismus.
Die Vorwärtsbewegung kann auf viele Arten beschrieben werden, aber sie ist immer eine abwechselnde Vorwärtsbewegung durch alle Gefühle hindurch. Wenn wir in uns etwas Spirituelles spüren, dann nehmen wir unbewusst die Existenz des Schöpfers wahr.
Dieses Gefühl gibt uns Vertrauen, und darauf folgt ein tiefes Gefühl der Freude. Dann erlöscht dieses Gefühl langsam wieder und zeigt uns damit, dass wir die nächste Stufe unseres spirituellen Aufstiegs erreicht haben, die wir jedoch noch nicht wahrnehmen können, weil uns die notwendigen Sinnesorgane fehlen, mit denen wir diese Stufe wahrnehmen könnten.
Da wir die nächste Ebene durch Leid, Mühe und Arbeit noch nicht erreicht haben (wir haben die entsprechenden Gefäße dafür noch nicht geschaffen), existiert die Wahrnehmung der nächsten Ebene noch nicht. Die neuen Sinnesorgane für die nächste Stufe (der Wunsch nach Freude und das Gefühl des Leidens – entstanden durch die Abwesenheit dieser Freude) können auf zwei Arten entwickelt werden:
1. Der Weg der Kabbala: Hier beginnen wir, den Schöpfer wahrzunehmen, dann verlieren wir die Verbindung. An Seiner Stelle tritt das Leid auf, weil wir keine Freude empfinden können.

Das Leiden ist notwendig, um allmählich Freude zu empfinden.

Auf diese Weise entstehen neue Sinnesorgane, mit denen wir den Schöpfer auf jeder nachfolgenden Stufe wahrnehmen können. Genau wie in unserer Welt, in der wir ohne das Verlangen nach einem Gegenstand oder einem Ziel auch keine Freude, die durch das Erreichen des Zieles oder den Besitz des Gegenstandes ausginge, empfinden können. Der Unterschied zwischen Menschen und zwischen Mensch und Tier entsteht durch das, was ihnen Freude bereitet; deshalb ist spirituelle Fortbewegung ohne das vorherige Gefühl von Abwesenheit nicht möglich. Wir müssen wegen des Mangels dessen, was wir uns wünschen, leiden.
2. Der Weg des Leidens: Wenn man sich trotz Anstrengung, Studium, Appelle an den Schöpfer und Hilfe von Freunden nicht zu neuen Wünschen erheben kann, den Schöpfer zu lieben und zu fürchten, wenn die Gedanken oberflächlich sind, wenn man sich dem Spirituellen gegenüber respektlos zeigt und einen Drang nach niederen Freuden verspüren würde, dann würde man auf die Ebene der bösen Kräfte hinabsteigen. In diesem Fall befände sich dieser Mensch auf der linken Linie, die mit den Ebenen der bösen (egoistischen) Welten ABJA (Azilut, Briah, Jezira, Assija) übereinstimmt. Jedoch würde das Leiden zu einem Gefäß werden, in dem eine neue Wahrnehmung des Schöpfers empfangen werden kann.
Fortschritt über den Weg der Kabbala unterscheidet sich vom Weg des Leidens insofern, dass wir das Licht des Schöpfers empfangen. Das bedeutet, dass wir die Gegenwart des Schöpfers spüren; dieses Gefühl wird uns dann wieder genommen. Durch die Abwesenheit der durch das Licht entstandenen Freude beginnen wir, uns nach dem Licht zu sehnen. Diese Sehnsucht ist das Gefäß oder die neuen Sinnesorgane, durch welche wir versuchen, erneut den Schöpfer wahrzunehmen. Dieses Ziel drängt uns vorwärts, bis wir die erwünschte Wahrnehmung empfangen.
Wenn wir mithilfe des Leidens vorwärts schreiten, dann schiebt uns das Leid von hinten, anders als der Weg der Kabbala, wo wir durch das Verlangen nach Freude vorwärts schreiten.
Der Schöpfer lenkt jeden von uns und die gesamte Menschheit Seinem Plan entsprechend, um uns in diesem oder in einem zukünftigen Leben an den Endpunkt des Weges zu bringen, wo Er uns erwartet. Der Weg sind die verschiedenen Stufen, die uns Ihm näher bringen, indem wir immer mehr Seine Eigenschaften annehmen.
Nur wenn wir unsere Eigenschaften mit denen des Schöpfers ineinander fließen lassen, werden wir die Wirklichkeit der Schöpfung dieser Welt wahrnehmen und erkennen, dass es außer dem Schöpfer nichts gibt. Alle Welten mit ihren Bewohnern, alles, was wir um uns herum wahrnehmen, auch uns selbst, sind Teile von Ihm. Genauer gesagt: Wir sind Er.
Alle unsere Gedanken und Taten werden von unseren Wünschen bestimmt. Der Verstand dient uns nur dazu, das zu erreichen, was wir uns wünschen.

Wenn wir unsere Wünsche empfangen, dann werden sie uns vom Schöpfer gegeben, und nur Er kann sie verändern.

Der Schöpfer tat dies, damit wir erkennen, dass alles, was uns in der Vergangenheit, Gegenwart und in der Zukunft und auf jedem Gebiet unseres Lebens geschieht, einzig und allein von Ihm abhängt. Unser Zustand kann nur besser werden, wenn Er das möchte, da nur Er die Ursache von dem ist, was geschehen ist, geschieht und geschehen wird. Das ist notwendig, damit wir erkennen, wie unabdingbar eine Verbindung mit Ihm ist. Wir können den Prozess des ursprünglichen Mangels an Verlangen zurückverfolgen, bis wir Ihn am Anfang des Weges bis zum Endpunkt des Weges erkennen, wenn wir mit Ihm vollkommen eins geworden sind.
Wenn plötzlich jemand den Wunsch verspürt, dem Schöpfer näher zu kommen, den Wunsch und das Verlangen nach dem Spirituellen, dann ist es der Schöpfer, der diesen Menschen näher an sich heranzieht, indem Er in ihm diese Wünsche weckt.
Umgekehrt erkennen wir auch – durch Fehlschläge und Entbehrungen, durch Leidenschaften, durch veränderten gesellschaftlichen, materiellen oder einen anderen Status –, dass uns all dies vom Schöpfer absichtlich beschert wird. Nur so kann der Mensch zu der Erkenntnis gelangen, dass er von der alles ausgehenden Quelle abhängig ist. Er beginnt zu verstehen und zu spüren, dass »nur der Schöpfer helfen kann, andernfalls würde man zu Grunde gehen«.
Der Schöpfer tut dies absichtlich, um in uns den Wunsch nach Seiner Hilfe zu erwecken und Ihn anzuregen, unseren spirituellen Zustand zu ändern. Auf diese Weise sehnen wir uns nach mehr Nähe zu Ihm. Und Er kann, unseren Wünschen folgend, uns näher an Ihn heranziehen.
Daran erkennen wir, dass es der Schöpfer ist, der uns aus dem (spirituellen) Schlaf weckt und uns aus einer Situation rettet, in der wir mit unserem gegenwärtigen Zustand zufrieden sind. Um dem Ziel, das der Schöpfer speziell für uns geplant hat, näher zu kommen, schickt Er uns physisches und spirituelles Leid und Fehlschläge durch unsere Umgebung, Familie, Freunde, Kollegen und Bekannte.
Wir wurden so geschaffen, dass alles, was uns Freude bereitet, durch die Nähe vom Schöpfer geschieht. Wir können auch das Gegenteil erfahren, nämlich dass alles Unangenehme durch unsere Entfernung von Ihm verursacht wird.
Unsere Welt ist daher so aufgebaut, dass wir abhängig sind von Gesundheit, Familie und Liebe und Respekt von denjenigen, die uns umgeben. Für den Schöpfer sind das die Boten, die ihm helfen, einen negativen Einfluss auszuüben, um uns damit zu zwingen, nach Lösungen zu suchen, und am Ende zu erkennen, dass alles vom Schöpfer abhängt.
Mit genügend Stärke und Geduld können wir dann alles, was uns im Leben geschieht, mit dem Verlangen nach dem Schöpfer in Zusammenhang bringen und werden keine anderen Ursachen oder Taten und Gedanken, die in der Vergangenheit aufgetreten sind, damit verknüpfen. Im Laufe der Zeit wird es klar, dass der Grund aller Ursachen der Schöpfer ist.
Der oben beschriebene Weg ist der Weg für jeden von uns und somit für die gesamte Menschheit.
Unser Weg, ausgehend vom Ausgangspunkt, an dem wir uns mit unseren gegenwärtigen Wünschen (unsere Welt) befinden, bis hin zu unserem Endziel, das wir auch entgegen unseres Willens erreichen werden (die zukünftige Welt), lässt sich in vier Stufen oder Stadien einteilen:
1. Völliger Mangel an Wahrnehmung (das absolute Sichverbergen) des Schöpfers. Die Folgen dieses Stadiums sind Abwesenheit des Glaubens an den Schöpfer und einer göttlichen Kontrolle; Glaube an die eigene Macht, an die Macht der Natur, an Begebenheiten und Zufälle. Die gesamte Menschheit befindet sich auf dieser Stufe (dieser spirituellen Ebene), und auf dieser Stufe unseres Lebens sammeln wir durch das Leiden, das uns geschickt wird, Erfahrungen für unsere Seele.

Die Seele sammelt Erfahrungen durch wiederholte Rückkehr derselben Seele in diese Welt in verschiedenen Körpern.

Wenn die Seele genügend Erfahrungen gesammelt hat, kann der Mensch die erste spirituelle Ebene wahrnehmen.
2. Unklares Erahnen des Schöpfers. Die Folge dieses Stadiums ist der Glaube an Bestrafung und Belohnung und daran, dass das Leid durch die Entfernung vom Schöpfer verursacht wird. Freude dagegen entsteht durch die Nähe zum Schöpfer. Unter dem Einfluss großer Not könnten wir zum vorhergehenden Stadium zurückkehren. Indem wir jedoch, ohne etwas von diesem Prozess zu wissen, weitere Erfahrungen sammeln und lernen, erkennen wir allmählich, dass uns nur das Wissen um das Wirken des Schöpfers die Stärke gibt weiterzugehen. Mithilfe dieser beiden Situationen können wir an die Höhere Macht glauben. Wenn trotz aller Tumulte, die uns der Schöpfer schickt, unser Glaube gestärkt wird, und wir uns bemühen, den Schöpfer als Verwalter Seiner Welt anzuerkennen, dann wird uns der Schöpfer, wenn wir uns genügend und intensiv bemüht haben, helfen, indem Er Sich und die Schöpfung offenbart.
3. Teilweise Offenbarung Seines Wirkens in der Welt. An dieser Stelle erkennen wir die Belohnung für gute und die Bestrafung für schlechte Taten. Daher können wir nur noch Gutes tun und halten uns von Schlechtem fern, so wie wir uns selbst auch keinen Schaden zufügen oder uns etwas Schlechtes antun würden. Jedoch ist diese Stufe der spirituellen Entwicklung noch nicht die letzte, da in diesem Stadium alle Handlungen noch unfreiwillig sind, denn wir sind uns der Strafe und der Belohnung noch bewusst. Es gibt daher noch eine weitere Stufe der spirituellen Entwicklung – die Erkenntnis, dass alles aus absoluter und unendlicher Liebe des Schöpfers für Seine Schöpfung geschieht.
4. Die Offenbarung des gesamten Wirkens des Schöpfers in dieser Welt. In diesem Stadium herrscht die Erkenntnis, dass das Wirken des Schöpfers in dieser Welt nicht auf Bestrafung und Belohnung eines Menschen beruht, sondern auf der unbegrenzten Liebe für Seine Schöpfung.
Wir erreichen dieses Stadium der spirituellen Entwicklung, wenn wir klar erkennen können, dass unter allen Umständen die Beurteilung der gesamten Schöpfung nicht von den guten oder bösen Taten eines Einzelnen oder der gesamten Menschheit abhängt, sondern dass das Wirken des Schöpfers auf absoluter und unendlicher Liebe für Seine Schöpfung basiert.
Wenn wir diese Höhere Spirituelle Ebene wahrnehmen können, dann erkennen wir auch das zukünftige Stadium eines jeden Menschen. Wir können das Stadium derer wahrnehmen, die diesen Zustand noch nicht erreicht haben, und erkennen auch dieses Stadium derjenigen in der Vergangenheit und in der Gegenwart, die dieses Stadium bereits erreicht haben. Wir werden begreifen, dass jeder Einzelne sowie die gesamte Menschheit dieses Stadium erleben wird. Dieses Verständnis rührt vom Schöpfer her, Seine ganze Schöpfung und Seine Beziehung zu jeder Seele in jeder Generation zu offenbaren, solange alle Welten existieren. Diese Welten wurden nur aus einem einzigen Grund erschaffen – um Seiner Schöpfung Freude zu bereiten. Alle Taten des Schöpfers für Seine Schöpfung haben allein diesen Zweck. Das währt von Anfang bis zum Ende der Schöpfung, so dass alle zusammen und jeder für sich allein eine unbegrenzte Freude durch das Eins-Sein mit dem Schöpfer empfindet.
Wenn wir klar erkennen können, dass die Handlungen des Schöpfers nur gut und Seiner Schöpfung von Nutzen sind, dann entstehen in uns die Taten des Schöpfers Seiner Schöpfung gegenüber. Wir sind daraufhin von grenzenloser Liebe für den Schöpfer durchtränkt, und wegen der Ähnlichkeit der Gefühle verschmelzen der Schöpfer und der Mensch zu einer Einheit. Da dieser Zustand das Endziel der Schöpfung verkörpert, sind die vorhergehenden drei Stadien die ersten Vorbereitungsstufen für das vierte Stadium.
Jegliches Verlangen eines Menschen wird im Herzen bewahrt, da es dort körperlich gespürt werden kann. Daher steht das Herz für alle Wünsche und Sehnsüchte des Körpers und für unser Wesen. Die Veränderungen in den Wünschen des Herzens offenbaren die Veränderungen in der Persönlichkeit eines Menschen.
Von unserer Geburt an, das heißt von dem Moment an, in dem wir auf dieser Welt erscheinen, ist unser Herz nur mit den Sorgen des Körpers beschäftigt und interessiert sich nur für die körperlichen Wünsche. Das Herz ist nur vom Verlangen des Körpers erfüllt und lebt nur davon.
Aber tief im Inneren des Herzens, in der Tiefe aller Wünsche, gibt es einen Punkt, der hinter all den kleinlichen und gegenwärtigen Wünschen versteckt ist und von uns noch nicht entdeckt wurde. Es ist die Sehnsucht nach einem spirituellen Empfinden. Dieser Punkt ist Teil des Schöpfers.
Wenn wir uns dessen bewusst sind und kraft unserer Anstrengungen die Gleichgültigkeit und Faulheit des Körpers besiegen und mithilfe der Kabbala den Weg suchen, um uns dem Schöpfer zu nähern, dann schaffen wir es, diesen Punkt allmählich mit reinen und guten Wünschen zu füllen. So können wir den Schöpfer auf der ersten Ebene, die Ebene der Welt, Assija, wahrnehmen.
Wenn wir mit dieser Wahrnehmung alle Stadien der Welt Assija durchleben, beginnen wir den Schöpfer auf der Ebene der Welt Jezira wahrzunehmen und so weiter, bis wir die höchste Ebene – die Wahrnehmung des Schöpfers auf der Ebene der Welt Azilut – erreicht haben. Jedes Mal erfahren wir alle Wahrnehmungen im selben inneren Punkt des Herzens.
Früher, als unsere Herzen noch von den Wünschen des Körpers beeinflusst waren, nahm der innere Punkt des Herzens den Schöpfer nicht wahr. Das Einzige, wofür wir uns interessierten, waren die Wünsche, die uns der Körper aufgezwungen hatte, und nur daran konnten wir denken. Jetzt können wir allmählich den Schöpfer wahrnehmen, da wir unsere Herzen mit reinem und altruistischem Verlangen füllen und mithilfe von Gebeten, Bitten und Forderungen an den Schöpfer um unsere Spirituelle Erlösung bitten. Wir können nur an Ihn denken, da in uns Gedanken und Wünsche entstanden sind, die mit der spirituellen Ebene verwandt sind.
Folglich wünschen wir uns immer nur das, wozu wir durch den spirituellen Einfluss angehalten werden, immer in Übereinstimmung mit der Ebene, auf der wir uns gerade befinden.

Von daher wird es klar, dass wir nicht danach streben sollten, unsere Gedanken allein zu ändern, sondern dass wir den Schöpfer bitten, sie zu ändern, da all unsere Wünsche und Gedanken lediglich Folgen dessen sind, was wir empfangen, oder genauer: den Grad widerspiegeln, in dem wir den Schöpfer wahrnehmen.

Was die gesamte Schöpfung betrifft, wird es offensichtlich, dass alles vom Schöpfer stammt. Aber der Schöpfer schuf uns mit einem gewissen Maß an freiem Willen. Nur diejenigen, die das Stadium von ABJA erreicht haben, besitzen die Fähigkeit, ihre Wünsche zu bestimmen. Je höher wir spirituell aufsteigen, desto höher ist der Grad an Freiheit.
Um dies verständlicher zu machen, müssen wir diesen Prozess unserer spirituellen Entwicklung mit der Entwicklung der materiellen Natur unserer Welt vergleichen.
Die ganze Natur und das Universum haben lediglich einen einzigen Wunsch: das Verlangen nach der Befriedigung des Selbst. In unterschiedlichen Graden existiert dieser Drang in jedem Wesen. Je intensiver dieses Verlangen wird, desto mehr kommen weiterentwickelte Wesen auf diese Welt, weil das Verlangen den Verstand so aktiviert, dass dieser sich immer weiter entwickelt und dadurch veranlasst wird, Wünsche zu erfüllen.
Unsere Gedanken sind immer das Ergebnis unserer Wünsche. Diese folgen ihnen und konzentrieren sich nur auf die Erfüllung dieser Wünsche und auf nichts anderes.
So haben die Gedanken eine besondere Rolle – mit ihrer Hilfe können wir unser Verlangen intensivieren. Wenn wir ständig unsere Gedanken auf etwas konzentrieren, intensivieren und erweitern und immer wieder zu diesem Gedanken zurückkehren und ihn aufrechterhalten, dann intensiviert sich dieses Verlangen allmählich hinsichtlich der anderen Wünsche.
So ändern wir die Beziehung zwischen unseren Wünschen. Mit fortwährendem Gedanken an die Erfüllung eines kleinen Wunsches können wir ihn in einen solch großen Wunsch verwandeln, dass er alle anderen Wünsche überschattet und unser Wesen bestimmt.

Phasen der Offenbarung

Die niedrigste Ebene auf der Skala des Spirituellen ähnelt dem unbelebten Teil der Natur wie zum Beispiel Weltraumkörper oder Mineralien usw. Diese unbelebte Ebene heißt auch »leblos«. Die unbelebte, spirituelle Ebene (oder jemand, der sich dort befindet) kann nicht selbstständig handeln. Auf dieser Ebene kann man seine Eigenschaften auch nicht allein offenbaren, da der Wunsch nach innerer Freude so klein ist, dass diese Ebene lediglich dazu dient, die Eigenschaften zu bewahren, aber sie können nicht weiterentwickelt werden.
Der Mangel an Individualität auf dieser Schöpfungsebene besteht vorwiegend in der Tatsache, dass sie keine Unabhängigkeit besitzt. Die Schöpfung auf dieser Ebene konzentriert sich nur auf ihre Funktion und führt die Wünsche des Schöpfers automatisch aus, weil sie sich über nichts anderes bewusst ist. Sie hat keine individuellen Wünsche.
Da es die Absicht des Schöpfers war, dass die unbelebte Materie keine individuellen Wünsche besitzt, hat er ihr auch die niedrigste Wunsch-Ebene gegeben, auf der sie sich nicht entwickeln muss. Da sie keine anderen Wünsche hat als diejenigen, die ursprünglich vom Schöpfer in sie eingepflanzt wurden, führt die unbelebte Materie ihre Taten gedankenlos aus und kümmert sich nur um die eigenen Bedürfnisse einer spirituell unbelebten Natur, ihrer Umgebung nicht gewahr.
Bei spirituell noch »leblosen« Menschen ist es ähnlich, denn auch in ihnen gibt es einen Mangel an individuellen Wünschen. Nur die Wünsche des Schöpfers leiten sie, und ihrer Natur entsprechend unterwerfen sie sich unterbewusst und genauestens dieser Führung, in Übereinstimmung mit dem Programm, das ihnen der Schöpfer eingepflanzt hat.
Obwohl der Schöpfer die menschliche Natur zu Seinem Eigenen Nutzen auf diese Weise entworfen hat, können die Menschen auf dieser spirituellen Ebene nichts anderes, als sich selbst wahrnehmen. Folglich können sie auch nichts für andere tun und arbeiten nur, wenn es ihrem eigenen Zweck zugute kommt. Deshalb wird dieser spirituelle Entwicklungsgrad als »leblos« bezeichnet.
Die Natur der Pflanzen hat bereits einen höheren Entwicklungsgrad. Da der Schöpfer den Pflanzen eine größere Sehnsucht nach Freude als der leblosen Materie gegeben hat, brauchen Pflanzen auch Bewegung und Wachstum, um ihre Bedürfnisse befriedigen zu können.
Aber diese Bewegung und dieses Wachstum sind keine individuellen Bedürfnisse, sondern Eigenschaften der gesamten Pflanzengruppe. Auch die Menschen, die dieser vegetativen Wunschebene angehören, haben vom Schöpfer, der diese Programme festsetzt, eine gewisse spirituelle Unabhängigkeit. Da der Schöpfer die gesamte Natur auf der Basis absoluten Egoismus’ (dem Verlangen nach Befriedigung des Selbst) aufgebaut hat, beginnen einzelne Wesen auf der vegetativen Ebene, leise Wünsche zu entwickeln, sich von dem ihnen eingepflanzten Verlangen zu entfernen. Folglich fangen sie an, andere rücksichtsvoll zu behandeln, das heißt entgegen ihrer Natur.
Ungeachtet der Tatsache jedoch, dass die Pflanzen in dieser Welt in alle Himmelsrichtungen wachsen und auch eine gewisse Bewegungsfreiheit haben, wird ihre Bewegung dennoch als ein gemeinsames Bewegen betrachtet. Selbstverständlich könnte sich keine Pflanze auch nur im Geringsten vorstellen, sich individuell fortzubewegen, da ihr jegliches Verlangen danach fehlt. Beim Menschen, der dieser vegetativen Ebene angehört, ist das ähnlich. Auch er verspürt kein Verlangen, sich von den Normen eines Kollektivs, einer Gesellschaft oder von seiner Erziehung zu entfernen. Im Gegenteil: Solch ein Mensch tut alles, um die Normen zu bewahren und den Gesetzen seiner vegetativen Umgebung zu gehorchen, die aus einer Gruppe von Menschen besteht, die der gleichen vegetativen Entwicklungsebene angehören.
Genau wie die Pflanze hat der Mensch auf dieser Ebene kein individuelles, selbstständiges Leben, sondern lebt als Teil einer Gemeinschaft unter vielen anderen, die seiner Natur ähnlich sind. Unter den Pflanzen und den Menschen dieser Ebene gibt es kein individuelles, nur ein gemeinsames Leben.
Alle Pflanzen sind im Allgemeinen mit einem einzigen vegetativen Organismus vergleichbar, und jede Pflanze ist ein eigener Zweig eines Körpers. Die Menschen, die zur spirituellen, vegetativen Ebene gehören, können ebenfalls mit diesem Beispiel verglichen werden. Obwohl sie manchmal von ihrer egoistischen Natur abweichen, ist ihre spirituelle Entwicklung trotzdem so minimal, dass sie innerhalb der Grenzen der gesellschaftlichen Normen und ihrer Umgebung bleiben. Sie haben kein unabhängiges Verlangen oder auch die Kraft, sich der Gesellschaft oder ihrer Erziehung zu widersetzen, obwohl sie in manchen Dingen bereits entgegen ihrer eigenen elementaren Natur zum Wohle anderer handeln können.
Der Graduierung der spirituellen Entwicklung entsprechend folgt der vegetativen Ebene die tierische Ebene. Man betrachtet sie als höhere Ebene, weil die Wünsche, die der Schöpfer dieser Ebene zuschreibt, bereits einen viel höheren Grad entwickelt haben als die der vegetativen Ebene, und weil sich diejenigen, die dieser Ebene angehören, bereits unabhängig bewegen und denken können mit dem Ziel, ihre Wünsche zu befriedigen.
Jedes Tier hat einen individuellen Charakter und Gefühle, ungeachtet seiner Umgebung. Demzufolge kann ein Mensch in diesem Entwicklungsstadium entgegen seiner egoistischen Neigungen und zum Wohl seiner Mitmenschen handeln.
Obwohl bereits ein Grad von Unabhängigkeit erreicht wurde, der von der Gemeinschaft zu einem persönlichen, individuellen Leben geführt hat und das nicht von den Meinungen der Gemeinschaft geformt wurde, ist die Befriedigung des Selbst noch vorrangig.

Diejenigen, die sich auf der (»sprechenden«) menschlichen Entwicklungsebene befinden, können bereits gegen ihre Natur und gegen die Gemeinschaft handeln (im Gegensatz zur Pflanze).

Diese Menschen sind völlig unabhängig von der Gesellschaft in der Wahl der Wünsche. Sie empfinden für andere Wesen und können sich somit um diese kümmern. Sie können ihnen auf dem Weg der Entwicklung zum Besseren helfen, indem sie sich mit ihrem Leiden identifizieren. Im Gegensatz zu den Tieren haben die Menschen auf dieser Ebene die Fähigkeit, die Vergangenheit und die Zukunft wahrzunehmen und können handeln, indem sie die ursprüngliche Absicht anerkennen und sich von ihr leiten lassen.
Alle Welten und Stadien, die diesen Welten zugeschrieben werden, können als eine Reihe von Schirmen oder Blenden verstanden werden, die uns vom Licht des Schöpfers abschirmen.
In dem Grad, in dem wir die spirituelle Kraft erreichen, die wir brauchen, um unsere eigene Natur und jede ihrer Kräfte zu überwinden, wird sich jede folgende Blende auflösen.
Die folgende Geschichte soll den Fortschritt unserer spirituellen Suche illustrieren, wie wir den Zustand des Abgeschirmtseins vom Schöpfer mehr und mehr auflösen können, um in der Einheit mit dem Schöpfer zu leben.

Kapitel 18


Der allmächtige Zauberer, der nicht allein sein konnte:
ein Märchen für Erwachsene

Weißt du, warum nur alte Leute Geschichten und Legenden erzählen? Weil Legenden das cleverste auf der ganzen Welt sind. Alles auf der Welt ändert sich, und nur wahre Legenden bleiben. Legenden sind Weisheit, und um sie zu erzählen, muss man großes Wissen besitzen und Dinge sehen, die für andere verborgen sind. Deswegen muss man viel erlebt haben, und deswegen wissen nur die älteren Leute, wie man Legenden erzählt. So steht es im größten, ältesten Zauberbuch geschrieben: »Ein alter Mensch ist jemand, der Weisheit erlangt hat«.
Kinder lieben Legenden, weil sie über die Vorstellungskraft und Intelligenz verfügen, sich alles auszumalen, und nicht nur das, was alle anderen normalerweise sehen. Wenn ein Kind erwachsen wird und dann immer noch sieht, was die anderen nicht sehen können, wird es weise und gescheit und »erlangt Weisheit«. Weil Kinder sehen, was Erwachsene nicht können, wissen sie, dass Fantasie Wirklichkeit ist. Sie bleiben »weise Kinder«. So steht es im größten und ältesten Zauberbuch, »dem Sohar«, geschrieben.
Es war einmal ein Zauberer, groß und vornehm und gutherzig, mit all den Eigenschaften, über die solche Zauberer normalerweise in den Kinderbüchern verfügen. Aber weil er so gutherzig war, wusste er nicht, mit wem er diese Gutherzigkeit teilen konnte. Er hatte niemanden, dem er seine Zuneigung zeigen konnte, mit dem er spielen konnte, Zeit verbringen oder an den er denken konnte. Der Zauberer hatte auch das Bedürfnis, gebraucht zu werden, weil es ziemlich traurig ist, allein zu sein.
Was sollte er also tun? Er meinte, dass er einen Stein, nur einen kleinen, aber wunderschönen, schaffen würde und das könnte vielleicht die Antwort sein. »Ich werde den Stein streicheln und fühlen, als wäre immer etwas bei mir; und wir werden uns beide wohlfühlen, weil es ziemlich traurig ist, allein zu sein.«
Er schwang seinen Zauberstab, und im Nu erschien da ein Stein, genauso wie er es wünschte. Er begann den Stein zu streicheln, ihn zu umarmen und mit ihm zu reden, aber der Stein reagierte nicht. Er blieb kalt und gab überhaupt nichts zurück. Was immer er mit dem Stein machte, der Stein blieb das gleiche gefühllose Ding. Das gefiel dem Zauberer ganz und gar nicht. Wie konnte der Stein nicht reagieren? Er erschuf noch mehr Steine, Felsen, Hügel, Berge, Lande, die Erde, den Mond und die Galaxien. Aber sie alle waren gleich … nichts. Er fühlte sich immer noch traurig und sehr einsam.
In seiner Traurigkeit dachte er, dass er anstelle der Steine eine Pflanze erschaffen könnte, die wunderschön blühen würde. Er würde sie gießen, ihr Luft und Sonnenlicht schenken, ein bisschen Musik vorspielen, und die Pflanze wäre glücklich. Dann wären sie beide zufrieden, weil es ja traurig ist, allein zu sein.
Er schwang abermals seinen Zauberstab, und schon stand da eine Pflanze, genau wie er sich das vorgestellt hatte. Er war so glücklich, er tanzte um die Pflanze herum, aber diese bewegte sich nicht. Sie tanzte weder mit ihm, noch folgte sie seinen Bewegungen. Sie reagierte nur ein bisschen auf das, was ihr der Zauberer gab. Wenn er sie goss, wuchs sie; wenn er ihr kein Wasser gab, starb sie. Das war für einen so gutherzigen Zauberer nicht genug, denn er wollte von ganzem Herzen schenken. Er musste irgendwie mehr machen, denn es ist sehr traurig, allein zu sein. Also schuf er alle möglichen Pflanzen in allen Größen; Felder, Wälder, Obstgärten, Plantagen und Gehölze. Aber sie alle verhielten sich genauso wie die erste Pflanze, und wieder war er allein mit seiner Traurigkeit.
Der Zauberer überlegte lange. Was sollte er tun? Ein Tier erschaffen! Welches Tier? Einen Hund? Ja, einen süßen kleinen Hund, der immer bei ihm sein würde. Er würde mit ihm spazieren gehen, und der Hund würde an ihm hochspringen, umhertollen und mitlaufen. Wenn er zu seinem Palast nach Hause kam (oder besser gesagt zu seinem Schloss, da er doch ein Zauberer war), würde der Hund sich freuen, ihn zu sehen, und würde auf ihn zulaufen und ihn begrüßen. Beide würden sie so fröhlich sein, denn es ist traurig, allein zu sein.
Er schwang wieder seinen Zauberstab, und schwups! Es gab einen Hund, genauso wie er ihn sich vorstellte. Er begann für den Hund zu sorgen, fütterte ihn, gab ihm zu trinken und streichelte ihn. Er rannte sogar mit ihm herum, machte ihn sauber und ging mit ihm spazieren. Aber die Liebe eines Hundes besteht hauptsächlich darin, immer in der Nähe seines Besitzers zu sein, wo immer der auch ist. Der Zauberer war traurig, als er sah, dass der Hund keine Gefühle erwidern konnte, obwohl er mit ihm so ausgelassen spielte und ihn überallhin mitnahm. Ein Hund kann kein wirklicher Freund sein, kann nicht schätzen, was er für ihn tut, versteht nicht seine Gedanken und Sehnsüchte, wie sehr er sich auch um ihn bemüht. Aber genau das wollte der Zauberer. Also schuf er andere Geschöpfe: Fische, Geflügel, Säugetiere, alles umsonst – keines von ihnen verstand ihn. Es war sehr traurig, allein zu sein.
Der Zauberer setzte sich und dachte nach. Dann begriff er, dass, wenn er einen wirklichen Freund haben wollte, dieser einer sein müsste, der nach dem Zauberer Ausschau hält, sich nach ihm sehnt, ihm ähnlich sein möchte, lieben könnte, so wie der Zauberer ist, ihn versteht, sein Partner ist. Partner? Ein wahrer Freund? Es müsste etwas sein, das ihm nahe war, das verstand, was er ihm gab, und sich für alles, was es erhält, erkenntlich zeigt. Auch Zauberer wollen lieben und geliebt werden. Dann würden sie beide zufrieden sein, denn es ist sehr traurig, einsam zu sein.
Daraufhin überlegte der Zauberer, einen Menschen zu erschaffen. Dieser könnte sein wahrer Freund sein! Er könnte wie der Zauberer sein. Er bräuchte nur Hilfe, um so zu sein wie der Zauberer. Dann würden sie beide glücklich sein, denn es ist sehr traurig, allein zu sein. Damit sich alle beide wohlfühlen können, muss sich der Mensch als Erstes einsam fühlen und ohne den Zauberer traurig sein.
Der Zauberer schwang seinen Zauberstab und schuf den Menschen in der Ferne. Der Mensch spürte den Zauberer nicht, der all die Steine, Blumen, Hügel, Felder, den Mond, Regen und Wind erschaffen hatte. Er wusste nicht, dass der Zauberer eine ganze Welt mit wunderschönen Dingen wie zum Beispiel Computer und Fußball geschaffen hatte, nur um den Menschen glücklich zu machen und es ihm an nichts mangeln zu lassen. Der Zauberer hingegen war weiterhin traurig, dass er allein war. Der Mensch wusste nichts von dem Zauberer, der ihn erschaffen hatte, ihn liebte und auf ihn wartete und sagte, dass sich beide zusammen wohlfühlen würden, weil es ziemlich traurig ist, allein zu sein.
Aber wie sollte ein Mensch, der zufrieden damit ist, alles zu haben, selbst einen Computer und Fußball, und der den Zauberer gar nicht kennt, nach diesem suchen wollen, mit ihm in Verbindung treten, ihm nahe sein, ihn lieben und sein Freund sein wollen und sagen: »Komm, wir werden uns beide wohlfühlen, weil es ganz schön traurig ist, einsam zu sein und ohne dich.« Man kennt nur seine eigene Umgebung und tut, was jeder in seiner Umgebung tut, redet wie die anderen, will, was auch die anderen wollen. Man versucht nirgends anzuecken, bittet brav um Geschenke, Computer und Fußball. Wie kann man da überhaupt wissen, dass es irgendwo einen Zauberer gibt, der traurig darüber ist, allein zu sein?
Aber der Zauberer ist gütig und gibt ständig Acht auf den Menschen, und wenn die Zeit reif ist, schwingt er seinen Zauberstab und klopft ganz leise am Herzen dieses Menschen an. Der Mensch glaubt, auf der Suche nach etwas zu sein, und merkt nicht, dass es der Zauberer ist, der ihm zuruft: »Komm, wir werden uns beide wohlfühlen, es ist nämlich sehr traurig, ohne dich zu sein.«
Der Zauberer schwingt seinen Zauberstab ein weiteres Mal, und da spürt der Mensch plötzlich seine Anwesenheit. Er beginnt, an den Zauberer zu denken, dass es gut sei, mit ihm zusammen zu sein, denn allein ist es sehr einsam. Durch ein neuerliches Schwingen des Zauberstabes fühlt der Mensch auch den magischen Turm der Güte und Macht, in welchem der Zauberer auf ihn wartet, und dass beide nur dort glücklich sein würden, denn es ist traurig, allein zu sein.
»Aber wo ist dieser Turm? Wie kann ich ihn erreichen? Welches ist der richtige Weg?«, fragt sich der Mensch, verwundert und verwirrt. Wie kann er den Zauberer treffen? Noch immer spürt er den Luftzug des Zauberstabes in seinem Herzen, und er kann nicht schlafen. Er sieht ständig Zauberer und mächtige Türme und verliert dabei sogar seinen Appetit. So was passiert, wenn man unbedingt etwas will, es aber nicht finden kann, und es ist traurig, einsam zu sein. Aber um genauso wie der Zauberer zu sein – weise, groß, vornehm, gutherzig, liebend und ein Freund –, genügt das Schwingen eines Zauberstabes nicht. Man muss lernen, selbst Wunder zu vollbringen.
So führt der Zauberer den Menschen heimlich und raffiniert, sanft und harmlos, zu dem höchsten und ältesten Zauberbuch, dem Buch des Sohar, und zeigt ihm den Weg zu dem mächtigen Turm. Der Mensch schnappt es sich, um geschwind den Zauberer, seinen Freund, zu treffen und ihm zu sagen: »Komm, wir werden beide glücklich sein, weil allein zu sein sehr traurig ist.«
Aber der Turm ist von einer hohen Mauer umgeben, und viele Wächter vertreiben den Menschen und erlauben dem Zauberer und dem Menschen nicht, zusammen zu sein, um glücklich zu sein. Der Mensch verzweifelt, der Zauberer versteckt sich hinter den verriegelten Toren des Turmes, die Mauer ist hoch, die Wachen schlagen wachsam zurück und niemand wird durchgelassen. Was wird geschehen …? Wie können sie bloß zusammen sein, sich gemeinsam wohlfühlen, weil es doch so traurig ist, allein zu sein.
Jedes Mal, wenn der Mensch schwach wird und verzweifelt, spürt er plötzlich den Luftzug des Zauberstabes und läuft wiederum zu der Mauer, versucht die Wächter um jeden Preis zu umgehen! Er will die Tore niederreißen, zum Turm gelangen, die Stufen der Leiter erklimmen und den Zauberer erreichen.
Und jedes Mal, wenn er vorstößt, und dem Turm und dem Zauberer näher kommt, werden die Wachen noch wachsamer, stärker und energischer und schlagen ihn gnadenlos nieder.
Aber mit jeder Runde wird der Mensch mutiger, stärker und weiser. Er lernt, alle möglichen Tricks zu vollführen, Dinge zu erfinden, die nur ein Zauberer kann. Je mehr Niederlagen er erfährt, umso mehr will er den Zauberer, fühlt er seine Liebe zu ihm wachsen und wünscht mehr als alles andere auf der Welt, mit dem Zauberer eins zu sein, sein Gesicht zu sehen, denn es wird wunderbar sein, zusammen zu sein. Selbst wenn dem Menschen die ganze Welt gehörte – ohne den Zauberer wäre er einsam.
Dann, wenn er es nicht länger ohne ihn aushält, werden sich die Tore des Turmes öffnen, und der Zauberer, sein Zauberer, wird auf ihn zueilen und sagen: »Komm, wir passen zusammen, denn es ist sehr traurig, einsam zu sein.«
Und seither sind sie treue Freunde, eng miteinander verbunden, und es gibt kein schöneres Vergnügen für sie als das, was sie zusammen haben bis in alle Ewigkeit. Sie sind so glücklich miteinander, dass sie sich nicht einmal mehr gelegentlich daran erinnern, wie traurig es doch war, allein zu sein.

Ende.

Die Reihenfolge der Schirme verbirgt den Schöpfer vor uns. Diese Schirme existieren in uns selbst und in unseren Seelen. Der Schöpfer ist alles außerhalb von uns und unseren Seelen mit ihren störenden Schirmen.
Wir können nur diesen winzigen Teil der äußeren Umgebung, die unseren Schirm durchdringt, erfassen. Alles außerhalb von uns entzieht sich vollständig unserer Wahrnehmung. In der gleichen Weise sehen wir in dieser Welt nur jene Dinge, die auf unsere Netzhaut treffen, wenn sie in unser Blickfeld geraten.

Unser Wissen über die spirituellen Welten stammt aus den Wahrnehmungen und Empfindungen, die durch die Seelen der Kabbalisten gewonnen und an uns weitergegeben werden.

Ihre Errungenschaften sind jedoch durch das Ausmaß ihrer spirituellen Vorstellungskraft begrenzt. Folglich existieren alle uns bekannten spirituellen Welten nur in Bezug auf diese Seelen.
Aufgrund des oben Gesagten kann die gesamte Schöpfung in drei Teile unterteilt werden.

1. Der Schöpfer: Wir können über Ihn nicht sprechen, weil wir nur über solche Erscheinungen urteilen können, die in den Bereich unserer spirituellen Wahrnehmung fallen und unsere     eingreifenden Schirme durchdrungen haben.
2. Der Zweck der Schöpfung: Dies ist unser Ausgangspunkt, von dem aus wir des Schöpfers Absicht zu erforschen beginnen. Während manche Menschen Gründe anführen, dass Er sich     hauptsächlich darauf konzentriert, Seinen Kreaturen Freude zu bringen, können wir eigentlich aus Mangel an Information nichts über die Beziehung des Schöpfers zu uns sagen.
Der Schöpfer wünschte, dass wir Seinen Einfluss auf uns als Freude empfinden. Daher schuf Er unsere Sinnesorgane so, dass wir Seinen Einfluss auf uns als Freude erkennen.
Weil aber alle Wahrnehmung sich in der Seele vollzieht, ist es sinnlos, über die anderen Welten zu sprechen, ohne zwischen diesem Thema und denen, die diese Welten erkennen, eine Verbindung herzustellen. Andere Welten existieren nicht, wenn die Seele nicht die Wahrnehmungsfähigkeit dazu hat. Die eingreifenden Schirme, die zwischen uns und dem Schöpfer stehen, stellen diese Welten dar. Olam stammt aus dem Wort Alma, was »Verhüllung« bedeutet. Die Welten existieren nur zu dem Zweck, auch nur einen kleinen Teil des Genusses (Licht), das von Ihm ausgeht, in unsere Seele zu lassen.
3. Die Seelen: sind die Einheiten, die vom Schöpfer erschaffen wurden und die sich selbst als unabhängige Existenzen empfinden.
    Dieses Empfinden ist höchst subjektiv, und im Wesentlichen sagt es der Seele, die unser individuelles Sein darstellt, dass wir genau in dieser Art vom Schöpfer erschaffen wurden. In     Wahrheit sind wir jedoch ein wesentlicher Bestandteil von Ihm.
Die Entwicklung eines Menschen von Anfang bis Ende, in welcher er vollständig mit dem Schöpfer in all seinen Eigenschaften verschmilzt, kann in fünf Stufen eingeteilt werden. Jede davon wird weiter in fünf Unterstufen unterteilt und so weiter. Im Ganzen gibt es 125 Stufen.
Jeder Mensch erfährt an einer bestimmten Stufe dieselben Gefühle und Einflüsse, genau wie jeder andere Mensch auf dieser Stufe. Jeder Mensch besitzt dabei die gleichen spirituellen Empfindungsorgane, so dass er das Gleiche fühlt wie die anderen auf derselben Stufe. Außerdem besitzt jeder Mensch in unserer Welt die gleichen Sinnesorgane, die zwar die gleichen Eindrücke liefern, aber kein Verstehen anderer Welten erlauben.
Daher können die Bücher der Kabbala nur von denen verstanden werden, die dieselbe Stufe wie der Autor erreicht haben, da sowohl der Autor als auch der Leser über dieselben gemeinsamen Erfahrungen verfügen. Das gilt auch für Leser und Autoren, die Ereignisse dieser Welt beschreiben.
Aus den spirituellen Welten empfängt die Seele die Bewusstheit der Nähe des Schöpfers genauso wie die spirituelle Erfüllung und die Erleuchtung, die aus der Vereinigung mit Ihm hervorgehen. Die Seele empfängt auch das so genannte »Licht des Schöpfers« oder die Fähigkeit, Ihn wahrzunehmen, wenn sie Seine Wünsche und Gesetze versteht. Wenn wir auf unserem spirituellen Weg voranschreiten, nehmen wir schrittweise die Annäherung an Ihn wahr. Das ist der Grund, warum wir neue Erkenntnisse der Enthüllungen des Schöpfers an jedem Punkt unserer Reise spüren. Für jene, die nur unsere Welt erfassen, erscheint die Bibel wie eine Sammlung von Gesetzen und historischen Ereignissen, die das Verhalten der Menschheit in dieser Welt beschreibt. Jene, die auf ihrem spirituellen Weg schon ein wenig fortgeschritten sind, beginnen jedoch, die spirituellen Handlungen des Schöpfers hinter den Dingen und Taten unserer Welt wahrzunehmen.
Aus all dem wird ersichtlich, dass in der Schöpfung zwei Pole existieren: der Schöpfer und der Mensch, der vom Allmächtigen erschaffen wurde. Alle anderen Visionen, die vor uns auftauchen, seien es die Wahrnehmungen unserer Welt oder sogar der höheren Welten, sind nur verschiedene Phasen der Ent- und Verhüllungen des Schöpfers auf Seinem Weg, uns näher zu kommen.

Kapitel 19

Spirituelle Stufen

Die gesamte Schöpfung kann als die Funktion von vier Parametern beschrieben werden: Zeit, Seele, Welt und die Quelle der Existenz. Diese werden von Innen heraus vom Willen und von den Wünschen des Schöpfers geregelt.
    Zeit: Eine Reihe von Ursache-und-Wirkungs-Verkettungen, welche zwischen jeder einzelnen Seele und der Menschheit im Ganzen stattfinden, ähnlich der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit. Seele: Alles organische (lebendige), einschließlich menschlicher Wesen.
    Welt: Das gesamte nichtorganische (leblose) Universum. In der spirituellen Welt entspricht dieses der leblosen Stufe des Verlangens.
    Quelle der Existenz: Der Plan für die Entwicklung von Ereignissen. Dies passiert mit jedem von uns und mit der Menschheit im Allgemeinen und ist der Plan, die ganze Schöpfung zu lenken und sie auf den von Anfang an vorbestimmten Zustand zu bringen.
Als Er entschied, alle die Welten zu schaffen und die Menschen in ihnen Ihm näher zu bringen, nahm Er Seine Gegenwart allmählich zurück, indem Er Sein Licht verdunkelte, mit der Absicht, unsere Welt zu erschaffen.
Die vier Phasen des allmählichen (von Oben nach unten) Verhüllens der Anwesenheit des Schöpfers sind als »die Welten« bekannt. Diese sind:
    Azilut: Eine Welt, in der die dort Anwesenden vollkommen mit dem Schöpfer vereinigt sind.
    Briah: Eine Welt, in der die dort Anwesenden eine Verbindung mit dem Schöpfer haben.
    Jezira: Eine Welt, in der die Anwesenden den Schöpfer wahrnehmen.
    Assija: Eine Welt, in der die Anwesenden den Schöpfer fast gar nicht – oder überhaupt nicht wahrnehmen. Diese Stufe beinhaltet unsere Welt, als die letzte, die niederste und die am weitesten vom Schöpfer entfernte.
Alle höheren Welten sind eine aus der anderen entstanden und sind insofern Kopien von einander. Jede niedere Welt, je weiter sie vom Schöpfer entfernt ist, ist eine gröbere Version, jedoch eine exakte Kopie der vorherigen.
Interessanterweise ist jede Welt eine Kopie in allen vier Parametern: Welt, Seele, Zeit und Quelle der Existenz.
Deshalb ist alles in unserer Welt ein direktes Resultat von Prozessen, die bereits in der Vergangenheit in einer höheren Welt stattgefunden haben, und all das, was dort stattgefunden hat, ist das Resultat, was sogar noch früher stattgefunden hat, usw. bis zu dem Punkt, an dem alle vier Parameter – Welt, Zeit, Seele und die Quelle der Existenz – sich in einer Quelle der Existenz zusammenschließen – im Schöpfer! Dieser »Ort« ist als Azilut bekannt.
Die Kleidung des Schöpfers in dem Gewand der Welten Azilut, Briah, Jezira (Seine Erscheinung gegenüber uns mittels Ausstrahlungen des Lichts durch Schirme, welche diese Welten abschwächen) ist als die Kabbala bekannt. Die Kleidung des Schöpfers in dem Gewand unserer Welt, die Welt Assija, ist als die geschriebene Tora bekannt.

In Wirklichkeit jedoch gibt es keinen Unterschied zwischen der Kabbala und der Tora dieser Welt. Die Quelle von allem ist der Schöpfer.

In anderen Worten, nach der Tora zu leben und zu studieren oder nach der Kabbala zu leben und zu studieren wird durch die spirituelle Stufe bestimmt, auf der sich der Studierende befindet. Wenn jemand sich auf der Stufe dieser Welt befindet, dann sieht er diese und nimmt diese auch wahr.
Sollte der Student jedoch zu einer höheren Stufe gelangen, wird sich ein anderes Bild ergeben. Die Hülle dieser Welt wird verschwinden, und was übrig bleiben wird, sind die Hüllen der Welten Jezira und Briah. Dann werden die Tora und jede Realität anders erscheinen, so wie sie denen gewahr wird, die die Stufe der Welt Jezira erreichen.
An dieser Stelle wird die Bibel mit all ihren Geschichten von Tieren, Kriegen und den Objekten dieser Welt in die Kabbala umgewandelt – der Beschreibung der Welt Jezira.
Wenn der Mensch selbst sogar noch weiter in die Welten Briah oder Azilut emporsteigt, dann wird, gemessen an ihrem spirituellen Zustand, ein völlig neues Bild der Welt und der Mechanismen, welche die Welt regieren, erscheinen.
Es gibt keinen Unterschied zwischen den Geschehnissen der Bibel und der Kabbala, der Bibel der spirituellen Welt. Der Unterschied ist die spirituelle Stufe der Betroffenen.
Wenn zwei Leute tatsächlich das gleiche Buch lesen würden, würde einer darin historische Begebenheiten sehen und der andere die Beschreibung der Oberherrschaft über die Welten und was eindeutig vom Schöpfer wahrgenommen wird.
Diejenigen, vor denen der Schöpfer sich vollständig verhüllt hat, existieren in der Welt Assija. Das ist der Grund, warum ihnen schließlich alles als schlecht vorkommt: Die Welt scheint voll von Leiden zu sein, weil sie es wegen der Verborgenheit des Schöpfers nicht anders wahrnehmen können.
Wenn sie in Anbetracht dieser Tatsache Freude wahrnehmen, erscheint sie nur als Freude, die dem Leiden folgt.
Es passiert nur, wenn jemand die Stufe von Jezira erreicht, dass der Schöpfer Sich stückweise selbst enthüllt und einem Menschen erlaubt, Seine Herrschaft durch Belohnung und Bestrafung zu sehen; somit wird Liebe (abhängig von der Belohnung) und Angst (abhängig von der Bestrafung) in diesem Menschen geboren.
Die dritte Stufe – bedingungslose Liebe – erscheint, wenn jemand merkt, dass der Schöpfer nie ein Leid verursacht hat, sondern nur Gutes. Das entspricht der Stufe von Briah.
Wenn der Schöpfer das ganze Bild der Schöpfung und Seiner Oberherrschaft über alle Schöpfungen enthüllt, dann entsteht in einem Menschen die absolute Liebe für den Schöpfer, da Seine absolute Liebe gegenüber all Seinen Schöpfungen jetzt sichtbar ist. Dieses Verständnis erhebt einen Menschen auf die Stufe der Welt Azilut.
Daher hängt unsere Fähigkeit, Seine Taten zu verstehen, nur von dem Grad ab, in dem Sich der Schöpfer uns offenbart, weil wir auf eine Weise erschaffen worden sind, dass das Verhalten des Schöpfers automatisch auf uns wirkt (auf unsere Gedanken, unsere Eigenschaften, unsere Handlungen). Deshalb können wir nur bitten, dass Er uns ändert.
Ungeachtet der Tatsache, dass alle Handlungen des Schöpfers schon an sich gut sind, gibt es Kräfte, auch aus dem Schöpfer kommend, die so erscheinen, als ob sie entgegen Seinen Wünschen wirken würden. Diese Kräfte rufen oft Kritik an Seinen Handlungen hervor und sind deshalb als »unrein« bekannt.
Auf jeder Stufe, von der ersten Station bis zur letzten auf unserem Pfad, gibt es zwei gegensätzliche Kräfte. Beide wurden vom Schöpfer erschaffen. Diese sind rein und »unrein«. Die unreine Kraft erweckt absichtlich Misstrauen in uns und drängt uns vom Schöpfer weg. Aber wenn wir uns, die unreine Kraft ignorierend, trotzdem anstrengen in unserer Bitte an den Schöpfer, uns zu helfen, dann stärken wir unseren Bund mit Ihm und erhalten dafür eine reine Kraft. Dies erhebt uns zu einer höheren spirituellen Stufe. In diesem Moment hört die unreine Kraft auf, auf uns zu wirken, da ihre Rolle bereits erfüllt ist.
Die unreine Kraft der Welt Assija (1. Stufe)
Diese Kraft strebt danach, Geschehnisse zu verursachen, welche die Existenz des Schöpfers verleugnet.
Die unreine Kraft der Welt Jezira (2. Stufe)
Diese Kraft strebt danach, uns davon zu überzeugen, dass die Welt nicht durch Belohnung und Bestrafung, sondern durch Willkür regiert wird.
Die unreine Kraft der Welt Briah (3. Stufe)
Diese Kraft strebt danach, unsere Auffassung von der Liebe des Schöpfers zu uns zu neutralisieren, was wiederum unsere Liebe zum Schöpfer erweckt.
Die unreine Kraft der Welt Azilut (4. Stufe) Diese Kraft strebt danach, uns zu beweisen, dass der Schöpfer nicht immer in Übereinstimmung mit absoluter Liebe gegenüber all seinen Schöpfungen handelt, und versucht somit, unsere Gefühle der absoluten Liebe gegenüber dem Schöpfer zu unterdrücken.
Hier wird dann klar, dass unser Aufstieg zu jeder der aufeinander folgenden spirituellen Stufen, der Enthüllung des Schöpfers und das Erzielen von Freude aus der Annäherung an Ihn, unsere Überwindung der dazugehörigen gegensätzlichen Kräfte erfordert. Diese treten in Formen, Gedanken und Verlangen auf. Nur wenn diese überwunden sind, können wir zur nächsten Stufe aufsteigen und auf unserem Pfad den nächsten Schritt vorwärts machen.
Aus dem Obigen können wir schließen, dass der Bereich der spirituellen Kräfte und Sinne der vier Welten, Assija-Jezira-Briah-Azilut, eine übereinstimmende Anzahl von gegensätzlichen und parallelen Kräften und Sinnen aus den vier unreinen Welten Assija-Jezira-Briah-Azilut hat. Vorwärtskommen ist ein wechselhafter Prozess.
Erst nach der Überwindung aller unreinen Kräfte und Hindernisse, die uns vom Schöpfer gesandt wurden, mit der Bitte an den Schöpfer, Sich selbst zu offenbaren und uns dadurch mit der nötigen Stärke auszustatten, der Kraft der unreinen Kräfte, Gedanken und Wünsche standzuhalten, können wir das reine Stadium erlangen.
Von Geburt an befindet sich jeder von uns in einem Zustand, in dem der Schöpfer absolut vor uns verborgen ist. Um den Fortschritt auf dem beschriebenen spirituellen Pfad zu beginnen, ist es nötig,
1. unser jetziges Stadium als unerträglich zu erkennen,
2. zumindest teilweise zu verspüren, dass der Schöpfer existiert,
3. zu fühlen, dass wir nur vom Schöpfer abhängig sind,
4. wahrzunehmen, dass nur der Schöpfer uns helfen kann.
Durch Seine Selbstenthüllung kann der Schöpfer sofort unsere Verlangen ändern und in uns eine Intelligenz mit einem neuen Wesen schaffen. Das Entstehen dieser starken Verlangen erweckt sofort in uns die Kräfte, sie zu erfüllen.

Das Einzige, was unser Wesen definiert, ist die Kombination und Ansammlung unserer Verlangen.

Unser Verstand besteht einzig dazu, uns zu helfen, dieses Verlangen zu erreichen. In Wirklichkeit brauchen wir den Verstand ausschließlich als Hilfsmittel.
Wir schreiten in Etappen unseren Pfad entlang vorwärts, Schritt für Schritt und abwechselnd beeinflusst durch die unreine (linke), egoistische Kraft und die reine (rechte), altruistische Kraft. Dadurch, dass wir mithilfe des Schöpfers die linken Kräfte bewältigen, werden wir uns die Charakteristika der rechten aneignen.
Der Pfad ist dann wie zwei Schienen, eine linke und eine rechte, wie zwei Kräfte, den Schöpfer abstoßend und den Schöpfer anziehend, ähnlich wie zwei Verlangen: Egoismus und Altruismus. Je weiter wir uns von unserem Ausgangspunkt wegbewegen, umso stärker werden die gegensätzlichen Kräfte.
Indem man in beiden Verlangen und in der Liebe immer mehr wie der Schöpfer wird, werden wir uns vorwärts bewegen, weil die Liebe des Schöpfers das einzige an uns gerichtete göttliche Gefühl ist, wovon alle anderen Gefühle ausgehen. Der Schöpfer verlangt danach, nur Gutes für uns zu tun, um uns in den Idealzustand zu bringen, welcher nur ein Zustand sein kann, der dem des Schöpfers ähnlich ist. Dies ist der Zustand der Unsterblichkeit, gefüllt mit endlosem Vergnügen aus dem Gefühl der ewigen Liebe vom Schöpfer, der ein ähnliches Gefühl ausstrahlt.
Diesen Zustand zu erreichen bleibt das Ziel der Schöpfung, alle anderen Verlangen werden als unrein betrachtet.
Das Ziel des Schöpfers ist es, uns zu einem Zustand zu bringen, der dem Seinen ähnlich ist. Dieses Ziel ist für alle von uns und für die Menschheit im Allgemeinen zwingend, ob wir das wollen oder nicht.
Wir können uns dieses Ziel nicht so einfach deswegen wünschen, weil wir in dieser Welt lebend nicht alle Vergnügen wahrnehmen können und nicht die Tilgung allen Leidens, die aus unserer Vereinigung mit dem Schöpfer resultieren würde.
Das Leiden ist vom Schöpfer Selbst gesandt, um uns voranzubringen, um uns zu zwingen, unsere Umgebungen zu ändern, unsere Gewohnheiten, Handlungen und unsere Perspektiven, weil wir instinktiv dazu bereit sind, uns selbst von Leiden zu befreien.
Außerdem können wir keine Freude erleben, ohne vorher Leid erfahren zu haben, genauso wenig wie es keine Antwort geben kann, wenn es keine Frage gab, keine Sättigung, wenn es keinen Hunger gab. Somit müssen wir, um jegliche Empfindung zu erleben, erst ihr Gegenteil kennenlernen.
Deshalb müssen wir, um die anziehende Kraft und die Liebe des Schöpfers zu erfahren, die genau gegenteiligen Gefühle wie Hass und Entfremdung von Vorstellungen, Angewohnheiten und Verlangen erleben.
Kein Gefühl kann aus einem Vakuum heraus geboren werden; es muss ein bestimmtes Verlangen geben, dieses Gefühl zu erreichen. Einer Person sollte beispielsweise beigebracht werden, Musik zu verstehen und somit zu lieben. Eine ungebildete Person kann das Glücksgefühl der gebildeten Person nicht verstehen, die nach anstrengenden Bemühungen etwas Neues entdeckt, was sie für lange Zeit begehrte.
Das Verlangen nach etwas ist in der Terminologie der Kabbala als »Gefäß« (Kli) bekannt, weil besonders das Gefühl des Mangels eine nötige Voraussetzung für den Genuss ist, es zu füllen. Das Ausmaß des Genusses, den man in der Zukunft erreichen wird, hängt natürlich vom Umfang des Gefäßes ab.
Sogar in unserer Welt können wir sehen, dass es nicht das Ausmaß des Magens, sondern das Verlangen – das Empfinden von Hunger – ist, das bestimmt, wie viel Genuss aus Nahrung abgeleitet wird. Die Stufe des Leidens durch die Abwesenheit des Begehrten bestimmt die Größe des Gefäßes, und dies wiederum bestimmt den Betrag an Genuss, der aufgenommen werden kann.
Der Genuss, der das Verlangen erfüllt, um es zufrieden zu stellen, ist als »Licht« bekannt, weil es das Gefäß mit dem Gefühl der Erfüllung und der Genugtuung beschenkt.

Deshalb muss ein Verlangen existieren, das so stark ist, dass man durch dessen Ermangelung leidet. Nur dann kann gesagt werden, dass das Gefäß erstellt wurde, die Fülle zu empfangen, auf die der Mensch so gewartet hat.

Der Zweck der Erschaffung der unreinen Kräfte (Verlangen), die als Klipot bekannt sind, ist es, in einer Person ein Verlangen von unendlicher Größe zu erzeugen.
Ohne die Verlangen der Klipot würden wir nie den Drang nach mehr als den elementaren Bedürfnissen des Körpers verspüren. Somit würden wir auf der Entwicklungsstufe eines Kindes bleiben. Es sind die Klipot, die uns zwingen, nach neuen Genüssen zu suchen, weil diese ständig neue Verlangen erzeugen, die wiederum Erfüllung benötigen und uns zwingen, uns zu entwickeln.
Die Erlangung der charakteristischen Eigenschaften der Welt Azilut ist bekannt als die »Auferstehung der Toten«, weil wir auf diese Weise alle unreinen (toten) Verlangen in reine umformen. Vor der Welt von Azilut kann eine Person sich wie auf zwei Schienen bewegend nur die Verlangen in gegensätzliche verändern, aber nicht alle Verlangen in reine umformen.
Nach dem Eintritt in die Welt von Azilut können wir vergangene Verlangen korrigieren und dabei höhere Stadien der spirituellen Erhebung erreichen. Dieser Prozess ist als »die Auferstehung von den Toten« (Verlangen) bekannt.
Natürlich bezieht sich Auferstehung in diesem Fall nicht auf unsere physikalischen Körper. Diese werden – wie die aller anderen Kreaturen, die diese Welt bevölkern – sich einmal zersetzen, die Seele verlässt diese, und ohne die Anwesenheit der Seele haben sie keinen Wert.
Wenn wir als ein Resultat der Arbeit an uns nicht länger von unreinen Verlangen kontrolliert sind, doch noch immer von ihnen abgelenkt werden und unfähig sind, uns mit dem Schöpfer zu verbinden, wird diese Situation Shabbat (der Sabbat) genannt.
Wenn aber unsere Gedanken und Sehnsüchte für den Schöpfer entweder von uns oder durch den Einfluss von den Gedanken anderer abgelenkt werden und wir diesen fremden Gedanken oder Verlangen erlauben einzudringen (»Entweihung des Sabbat«), dann betrachten wir diese Gedanken nicht als fremde, sondern als unsere eigenen. Wir sind uns sicher, dass diese die richtigen Gedanken sind, weit eher als solche, die uns zuvor zweifelsohne direkt auf unserem Pfad in Richtung des Schöpfers brachten.
Wenn ein großartiger Mann, der Experte auf einem bestimmten Gebiet ist, einer Gruppe von Zweitklassigen beitritt, die aus dem gleichen Bereich stammen und die ihn überzeugen, dass es besser ist, halbherzig zu arbeiten, anstatt mit der ganzen Seele, dann wird dieser große Experte nach und nach sein Talent verlieren.
Wenn jedoch solch ein Experte sich inmitten mittelmäßiger Arbeiter befindet, aber aus einem anderen Fachgebiet kommt, dann wird diese Person nicht beeinträchtigt werden, weil es keine Verbindung zwischen der Person und den anderen Arbeitern gibt. Deshalb sollte jemand, der sich wirklich wünscht, auf einem bestimmten Fachgebiet Erfolg zu haben, danach streben, ein Teil einer Umgebung von Experten zu werden, die ihre Arbeit als eine Kunst behandeln.
Abgesehen davon ist der erheblichste Unterschied zwischen einem Experten und einem gewöhnlichen Arbeiter der, dass ein Experte aus der Arbeit an sich und deren Resultaten Genuss ableitet, als vielmehr aus dem Lohn für diese Arbeit.
Folglich sollten diejenigen, die sich selbst wirklich spirituell erheben wollen, sorgfältig die Umgebung und die Menschen, die sie umgeben, überprüfen.
Wenn es ein Umfeld von Leuten ist, denen es am Glauben an den Schöpfer mangelt, dann sind die, die nach spiritueller Erhöhung suchen, wie Experten unter Spezialisten eines anderen Gebietes. Das Ziel der Ersteren ist es, spirituell zu wachsen, wohingegen die Letzteren das Ziel haben, größtmöglichen Genuss von dieser Welt zu erhalten. Deshalb stellen die Meinungen des Spezialisten keine große Gefahr dar. Selbst wenn jemand für einen Augenblick daran war, die andere Sichtweise anzunehmen, würde es im nächsten Moment offenkundig werden, dass diese Sichtweise von Ungläubigen abstammt. An dieser Stelle würde sie verworfen und die ursprünglichen Ziele würden wiederhergestellt werden.

Man sollte sich jedoch vor anderen hüten, die zwar glauben, aber nicht auf die richtigen Gründe achten, die Gebote zu erfüllen.

Diese Leute rechnen mit der Belohnung, die sie in der kommenden Welt erwartet und befolgen die Gebote nur aus diesem Grund. Solche Leute sollten geflissentlich gemieden werden.
Man sollte sich vor denjenigen in Acht nehmen, die sich selbst »Kabbalisten « oder Mystiker nennen, und so weit wie möglich von diesen wegrücken. Diese Leute können Schaden an unseren neu erworbenen Fähigkeiten auf diesem Gebiet verursachen.
Kabbala präsentiert die Schöpfung als aus zwei Komponenten bestehend: dem Schöpfer und Seinem Verlangen mit Nähe zu Ihm zufriedengestellt zu werden. Das Verlangen nach solcher Erfüllung als die Quelle von unendlichem, absolutem Genuss ist als »die Seele« bekannt, welche all unseren Verlangen ähnelt, aber ohne physikalische Form existiert.
Der Grund und das Ziel der Schöpfung sind das Verlangen des Schöpfers, unsere Seelen zufriedenzustellen. Das Verlangen der Seele ist es, vom Schöpfer zufriedengestellt zu werden. Das Verlangen des Schöpfers und das Verlangen der Seele sind dazu entschlossen, sich dem anderen anzunähern und sich zu vereinigen.
Wenn Eigenschaften und Verlangen zusammenwirken, ergeben sich daraus Vereinigung und Nähe. Ähnlich wie wir in unserer Welt einen anderen Menschen wegen der Gefühlsnähe, die wir verspüren, als nahe stehend betrachten, und nicht so sehr wegen seiner unmittelbaren Nähe zu uns. Je größer in unserer Welt die augenblickliche Trennungsdistanz ist, desto größer sind die Hindernisse, die dem Verlangen im Weg stehen und desto größer wird auch der Genuss, den wir aus dem erhalten, wonach wir streben.
Aus diesem Grund platziert der Schöpfer die Seele in einen Zustand, der am weitesten von Ihm weg und am gegenteiligsten zu Ihm ist. Er verhüllt Sich Selbst vollständig als die Quelle allen Genusses und pflanzt die Seele in einen Körper mit dem Verlangen, aus allem, was ihn umgibt, Genuss abzuleiten.
Trotz der Verhüllung des Schöpfers und der Hindernisse, die durch die Verlangen unseres Körpers errichtet wurden, könnten wir ein Verlangen entwickeln, um dem Schöpfer anzuhaften und nahe zu sein.
Dann werden wir wegen genau dieser Hindernisse, die durch den Widerstand des Körpers verursacht werden, ein viel größeres Verlangen danach entwickeln, Genuss vom Schöpfer zu erhalten, als das vor dem Einschluss unserer Seelen in unseren Körpern möglich war.
Die Methode und Anleitung, wie wir uns dem Schöpfer anhaften können, ist als die Kabbala bekannt, abgeleitet aus dem Verb »lekabel« – Genuss vom Schöpfer empfangen.
Mit der Hilfe von Wörtern und Beschreibungen unserer Welt schildert die Kabbala uns die Erfahrungen der spirituellen Welt.
Entsprechend der Kabbala hat all das, was in der Bibel (welche die Fünf Bücher Moses beinhaltet, die Schriften und die Propheten) gesagt ist, die Aufgabe, uns zu lehren, das Ziel der Schöpfung zu erreichen.
Die Kabbala sieht diese Bedeutung in den folgenden Worten: »Im Anfang« (Im Anfang an sich selbst zu arbeiten, im Anfang sich dem Schöpfer zu nähern) – »unsere Vorväter« (der augenblickliche Zustand der Verlangen einer Person) – »waren Götzenanbeter« (alle persönlichen Verlangen wurden darauf ausgerichtet, Genuss zu erlangen) – »Und anschließend wählte der Schöpfer einen von ihnen« (von allen unseren Verlangen wählen wir ein Verlangen, das mit dem Schöpfer verbunden wird) – »und befahl ihm sein Land und seine Leute zu verlassen und an einem anderen Ort sich niederzulassen« (um den Schöpfer wahrzunehmen, müssen wir ein Verlangen über alle anderen stellen – das Verlangen, den Schöpfer wahrzunehmen – und uns selbst von anderen Verlangen distanzieren).
Wenn wir nur eines der Verlangen wählen können, es kultivieren und nur danach leben, dann ist es das Verlangen, sich mit dem Schöpfer zu vereinen. Dann ist es, als ob wir zu einem anderen Leben übergehen, ein Leben voll Spiritualität.
Wenn wir vorwärts kommen wollen oder wir schon auf dem Pfad direkt in Richtung des Schöpfers sind, dann werden wir »Israel« genannt, was von den Wörtern »yashar« (direkt) und le El (zum Schöpfer) abgeleitet ist.
Die Schöpfung der Welt, einschließlich ihrer Konzeption und Lenkung, befähigt die Welt, gemäß dem bereits entschiedenen Plan zu existieren und voranzukommen und dem Ende entgegenzugehen, für das sie geschaffen wurde.

Kapitel 20

Die Rückkehr zum Schöpfer

Um die Göttliche Herrschaft durchzuführen und Entscheidungsfreiheit des menschlichen Handelns zu erlauben, wurden zwei Steuerungssysteme geschaffen. Jeder positiven reinen Kraft wird immer eine negative unreine Kraft gegenübergestellt. Vier Welten der ABJA de Kdusha (Reinheit) wurden erschaffen, und ihnen stehen vier negative unreine Welten der ABJA de Tum’a (Unreinheit) gegenüber. In unserer Welt ist der Unterschied zwischen reinen und unreinen Kräften nicht ersichtlich, es scheint, als gäbe es keinen Unterschied zwischen denjenigen Menschen, die spirituell zum Schöpfer aufsteigen, und solchen, die sich nicht spirituell entwickeln.
Wir selbst sind nicht in der Lage, die Wahrheit zu erkennen, ob wir uns weiterentwickeln oder stehen bleiben. Wir können auch nicht bestimmen, ob uns eine gute oder schlechte Kraft leitet. Daher sind Bewusstsein und Gewissheit, dass unsere Wege wahr und richtig sind, äußerst trügerisch, und oftmals mögen wir uns nicht richtig entschieden haben.
Wie können wir echte Fortschritte machen, um das Ziel der Schöpfung und unserer Existenz zu erreichen, wenn wir uns erst am Anfang unserer spirituellen Reise befinden? Wenn wir kein echtes Verständnis von »gut und schlecht« für unsere endgültige Bestimmung und für unser wahres und ewiges Wohlbefinden haben – sondern für eine illusorische und kurzlebige Genugtuung –, wie können wir unseren richtigen Weg in dieser Welt finden?

Die ganze Menschheit wandert verloren umher, erschafft irrtümliche Theorien über den wahren Sinn des Lebens und wie man ihn erreichen kann.

Auch jene unter uns, die sich am Anfang des richtigen Weges befinden, verfügen über keine Richtungsweiser und sind unfähig zu entscheiden, ob unsere Gedanken und Wünsche richtig oder falsch sind.
Ist es möglich, dass der Schöpfer uns erschaffen haben könnte, ohne uns mit irgendeiner Hilfestellung für unseren hoffnungslosen und unlösbaren Zustand auszustatten?
Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass es unvernünftig ist, etwas mit einem klaren Ziel zu erschaffen und danach diesen Prozess in Händen solcher schwachen und blinden Geschöpfe, wie wir es sind, zu überlassen. Sicherlich würde der Schöpfer nicht so gehandelt haben. Also schenkte Er uns wahrscheinlich die Möglichkeit, den richtigen Weg zu finden.
Der richtige Weg ist tatsächlich, wenn man den Glauben über den Verstand setzt.
Auf all unseren Wegen haben wir Misserfolge und lernen, wie wir nicht handeln sollten. Ohne einen ersten Misserfolg haben wir keinen Erfolg bei einer Handlung. Wenn wir das Gefühl der völligen Verzweiflung erreicht haben, brauchen wir den Schöpfer.
Tatsächlich existiert eine sehr wichtige Bestätigung in der Richtigkeit des gewählten Weges, und das ist die Hilfe des Schöpfers! Diejenigen, die den Weg der unreinen und egoistischen ABJA wählen, erreichen ihr spirituelles Ziel nicht, verlieren all ihre Stärke und kommen schließlich an die Grenze zur absoluten Verzweiflung, weil sie des Schöpfers Enthüllung über Sein gesamtes Werk nicht verdienen. Auf der anderen Seite werden jene, die den reinen Welten ABJA folgen, durch Erkenntnis belohnt, und das Verständnis über die gesamte Schöpfung wird ihnen als eine Wohltat vom Schöpfer geschenkt. Diese Menschen sind fähig, den höchsten spirituellen Stand zu erlangen.
Folglich ist dies die einzige Aufgabe in unserer Welt (in unserem Zustand), nämlich zu überlegen, welchen Weg wir einschlagen sollen, wie wir handeln und welche Gedanken wir wählen sollen, um unsere Ziele zu erreichen, ohne Rücksicht darauf, welche Einfälle und Wünsche wir aus der reinen und unreinen Welt von Assija erhalten.

Der Unterschied zwischen denjenigen, die dem richtigen Weg folgen, und jenen, die irren, ist, dass der Schöpfer sich den Erstgenannten enthüllen wird und sie näher zu sich zieht, im Gegensatz zu den letzteren.

Wenn wir also erkennen, dass sich uns die Geheimnisse der Kabbala nicht offenbaren, müssen wir daraus schließen, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige ist. Jedoch Begeisterung, starke Überzeugung und Vorstellung können in eine andere Richtung weisen und uns andeuten, dass wir einen gewissen spirituellen Stand erreicht haben. So ein Ende ist weit verbreitet unter jenen, die sich mit einem Amateurstudium der Kabbala und »mystischen« Philosophien beschäftigen.
Unser gesamter Weg des spirituellen Aufstieges in den Phasen der Welten ABJA kann als ein wechselnder Einfluss von der Kraft beschrieben werden, die von den aufeinanderfolgenden Stadien, in denen wir uns gerade befinden, ausgeht. Jede dieser Kräfte ist durch einen besonderen Buchstaben aus dem hebräischen Alphabet gekennzeichnet. Jeder Buchstabe symbolisiert eine spirituelle Kraft, die für ein bestimmtes Stadium in den Welten ABJA maßgeblich ist.
Aber nur eine Kraft ist fähig, uns zu retten und uns vom Zwang unserer egoistischen Wünsche zu befreien. Diese Kraft ist die Gnade des Schöpfers, bezeichnet als der Buchstabe bet. In den unreinen Welten von ABJA gibt es keine gegenteilige entsprechende Kraft, weil die Gnade ihre Ursache im wahren und einzigen Schöpfer hat, und es kann nichts Gleiches zu Ihm in irgendeiner unreinen Welt der ABJA geben.
Daher existiert die Welt nur durch die Gnade des Schöpfers, und nur Sein Segen vermag den Grad zwischen Gut und Böse zu erleuchten, oder genauer zwischen dem, was einem Menschen Gutes oder Schlechtes bringt. Nur mit Seiner Gnade kann man reine von unreinen Kräften unterscheiden und die unreinen auf dem Weg zum Ende der Schöpfung bezwingen. Eine klare Demonstration davon, ob sich jemand selbst täuschen lässt oder sich wahrhaft in Richtung der spirituellen Welten bewegt.
Jede Kraft im Reich der unreinen Kräfte des Bösen existiert nur, weil sie Unterstützung aus einer entsprechenden Kraft empfängt, die aber der reinen Welt entgegengesetzt ist. Die einzige Ausnahme ist die Kraft aus der Gnade des Schöpfers.
Also konnte diese Welt nicht durch irgendeine Kraft erschaffen werden, sondern nur durch jene, die durch Seine Gnade entsteht.
Ohne sich jemals zu verringern, geht sie von Ihm aus und durchdringt das gesamte Spektrum der Welten und erreicht alle, bis hinunter zur niedrigsten – der unseren. Diese Kraft ist fähig, die Schöpfung zu verbessern, indem sie ihr die Kraft gibt, sich selbst zu verbessern und anzufangen, spirituell aufzusteigen.
Mithilfe dieser Kraft wurde das Universum geschaffen; deswegen kann die unreine egoistische Kraft weder die Kraft schwächen noch zu ihrem eigenen Vorteil benutzen, weil die unreine Kraft nur wirkt, wo die reine Kraft schwach ist.
Daher hilft uns letztendlich die reine Kraft, zwischen reinen und unreinen Gedanken zu unterscheiden, denn sobald unsere Gedanken vom Schöpfer abweichen, verschwindet die Macht der segensreichen Kraft.
Der Klang der Buchstaben (Nekudot) symbolisiert das Ausströmen des Lichts, die Wahrnehmung des Schöpfers. Jede Wahrnehmung des Schöpfers, jedes spirituelle Gefühl ist aus zehn Sefirot gebildet. Angefangen bei der Höchsten Sefira (Keter) entsprechen die Töne folgender Einteilung: 1 – Kamaz; 2 – Patach; 3 – Segol; 4 – Seireh; 5 – Schva; 6 – Cholam; 7 – Chirik; 8 – Kubuz; 9 – Shuruk; 10 – klanglos, entspricht Malchut – die letzte Stufe der Wahrnehmung, die niemals gefüllt werden wird.
Mitunter fühlen wir uns, während wir zum Ziel – dem Schöpfer näher zu kommen – voranschreiten, plötzlich schwach, weil es uns an Wissen aus der Kabbala mangelt und wir unfähig sind, irgendwelche selbstlosen Handlungen auszuführen. Stattdessen sind unsere Gedanken nur mit dem Erfolg in dieser Welt beschäftigt.
Wir werden dann verzweifelt und reden uns ein, dass die Fähigkeit, dem Schöpfer näher zu kommen, nur Menschen mit speziellen angeborenen Kräften gegeben ist, genauso wie Eigenschaften, Gedanken und die dazugehörigen Verlangen für dieses Ziel, und deren Herzen sich nach Kabbala und Selbstverbesserung sehnen.
Aber danach steigen andere Gefühle hoch – das Bewusstsein, dass jeder einen vorbereiteten Platz neben dem Schöpfer hat und jeder früher oder später spirituellen Genuss verdient, indem er sich an den Schöpfer heftet. Wir werden dann aus unserer Verzweiflung herausgerissen, und uns wird bewusst, dass der Schöpfer »allmächtig« ist und den Weg für jeden plant. Dabei weiß Er, was jeder von uns fühlt, und Er führt uns und erwartet unsere Rückkehr zu Ihm, mit dem Wunsch, näher zu Ihm zu gelangen.
Danach erinnern wir uns, wie oft wir uns das schon gesagt haben, aber nichts hat sich geändert. Am Ende bleiben wir tief versunken in unseren Gedanken über unsere jämmerliche Schwäche und unsere Bedeutungslosigkeit.
Später werden wir erkennen, dass uns diese Gefühle vom Schöpfer gesandt wurden, damit wir sie überwinden. Dann fangen wir an, uns mit all unserem zur Verfügung stehenden Willen zu verbessern. Und plötzlich empfangen wir vom zukünftigen Zustand, den wir anstreben.
Das bedeutet, dass das Licht der Zukunft von weit her leuchtet, weil es nicht aus uns leuchten kann, solange unsere Wünsche der egoistischen Natur anhaften. Das Licht (spiritueller Genuss) kann in solche Verlangen nicht eintreten und leuchten (uns erfreuen).

Als Schöpfung sind wir der Inbegriff egoistischer Verlangen und auch als »menschliche Wesen« bekannt.

Auf der anderen Seite ist der Schöpfer weit entfernt von irgendetwas Egoistischem.
Folglich sind das Zurückkehren zum Schöpfer, das Klammern an Ihn und das Gewahrwerden von Ihm ein Ergebnis aus der Gleichheit der Form mit Ihm. Solch eine Rückkehr zum Schöpfer wird »Höhere Rückkehr« genannt. Dies ist der Grund, dass eine Rückkehr zum Schöpfer, eine Verschmelzung mit dem Schöpfer, ein Bewusstwerden des Schöpfers als nichts anderes als ein Zusammentreffen mit Ihm in bestimmten Qualitäten bezeichnet werden kann. Es ist diese Rückkehr zum Schöpfer, die als Teshuva bekannt ist.
Man kann erst sagen, dass solch eine Rückkehr erreicht wurde, wenn der Schöpfer sie Selbst »bezeugt« hat. Was bedeutet dieses Bezeugen? Es sagt, dass man nun die Fähigkeit hat, ständig die Anwesenheit des Schöpfers zu spüren, was möglich macht, gedanklich immer beim Schöpfer zu sein. Auf diese Weise kann man sich selbst vom Verlangen des Körpers losreißen.

Nur wir als Individuen können spüren, ob wir tatsächlich zum Schöpfer zurückgekehrt sind.

Der Zugewinn an Kraft, wenn man den Schöpfer wahrnimmt, befähigt uns allmählich, ganz zum Schöpfer zurückzukehren und die egoistischen Verlangen in altruistische umzuformen. Je mehr »schlechte« Verlangen wir am Anfang des Weges besaßen, desto mehr Selbstverbesserung können wir erreichen, und folglich kommen wir dem Schöpfer umso näher. Deswegen sollten wir unsere schlechten Eigenschaften nie bedauern, sondern nur nach ihrer Korrektur fordern. Wir sollten uns jedes Mal diesem Denken zuwenden, wenn uns Gedanken über unsere Wertlosigkeit kommen.
All diese Gedanken erwachen in uns als eine Folge des Gefühls der Entferntheit vom Schöpfer, und der Schöpfer schickt solche Gefühle zu uns und nicht zu anderen, aber nur wenn wir bereit sind, sie zu empfangen. Andere halten sich selbst nicht für schwach und nehmen ihren Egoismus nicht wahr. Im Gegenteil, sie sind überzeugt, dass sie gerecht sind.
Diese Gedanken werden uns nicht vom Schöpfer geschickt, damit wir leiden oder verzweifeln, sondern vielmehr, um uns anzuspornen, den Schöpfer anzurufen, ihn aufzufordern, uns von unserem Selbst und unserer Schwäche zu befreien.
Jedes Mal, wenn wir uns wertlos und schwach fühlen – nachdem wir die gleichen Gefühle in der Vergangenheit schon erlebt haben –, werden wir uns daran erinnern, dass es nicht notwendig ist, zu diesen Gefühlen des Versagens und der Niederlage zurückzukehren. Wir müssen uns daran erinnern, dass jedes Mal, wenn wir diesen Prozess durchlaufen, wir neuen Korrekturen unterworfen sind, die sich so lange anhäufen, bis der Schöpfer sie selbst zusammensammelt.
All diese negativen Gefühle von uns beziehen sich auf die Entfernung zum Schöpfer, auf die Unzufriedenheit mit unserem spirituellen Weg, unsere Klagen über die vielen festgefahrenen Zustände – wir erfahren all das in dem Maße, wie von uns verlangt wird, das Bewusstsein des Schöpfers und den Genuss, der von Ihm ausgeht, zu verdienen. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem die »Tränenschleusen« aufgehen, und nur durch diese können wir in den Palast des Schöpfers eintreten.
Selbst wenn wir übermannt werden von den kraftvollen Reaktionen und der Sturheit des Egos, sollten wir nicht meinen, dass der Schöpfer uns nicht genügend Kraft gibt, sie zu überwältigen, oder dass wir ohne Talent, Geduld, Gleichmut und gedankliche Schärfe geboren wurden.
Noch sollten wir uns beklagen, dass der Schöpfer uns nicht die geeigneten Bedingungen zu unserer Selbstkorrektur gegeben hat, und wir daher unfähig sind, etwas zu vollenden, was jeder andere hätte tun können. Uns ist auch verboten zu sagen, dass diese Leiden das Ergebnis unserer früheren Sünden sind oder dass es unser Los ist, oder dass unsere Handlungen von einer vorhergehenden Inkarnation zu diesem Zustand geführt haben.
Es ist uns außerdem verboten, die Hoffnung aufzugeben und nichts zu tun, denn wenn wir auch nur die wenige Kraft und Talente, die wir haben, richtig einsetzen, werden wir sehr erfolgreich sein. Wir benötigen jede Eigenschaft, die uns der Schöpfer gab, selbst die geringste, um heute und in der Zukunft unser Ziel zu erreichen: die Korrektur der Seele.
Dieser Prozess ähnelt dem Einpflanzen einer Saat. Wenn sie in fruchtbaren Boden eingesetzt und richtig versorgt wird, dann wird die Saat sprießen, wachsen und Früchte hervorbringen.
Deswegen brauchen wir einen guten Berater und gutes Material (Umgebung), damit all unsere Merkmale sich gut entwickeln und sich ausgleichen, jedes Merkmal mit jedem kombiniert, so dass eine geeignete Beziehung geschaffen wird, die uns hilft, unser Hauptziel zu erreichen. Jede Frage, die in uns auftaucht, wird uns vom Schöpfer gesandt, welcher die richtige Antwort von uns erwartet. Die Fragen des Körpers und des Verstandes, die egoistischen Fragen wie »Wofür?« und »Was gewinne ich damit?«, sie haben nur eine Antwort – eine Antwort, die der Körper nicht versteht: »Es ist der Wille des Schöpfers, dass ich Ihn auf diesem Wege erreichen soll.«
Alle Worte der Kabbala und alle Ratschläge die sie bereithält, beziehen sich nur auf eine Aufgabe: Wie können wir den Schöpfer erreichen und mit Ihm eins werden? All unsere Unzulänglichkeiten stammen von unserer Unfähigkeit, die Größe des Schöpfers zu spüren. Sobald wir begonnen haben, danach zu streben, Ihm näher zu kommen, möchten wir Ihn mit unseren Sinnen erfahren.
Solange wir keinen Schirm (Masach) haben, der das Licht des Schöpfers abhält, ist das unmöglich. Das bleibt so lange der Fall, wie wir keine Gefäße des Gebens besitzen.
Und solange wir keine Gefäße mit dieser Qualität zu schenken haben, sind wir nur in der Lage, den Schöpfer von weit her zu fühlen, was als »umgebendes Licht« bezeichnet wird, das von weit her scheint und noch von den Eigenschaften des Schöpfers entfernt ist.
Das Umgebende Licht ist immer größer als das innere Licht, das mit der Hilfe des Schirms gewonnen wird, weil man bestimmte altruistische Qualitäten besitzt. Das Umgebende Licht ist der Schöpfer Selbst, während das innere Licht (die Seele) nur der »Teil« des Schöpfers ist, den ein Einzelner erwerben kann, nachdem er seine Eigenschaften zu einem bestimmten Grad verbessert hat.
Wie können wir das Licht des Schöpfers empfangen, wenn wir unsere Gesinnung noch nicht erneuert haben? Die Antwort ist einfach: nur durch Intensivierung der Lichtstärke des Umgebenden Lichts. Mit anderen Worten, wir werden das nur erreichen, wenn wir die Herrlichkeit und die Wichtigkeit des Schöpfers in unseren Augen vergrößern mit der Sehnsucht, den Schöpfer als die Quelle der ganzen Existenz und allem, was es gibt, zu spüren. Wir müssen verstehen, dass alles, was uns widerfährt, Handlungen von Gott sind, und dass es nichts anderes in der Welt gibt als Ihn.
Alle unsere Anstrengungen sollten konzentriert sein auf: nicht zu denken, was uns widerfährt, geschieht durch Gelegenheiten oder Schicksal oder eine Folge von früheren Handlungen oder dem Willen von anderen. Wir müssen uns bemühen, den Schöpfer nicht zu vergessen.
Unter keinen Umständen sollten wir irgendwelche Textabschnitte aus der Bibel (Die Fünf Bücher Moses) gemäß unserer eigenen Vorstellung interpretieren, sowie Beschreibungen von Ereignissen an Ereignisse aus unserer eigenen Welt anpassen.
Wie ich zum Beispiel in vorherigen Büchern geschrieben habe, ist der in der Bibel erwähnte »böse Lavan« die höchste Stufe der Seele, gefüllt mit dem Licht des Schöpfers. »Pharao« ist ein Symbol unseres totalen Egoismus.
Ein anderes Beispiel können wir in der Bibel finden, wo berichtet wird, dass ein bestimmter Mensch namens Ptachia in eine Stadt kommt und um sich herum leere Menschen schart, welche mit ihm in die Wüste gingen. Der Name Ptachia kommt vom Verb »liftoach« (öffnen) – ein Mensch, der den Menschen die Augen öffnet. Er versammelte all diese »leeren« Menschen um sich – Menschen, welche die Leere in ihrem Leben spürten. »Er nahm sie aus der Stadt mit in die Wüste« – er öffnete die Wüste in ihrem Leben mit der Absicht, so wie es in der Bibel geschrieben steht: »Lech acharai ba Midbar«. »Lech« (Geh) sagte der Schöpfer zu den Menschen, »acharai ba Midbar« (mir nach in die Wüste) – mit dem Gefühl, dass dein Leben ohne die Wahrnehmung des Spirituellen wie eine Wüste ohne einen Tropfen Wasser ist, damit ein kleiner Funken von Erlösung aus dem Gefühl der Leere dir wie eine »frische Quelle für deine erschöpfte Seele« erscheint.
Ein weiteres Beispiel ist in der Pessach Haggada, der Geschichte vom Auszug aus Ägypten, zu finden, von der spirituellen Gefangenschaft des Pharao – unserem Egoismus. »Pharao stirbt« – letztendlich sieht der Mensch, dass der Egoismus nicht gut für ihn ist, weil er ihn umbringt und ihn zwingt, ihm sein ganzes Leben lang zu dienen. Dieses Prinzip »stirbt« nun in seinen Augen. Und solange er nicht bemerkt, dass sein Egoismus der einzige Feind ist, denkt er, dass sein Leben und seine Knechtschaft in Ägypten (die Gefangenschaft im Verlangen des Körpers) ein guter und vorzuziehender Zustand ist. Und selbst danach schreit er von Zeit zu Zeit (während eines spirituellen Absturzes) nach »Tellern mit Fleisch und Brot«, wovon er in Ägypten im Überfluss hatte, was seinem Egoismus diente.
Solange der Pharao (der Egoismus im Herzen eines Menschen), der König (welcher über alle Gedanken und Wünsche eines Menschen herrscht) von Ägypten noch am Leben war, diktierte er gegen den Willen des Menschen all seine Wünsche und Handlungen. Dieser Mensch, so wird gesagt, befindet sich »im Exil (Gefangenschaft) von Ägypten«, gefangen von mannigfaltigen egoistischen Wünschen (Mizraim stammt vom Wort Miz-Ra – »Konzentration des Bösen«).
Wir selbst sind unfähig zu verstehen, dass unsere Natur, von der wir beherrscht werden, schlecht ist. Und das ist nur so lange der Fall, wie der Schöpfer noch nichts Gutes für den Menschen geschaffen hat »Und siehe, Pharao starb.« Er lässt uns solche Lebenserfahrungen machen, die uns erlauben zu erkennen, dass unser Egoismus unser Feind ist. Nur dann wird das Symbol des Bösen sterben, und wir werden spüren, dass wir unfähig sind, wie zuvor zu leben, nämlich umsonst zu arbeiten.
Und »die Söhne Israels stöhnten über ihre Gefangenschaft und riefen aus« – sie taten dies erst, nachdem sie feststellten, dass sie nicht fähig waren, sich ohne einen egoistischen Nutzen zu bewegen und sie noch keine spirituelle altruistische Natur erworben hatten. »Und ihr Schrei nach Hilfe aus ihrer Gefangenschaft stieg auf zu Gott, und Gott hörte unsere Stimme« – das passiert erst, wenn der Schrei wirklich aus der Tiefe der Seele kommt, und das ist nur möglich, wenn der Mensch die äußerste Grenze der Geduld und des Leidens erreicht hat.
Erst dann schickt der Schöpfer Hilfe, und die Hilfe kommt immer unerwartet. Man kann nie im Voraus wissen, welche Träne die letzte sein wird; alle Tränen sollen so vergossen werden, als seien es die letzten. So wie die Hilfe vom Schöpfer – »Jeshuat haShem keheref Aj’in« –, sie erscheint plötzlich und immer unerwartet!
Der Sohar wird von vielen als moralische Lehre, basierend auf der Kabbala, angesehen, weil er in der Sprache der Gebote geschrieben ist, und vorschreibt, was der Einzelne tun sollte. Es ist offensichtlich, dass aus einer solchen Sichtweise heraus die Menschen versucht sind, sein mystisches, verhülltes Wesen zu verleugnen.
Die Autoren des Sohar haben dieses Buch, in dem es nur um Kompositionen und Handlungen der spirituellen Welten geht, in einer vorsätzlichen, akademischen und legalistischen Sprache geschrieben. Die Absicht war, dem Leser keinen Zweifel am Verständnis zu lassen, dass der Hauptzweck von Kabbala nicht die Weisheit selbst, sondern der »Geber der Weisheit« ist. In der Tat ist es so, dass die Hauptaufgabe der Kabbala und der spirituellen Gesetze darin besteht, unseren Bedarf am Schöpfer zu entwickeln und für uns zu wünschen, dass wir uns Ihm im Hinblick auf die Eigenschaften der Seele annähern können.
Alle Hindernisse, denen wir auf dem Weg zum Schöpfer in der Absicht, ins spirituelle Reich einzutreten, begegnen, sind eigentlich Zeichen der Annäherung zum Schöpfer, zum Tor des Spirituellen. Das ist so, weil nichts weiter vom Schöpfer entfernt ist, als dass wir nicht über die Existenz des spirituellen Reiches nachdenken oder wir unfähig sind, diese Erfahrung zu wünschen.
Wenn wir uns vom spirituellen Reich entfernt fühlen, ist das so, weil der Schöpfer uns unseren wirklichen Zustand gewahr werden lässt; auf diesem Wege erwacht in uns das Verlangen der Nähe zu Ihm. Wenn diese Gefühle der Distanz zum Schöpfer in uns nicht erwachten, würden wir niemals eine Chance haben zu beginnen, uns Ihm zu nähern. Deswegen sind Gefühle der Distanz ein Zeichen dafür, dass wir anfangen, uns anzunähern.
Und so geht es den ganzen Weg des Fortschreitens zum Schöpfer: Wir erfahren konstant alle möglichen Hindernisse. In Wirklichkeit sind diese Hindernisse nichts anderes, als dass uns der Schöpfer dabei hilft, Gefühle des Ärgers und der Unzufriedenheit mit unserem jetzigen Zustand zu erwecken, um uns dazu zu bringen, Ihn anzurufen, damit Er uns ändern möge.
Alle Hindernisse, die wir überwinden müssen, um dem Schöpfer näher zu kommen, sind notwendig, um uns daran zu gewöhnen, dem Weg der Trennung zu folgen – unseren Egoismus und die Abtrennung vom Schöpfer anzuerkennen. Dennoch sollten diese Wahrnehmungen unsere Handlungen nicht wirklich ändern. Stattdessen sollten wir im Voraus anerkennen, dass dieses Gefühl unseren wahren Zustand enthüllt, und dass der vorhergehende Zustand nicht besser war, als es der jetzige ist, obwohl es zu diesem Zeitpunkt kein Bewusstsein für diese Tatsache gab.
Und so geht es weiter, bis wir aufhören, uns auf unsere Sorgen hinsichtlich unseres Zustands zu fokussieren und sie mit Gedanken und Verlangen ersetzen, die sich auf ein einziges Verlangen konzentrieren: sich nur darum zu kümmern, wie der Schöpfer auf uns schaut. Das Verlangen sollte alle unsere Handlungen und Gedanken bestimmen. Und was der Schöpfer in uns zu sehen wünscht, wird klar, sobald man Kabbala studiert und der Richtung der spirituellen Gesetze mit der Absicht folgt, das ultimative Ziel zu erreichen. Dann werden alle Gesetze ein Werkzeug zur Vereinigung mit dem Schöpfer.
Bis wir beginnen, all unsere Taten und Gedanken gegenüber den Wünschen des Schöpfers zu messen, messen wir eigentlich all unsere Taten gegenüber den Wünschen anderer, die versuchen, uns ihren Willen aufzuzwingen und so unsere Handlungen und Gedanken bestimmen. Entweder sind wir von anderen beeinflusst, die unser Verhalten und unsere Taten bestimmen, oder unsere Handlungen und Gedanken werden vom Willen des Schöpfers diktiert. Niemals können wir in absoluter Freiheit handeln.
Die Verhüllung des Schöpfers ist zu unserem Vorteil gedacht. Sowie in unserer Welt jedes Objekt, das nicht voll erforscht ist, uns mehr anzieht als ein Objekt, das sorgfältig überprüft ist, so können wir nicht auf die Verschleierung der spirituellen Welt verzichten, um uns zu veranlassen, das Verlangen zu schüren, den Sinn der Wichtigkeit für ein Verständnis der spirituellen Welt zu erreichen.
Wir sind niemals wirklich fähig, die Großartigkeit des Schöpfers und die spirituellen Welten zu begreifen, die schrittweise die Enthüllung des Schöpfers darstellen. Aber genau nach Seiner Verhüllung oder nach dem Ausmaß des Gespürs, das uns der Schöpfer für die Verhüllung und Distanz verleiht, wird unser Verlangen, den Schöpfer wahrzunehmen, emporsteigen, ebenso wie es auch wichtig ist, danach zu streben, das Verhüllte zu verstehen.
Andererseits ist der Grad der Verhüllung bestimmt durch das persönliche Bedürfnis, das Verborgene zu erreichen. So wird einem allmählich bewusst, wie wichtig es ist, das Verhüllte zu erlangen, bis man beginnt, sich vom Objekt seiner Begierde distanziert zu fühlen.
Der Weg, das Verborgene durch die Kabbala zu erlangen, kommt keiner Erfahrung auf dieser Welt gleich. Wenn ein Mensch zum Beispiel geehrt wird, füllt sich dessen Ego und verursacht der Seele folglich großen Schaden. Der Schaden wird für so maßgeblich eingeschätzt, dass prominente rechtschaffene Menschen, die immense Popularität und Anhänger gewinnen, solch eine Berühmtheit eigentlich für eine Bestrafung vom Schöpfer halten.
Auf der anderen Seite gibt es jene Großen, welche der Schöpfer beschützen will, so dass sie nicht den geringsten Teil ihrer spirituellen Stufe verlieren. Zu ihnen sendet der Schöpfer nicht nur Anhänger, sondern auch solche, die sie hassen, beneiden, sich ihren Ansichten entgegenstellen und immer bereit sind, sie zu vernichten. So gleicht der Schöpfer Preis und Ehre der Berühmtheiten mit dem Leiden aus, das sie von ihren Kritikern erfahren.
Es ist schwer für jemanden, Gedanken und Handlungen in die richtige Richtung zu lenken, wenn er noch nicht in das spirituelle Reich eingetreten ist und die spirituelle Kraft und Verlangen noch nicht wahrnimmt. Im Gegensatz dazu ist es für einen Menschen leicht und natürlich, sich gemäß der Natur der spirituellen Welt zu verhalten, wenn er die spirituelle Stärke erreicht hat und ins spirituelle Reich eingetreten ist und sich dadurch ein höheres Naturell erwirbt.

Während des spirituellen Falls verschwinden alle vorhergehenden spirituellen Errungenschaften.

Der Wille, dem Schöpfer zu dienen, sich mit Ihm zu vereinen, der Wille mit sich selbst zu kämpfen und in dem Zustand des spirituellen Aufstiegs zu bleiben, all dieses verschwindet. Selbst die Erinnerung an die spirituellen Errungenschaften verschwindet sowie das Bewusstsein, dass ein Verlangen nach spirituellem Aufstieg existieren kann. Man fühlt in jenen Zeiten, dass, wenn diese Dinge wirklich existieren, diese nur mit erhabenen und würdevollen Gedanken erhalten werden, während man sich selbst vor den vielseitigen geringfügigen und kleinsten Vergnügen dieser Welt schützt. Doch die Mehrheit der gewöhnlichen Menschen, zu denen man sich in diesen Zeiten rechnet, haben neben den spirituellen Sehnsüchten ganz andere Sorgen und Ziele in dieser Welt. Und so wird man sich fragen: Wie kann ein einfacher Mensch, wie ich es bin, nur davon träumen, ein Bündnis mit dem Schöpfer, geschweige denn eine enge Bindung mit Ihm zu haben? Diese Möglichkeit erscheint absurd und sehr weit weg.
In diesen Augenblicken heißt es: »Wo du die Großartigkeit des Schöpfers findest, findest du auch Seine Bescheidenheit«, weil der Schöpfer jedem in Seiner Schöpfung die Chance gibt, sich mit Ihm zu vereinen. Und nach einer gewissen Zeit, wenn jene, die entmutigt waren, spirituell wieder aufsteigen, dürfen sie den Zustand des moralischen Niedergangs nicht mehr vergessen, so dass sie wirklich den hohen spirituellen Zustand nach der Einheit mit dem Schöpfer anstreben – das persönliche, individuelle Geschenk vom Schöpfer würdigen. In dem Fall wird es nicht mehr nötig sein, diesen Zustand des spirituellen Niedergangs jemals wieder zu erfahren, weil durch konstantes Arbeiten am Selbst, durch die Erhebung von Glauben über den Verstand, durch Lernen und die Beachtung von Geboten hinsichtlich der Reihenfolge von Handlungen und Gedanken, ein Mensch ein spirituelles Gefäß für einen allmählichen spirituellen Aufstieg erschafft.

Der Weg der Kabbalah

Der wünschenswerte Weg des spirituellen Aufstiegs ist der Weg der Kabbala. Der Weg des Leidens erwartet uns nur dann, wenn uns kein anderer Weg zur Vollkommenheit antreibt.
Wie schon früher erwähnt ist der Weg der Kabbala eine jedem von Oben gegebene Gelegenheit, in uns selbst einen Wunsch zu schaffen, der für das spirituelle Wachstum notwendig ist, dargestellt durch spirituelle Aufstiege und Abstürze, dass das spirituelle Licht Genuss und seine Abwesenheit Leiden ist. Auf diese Weise fangen wir an, uns nach dem Licht und dem spirituellen Aufstieg und der Wahrnehmung des Schöpfers zu sehnen. Ohne zuerst das Höhere, Spirituelle Licht zu empfangen und dann wieder zu verlieren, können wir allerdings keinen Wunsch nach Licht verspüren. Je größer das anfängliche Licht ist, das uns der Schöpfer schickt und das uns dann wieder weggenommen wird, desto größer wird unser Wunsch sein, das Licht erneut zu empfangen.
Dieser Weg ist bekannt als der Weg der Kabbala oder der Weg des Lichts. Demgegenüber gibt es auch den Weg des Leidens: Wenn einer nach einem Weg sucht, vor seinem andauernden unerträglichen Leiden in diesem Leben zu fliehen, statt sich zu wünschen, verlorenen Genuss wiederzuerlangen. Mit dem Weg der Kabbala erwacht ein Verlangen nach der Füllung mit spirituellem Licht als eine belebende Quelle der Erlösung. Letztendlich führen beide Wege zu einem Ziel – der eine zieht durch den Genuss und die Vollkommenheit, die vor einem liegen, und der andere schiebt von hinten, treibt an, vor dem Leid zu fliehen.
Um einen Menschen zu befähigen, externe und interne Empfindungen zu analysieren, sind ihm zwei Möglichkeiten der Wahrnehmung gegeben: bitter und süß – Erkenntnis mit dem Herzen, und wahr und falsch – Erkenntnis mit dem Verstand.
Spirituelle Errungenschaft kann nicht vom Herzen gewürdigt werden, weil sie absolut gegensätzlich zur Natur des Herzens ist. Deswegen werden spirituelle Erfahrungen immer als bitter wahrgenommen, während andere menschliche Genüsse als süß wahrgenommen werden. Aus diesem Grund wird das Arbeiten an der Umkehrung der Verlangen in einem selbst als Arbeit des Herzens bezeichnet.
Das Arbeiten des Verstandes ist von gänzlich anderer Natur, weil wir uns nicht auf unseren Verstand und unsere Logik verlassen können, um die Ereignisse, die um uns herum stattfinden, zu analysieren. Auf diese Weise sind wir gezwungen, unserem eigenen Willen zum Trotz, uns auf den egoistischen, natürlichen Verstand zu verlassen. Wir sind unfähig, uns von ihm zu lösen, weil jeder von uns vom Allmächtigen so geschaffen ist.
Aus diesem Grund gibt es nur einen Weg: Sich vollkommen von der typischen Neigung abzuwenden, das Umgebende zu analysieren, und stattdessen den Ratschlägen der Weisen zu folgen, die in den Büchern der Kabbala ausgelegt und von Lehrern erklärt werden, welche die Stufe des spirituellen Bewusstseins erreicht haben.
Wenn wir fähig sind, mit Hilfe des Schöpfers auch nur den kleinsten Versuch zu unternehmen, durch Glauben zu analysieren, statt mit dem Verstand und mit unserem Herzen die Bitterkeit des Egoismus zu unterscheiden, bekommen wir sofort ein spirituelles Verstehen über die erreichte Stufe, die beides umfasst, das spirituelle Licht und die Kraft (Schirm).
Dann enthüllt der Schöpfer den nächstniedrigeren Stand des Egoismus, der zuvor verdeckt war, denn wenn wir auf Anhieb das ganze Ausmaß unseres Egoismus begreifen würden, würden wir nicht die Kraft haben, ihn zu überwinden. Stattdessen würden wir angesichts der übergroßen Aufgabe, die vor uns liegt, sicherlich mutlos werden. Wir sollten jedoch erkennen, dass dieses gewaltige Ego von Anfang an in uns steckt, allerdings verdeckt, und es enthüllt sich allmählich, sobald der Schöpfer uns die Fähigkeit und Kräfte dazu gibt, es zu korrigieren.
Das ist der Grund dafür, warum jene, welche auf den spirituellen Stufen aufsteigen, allmählich ihren eigenen Verstand überwinden, sich zusehends mehr verwirrt und unklar fühlen in Bezug auf die Führung der Weisen in den kabbalistischen Büchern und den kabbalistischen Lehren. Aber in dem Maße, wie wir die Bedeutung unseres eigenen Verstehens verringern, wird uns ein höheres Verstehen gewährt. Zu guter Letzt, statt durch Abwendung von der egoistischen Logik der Welt noch mehr verwirrt zu werden, werden wir unvergleichlich weiser.
Auch wenn wir noch nicht das höhere Verständnis erreicht oder unseren Weg der Beurteilungen geändert haben, fangen wir an, die Süße von altruistischen Gedanken zu fühlen, anstelle der Bitterkeit, oder wenn wir noch nicht angefangen haben, die Wahrheit des Glaubens zu sehen im Vergleich zur Falschheit des Intellekts, welcher an unsere Welt gebunden ist, können wir durch eine verbesserte Methode der Beurteilung weiter voranschreiten, die wir von unseren Lehrern vermittelt bekommen, indem wir ihren Beispielen in allen Dingen zuhören und folgen.
Darin liegt der Rat unserer Weisen: Wenn nur ein einziger Kabbalist, der das wahre spirituelle Verständnis im Verstand und Herzen besitzt, die Menschheit führt, kann jeder das Ziel der Schöpfung erreichen, und zwar nicht auf dem Weg des Leidens, sondern auf dem leichten und schmerzlosen Weg der Kabbala! Andererseits werden Unglück und regelmäßiges Versagen unser Los sein, wenn diejenigen, die auserwählt wurden, diesen Weg zuerst zu beschreiten, mit denen der Schöpfer alle Forderungen erreichte und von denen das Meiste erwartet wird, als ihre Führer wiederum solche wählten, die nicht Seine Höhere Absicht erkannten oder die Gestaltung Seines Herrschaftsbereichs.
Nur während Kriegen, Katastrophen und anderen großen Unglücken, wenn es den Anschein hat, dass unsere Probleme unlösbar sind, können wir alle die Hand des Schöpfers und Seine Hilfe klar erkennen. Aber das bricht nur in kritischen Momenten durch, in denen wir uns selbst finden, weil wir uns weigern, uns kabbalistisches Wissen anzueignen, um die göttliche Fürsorge in unserer Welt anzuerkennen.
Warum werden Menschen mit unterschiedlichem Leistungsvermögen geboren, die feinen Kräfte um uns herum wahrzunehmen, sowie mit unterschiedlichem Denkvermögen, die Dinge der Natur klug und logisch zu verstehen? Und wessen Fehler ist es, dass die Menschen nicht alle wie Genies auf die gleiche Art und Weise geschaffen worden sind, mit tiefen Gedanken und tiefen Emotionen? Warum ist es so, dass wir, wenn wir geboren werden, vom Schöpfer ungleiche mentale und spirituelle Wünsche und Fähigkeiten erhalten?
Diejenigen, die mit starkem Bestreben, einem großen Herzen und scharfem Verstand geboren sind, werden in der Bibel als »die Intelligenten « bezeichnet, weil sie befähigt sind, die höchste Stufe des Verstehens zu erlangen.
Auf der anderen Seite werden jene, die mit einem begrenzten mentalen und spirituellen Denkvermögen geboren werden, in der Bibel als »unverständige Menschen« bezeichnet.
Aber weil jede Seele mit ihrer eigenen speziellen Aufgabe in diese Welt »herabgestiegen« ist, braucht sich niemand für seine ihm zugeteilte Neigung, mit der er geboren worden ist, zu schämen. Noch sollten wir uns für unsere schlechten Gedanken schämen, weil sie uns ebenfalls vom Schöpfer gesendet werden.

Allerdings sollten wir besonders darauf Acht geben und uns bewusst sein, wie wir auf die schlechten Gedanken reagieren, ob wir gegen sie ankämpfen oder ihnen blind folgen, ob wir uns selbst korrigieren – jeder nach seiner Fähigkeit, mit der er geboren worden ist, und was wir hinsichtlich unserer eigenen Korrektur tun.

Es ist so, dass ein jeder von uns sich schämen sollte und dass ein jeder sich vor dem Schöpfer verantworten muss. Doch wie kann ein dummer Mensch spirituelle Höhen erklimmen? Der Schöpfer sagte: »Ich habe die Weisen geschaffen und die Unverständigen. Und ich habe die Weisen in jede Generation eingesetzt, um den Unverständigen zu helfen, so dass sie ihr Herz an jene heften, welche aufsteigen, so können auch sie eine vollkommene Vereinigung mit mir erreichen.«
Warum werden unverständige Menschen in dieser Welt gebraucht? Verglichen mit den wenigen Weisen, ist die Welt buchstäblich überschwemmt mit Unverständigen! Der Grund liegt darin, dass jede spirituelle Eigenschaft einen eigenen separaten Träger braucht. Die Menschen mit begrenzter spiritueller Kapazität sind die Träger des Egoismus. Die Weisen, auf der anderen Seite, die sich wünschen, unendlich in ihren Diensten für den Schöpfer aufzusteigen und ihren eigenen Egoismus schon korrigiert haben, müssen den Unverständigen beim Arbeiten an ihrem Egoismus helfen.

Um fortwährend aufzusteigen, müssen die Weisen andauernd fremden Egoismus absorbieren und korrigieren. So brauchen sie sich gegenseitig, der Unverständige und der Weise.

Aber weil die Masse den Weisen nur ihren eigenen geringfügigen Egoismus, bestehend aus Verlangen für die winzigen vorübergehenden Vergnügen dieser Welt, geben kann, gibt es für jeden weisen Menschen in dieser Welt Milliarden von Unverständigen.
Nichtsdestotrotz, wenn die Unverständigen gemäß den Anweisungen der Weisen handeln, bewusst den Weisen in allem, was sie tun, folgen, kann jeder das Ziel seiner Existenz erreichen: vollkommene Einheit mit dem Schöpfer.
Obwohl die spirituelle Arbeit der Erhebung des Altruismus über den Egoismus innerhalb des Herzens ausgetragen wird, während die Erhebung des Glaubens über die Behauptungen des Intellekts innerhalb des Verstandes ausgetragen wird, sind beide abhängig von unserer Zurückstellung des Intellekts, welcher uns bei der Geburt mitgegeben wurde sowie der Ablehnung von Selbstgefälligkeit und Selbstbestätigung.
Dies ist so, weil man es auch während der Arbeit in Richtung des altruistischen Ziels vorzieht, zu sehen und zu wissen, wem man gibt und wer die Früchte der Arbeit empfängt – in so einem Fall hat man nichts als den Glauben an die Existenz des Schöpfers und den Glauben, dass Er die Früchte der Arbeit akzeptiert.
Hier finden wir eine Idee von der Einheit des Schöpfers, gemäß dem Prinzip: »Es existiert nichts außer dem Schöpfer.« Wir müssen den Schöpfer als den Einen begreifen, der alles aussendet, was wir in unserem Verstand wahrnehmen, uns in eine bestimmte gedankliche Bahn bringt, die uns wiederum zu bestimmten Entscheidungen und Lösungen führen. Erst nachdem wir all das oben Genannte bestätigen, können wir eine geeignete Ansicht auf alles sich Herausstellende gewinnen. Dann können wir unsere Verlangen und Gedanken gemäß der Struktur des Schöpfers korrigieren.
Die Kabbala in ihrer Gesamtheit konzentriert sich nur auf den Schöpfer und Seine Handlungen. Aus diesem Grund wird Kabbala nach den Namen des Schöpfers benannt. Ähnlich einem Namen, der sich auf das Wesen eines Einzelnen bezieht, so ist jedes Wort der Kabbala ein Name des Schöpfers, weil er Seine Handlungen ausdrückt und abbildet, was Er uns zu jedem Augenblick sendet.
Kabbala spricht über uns als einen Teil des Schöpfers, den Er selbst von sich entfernt hat, indem Er ihn mit Egoismus ausgestattet hat. Aus diesem Grund ist unsere Seele aus zwei gegensätzlichen Teilen aufgebaut. Der erste davon ist der göttliche Teil, welcher sein eigenes Verlangen aufweist, den Schöpfer wahrzunehmen (in einigen von uns), er veranlasst die Menschen, sich auf die Suche nach Spirituellem zu machen, mit der Absicht, sich innerlich zu füllen. Zur gleichen Zeit ist es so, dass die Vergnügen, die von anderen um uns herum verfolgt werden, nicht mehr länger diejenigen zufriedenstellt, die auf der Suche nach der spirituellen Erfüllung sind. Der zweite Teil der Seele ist die extra geschaffene egoistische Natur, welche die Menschen im vollsten Umfang erleben: das Verlangen, alles zu besitzen, alles zu wissen, alles zu tun, das Ergebnis von allen ihren Handlungen zu sehen, um einen Teil von sich selbst in allem, was sie umgibt, zu sehen.
Der egoistische Teil einer Seele ist der einzige Teil, der geschaffen wurde, weil der altruistische Teil der Seele ein Teil des Schöpfers selbst ist. Einmal Sein Verlangen aus Ihm selbst herausgenommen und mit dem Egoismus bekleidet, entfernt Er diesen Teil von Sich Selbst und er wird die Seele, eine Schöpfung getrennt von Ihm. Die Seele wird als die Schöpfung betrachtet, weil sie einen Teil von etwas Neuem beinhaltet – ihren Egoismus –, eine Qualität, die vorher nicht existierte, so wie nichts dieser Art innerhalb des Schöpfers existiert.
Es ist der Begriff der Seele, die aus einem Teil des Schöpfers besteht und einem Teil des neu geschaffenen egoistischen Gefühls, »alles in sich selbst zu empfangen«, mit dem sich die Kabbala beschäftigt. Es ist die Seele anstatt des Körpers, worum es in der Bibel geht, weil der Körper, bestehend aus Fleisch und Knochen, so wie das Fleisch und die Knochen der Tiere ist, sein Ende ist der Verfall und die Rückkehr zu den Elementen dieser Welt.

Wir empfinden uns selbst als Körper, weil wir unsere Seele nicht wahrnehmen.

Aber sobald wir anfangen, die Seele wahrzunehmen, verringert sich der Sinn für den physikalischen Körper, seine Verlangen und seine Leiden, wenn sich die Seele mehr und mehr durchsetzt. Wenn wir weiter auf dem spirituellen Pfad vorwärts schreiten, fühlen wir nicht die Verlangen des Körpers, weil wir allein der Seele unsere Beachtung schenken – dem Teil des Schöpfers in uns.
Deswegen fängt der Körper an, die spirituellen Verlangen zu repräsentieren, anstelle der Verlangen des Fleisches und der Knochen, die man fast nicht mehr spürt.
Die Bibel erzählt uns nichts über unseren physikalischen Körper, der Masse des Fleisches und der Knochen, sondern von den zwei Bestrebungen der Seele – von dem Verlangen des göttlichen Teils, den Schöpfer wahrzunehmen und sich mit Ihm zu vereinen, und dem Verlangen des egoistischen Teils in Richtung Selbstbestätigung, Selbstzufriedenheit und die Wahrnehmung von einem selbst anstatt des Schöpfers.
Beide dieser Bestrebungen werden in der Kabbala als »der Körper« bezeichnet. Das bezieht sich auf beide, den egoistischen und den physischen Körper, zum Beispiel den Körper unserer Welt, denn nur unsere Welt ist charakterisiert durch das Ego, und die spirituellen Körper charakterisieren die spirituelle Welt, weil altruistische Verlangen die Verlangen des Schöpfers sind.
In allen Belegstellen beschreibt die Bibel, wie unsere Seelen von verschiedenen Einstellungen und Umständen beeinflusst werden. Sie handelt auch von unseren Verlangen, darauf abzielend, wie der Schöpfer sie verändert und wie sie jeder von uns verändern kann, oder besser, wie wir Ihn darum bitten können, sie zu ändern, weil wir selbst nicht dazu in der Lage sind.
Aber die Hauptherausforderung für Anfänger ist, die Willenskraft aufrechtzuerhalten und sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass trotz der vielfältigen Gedanken und Verlangen, die uns beeinflussen, alles vom Schöpfer kommt; all die Gedanken und Verlangen, so großartig verschieden und manchmal so niedrig, sind vom Schöpfer gesandt. Der Schöpfer verfährt so, damit der Einzelne trotz aller Hindernisse beharrlich die Bindung mit dem Schöpfer aufrechterhält, durch Bewahrung des Glaubens, dass all diese Gedanken und Verlangen vom Schöpfer gesandt wurden. Deswegen sollte der Widerstreit mit ihnen unseren Glauben stärken, dass alles vom Schöpfer ausgeht. Sowie wir diese Überzeugung in uns stärken, können wir eine Stufe erreichen, dass dieses Gefühl andauernd in uns gegenwärtig ist, trotz der immer größer werdenden Hindernisse, die uns vom Schöpfer gesandt werden. Sie sind dafür vorgesehen, dieses absolute Gefühl weiter zu verstärken. Dann wird unser konstanter Glaube an die Allgegenwärtigkeit des Schöpfers mit dem Gefühl Seiner Gegenwärtigkeit in uns kombiniert, und der Schöpfer wird in uns »gekleidet« sein, all unsere Gedanken und Verlangen bestimmend. An diesem Punkt werden wir ein Teil vom Schöpfer.
Wir müssen zu der Erkenntnis gelangen, dass das absolute Gefühl, entfernt vom Schöpfer zu sein, gerade das Material ist, mit welchem wir fähig sind, den Schöpfer wahrzunehmen. Diese zwei Sinne werden in der Kabbala als Kli (Gefäß) und Or (Licht) bezeichnet. Der erste von ihnen ist das Verlangen, den Schöpfer zu erfahren, welcher allmählich in uns geboren wird, während wir Hindernisse (Gedanken und Verlangen) erleben. Dieser lenkt uns absichtlich vom Gedanken des Schöpfers und Seiner Einheit ab und vergrößert unsere Kraft des Glaubens, indem er unsere Willenskraft beeinflusst, und das bringt unsere Gedanken zum Schöpfer zurück. Licht ist die Antwort auf unsere Verlangen, die Wahrnehmung des Schöpfers zu erlangen. Wenn der Schöpfer sich Selbst in dieses Verlangen des Menschen kleidet, tritt das Licht in das Gefäß ein, und das spirituelle Wachstums erfolgt so, dass in einem Menschen das Verlangen nach Spiritualität nur unter der Wirkung des Lichts erwacht, zur Wahrnehmung des Schöpfers, zur Notwendigkeit, sich selbst zu entdecken, zur gewaltigen Empfindung des Lebens, zur Inspiration, die sich aus der Annäherung an das spirituelle Gefühl, dem Gefühl der Ganzheit ableitet.
Aber dann wird der Einzelne beständig von fremden Gedanken heimgesucht. Durch ihren Einfluss beginnt ein Abstieg von der Stufe, die man erreicht hat, zurück zu der Stufe der ordinären Verlangen und Gedanken. Und dann fängt man nach einer gewissen Zeit an, diese vergänglichen und unbedeutenden Sorgen und Gedanken zu bereuen.
Dies bringt wiederum Bitterkeit und Ärger über uns selbst und manchmal über den Schöpfer, der den Menschen solche Gedanken und Verlangen schickt, die diese vom Spirituellen abbringen. Es ist eine Antwort auf das bittere Gefühl der Reue über den eigenen spirituellen Zustand, wenn man von Oben das Licht empfängt, das Gefühl der Annäherung an den Einen über uns. Und dann steigt die Bereitwilligkeit, alles für das Gefühl des Schöpfers aufzugeben, für das Gefühl der Sicherheit, des Selbstvertrauens, die Ewigkeit, die man fühlt, wenn man der Ewigkeit und Vollkommenheit näherrückt, veranlasst durch den Schöpfer.
Von diesem Moment an verschwindet die ganze Scham der früheren Gedanken, zusammen mit der Furcht vor allem in dieser Welt.
Wenn ein Mensch die Seele als Teil des Schöpfers und deswegen als unsterblich wahrnimmt und mit dem Schöpfer in allem übereinstimmt und alles rechtfertigt, was der Schöpfer mit Seiner Schöpfung macht, und er bereit ist, seinen eigenen Intellekt zu verleugnen, um seinem Schöpfer zu folgen, dann ist er vom Licht des Schöpfers erfüllt und wird ein treuer Diener seiner spirituellen Wahrnehmung.
Aber noch einmal, nach einer gewissen Zeit, wird man von einem fremden Gedanken heimgesucht. Und so allmählich, nach vielen Zyklen von störenden Gedanken und spirituellen Aufstiegen, steigt ein sicheres Gefühl spiritueller Notwendigkeit empor, so dass man letztendlich das immer anwesende Licht des Schöpfers erreicht.
Rabbi Baruch fragte einmal seinen Großvater, den Baal Shem Tov: Es ist bekannt, dass in früheren Zeiten jene, die das Verlangen hatten, den Schöpfer zu erleben, sich ständig damit beschäftigten, sich selbst in alle Richtungen einzuschränken, aber du hast dies annulliert gemäß der Aussage, dass jeder, der freiwilligen Entbehrungen zustimmt, die spirituellen Gesetze übertritt und sich dafür verantworten muss. Was ist denn dann das Allerwichtigste in der Arbeit, die man an sich selbst verrichten kann?
Der Baal Shem Tov antwortete: Ich bin in die Welt gekommen, um den anderen Weg aufzuzeigen: Ein Mensch muss danach streben, drei Dinge zu meistern: Liebe für den Schöpfer, Liebe für die Menschen, und Liebe für das Spirituelle. Dann besteht kein Bedarf an freiwilliger Entbehrung.
Das Vermögen, dem Schöpfer zu danken, ist bereits ein Geschenk vom Schöpfer.

Die Güte des Schöpfers ist die Tatsache, dass wir Ihn lieben können. Seine Stärke ist die Tatsache, dass wir Ihn fürchten können.

Warum fühlt sich dann jemand, der danach bestrebt ist, sich dem Schöpfer anzunähern und dabei spürt, dass er Ihm näher kommt, plötzlich weit entfernt? Der Baal Shem Tov antwortet wie folgt: Das ist wie einem Kleinkind das Laufen zu lehren. Während das Kleinkind unterstützt wird, macht es ein paar Schritte zum Vater hin, aber der Vater möchte, dass das Kind lernt, alleine zu laufen, und er verschwindet, bis das Kind lernt, selbstständig zu laufen.
Der Baal Shem Tov sagt: Die individuelle Arbeit an einem selbst besteht aus einem andauernden Kampf mit dem Egoismus, eine Auseinandersetzung bis zum letzten Atemzug, der als Ergebnis nach einiger Zeit den Austausch des Egoismus durch den Schöpfer haben sollte.
Der Schöpfer sitzt als großer Herrscher im Zentrum Seines Palastes. Er hat viele Mauern und Hindernisse um sich herum errichtet und hinter den Mauern Seines Palastes einen großen Schatz verteilt. Er vergibt Titel und Ehre an solche, welche die Hindernisse überwinden. Nachdem ein Mensch das Letztgenannte vom Schöpfer bekommen hat, wird er zufrieden. Aber nur jemand, der alles aus dem Verlangen heraus, mit Ihm zusammen zu sein, zurückweist, verdient das Recht, in seine Gegenwart einzutreten.
So wie in der Natur ein Übergangszustand zwischen der Saat und dem Trieb notwendig ist, wenn die ganze Fäulnis der Saat absolut verschwunden sein muss, verhält es sich ähnlich, bis wir den Zustand von absoluter Ablehnung des »Selbst« erreichen, vorher können wir nicht die spirituelle Natur erlangen.
Der Schöpfer hat das menschliche »Selbst« aus dem Nichts geschaffen, und deswegen müssen wir aus dem Zustand des »Selbst« wieder zurück in den Zustand des »Nichts«, um uns mit dem Schöpfer zu vereinen. Deswegen wird gesagt, dass der Erlöser (Messias) an dem Tag der Zerstörung des Tempels geboren wird. Jedes Mal, wenn wir den Zustand der vollen Verzweiflung erreichen, bemerken wir deshalb, dass alles »Staub und Eitles in Eitelkeit« ist. Genau von diesem Stadium aus entsteht ein neuer Schritt in unserem spirituellen Aufstieg, weil wir an diesem Punkt alles aufgeben können.
Der Maggid von Mesritsch, ein großer Kabbalist des vorigen Jahrhunderts, ruft aus: »Es gibt 10 Regeln der spirituellen Arbeit. Drei von diesen Regeln können von einem Kind gelernt werden, und sieben von ihnen können von einem Dieb gelernt werden.«
Das Kind:
    1. ist grundlos glücklich,
    2. macht keine Minute Pause,
    3. fordert mit aller Macht, was es haben will.
Der Dieb:
    1. arbeitet nachts,
    2. versucht, heute Nacht das zu gewinnen, was er am Abend vorher nicht erbeutet hat,
    3. ist loyal seinen Kumpanen gegenüber,
    4. riskiert sein Leben, um selbst die bedeutungsloseste Sache zu gewinnen,
    5. schätzt nicht den Wert des Gestohlenen und verkauft es für ein paar Pfennige,
    6. hat Misserfolge, aber gibt nicht auf,
    7. sieht die Vorteile seiner Berufung und wünscht, dies nicht zu ändern.
Er fügt hinzu: Es gibt einen Schlüssel für jedes Schloss, aber wenn das Schloss nicht nachgibt, wird ein mutiger Dieb es brechen. Der Schöpfer liebt einen Menschen, der sein eigenes Herz bricht, um ins Haus des Schöpfers einzusteigen.
Erst wenn wir die spirituellen Stufen erfassen, werden wir bedeutungslos in unseren eigenen Augen und können uns vor dem Schöpfer verbeugen, fühlend, dass wir nichts anderes brauchen: weder unsere eigene spirituelle Erlösung noch einen spirituellen Aufstieg noch Ewigkeit, sondern nur den Schöpfer.
Während der Zeit des spirituellen Absturzes kann es passieren, dass der Schöpfer sich Selbst verhüllt, und es schwer für uns ist, den Glauben an Seine Existenz und Seine Fürsorge aufrechtzuerhalten. Aber wenn wir tatsächlich fühlen, dass der Schöpfer Sich Selbst verhüllt, dann erleben wir in Wahrheit nicht die Verhüllung, sondern eher eine Bedingung, unter der der Schöpfer von uns erwartet, dass wir uns bemühen, Ihm näher zu kommen.
Der Schöpfer wird als »der Ort« (HaMakom) angesehen, gerade weil man in Ihn mit seinem ganzen Wesen eintreten soll, so dass der Schöpfer einen ganz umgibt und Er unser Wohnraum ist. (Wie schon erwähnt, wohnen wir in einem Ozean des Lichts, das vom Schöpfer ausstrahlt, und wir sollen uns dieser Tatsache bewusst werden.)
Während der Zeit des Gebetes sollten wir stetig aufpassen, wohin wir unsere Achtung und Bemühung lenken: auf das Lesen des Textes und das Befolgen der strikten Anordnung der Textabschnitte in einem speziellen Gebetsbuch; auf die detaillierten Ausführungen der Bedeutungen der Namen und Buchstabenkombinationen, auf die verschiedenen Aussprachen der Wörter, auf die strikte Reihenfolge von mentalen Absichten (Kavanot) in einem speziellen Gebetsbuch; oder – am allerwichtigsten – die Ausrichtung des Herzens auf die Anhaftung an den Schöpfer. Am wichtigsten ist unsere Absicht: Ein Gebet, den Schöpfer wahrzunehmen! Jene, die beten, bestätigen die Existenz des Schöpfers, aber jene, die für die Fähigkeit beten, den Schöpfer wahrzunehmen, erleben Ihn!

Kapitel 21

Die Korrektur des Egoismus

Das gesamte spirituelle Gesetz ist dazu bestimmt, uns bei der Überwindung unseres Egoismus’ zu helfen. Daher ist das spirituelle Gesetz »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« ein natürliches Ergebnis der Verbindung mit dem Schöpfer, da außer Ihm nichts existiert. Wenn ein Mensch dies versteht, fügt sich alles Geschaffene, einschließlich unsere Welt, zu einer Wahrnehmung des Einen Schöpfers zusammen. Daraus wird ersichtlich, warum unsere Vorfahren in der Lage waren, all die spirituellen Gesetze zu befolgen, lange bevor sie tatsächlich überliefert wurden.
Eine Konsequenz aus spiritueller Erhebung offenbart sich, wenn wir beginnen, unsere größten Feinde und die Gegner aller Nationen zu lieben. Daher besteht unsere Hauptaufgabe im Beten für unsere Feinde.
Als Rabbi Levi Jizchak von Berdichev wegen seiner ausgiebigen Lehrtätigkeit über die rechte Art und Weise des Dienstes am Schöpfer angegriffen wurde, erfuhr Rabbi Elimelech von Lizhensk davon und rief: »Was ist daran so verwunderlich! So etwas geschieht andauernd! Wenn es nicht geschehen würde, könnte uns keine einzige Nation jemals versklaven. «
Es gibt zwei Phasen im Kampf gegen egoistische Verlangen: Zuerst gehen wir ihnen nach. Dann versuchen wir, ihnen zu entfliehen, nur um festzustellen, dass diese Verlangen nicht aufhören, uns zu verfolgen.
Diejenigen von uns, welche die Einheit des Schöpfers leugnen, nehmen noch nicht wahr, dass Er und alles, was in der Welt geschieht, einschließlich dem, was jedem Individuum geschieht, ein und dasselbe Rabbi Jichiel Michal (Maggid mi Zlotschiv), ein Kabbalist des letzten Jahrhunderts, lebte in großer Armut. Seine Studenten fragten ihn:
»Wie kannst du die Wertschätzung für den Schöpfer vortragen, als habe er dich mit allem Notwendigen versorgt, wenn du doch so wenig hast?« Er antwortete: »Ich kann den Schöpfer preisen, der mir alles gab, weil es offensichtlich die Armut ist, die ich dazu benötige, Ihm näher zu kommen, was wiederum der Grund dafür ist, sie mir zu geben.«
Es gibt nichts, was die Herrschaft des Schöpfers mehr in Frage stellt als Depression. Es ist bemerkenswert, dass jeder Mensch aus völlig unterschiedlichen Gründen zu dieser Empfindung gelangt: aus Leiden, aus einem Gefühl der persönlichen Hilflosigkeit heraus oder aus Mangel an etwas Gewünschtem und Ähnliches. Es ist unmöglich, Freude über die Schläge zu empfinden, die man empfängt, bis man ihre Notwendigkeit und ihren ungeheuren Wert erkennt; dann kann jeder Schlag als Medizin verstanden werden. Die einzige Sorge eines Menschen sollte sein, warum er besorgt ist. »Man sollte Leiden nicht als schlecht betrachten«, erklärt Rabbi Moshe von Kovrin, »denn es gibt nichts Schlechtes in der Welt, sondern es wird vielmehr als bitter bezeichnet, denn Medizin ist immer bitter.«
Die stärksten Anstrengungen sollten dahin gehen, die Gefühle der Niedergeschlagenheit zu »heilen«, denn Freude ist eine Folge von Vertrauen, und nur indem man sein Vertrauen vergrößert, kann man sich vor Niedergeschlagenheit schützen. Aus diesem Grund wird, wenn in der Mischna gesagt wird, »ein Mensch sollte dankbar für das Schlechte sein«, sofort vom Talmud ergänzt: »und es mit Freude empfangen«, denn es gibt kein Übel in der Welt!
Da wir nur wahrnehmen, was gegenwärtig durch unsere Sinne aufgenommen wird, und nicht das, was sich außerhalb von uns befindet, können wir den Schöpfer nur in dem Maße erfassen, wie Er auf uns einwirkt. Daher benötigen wir unsere Sinne dazu, die Einheit ihrer Quelle zu leugnen; sie sind gezielt dazu da, den Menschen schließlich zur Wahrnehmung und Enthüllung der Einheit des Schöpfers zu führen.
Man sagt, dass die Menschen nach der Durchquerung des Roten Meeres an den Schöpfer glaubten und zu singen begannen. Nur Vertrauen erlaubt das Singen.
Wenn ein Individuum empfindet, dass es durch Selbstverbesserung in der Lage ist, sich selbst zu korrigieren, sollte es seine Haltung gegen sind.
über dem Glauben an die Allmacht und Einheit des Schöpfers untersuchen, denn nur durch den Schöpfer, durch das Gebet nach Veränderung ist es möglich, etwas in sich selbst zu verändern.
Es heißt, dass die Welt zur Erfreuung der Geschöpfe geschaffen wurde. Olam (die Welt) leitet sich ab vom Wort he’elem oder ha’alama – was »Verborgenheit« bedeutet. Der Mensch erfährt Genuss, indem er die entgegengesetzten Tendenzen von Verborgenheit und Offenbarung wahrnimmt. Und dies ist die Bedeutung des Geschriebenen: »Ich erschuf eine Hilfe gegen dich« (Eser Kenegdo).

Der Egoismus wurde als eine Hilfe für die Menschheit erschaffen.

Während ein Mensch mit ihm ringt, eignet er sich allmählich alle Sinnesorgane an, die für die Wahrnehmung des Spirituellen erforderlich sind. Aus diesem Grund sollte jeder Mensch auf alle Hindernisse und Leiden mit vollem Bewusstsein auf deren Zweck achten, der darin besteht, in uns die Bitte nach der Hilfe des Schöpfers anzuregen, um Erlösung von diesen Leiden zu erhalten. Dann gehen der Egoismus und andere unangenehme Aspekte über in eine »Hilfe gegen dich« – tatsächlich also gegen den Egoismus selbst.
Es ist auch möglich, dies in anderer Form wiederzugeben. Stellen wir uns vor, der Egoismus stünde »uns gegenüber«, anstelle des Schöpfers, den Schöpfer vor uns verbergend und abschirmend, wie gesagt wird: »Ich stehe zwischen dem Schöpfer und dir.« Auf diese Weise steht das »Ich« oder »Selbst« eines Menschen zwischen ihm und dem Schöpfer. Zu diesem Zweck gibt es ein Gebot, uns zuerst »an das zu erinnern, was uns von Amalek angetan wurde«, und dann »alle Erinnerungen an ihn zu löschen«.
Wir sollten in uns nicht nach Gedanken suchen, die als Hindernisse dienen, sondern vielmehr sollten wir das Erste, was in unserem Herzen und Verstand im Augenblick des Erwachens auftaucht, nehmen, und es mit dem Schöpfer verbinden. Auf diese Weise helfen uns »Hindernisse « unsere Gedanken wieder auf den Schöpfer zurückzurichten. Daran erkennen wir, dass es das Schlimmste ist, wenn wir den Schöpfer vergessen.
In dem Maße, wie uns der Egoismus zur Sünde treibt, treibt er uns auch zu außerordentlicher Rechtschaffenheit an. In beiden Fällen bringt er uns von der Wahrheit ab. In dem Maße, wie wir anderen vormachen können, rechtschaffen zu sein, oft ohne zu merken, wie wir uns selbst damit belügen, beginnen wir daran zu glauben, dass wir wirklich rechtschaffen sind.
Rabbi Jacob Jitzhak von Lyublin (Hoseh mi Lyublin) sagte: »Ich empfinde mehr Liebe für Sünder, die wissen, dass sie Sünder sind, als für die Rechtschaffenen, die wissen, dass sie rechtschaffen sind. Aber Sünder, die meinen, sie seien rechtschaffen, werden niemals den rechten Weg finden, denn sogar an der Schwelle zur Hölle sind sie der Meinung, dort hingebracht worden zu sein, um andere zu retten.«
Ein wahrer Kabbalist möchte von seinen Studenten, dass sie den Schöpfer mehr fürchten und respektieren als ihren Lehrer. So werden sie ebenfalls ermutigt, mehr dem Schöpfer zu vertrauen und von Ihm abzuhängen, als dass sie ihrem Lehrer vertrauen oder auf ihn angewiesen sind.
Als Rabbi Nachum von Ruzhin, ein Kabbalist des letzten Jahrhunderts, seine Studenten beim Damespiel antraf, erzählte er ihnen von der Ähnlichkeit der Regeln dieses Spiels mit denen der Spiritualität: Zum einen kann man nicht zwei Züge auf einmal machen; zweitens kann man nur vorwärts ziehen, nicht rückwärts; drittens kann man, wenn man das Ende erreicht hat, so ziehen, wie man will, nach eigenem Wunsch.
Wenn wir glauben, dass jemand über uns redet, werden wir neugierig, was gesagt wird. Das, was gewünscht wird, aber verborgen bleibt, gilt als »geheim«. Wenn wir die Bibel lesen und fühlen, dass sie über uns berichtet, dann kann man sagen, dass wir das Studium der verborgenen Weisheit der Kabbala begonnen haben, in welchem wir über uns selbst lesen werden, obgleich wir uns dessen gegenwärtig nicht gewahr sind. Während wir auf dem spirituellen Weg voranschreiten, werden wir erkennen, dass die Bibel über uns spricht, und dann wird die Bibel von etwas Verborgenem zu etwas Offenbartem übergehen. Diejenigen, welche die Bibel lesen, ohne sich Fragen in Bezug auf sich selbst zu stellen, können in der Bibel weder verborgene noch enthüllte Teile erkennen; solchen Individuen stellt sich die Bibel einfach als ein historischer Bericht dar oder als eine Ansammlung von Vorschriften. Denjenigen, die Kabbala studieren, wird gesagt, dass die Bibel nur von der Gegenwart spricht.
Aus der Sicht des Egoismus gibt es nichts Fremdartigeres und Unnatürlicheres, Unwirklicheres und Absurderes, als sich selbst in die Sklaverei des Schöpfers zu »verkaufen«, in sich selbst alle Gedanken und Wünsche zu löschen und sich selbst Seinem Willen zu unterwerfen, wie auch immer dieser sein mag, ohne vorher zu wissen, was das bedeutet.

Alle spirituellen Forderungen erscheinen gleichermaßen zwecklos für jemanden, der vom Schöpfer entfernt ist.

Und umgekehrt stimmt man mit dem Zustand des widerstandslosen oder kritiklosen Seins überein, sobald man seinen spirituellen Aufstieg verspürt. Dann verspürt man keine Scham mehr über die eigenen Gedanken und Sehnsüchte, sich selbst dem Schöpfer anzuvertrauen.
Diese widersprüchlichen Zwickmühlen werden uns gezielt gegeben, um uns zur Erkenntnis zu verhelfen, dass unsere Erlösung vom Egoismus übernatürlich ist und nur durch den Willen des Schöpfers verliehen wird.
Bis dorthin existieren wir in einem Zustand der Unzufriedenheit, weil wir unseren jetzigen Zustand entweder mit der Vergangenheit vergleichen, oder den gegenwärtigen Zustand mit unseren Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft vergleichen, und daher an der Abwesenheit der gewünschten Erfahrung leiden.
Wenn wir nur die unermesslichen Vergnügen kennen würden, die wir von Oben erhalten könnten und die wir aber gegenwärtig nicht erhalten, würden wir unbeschreiblich mehr leiden. Man kann in Bezug auf spirituelle Genüsse sagen, dass sie unserer Wahrnehmung vorenthalten werden und wir in einem Zustand der Unbewusstheit gehalten werden und ihre Abwesenheit nicht bemerken. Daher ist es von entscheidender Bedeutung für uns, die Gegenwart des Schöpfers zu empfinden.
Wenn wir diese Wahrnehmung nachträglich verlieren würden, ist es natürlich klar, dass wir abermals danach verlangen würden. In den Psalmen steht geschrieben, Nr. 42: »Wie ein Hirsch nach Strömen von Wasser lechzt, so schreit meine Seele nach Dir, Herr.«
Das Verlangen, den Schöpfer wahrzunehmen, wird »die Sehnsucht danach, des Schöpfers Gegenwart aus dem Staub zu erheben« genannt, was bedeutet, aus dem untersten Zustand, nach unserem Verständnis, wenn alles in unserer Welt uns kostbarer erscheint, als die Fähigkeit den Schöpfer wahrzunehmen.
Diejenigen, die die Gebote als Folge ihrer Erziehung befolgen (was an sich schon eine Manifestation des Schöpferwunsches ist), tun dies auf die gleiche Weise wie diejenigen, die sich danach sehnen, den Schöpfer zu erfassen. Der Unterschied liegt in der Wahrnehmung des jeweiligen Menschen. Das ist von vorrangiger Wichtigkeit, denn es ist der Wunsch des Schöpfers, Seinen Geschöpfen Wohltaten zu erweisen, indem Er sie Seine Nähe empfinden lässt.
Daher müssen wir, um die Beachtung der Gebote, die wir aus Gewohnheit befolgen, aufzugeben, und um zu frei Handelnden zu werden, klar verstehen, was wir als Ergebnis unserer Erziehung und unserer Gesellschaft erhalten, und was wir nun als unabhängige Individuen anstreben.
Nehmen wir beispielsweise an, jemand wird gemäß des Systems »Mussar« (Ethik, Moral) erzogen, welches lehrt, dass unsere Welt nichts ist. In diesem Fall wird die spirituelle Welt als geringfügig mehr als Nichts erlebt. Auf der anderen Seite lehrt die Kabbala, dass diese Welt, so wie sie wahrgenommen wird, voller Genuss ist. Die spirituelle Welt, die Welt der Wahrnehmung des Schöpfers, ist jedoch unvergleichlich schöner. Daher entpuppt sich das Spirituelle nicht einfach als mehr als Nichts, sondern als größer als alle Vergnügen dieser Welt.
Es ist unmöglich, sich selbst auf gleiche Weise zu zwingen, dem Schöpfer Wohltaten zukommen zu lassen, wie Er es uns gegenüber tut, denn solche Neigungen werden im Menschen nicht vorgefunden. Trotzdem sollten wir uns darüber klar sein, nach »wem« wir streben. Wenn wir die Wahrheit hinter unserem Verlangen suchen, uns dem Schöpfer zu nähern, sollten wir im Kopf behalten, dass, wenn wir ernsthaft nach dem Schöpfer verlangen, all unsere Gedanken und Verlangen verschwinden, gerade so wie das Licht einer Kerze vom Licht einer Fackel überstrahlt wird.
Bis wir den Schöpfer wahrgenommen haben, denkt jeder von uns, er sei allein auf der Welt. Aber da nur der Schöpfer einzig und einmalig ist, und weil nur Er dazu in der Lage ist zu geben und alles der Welt gibt, und weil wir vollständig im Gegensatz zu seiner Eigenschaft des Gebens sind, erwerben wir unmittelbar nach Erhalt der Wahrnehmung des Schöpfers – wenn auch nur vorübergehend – dieselben Eigenschaften, wie es anhand der Analogie der Kerze vor der Fackel erklärt wurde.
Indem wir in Übereinstimmung mit den Gesetzen der spirituellen Welt leben, sind wir dazu in der Lage, alles was wir benötigen, zu bewerkstelligen, während wir auf dieser Welt leben.

Wenn wir daran glauben, dass alles – selbst das Üble, was wir erfahren – uns vom Schöpfer gesendet wurde, bleiben wir unaufhörlich in Kontakt mit Ihm.

Es gibt den Schöpfer und die Schöpfung – die Schöpfung ist der Mensch, der nicht dazu in der Lage ist, den Schöpfer wahrzunehmen, sondern lediglich an Seine Existenz und Einzigkeit »glauben« kann und an die Tatsache, dass nur der Schöpfer existiert und die Herrschaft über alles aufrechterhält (das Wort »glauben« ist in Anführungszeichen, weil im kabbalistischen Sinne Glauben die eigene Wahrnehmung des Schöpfers bezeichnet).
Das Einzige, das man sich wünscht, ist, Genuss zu empfangen. Auf diese Weise plant der Schöpfer. Dies war ebenso das Ziel der Schöpfung, der Wille des Schöpfers. Jedoch sollte man das Vergnügen auf die gleiche Weise wie der Schöpfer wahrnehmen.
Alles, was jemals geschah, geschieht und jedem von uns geschehen wird, alles, sowohl Gutes als auch Schlechtes, ist vorherbestimmt und wird uns vom Schöpfer gesendet. Am Ende der Schöpfung wird uns vollständig klar werden, dass alles, was geschah, zu unserem Wohle erforderlich war.
Doch weil jeder von uns auf dem Wege der Verbesserung ist, scheint es jedem von uns, dass dieser Weg viele tausend Jahre umfasst, er extrem lang ist, bitter, blutig und außergewöhnlich schmerzhaft. Egal, wie vorbereitet wir auf den nächsten Schlag auch sein mögen, sobald wir spüren, dass eine Prüfung auf uns zukommt, vergessen wir, dass sie von der Einzigen Macht in der Welt kommt, von der alles stammt. Wir vergessen, dass wir mehr oder weniger Instrumente in den Händen des Schöpfers sind, und beginnen, uns als unabhängig agierende Wesen zu sehen. Folglich glauben wir auch, dass uns unangenehme Umstände durch andere Menschen widerfahren, statt sie als Instrumente des Schöpferwillens zu begreifen.
Daher sollte das wichtigste Konzept, das wir verstehen müssen, dahin gehen, mehr anzuerkennen, dass alles vom Schöpfer kommt. Wir sollten uns auch auf die Vorstellung konzentrieren, in unseren schwierigsten Momenten nicht schädlichen Gefühlen und Gedanken zu unterliegen. Wir sollten weder plötzlich damit beginnen, »unabhängig« zu denken und dem Glauben zu verfallen, dass die Ereignisse im Augenblick auf irgendeine Weise durch andere Menschen verursacht sind; noch sollten wir in Betracht ziehen, dass das Ergebnis eines jeglichen Ereignisses durch andere Menschen oder Umstände bestimmt wird, außer allein durch den Schöpfer.
Es ist möglich, dies für uns selbst durch eigene Erfahrung zu lernen, jedoch tendieren wir während des Lernens dazu zu vergessen, warum Ereignisse in unserem Leben auftreten. Alles, was in unserem Leben geschieht, dient unserer Entwicklung und veranlasst unser spirituelles Wachstum. Wenn wir das vergessen, verfallen wir dem falschen Glauben, dass es einen Mangel an göttlicher Führung gibt und der Schöpfer vollständig verborgen ist.
Dieser Prozess geschieht auf folgende Weise: Der Schöpfer gibt uns das Wissen, dass nur Er, der Schöpfer, die Welt regiert, und dann konfrontiert er uns mit erschreckenden und unglücklichen Ereignissen, die zahlreiche unangenehme Konsequenzen hervorbringen.
Diese lästigen Gefühle nehmen uns so stark mit, dass wir vergessen, von wem sie kamen und zu welchem Zweck diese rauen Schläge gesendet wurden. Von Zeit zu Zeit während des Verlaufs dieses »Experiments « wird uns ein Verständnis zuteil, warum dies geschieht, wenn jedoch diese fürchterlichen Erscheinungen zunehmen, verschwindet unser Verständnis.
Selbst wenn wir uns plötzlich daran »erinnern«, wer uns diese Leiden geschickt hat und warum sie geschickt wurden, sind wir unfähig, uns davon zu überzeugen, sie dem Schöpfer zuzuordnen und an Seine Hilfe zu appellieren. Vielmehr werden wir in dem Moment, wo wir feststellen, dass alles vom Schöpfer ausgeht, weiter versuchen, uns selbst zu helfen.
Wir können diesen Prozess auf folgende Weise visualisieren:
    1. Auf unserem Weg zum Schöpfer befindet sich eine unreine, ablenkende Kraft oder ein Gedanke, der uns dazu nötigt, sie zu durchbrechen, um uns mit dem Schöpfer zu verbinden.
    2. Wenn wir dem Schöpfer nahe sind, geht es uns wie einem Kind bei seiner Mutter, jedoch versuchen die fremden Gedanken/Kräfte uns vom Schöpfer zu trennen, uns von Seiner         Wahrnehmung und dem Gefühl Seiner Ordnung abzuhalten.
    3. Es ist so, als schenke uns der Schöpfer etwas Wichtiges, das uns vor unserem Feind schützt. Dann greift der Feind an, und wir kämpfen tapfer gegen diesen Feind.

Wenn der Kampf vorüber ist, erkennen wir, dass wir hauptsächlich gegen Hindernisse gekämpft haben, die uns vom Schöpfer gesandt wurden, damit wir Verständnis und Erhebung erlangen. Am Ende erwerben wir Wissen über uns selbst und über das göttliche Management des Schöpfers, und ebenso, wie wir Liebe für den Schöpfer fördern, endlich verstehend, warum Er uns all die Hindernisse gesandt hat.
Unsere Erziehung sollte nicht eine von Zwang und Unterdrückung sein, sondern sie sollte uns vielmehr dabei helfen, notwendige Fähigkeiten zu entwickeln, eine kritische Perspektive gegenüber unseren eigenen inneren Zuständen und Verlangen einzunehmen. Eine ordentliche Erziehung sollte Anweisungen zur Bildung von Fähigkeiten des Denkens und Analysierens umfassen, während traditionelle Erziehung im Gegensatz dazu gewöhnlich versucht, uns automatische Handlungsweisen und Reaktionen beizubringen, auf die wir künftig zurückgreifen können. Tatsächlich sollte das gesamte Ziel der Erziehung sich darauf konzentrieren, eine gewohnheitsmäßige Übung der ständigen und unabhängigen Analyse zu etablieren und unsere selbstständigen Handlungen abzuschätzen. Es handelt sich um frei gewählte Handlungen und nicht um welche, zu denen wir weder durch äußerliche Kräfte genötigt werden, noch solche, die durch unsere Erziehung beeinflusst sind.
Wie können wir Wahrheit erreichen, wenn das Ego Vertrauen als Verbitterung und Schmerz empfindet? Wer ist darauf vorbereitet, eine derartige Prüfung bewusst zu erdulden?

Wir erhalten Lebenskraft und Energie aus Leidenschaft, Ehre und Neid.

Zum Beispiel schämen wir uns, wenn wir schäbig gekleidet sind im Vergleich zu besser Gekleideten. Wenn die anderen aber auch ärmlich gekleidet sind, verbleibt in uns nur die Hälfte der unangenehmen Gefühle. Aus diesem Grund heißt es auch: »Geteiltes Leid ist halbes Leid.«
Wenn wir Genuss nur aus einer der drei Quellen beziehen, werden wir in unserer spirituellen Entwicklung nie voranschreiten. Wenn wir zum Beispiel nur über den Antrieb nach Vergnügen verfügen und nicht nach Ehre, so würden wir bei heißem Wetter nackt herumlaufen, weil wir keine Scham empfinden.
Die Sehnsucht nach Ehre und höherer Stellung in der Gesellschaft kann abnehmen, wenn Menschen ihre Bedürfnisse zurückschrauben, wie es während entscheidender Prüfungen oder bei Kriegen geschieht. Jedoch sind wir in unserem Verlangen nach Vergnügen oder der Verringerung unserer Leiden nur wenig von der Meinung anderer abhängig, genauso wie eigene Zahnschmerzen sich nicht verringern, wenn andere eine ähnliche Qual durchleben. Daher sollte sich eine »Arbeit für den Schöpfer« auf Genuss gründen, nicht auf Ehre, denn anderenfalls könnte man auf halbem Wege zufriedengestellt sein und aufhören.
Es wird gesagt, dass »der Neid der Schüler das Wissen erhöht«. Gerade wenn man kein Verlangen nach Ehre hat, wird man sich immer noch fragen, warum jemand anderes geehrt wird statt man selbst. Aus diesem Grund verwenden Menschen viel Energie auf die Wissenschaft, um sicherzustellen, dass andere nicht größere Ehren erhalten als sie selbst. Derartige Bemühungen erweitern das Wissen, und ein ähnliches Muster kann bei neuen Studenten beobachtet werden. Man sieht, wie andere vor Sonnenaufgang ihre Studienarbeit aufnehmen und so zwingt man sich, ebenfalls früher aufzustehen, selbst wenn im tiefsten Inneren ein starker Wunsch herrscht, dies nicht zu tun.
Wenn wir allerdings erkennen, dass jeder Gedanke in Wirklichkeit nicht unser eigener ist, sondern tatsächlich von außerhalb kommt, wird es leichter fallen, diesem Gedanken zu widerstehen. Die Gesellschaft wirkt auf die Menschen auf solche Weise ein, dass sie alle Gedanken und Verlangen, die durch andere geprägt werden, als eigene akzeptieren. Daher ist es äußerst wichtig, dass wir uns eine angemessene Umgebung wählen, die durch geeignete Ziele und Sehnsüchte charakterisiert wird.
Wenn wir uns jedoch wünschen, von einem bestimmten Kreis Menschen beeinflusst zu werden und deren Gedanken aufzunehmen, so ist die sicherste Methode, dieses Ziel zu erreichen, uns unter sie zu mischen; mehr noch, ihnen zu dienen und beizustehen, denn der Prozess des Empfangens vollzieht sich vom Höheren zum Niederen. Daher ist es in einer Studiengruppe von entscheidender Bedeutung, dass jeder den anderen als kenntnisreicher einschätzt als sich selbst.
Dies ist bekannt als »Erwerb von den Verfassern«, denn es wird durch Kommunikation mit anderen erreicht. Ferner ist es wünschenswert, wenn wir mit anderen am Arbeitsplatz oder zu Hause sind, dass wir mental auf der Ebene ihresgleichen bleiben. Das stellt sicher, dass keine fremdartigen Gedanken ungewollt in uns eindringen, die bewirken, dass wir uns so verhalten wie bei Nachbarn, Ehepartnern und Kollegen üblich.

Sehnsucht nach spirituellen Eigenschaften

Es ist für einen Anfänger absolut unmöglich, einen wahren Kabbalisten von einem falschen zu unterscheiden, denn beide verfechten dieselbe Wahrheit über die Notwendigkeit, sich zu verbessern, und des Verzichts auf den Egoismus.

Aber diese Worte können, wie das Licht des Schöpfers, das auf alles scheint, mit einem Licht ohne ein Gefäß verglichen werden, das heißt, man kann die tiefsinnigsten Worte äußern, aber solange man über keine Kelim verfügt – die Gefäße, um dieses Licht wahrzunehmen –, kann es sein, dass der Sprecher die innewohnende Bedeutung der Worte nicht erfasst hat.
Es ist viel schwieriger, Ideen und Konzepte aus Büchern eines kabbalistischen Autors aufzunehmen, ein Prozess, der als »mi Sfarim« (wörtlich aus Büchern) bekannt ist, als das Wissen direkt von einem Lehrer zu erhalten. Dies beruht auf dem Umstand, dass, wenn man die Gedanken eines Verfassers verstehen möchte, man daran glauben muss, dass der Verfasser ein großer Kabbalist ist. Je größer der Respekt gegenüber dem Verfasser ist, desto mehr ist man in der Lage, aus den Büchern des Verfassers aufzunehmen.
Von den Tausenden, die den Schöpfer wahrgenommen haben, ist es nur Rabbi Shimon Bar Yochai (Rashbi), Rabbi Jitzhak Ashkenazi (Ari) und Rabbi Yehuda Ashlag (Baal HaSulam) vergönnt gewesen, von der Kabbala in einer Sprache zu schreiben, die selbst diejenigen verstehen, die bis jetzt noch nicht die Wahrnehmung spiritueller Ebenen erreicht haben. Andere kabbalistische Werke verwenden eine Bildersprache, die nur von denen verstanden wird, die bereits spirituelles Verständnis erreicht haben und daher noch nicht von Anfängern verwendet werden können.
Indem der Mensch auf die Wahl seiner Begleiter und die Wahl der Bücher als Quelle des Wissens vertraut, kann er allmählich die Fähigkeit entwickeln, unabhängig zu denken. Vor diesem Stadium verbleibt der Mensch in einem Zustand vergleichbar mit allen anderen menschlichen Wesen dieser Welt – nämlich in einem Zustand des Verlangens nach Unabhängigkeit, aber unfähig, ihn umzusetzen.
Es heißt, dass Neid, Vergnügen und die Sehnsucht nach Ehre einen Menschen in die andere Welt befördern. Dies bedeutet einfach, dass es diese drei menschlichen Bedürfnisse sind, die einen Menschen zum Handeln veranlassen. Obwohl manche Gedanken nicht als gute Verlangen betrachtet werden, so motivieren sie doch einen Menschen zur Veränderung, zum Wachstum und zum Wunsch, immer mehr zu erreichen, bis er ein Verständnis dafür bekommt, dass der wirkliche Gewinn spiritueller Natur ist, und er beschließt, diese Welt zu Gunsten der spirituellen zu verlassen.
Daher wird von diesen drei Verlangen gesagt, dass sie den Menschen von dieser Welt in die kommende spirituelle Welt »befördern«.
Als Ergebnis der Ansammlung von Wissen und Intelligenz beginnt ein Mensch zu erkennen, was in dieser Welt am erstrebenswertesten ist, und er versteht, dass er versuchen sollte, dieses wertvollste Ziel zu erreichen. Auf diese Art bewegt man sich von dem Verlangen »zu eigenen Gunsten« weg, hin zu den Verlangen »zu Gunsten des Schöpfers«.
Die gesamte Schöpfung kann als die Sehnsucht nach Empfang von Genuss betrachtet werden, oder als das Leiden, welches durch die Abwesenheit des Genusses verursacht wird, der wiederum vom Schöpfer ausgeht.

Es gibt zwei notwendige Bedingungen, um Genuss zu empfangen:
      1. Der Genuss sollte kommen und gehen und dabei eine Erinnerung, Reshimo (vom hebräischen Wort Roshem – ein Abdruck), hinterlassen.
      2. Man muss das erforderliche Wissen und die nötige Kraft erreichen, um die äußere Schale zu durchbrechen, um es auf diese Weise wert zu sein, von der Frucht zu genießen.

Es gibt verschiedene Arten unreiner, ablenkender Kräfte, die Klipot genannt werden, was »Gehäuse« oder »Schalen« bedeutet. Ihr Name spiegelt ihren Zweck wider. Diese Kräfte (1) schützen die spirituell reinen Kräfte (die Frucht in der Schale) vor eindringenden Elementen, welche das spirituelle Reich beschädigen – die Unerleuchteten, die sich selbst und anderen Schaden zufügen können, wenn sie das Spirituelle erreichen und (2) erschaffen Hindernisse für diejenigen, die wirklich danach verlangen, die Frucht in Besitz zu nehmen. Folglich erlangt man durch die Auseinandersetzung mit ihnen das erforderliche Wissen und die Kraft, die äußeren Schalen zu durchbrechen und wird so würdig, von der Frucht genießen zu können.
Unter keinen Umständen sollte man denken, dass irgendwelche Gedanken gegen den Schöpfer, gegen den Weg und gegen das Vertrauen aus einer anderen Quelle stammen als vom Schöpfer selbst. Nur der Schöpfer, die einzige Kraft, die ein menschliches Wesen umgibt, wirkt in der gesamten Schöpfung, während ein menschliches Wesen dazu bestimmt ist, die Rolle eines aktiven Beobachters zu spielen. Mit anderen Worten sind menschliche Wesen des Erfahrens einer umfassenden Vielzahl von Kräften, die auf sie einwirken, und dem Glauben ausgesetzt, diese Kräfte würden von einer anderen Quelle als vom Schöpfer ausgehen. Tatsächlich kann man sich nicht vorwärts bewegen, bis der Schöpfer hinderliche Gedanken auf einen überträgt, um die eigenen Studien der Kabbala und die Selbstverbesserung zu blockieren.
Die wichtigsten Klipot sind die Klipat Mizraim (Ägypten), die einem vom Verlangen abbringen wollen, den spirituellen Weg weiter zu verfolgen, und die Klipat Noga, die einem die falsche Wahrnehmung vermitteln, dass alles bestens ist, so wie es ist, und es keinen Grund zum Voranschreiten gäbe. In diesem Fall fühlt man sich wie in einem Dämmerschlaf, obwohl das Herz mit diesem Zustand nicht einverstanden ist (»Ani jeshena we Libi er« – ich schlafe, aber mein Herz ist wach).
Wahre kabbalistische Texte, besonders die von Rabbi Yehuda Ashlag, sind in einer Weise geschrieben, dass jemand, der sich darin vertieft, nicht weiterhin aus dem trügerischen Glanz der Klipat Noga Genuss ziehen kann, wenn ihm erst einmal das Ziel der Schöpfung deutlich geworden ist.
Den Wenigen, die vom Schöpfer gewählt wurden, um sie näher an Ihn heran zu führen, werden Leiden der Liebe gesendet (Issurei Ahava). Es handelt sich um Leiden, die dazu bestimmt sind, diese Menschen dazu anzustiften, die Schwierigkeiten ihrer Umstände zu überwinden und sich näher zum Schöpfer hin zu bewegen. Das innere Streben eines Individuums, das man als zu einem selbst gehörig empfindet, wird »der Druck im Innern« genannt (Dachaf Pnimi).
Sobald wir handeln, wird dies als »enthüllt« betrachtet, denn es ist dann für alle ersichtlich und kann nicht zahlreichen Interpretationsweisen anheimfallen. Auf der anderen Seite werden unsere Gedanken und Absichten als »verhüllt« betrachtet. Sie können stark von der Wahrnehmungsweise anderer und selbst von unserer eigenen Wahrnehmung, unseren Absichten abweichen.
Manchmal ist uns nicht bewusst, was uns zu der einen oder anderen Handlung veranlasst hat. Unsere wahren inneren Beweggründe, die uns motivieren, sind sowohl uns oft selbst als auch dem äußeren Beobachter verborgen. Aus diesem Grunde ist die Kabbala als verborgener Teil der Bibel bekannt, die verborgene Weisheit, denn sie lehrt uns Absichten und wie wir sie auf den Schöpfer ausrichten. Daher sollte dieses Wissen vor jedermann verborgen sein, manchmal sogar vor besagtem Individuum.
Man muss glauben, dass alles in dieser Welt gemäß des Willens des Schöpfers geschieht, von Ihm gelenkt, von Ihm übermittelt und von Ihm kontrolliert wird.

Da gibt es diejenigen, welche die Meinung vertreten, dass unsere Leiden keine Leiden sind, sondern Belohnungen.

Dies stimmt nur in Bezug auf die rechtschaffenen Menschen, die alle Umstände und alle daraus folgenden Konsequenzen dem Gesetz des Schöpfers zuordnen können. Nur in diesen Fällen, wenn Menschen in ihrem Vertrauen auf die endgültige Gerechtigkeit des Gesetzes des Schöpfers leben, ungeachtet schwerer Prüfungen und Leiden, werden Flüche in Segnungen verwandelt. Hingegen werden uns diese Prüfungen, die wir nicht durch ein Überschreiten unserer Grenzen der Vernunft überwinden können, einen spirituellen Rückschritt einhandeln, denn nur wenn wir das Vertrauen über der Vernunft beibehalten können, werden wir Unterstützung bekommen. Wenn wir erst einmal aus dem Vertrauen zurück in die Abhängigkeit der Vernunft gefallen sind, müssen wir auf unsere Rettung warten. Auf der anderen Seite werden diejenigen, die diesen Prozessen widerstehen können, aufsteigen, denn die Leiden und Prozesse stärken die Kraft des eigenen Vertrauens. In diesen Fällen werden die Prozesse und Leiden in Segnungen verwandelt.
Eine wirkliche Bitte an den Schöpfer muss aus der Tiefe des eigenen Herzens kommen, das heißt, das ganze Herz muss mit dem übereinstimmen, was es vor den Schöpfer bringen möchte. Die Bitte darf nicht in Worten ausgedrückt werden, sondern mit Gefühlen, denn nur was im Herzen eines Menschen vorgeht, wird vom Schöpfer vernommen.
Der Schöpfer hört eben mehr, als einem lieb ist, denn er versteht all die Ursachen und all die Gefühle, die Er selbst sendet. Kein einziger Schöpfungsteil kann das vorbestimmte Ziel umgehen – damit zu beginnen, sich nach spirituellen Eigenschaften zu sehnen.
Doch was sollte ein Mensch tun, der einen Mangel an ausreichendem Verlangen empfindet, an den Vergnügen dieser Welt teilzuhaben? Wie soll man mit dem Vorhaben der Trennung bezüglich Verwandte, Familie und der ganzen Welt umgehen, so voller Leben und kleiner Köstlichkeiten, mit all den egoistischen Verlangen, die sich der Geist des Menschen so klar ausmalt? Was sollte man tun, wenn man den Schöpfer um Hilfe bittet, solange man sich nicht wahrhaftig wünscht, dass der Schöpfer diese Bitte vernimmt und bewilligt?
Um denjenigen in dieser Lage zu helfen, bedarf es einer speziellen Vorbereitung und der Erkenntnis, wie lebensnotwendig es ist, altruistische Qualitäten zu erlangen. Solch eine Erkenntnis entwickelt sich allmählich, wenn man sich bewusst wird, wie entfernt man von den spirituellen Freuden und dem inneren Frieden ist, die den Menschen von weit her anziehen.
Dies kann mit einem Gastgeber verglichen werden, der den Appetit seiner Gäste mit Appetitanregern animiert, damit sie das Mahl genießen können, das für sie vorbereitet wurde. Ohne zunächst auf das Mahl eingestimmt zu sein, wird der Gast niemals seinen wahren Genuss erfahren, unabhängig davon, wie köstlich und reichlich es sein mag. Dieser Aspekt ist auch beim Erwecken des Appetits für solch unnatürliche und ungewohnte Köstlichkeiten wie den Empfang von Genuss durch den Altruismus wirksam.
Unser Bedürfnis nach Nähe zum Schöpfer wird allmählich in uns geboren, unter dem Einfluss unserer Anstrengungen während Zeiten extremer Entfernung von spiritueller Erlösung. Dies schließt Zeiten extremer Entbehrungen und Dunkelheit mit ein, wenn wir den Schöpfer für das persönliche Wohl benötigen, damit Er uns aus den hoffnungslosen Situationen befreit, in die er uns gebracht hat. Wenn wir tatsächlich der Hilfe des Schöpfers bedürfen, dann kann man dies als Zeichen dafür sehen, dass wir bereit sind, diese Hilfe zu empfangen, weil wir ein »Gelüst« zur Annahme der Vergnügen entwickelt haben, die der Schöpfer uns bereitet hat.
In dem Maße, wie wir Leiden erfahren haben, werden wir fähig sein, Freude zu empfangen. Jedoch handelt es sich um den Weg des Leidens und nicht um den Weg der Kabbala, wenn wir Leidvolles erfahren müssen und im gleichen Maße Freude erfahren, wie wir gelitten haben. Zusätzlich stellt sich die Frage: Besteht tatsächlich überhaupt eine Notwendigkeit, den Schöpfer um irgendetwas zu bitten? Es kann ja sein, dass man Leiden bis zu dem Punkt erfahren muss, bis der Körper vollständige Erlösung verlangt und nach dem Schöpfer mit einer solchen Intensität ruft, dass Er ihn rettet.

Die Antwort ist einfach: Ein Gebet, auch wenn es nicht aus tiefstem Herzen kommt, bereitet einen Menschen immer auf die Erlösung vor.

Im Gebet versprechen wir dem Schöpfer, dass wir nach Empfang der spirituellen Kraft all unsere Anstrengungen darauf konzentrieren, zu unserer spirituellen Sehnsucht zurückzukehren, an der wir gegenwärtig Mangel leiden. Hierin liegt die große Kraft eines Gebets. Eine Bitte dieser Art nimmt der Schöpfer an, und als Ergebnis werden wir auf dem Weg der Kabbala voranschreiten anstatt auf dem Weg des Leidens.
Daher sollten wir nie mit dem Weg des Leidens einverstanden sein, selbst wenn wir sicher sind, dass das Leiden vom Schöpfer gesandt wurde; und auch dann, wenn wir fest glauben, dass alles, was vom Schöpfer gesendet wird, zu unserem Wohle gesendet wird. Der Schöpfer möchte von uns nicht, dass wir auf passive Weise Leiden akzeptieren. Im Gegenteil, Er erwartet von uns, dass wir Leiden verhindern, dass wir Bedingungen vermeiden, in denen Er uns von hinten über Leiden vorantreiben muss. Er möchte, dass wir aus uns selbst heraus streben mittels Vertrauen und um Gelegenheiten bitten, uns vorwärts zu entwickeln.
Selbst wenn wir gegenwärtig nicht über ein wahres Verlangen verfügen, den richtigen Zustand zu erlangen, sollten wir doch den Schöpfer darum bitten, das wahre Verlangen und Vertrauen über die Kraft des Gebets zu bewilligen. Das heißt, wir sollten den Schöpfer um ein Verlangen zu Fragen bitten, an welchem wir gerade Mangel leiden.
Unsere Seelen – »das Selbst« eines jeden von uns – existieren unter perfekten Bedingungen seit dem Moment, als der Schöpfer über ihre Existenz entschied. Diese Bedingung kann man als »Bedingung des absoluten Friedens« bezeichnen (weil jede Handlung initiiert wird, um einen perfekteren Zustand zu erlangen) und die Bedingung absoluter Freude (denn alle Verlangen, die in uns vom Schöpfer erschaffen wurden, sind vollständig erfüllt).
Um dieses Stadium zu erreichen, müssen wir ein Verlangen erzeugen, Ihn zu erreichen. Das bedeutet, wir sollten uns vornehmen, unsere gegenwärtigen Sehnsüchte in perfekte, altruistische zu transformieren. Es gibt keine andere Alternative: »So sagt der Schöpfer: ›Wenn du nicht die richtige Wahl triffst in Übereinstimmung mit dir selbst, so werde ich über dir grausame Regenten einsetzen, die dich zu einer Umkehr zu Mir zwingen werden.‹«
Jeder Mensch befindet sich gleichzeitig in zwei perfekten Zuständen: der Gegenwart und der Zukunft. Zu jeder Zeit erfahren wir nur die Gegenwart, aber eine Transformation in den »künftigen« Zustand kann sofort dadurch erreicht werden, dass wir unsere Natur von einer egoistischen und materialistischen in eine altruistische und spirituelle umwandeln.
Der Schöpfer ist dazu in der Lage, in jedem von uns zu jeder Zeit ein derartiges Wunder wirken zu lassen, weil beide Zustände gleichzeitig existieren. Der Unterschied liegt darin, dass wir den einen Zustand unmittelbar wahrnehmen, jedoch nicht den anderen, perfekten Zustand, der parallel zum ersten existiert, ungeachtet unserer Existenz in beiden Zuständen gleichzeitig. Der Grund für diese Erscheinung kann durch die Tatsache erklärt werden, dass unsere Qualitäten/Verlangen nicht mit den Qualitäten des perfekten, nicht wahrgenommenen Zustands übereinstimmen. Wie der Schöpfer erklärt: »Es ist für Mich und dich unmöglich, am gleichen Ort zu existieren«, weil unsere Verlangen gegensätzlich sind.
Aus diesem Grund verfügt jeder von uns über zwei Zustände, oder wie es die Kabbala nennt, zwei Körper. Besonders unser physischer Körper, den wir im gegenwärtigen Augenblick besitzen und der in der Kabbala die »materielle Hülle« genannt wird. Auf der anderen Seite sind es unsere Verlangen und unsere Eigenschaften, die im kabbalistischen Sinne als Körper bezeichnet werden, denn in ihnen werden unsere Seelen verkörpert, die ein Teil des Schöpfers sind. Wenn in unserem gegenwärtigen Zustand unsere Körper vollständig aus egoistischen Verlangen bestehen, so kann nur ein mikroskopisch kleiner Partikel unserer Seelen, der so genannte Ner Dakik, in uns als ein Funken des großen Lichts eindringen, das uns am Leben hält.
Der zweite Körper, der parallel zum ersten existiert, ist unser spiritueller Körper, den wir im Augenblick nicht wahrnehmen. Er besteht aus unseren zukünftigen altruistischen Verlangen und Qualitäten, die unsere absolute Seele ausmachen, also den Teil des Schöpfers, der in der Zukunft enthüllt werden wird, wenn der Korrekturprozess vollendet ist.
Die Qualitäten beider, des egoistischen und des altruistischen Körpers, und ihre Leben schenkende Kraft, teilen sich in Gefühle und Intellekt, die wir mit unseren Herzen und dem Verstand wahrnehmen.
Der egoistische Körper verlangt, mit dem Herzen zu empfangen und mit dem Verstand zu begreifen, während der altruistische Körper verlangt, mit dem Herzen zu geben und mit dem Verstand zu glauben.
Wir können keinen der beiden Körper verändern. Der spirituelle kann nicht geändert werden, denn er ist absolut perfekt, und der gegenwärtige ist völlig unveränderbar und kann nicht einmal korrigiert werden, weil er auf diese Art vom Schöpfer gestaltet wurde. Aber es gibt einen dritten Körper, der als Verbindungsglied zwischen beiden dient. Der mittlere Körper, von Oben gelenkt, besteht aus sich ständig verändernden Verlangen und Gedanken, bei denen wir bestrebt sein sollten, sie selbst zu korrigieren und den Schöpfer um deren Korrektur zu bitten. Auf diese Weise verbinden wir den mittleren Körper, als Klipat Noga bekannt, mit dem spirituellen Körper.
Wenn es uns gelingt, alle ständig auftauchenden Gedanken und Verlangen mit dem spirituellen Körper zu verbinden, wird unser egoistischer Körper weichen, und wir werden den spirituellen Körper erlangen. An dieser Stelle wird der Schöpfer all unsere Qualitäten des egoistischen Körpers in ihre entgegengesetzten umwandeln, und der gesamte, angeborene Egoismus wird sich in vollständigen Altruismus transformieren.
In allen Situationen, die uns im Leben begegnen, sollten wir danach streben, alles als direkt vom Schöpfer kommend zu betrachten und Seinen Blickwinkel einzunehmen, als ob es der unsere wäre. Wir sollten verinnerlichen, »dass es Er ist, der zwischen mir und allem steht; durch Ihn schaue ich auf jeden in der Welt, einschließlich auf mich selbst.
Alles was von mir wahrgenommen wird, strahlt von Ihm aus, und alles, was von mir ausgeht, geht nur zu Ihm.« Daher ist alles, was uns umgibt, »Er.« Wie gesagt wird, »Du bist vor und du bist hinter mir, und Du hältst Deine Hand über mich.« »Alles, was in mir ist«, sollte ein Mensch sagen, »alles was ich denke und fühle, kommt von Dir und ist ein Gespräch mit Dir.«

Das am meisten beängstigende Gefühl ist unsere Wahrnehmung eines endlosen Abgrunds.

Es überwältigt uns, wenn sich plötzlich eine Leere direkt unter unseren Füßen auftut, eine Leere, die als Hoffnungslosigkeit charakterisiert wird, Furcht, Mangel an jeglicher Unterstützung und vollständiger Trennung von dem Umgebenden Licht, das uns ein Gefühl von der Zukunft, von morgen, vom nächsten Moment vermittelt hat.
Alle Varianten dieses furchtbaren Gefühls rühren von dem größeren, ursprünglicheren Gefühl her und können tatsächlich als Aspekte des letzteren betrachtet werden. Alle werden uns von derselben Quelle gesendet, Malchut, die leere Seele nimmt vom Schöpfer Kraft, damit jeder von uns jeden Teil dieser Seele mit Licht auffüllt. Alle Empfindungen von Dunkelheit, die wir wahrnehmen, gehen von dieser leeren Seele aus und können nur durch Vertrauen in den Schöpfer überwunden werden, durch die Wahrnehmung von Ihm. Zu diesem Zwecke wurde das Leid vom Schöpfer gesandt.
König David, die Verkörperung unserer Seelen, beschreibt die Bedingungen der Seele mit jeder Zeile seiner Psalmen, indem sie all ihre Eindrücke schildert, wie sie die unterschiedlichen Stufen aufsteigt. Es ist erstaunlich, wie viel wir ertragen müssen, bevor wir zu dem Verständnis gelangen, dem Bewusstsein und dem Weg zum rechten Weg. Niemand kann uns sagen, was der nächste Schritt ist. Wir werden nur aus der Not heraus die richtige Handlung wählen, wenn wir bei dem vorhergehenden Schritt gestolpert sind. Je mehr wir durch Mühsal angestachelt werden, desto schneller können wir spirituell wachsen. Daher wird gesagt: »Glücklich ist der, welcher durch den Schöpfer betrübt ist.«
Wir sollten unseren nächsten Schritt oder die Zukunft nicht kennen; das Verbot von Wahrsagerei in der Bibel sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Spirituelles Wachstum geschieht nur durch ein Anwachsen von Vertrauen. Dies wird durch die Tatsache unterstützt, dass alles, was wir in einem Augenblick durchleben, und alles, was wir im nächsten Moment durchleben werden, vom Schöpfer ausgeht und nur überwunden werden kann, wenn wir uns Ihm nähern.
Dies geschieht zwangsläufig, denn unsere Natur weist eine Anerkennung Seiner Herrschaft über uns zurück. Das Wissen um unseren zukünftigen Zustand, oder besser unsere Zuversicht in unser Wissen über denselben, nimmt uns die Gelegenheit, unsere Augen zu schließen, ruhig zu bleiben und jede plötzliche Manifestation des höheren Gesetzes als wahr und gerecht zu akzeptieren. Dies ist nur möglich, wenn wir uns dem Schöpfer annähern.
Die Bibel beschreibt all unsere kontinuierlichen Zustände des spirituellen Aufstiegs in der Alltagssprache unserer Welt. Wie wir bereits wissen, gibt es nur zwei Qualitäten in allem Erschaffenen: Altruismus und Egoismus, die Qualität des Schöpfers und die Qualität seiner Geschöpfe.
Die Kabbala beschreibt auf der anderen Seite die Stadien spirituellen Aufstiegs in der Sprache von direkten Empfindungen, wie dies in diesem Buch geschieht, oder in der Sprache der Sefirot, die physikalisch- mathematische Beschreibung von spirituellen Objekten.
Diese Sprache ist universal, kompakt und präzise. Ihre äußere Form ist für den Anfänger verstehbar. Sie hilft uns, andere zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden, weil sie sich auf abstrakte spirituelle Objekte konzentriert und auf Ereignisse, die zu einem gewissen Grad fern von uns sind. Wenn wir uns zu diesen spirituellen Stufen bewegt haben, können wir diese »wissenschaftliche« Sprache nutzen, um unsere eigenen Handlungen und Empfindungen zu beschreiben, denn das Licht, das wir empfangen, trägt bereits die Information über die Handlungen selbst in sich, den Namen der Handlung und ihr spirituelles Niveau. Ein Kabbalist kann jedoch seine Empfindungen und Gefühle über ein bestimmtes spirituelles Niveau nur jemandem vermitteln, der bereits dieses Niveau erreicht hat, denn ein anderer Mensch wird diese Konzepte nicht verstehen. Ähnlich in unserer Welt, wo ein Mensch, der eine bestimmte Empfindung nicht erlebt hat und sie nicht aus einer analogen Empfindung kennt, nicht in der Lage ist, sie zu verstehen.
Es gibt zwei aufeinanderfolgende Stadien der Korrektur des Egoismus. Das Erste besteht darin, ihn erst überhaupt nicht zu verwenden, sondern nur in dem Verlangen zu »geben« zu denken und zu handeln, ohne irgendeinen Gedanken, möglicherweise Gewinn aus den Ergebnissen des eigenen Handelns zu ziehen. Wenn wir in dieser Weise zu handeln in der Lage sind, wechseln wir in das nächste Stadium über: Wir beginnen langsam, uns unseren Egoismus dienstbar zu machen, indem wir ihn allmählich in unsere altruistischen Handlungen und Gedanken aufnehmen, wobei er korrigiert wird.
Zum Beispiel gibt ein Mensch anderen alles, ohne irgendeine Gegenleistung zu erhalten; dies ist der erste Schritt der Entwicklung. Wenn man wirklich in jeder Situation fähig ist, auf diese Weise zu verfahren, dann werden die Reichen dieses Individuum umso mehr unterstützen, um noch mehr geben zu können. Daher werden Reichtümer durch dieses Individuum geleitet, um an andere weitergegeben zu werden.
Der Umfang an Reichtum, der von anderen empfangen wird, wird davon abhängen, ob man fähig ist, alles, was man empfangen hat, wegzugeben, ohne durch diese Freigebigkeit versucht zu werden. In diesem Falle wird der Egoismus für noble Gründe dienstbar gemacht: Je mehr man empfängt, desto mehr wird weitergegeben. Aber kann man denn alles weggeben?

Der Umfang an Reichtum, der durch die eigenen Hände weitergereicht wird, bestimmt das Niveau der eigenen Korrektur.

Das erste Stadium ist als »die Korrektur der Schöpfung« (des Egoismus) bekannt, und das zweite Stadium ist als »das Ziel der Schöpfung« bekannt oder als die Fähigkeit, den eigenen Egoismus für altruistische Handlungen einzusetzen, für altruistische Ziele. Die Kabbala konzentriert sich auf diese zwei Stadien spiritueller Entwicklung. Jedoch sind die Verlangen und Genüsse, welche die Kabbala meint, Milliarden Mal größer als alle Vergnügen unserer Welt zusammen.
Diese zwei Schritte stehen auch ständig im gegenseitigen Konflikt miteinander, weil der erste den Gebrauch des Egoismus und seine Korrektur vollständig zurückweist, während der zweite ihn in kleinen Abständen zur eigenen Korrektur nutzt, die durch die eigene Kraft, ihm entgegenzuwirken, begrenzt wird. Daher sind die Handlungen unter diesen zwei Bedingungen gegensätzlich, obwohl beide der Absicht nach altruistisch sind. Selbst in unserer Welt befindet sich ein Individuum, das alles weggibt, im Gegensatz zu jemandem, der empfängt – wenn auch, um es wegzugeben.
So betrachtet werden viele Widersprüche und Konflikte, wie sie in der Bibel beschrieben werden, verständlicher. Zum Beispiel der Konflikt zwischen Saul und David, die Argumente und Lehrmeinungen des Shamai und Hillel, der Konflikt zwischen Maschiach Ben-Joseph (der Kabbalist Ari) und Maschiach Ben-David und anderen, beinahe alle dieser strittigen Veröffentlichungen und Kriege zwischen Nationen, Stämmen, Familien und egoistischen Individuen, welche von denjenigen interpretiert werden, die sich nicht in der spirituellen Machtsphäre dieser Geschehnisse aufhalten.
Nach einer Zeit intensiver Arbeit an sich selbst, wo wir lernen und nach spiritueller Wahrnehmung streben, werden wir den Wunsch nach Resultaten verspüren. Es scheint uns nach all der geleisteten Arbeit (besonders im Vergleich zu der Arbeit derjenigen, die uns umgeben), als hätten wir uns das Recht verdient, die Enthüllung des Schöpfers zu erfahren, eine klare Manifestierung der spirituellen Gesetze zu sehen, die wir so inbrünstig studiert haben, und die Vergnügen der spirituellen Welten zu empfangen.
In Wirklichkeit hingegen erscheinen alle Dinge genau im Gegensatz zu unseren Erwartungen zu sein: Vielleicht fühlen wir, dass wir uns im Vergleich zu anderen, die nicht Kabbala studieren, zurückentwickeln statt vorwärts. Oder wir fühlen, dass wir, anstatt den Schöpfer zu empfinden und anstatt, dass Er uns hört, wir uns immer weiter vom Schöpfer entfernen. Außerdem scheint die sich erweiternde Lücke unserer spirituellen Errungenschaften und unsere Verringerung der spirituellen Sehnsucht das direkte Resultat unserer Studien zu sein.
Daher taucht eine berechtigte Frage auf: Wenn wir uns jene anschauen, die auf die gewöhnliche, einfache Weise die Bibel studieren, erkennen wir, wie sie ein Gefühl der Überlegenheit über andere entwickeln, während wir, die wir Kabbala studieren, immer unzufriedener werden, wie wir immer schlechter in unseren Gedanken und Verlangen werden, und wie wir uns immer weiter von unseren guten spirituellen Verlangen entfernt haben, die uns am Anfang zur Kabbala geführt haben! Vielleicht wäre es besser gewesen, sich gar nicht erst in das Studium der Kabbala zu vertiefen! Vielleicht war unsere Zeit des Studiums umsonst!
Auf der anderen Seite spüren wir vielleicht bereits, dass wir nur hier Wahrheiten und Antworten auf unsere inneren Fragen erhalten können. Dieses Gefühl kommt mit dem sich aufbauenden Druck zusammen: Wir können Kabbala nicht aufgeben, weil es die Wahrheit ist, aber wir scheinen nichts mit ihr gemein zu haben und bewegen uns so weiter von ihr weg, mit dem Gefühl, dass unsere Wünsche viel kleiner sind als die unserer Zeitgenossen.
Es scheint uns, dass der Schöpfer einem anderen Menschen an unserer Stelle weit früher geantwortet und ihn an sich herangezogen hätte. Ein anderer Mensch an unserer Stelle aber hätte sich nicht beklagt und wäre nicht verbittert gewesen, weil der Schöpfer rücksichtslos gegen ihn war oder möglicherweise nicht auf seine Handlungen reagiert hat.
Wesentlich werden diese Empfindungen nur von denjenigen erfahren, die sich im Prozess wahrer spiritueller Arbeit befinden, und nicht von denen, die sich lediglich in das Studium der Bibel vertiefen, nur um ihre einfachen Bedeutungen zu lernen und die Gebote zu befolgen. Das ist so, weil diejenigen, die sich nach einem Aufstieg sehnen, danach streben, eine spirituelle Stufe zu erlangen, in der alle Sehnsüchte, Gedanken und Verlangen frei von persönlichen Interessen sind. Zu diesem Zweck wird von Oben die Quintessenz der eigenen, wahren Gedanken und Motivationen enthüllt.
Wir können belegen, dass wir unsere Prüfungen durchhalten, nachdem wir Leiden überstanden und in uns selbst die ungeheure Größe unseres Egoismus gefunden haben, und die große Entfernung zwischen dem Selbst und der noch so kleinen spirituellen Eigenschaft. Wir werden uns würdig erweisen, einen flüchtigen Blick auf die spirituellen Welten zu erhaschen, jedoch werden wir, falls wir es noch können, trotz all dem, was wir ausgehalten haben, unser Herz besänftigen und Liebe für den Schöpfer ausdrücken, ohne einen Lohn für die eigenen Anstrengungen und Leiden zu fordern. Und trotz allem, was wir ertragen haben, sind diese Bedingungen wertvoller als tierische Freuden und Gelassenheit.

Generell werden wir, wann immer wir wahre Arbeit an uns selbst leisten, unmittelbar damit beginnen, die Hindernisse auf unserem Weg zur Wahrnehmung des Spirituellen zu sehen.

Diese Hindernisse kommen uns als unterschiedliche fremdartige Gedanken und Gefühle, als ein Verlust an Vertrauen in die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, als Entmutigung im Angesicht unserer wahren Bedürfnisse. All diese Hindernisse werden uns von Oben gesendet, um uns zu testen. Sie werden bestimmen, ob wir tatsächlich einen Durst nach Wahrheit besitzen, ungeachtet, wie widersprüchlich er zu unserer egoistischen Natur ist, oder wie betrüblich es ist, unsere eigene Bequemlichkeit für den Schöpfer aufzugeben. Andererseits werden gewöhnliche Menschen nicht getestet und fühlen sich sehr wohl mit dem gewohnheitsmäßigen Lebensstil, eben weil sie denken, dass ihnen ein Platz in der nächsten Welt garantiert ist, weil sie die Gebote der Bibel befolgen.
Daher empfinden jene, dass diese Welt und die kommende gewiss sind, und frohlocken beim Gedanken an die zukünftige Belohnung, und empfinden, dass diese wohl verdient ist, weil sie den Willen des Schöpfers erfüllen und dadurch einen Ausgleich verdient haben, in dieser und in der zukünftigen Welt. Dies bedeutet, dass der Egoismus eines aufmerksamen Menschen um ein Vielfaches anwächst im Vergleich zu dem Egoismus eines unachtsamen Menschen, der keinen Lohn im spirituellen Reich vom Schöpfer erwartet.
Der Schöpfer testet uns aber nicht, um unser spirituelles Niveau zu ermitteln. Der Schöpfer weiß das ohne Tests, denn Er ist es, der jedem Menschen seine bestimmte Position zuteilt. Er testet uns, damit wir uns selbst über unser spirituelles Niveau klar werden. Indem Er in uns das Verlangen nach irdischen Genüssen verankert, stößt Er jene von Sich, die es nicht wert sind, und verhilft denjenigen, die es wert sind und von denen Er möchte, dass sie Ihm näher kommen, zu der Gelegenheit, näher an die Tore der spirituellen Welt zu rücken, indem sie alle Hindernisse überwinden.
Damit die erwählten Menschen Hass gegenüber dem Egoismus empfinden, enthüllt der Schöpfer allmählich unseren wirklichen Feind und zeigt uns den wahren Schuldigen, der uns den Weg ins spirituelle Reich versperrt, bis das Gefühl des Hasses zu einer derartigen Größe heranwächst, dass uns eine vollständige Loslösung von ihm gelingt.
Alles, was außerhalb einem »selbst« existiert, ist der Schöpfer, denn die Grundlage der Schöpfung ist die Wahrnehmung des »Selbst« durch jeden von uns. Diese Illusion eines persönlichen »Selbst« begründet die Schöpfung und wird nur von uns allein wahrgenommen. Aber außerhalb dieser Empfindung des persönlichen »Selbst« existiert nur der Schöpfer. Daher spiegelt unsere Einstellung gegenüber der Welt und allem um uns herum unsere Einstellung dem Schöpfer gegenüber wider. Wenn wir uns an eine solche Einstellung allem gegenüber gewöhnen, stellen wir wieder eine direkte Verbindung mit dem Schöpfer her.
Wenn es aber niemanden als den Schöpfer gibt, was ist dann dieses »Selbst«? Das »Selbst« ist das Gefühl des »Ich«, die Empfindung unseres eigenen Seins, welches eigentlich nicht existiert. Jedoch in Übereinstimmung mit dem Plan des Schöpfers empfindet dies die Seele (die ein Teil von Ihm ist) so, weil sie vom Schöpfer getrennt wurde. Der Schöpfer verbirgt Sich vor der Seele, aber dieser Teil des Schöpfers empfindet den Schöpfer immer stärker, das »Selbst« empfindet zunehmend, dass es ein Teil des Schöpfers ist statt eine selbstständige Schöpfung. Die Stadien unserer allmählichen Wahrnehmung des Schöpfers sind als »die Welten« bekannt, oder Sefirot.

Gewöhnlich werden wir ohne jede Empfindung des Schöpfers geboren und nehmen alles um uns herum als »Wirklichkeit« wahr. Dieser Zustand bildet »unsere Welt«.

Wenn der Schöpfer wünscht, uns Ihm näher zu bringen, beginnen wir manchmal, ein vages Gefühl einer Höheren Kraft zu empfinden. Wir sehen diese Kraft nicht aus unserer inneren Sicht, sondern nehmen diese von außerhalb, aus der Ferne wahr: Etwas erleuchtet uns und gibt uns Zuversicht, ein spirituelles Hochgefühl und Inspiration.
Aber der Schöpfer kann sich wieder entfernen und nicht wahrnehmbar werden. In solch einem Fall empfinden wir das als eine Rückkehr zu unserem ursprünglichen Zustand, und wir können sogar vergessen, dass wir einmal der Existenz des Schöpfers sicher waren und Ihn sogar spürten. Der Schöpfer kann Sich auch Selbst entfernen, auf eine Weise, dass wir den Weggang einer spirituellen Präsenz empfinden und als dessen Folge mutlos werden. Dieses Gefühl wird vom Schöpfer an jene gesendet, die Er eben näher zu Sich ziehen möchte, denn das Gefühl der Sehnsucht nach dem wunderbaren Gefühl, das entschwand, motiviert uns, danach zu streben, das Gefühl zurückzuerhalten.
Wenn wir uns bemühen und das Studium der Kabbala beginnen und selbst einen wahren Lehrer finden, dann enthüllt sich der Schöpfer entweder in größerem Maße durch unseren spirituellen Aufstieg, oder Er verhüllt Sich und gibt uns einen Anstoß, einen Weg aus unserem Zustand des Abstiegs zu finden.
Wenn wir uns mit unserer Willenskraft bemühen, werden wir diesen unangenehmen Zustand der Verhüllung des Schöpfers überwinden und Hilfe von Oben in Form spiritueller Erhebung und Inspiration empfangen. Andernfalls wird der Schöpfer Selbst, wenn wir nicht aus eigener Kraft versuchen, aus diesem Zustand herauszukommen, uns zu Sich ziehen oder uns völlig verlassen (nachdem Er uns mehrmals angeregt hat, dass wir uns selbst bemühen, uns Ihm zu nähern), obwohl wir immer noch unfähig sind, Ihn wahrzunehmen.

Kapitel 22


Spirituelle Entwicklung


Das Ergebnis der Schöpfung und Seine Vorsehung oder was die Wissenschaftler »die Naturgesetze« nennen, ist der Gegenstand unserer Neugierde. Die Menschheit orientiert sich an Details aus der Schöpfung und versucht, sie in ihren Erfindungen nachzuahmen und das Wissen über die Naturgesetze anzuwenden. Sie versucht, die Taten des Schöpfers auf niedrigerem Niveau mit minderwertigeren Mitteln nachzuahmen.
Die Menschheit besitzt nur eine begrenzte Tiefe, um die Natur zu begreifen, doch dehnen sich die Grenzen langsam aus. Bis zum heutigen Tage aber wird der Körper mit dem physischen Körper gleichgesetzt. Mit dieser Auffassung kann es allerdings keine Unterschiede zwischen den Menschen geben, da die individuelle Eigenart eines Menschen mehr durch seine spirituellen Stärken und Eigenschaften bestimmt wird als durch seine körperliche (physische) Form.
Deshalb kann man sagen, dass – aus der Perspektive des Schöpfers – die Körper ungeachtet ihrer Vielzahl alle einen Körper formen, da es keinen individuellen Unterschied unter ihnen gibt.
Aus unserer Perspektive genügt es, wenn wir unser Selbst beobachten und verstehen, da wir dann auch alle anderen und unsere Beziehung zur Welt begreifen. So verhalten wir uns in der Tat, denn wir sind dazu geschaffen, das zu fassen, was außerhalb von uns liegt, da wir auf äußere Kräfte reagieren.
Wenn wir uns dementsprechend nicht von anderen spirituell unterscheiden würden, und die Handlungen des physischen Körpers von unseren tierischen Eigenschaften bestimmt werden, dann wäre das, als ob wir gar nicht existierten. Ohne eine spirituelle Persönlichkeit scheinen wir der Teil eines gemeinsamen Körpers zu sein, der alle Körper vertritt.
Das bedeutet, dass wir uns nur durch unsere Seelen unterscheiden. Daher existieren wir nicht als Individuum, wenn wir keine Seele besitzen. Je mehr spirituelle Unterschiede wir besitzen, desto wichtiger sind wir. Sollten diese jedoch nicht existieren, dann sind wir ebenfalls existenzlos.

Sowie jedoch der kleinste spirituelle Unterschied in uns Gestalt annimmt, wird dieser spirituelle Moment Geburt genannt, denn in uns erscheint zum ersten Mal etwas, was uns von anderen unterscheidet.

Die Geburt unserer Persönlichkeit vollzieht sich daher durch die spirituelle Trennung von der allgemeinen Masse. Wie bei einem Samenkorn passieren hier zwei widersprüchliche Dinge, die aufeinanderfolgen: der Vorgang des Verfaulens und der des Wachsens. Hier geschieht eine vollständige Befreiung der vorherigen Form. Solange man sie jedoch nicht vollständig zurückgewiesen hat und bis wir unsere physische Form abgeworfen haben, sind wir nicht in der Lage, uns von einem physischen Körper in eine spirituelle Kraft zu verwandeln. Solange nicht alle Stadien, genannt »die Zeugung der Frucht von Oben nach unten«, durchlaufen sind, kann die erste spirituelle Kraft von unten nach oben weder in uns geboren werden noch weiter anwachsen und die Stufe und die Form des Einzigen, der uns gezeugt hat, erreichen.
Ähnliche Entwicklungen gibt es in der leblosen, vegetativen, tierischen und menschlichen Natur, jedoch nehmen diese verschiedene Formen an.
Die Kabbala definiert »spirituelle Geburt« als die erste Manifestation innerhalb des Individuums, mit der niedrigsten Eigenschaft auf der niedrigsten spirituellen Welt – den Übertritt des Einzelnen über die Schranken »unserer« Welt hinaus auf die erste und niedrigste spirituelle Stufe. Im Gegensatz zu einem Neugeborenen in unserer Welt kann das spirituelle Neugeborene nicht sterben, sondern entwickelt sich immer weiter.
Ein Mensch beginnt erst in dem Moment sich zu begreifen, wo er sich seiner selbst bewusst wird, vorher nicht. Zum Beispiel können wir uns nicht an unsere vorherigen Formen erinnern, wie an den Moment der Empfängnis, der Geburt oder an noch frühere Zustände.
Die Kabbala beschreibt alle vorherigen Zustände der Schöpfung, angefangen mit der alleinigen Existenz des Schöpfers bis zu Seiner Schaffung einer allgemeinen Seele – des spirituellen Wesens. Darauf folgte der stufenweise Abstieg aus den spirituellen Welten, von den höchsten bis zu den niedrigsten, bis hin zum letzten Niveau des niedrigsten spirituellen Reiches.
Kabbala beschreibt nicht alle darauffolgenden Stadien (wie ein Individuum in unserer Welt die niedrigste Stufe des spirituellen Reiches erfasst und wie man weiterhin von unten nach Oben steigt, bis zum endgültigen Ziel – die Rückkehr zum ursprünglichen Punkt der Schöpfung), weil der Aufstieg der Seele den gleichen Gesetzen folgt wie der Abstieg. Jeder, der versucht, das zu verstehen, muss auf seine Art und Weise jeden Zustand der spirituellen Geburt bis zur letzten spirituellen Stufe der Vollendung durchlaufen.
Jede Seele, die am Ende ihres Wachstums den vollständigen korrekten Zustand ihrer ursprünglichen Qualitäten erreicht hat, wird zum Schöpfer zurückkehren und kann aufgrund ihrer absoluten Ähnlichkeit mit Ihm zu einer Einheit verschmelzen. Um es anders zu sagen: Die Seele muss vom Moment ihrer spirituellen Geburt an bis zum kompletten Anhaften an den Schöpfer durch die gleichen 125 Stufen gehen, die sie von Oben nach unten, vom Schöpfer ausgehend, bis zu uns durchlaufen hat.
In der Kabbala ist die erste Stufe von unten als »die Geburt« bekannt und die letzte als »die letzte Korrektur«. Alle Stadien dazwischen sind entweder durch die Namen von Orten oder von Menschen in der Bibel mit kabbalistischen Symbolen, den Namen der Sefirot der Welt, festgelegt.
Aus dem oben Gesagten wird klar, dass wir nicht in der Lage sind, die Schöpfung und uns selbst gänzlich zu verstehen, ohne das Ziel der Schöpfung, den Akt der Schöpfung und alle Entwicklungsstadien bis zum Ende der Korrektur vollständig zu erkennen. Da wir die Welt nur innerhalb unserer selbst prüfen, können wir nur den Teil erforschen, der für uns existiert, den wir wahrnehmen. Aus diesem Grund werden wir uns niemals wirklich kennen.
Vielmehr ist unser Verständnis begrenzt, denn um ein Objekt zu begreifen, müssen wir seine negativen Seiten untersuchen – jedoch sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Schwächen zu erkennen. Obwohl wir das Gegenteil wünschen, schließt unser Charakter (unsere Natur) diese automatisch aus unserem Bewusstsein aus, weil es sehr unangenehm für uns wäre, unsere Schwächen zu erkennen und wir deswegen automatisch diese Gefühle vermeiden.
Nur die Kabbalisten, die an der Korrektur ihrer Natur arbeiten, um dem Schöpfer ähnliche Eigenschaften zu erlangen, decken Schritt für Schritt ihre Schwächen auf, in dem Maße, wie sie diese korrigieren können. Da diese Eigenschaften bereits korrigiert werden, scheint es, als ob die unkorrigierten Merkmale nicht mehr zum Individuum gehören. Erst dann werden der Intellekt und die Natur des Kabbalisten ein Erkennen dieser Schwächen erlauben.
Wir haben die Tendenz, hauptsächlich in anderen die negativen Eigenschaften zu sehen, was uns aber nicht dabei hilft, uns selbst zu analysieren. Da die menschliche Natur automatisch negativen Empfindungen aus dem Wege geht, sind wir nicht in der Lage, die negativen Seiten, die wir in anderen sehen, auf uns zu übertragen. Unsere Natur wird nie zulassen, uns selbst negativ zu sehen.
Die Wahrheit ist, dass es uns Spaß macht, Negatives in den anderen zu sehen!

Darum kann man mit Bestimmtheit sagen, dass kein Mensch auf der Welt sich selbst kennt.

Ein Kabbalist jedoch erfasst das gesamte Spektrum der Natur eines Menschen von der Wurzel in der ursprünglichen Form, der Seele.
Dementsprechend muss man, um ein wirkliches Verständnis der Schöpfung zu erlangen, diese von Oben nach unten analysieren, vom Schöpfer bis in unsere Welt. Dieser Weg von Oben nach unten wird »der allmähliche Abstieg der Seele in unsere Welt« genannt. Das umfasst die Konzeption und Entwicklung der Seele analog zu unserer Welt – der Punkt, an dem die Eizelle im Körper der Mutter vom Samen des Vaters befruchtet wird. Solange sich der Mensch nicht auf der niedrigsten Stufe befindet, auf der er ganz vom Schöpfer entfernt ist, quasi als Frucht der Eltern, als Samen, der seine Urform völlig verloren hat, kann er kein physisch unabhängiger Organismus werden.
Genauso wie in unserer Welt, bleiben wir auch im spirituellen Reich weiterhin von unserem Ursprung abhängig, bis wir mit seiner Hilfe endlich ein unabhängiges spirituelles Wesen werden.
Kurz nachdem der Mensch spirituell zur Welt gekommen ist, erreicht er eine spirituelle Stufe, die noch weiter vom Schöpfer entfernt ist, und er fängt langsam an, die Stufen des Aufstiegs zurück zum Schöpfer zu bewältigen. Der Weg von unten nach Oben wird »persönliches Verständnis und Aufstieg« in Übereinstimmung mit den Gesetzen der spirituellen Reiche genannt. Das gleicht unserer Welt, in der ein Neugeborenes sich nach den Gesetzen unserer Welt entwickelt. Die Stufen unserer Entwicklung von unten nach Oben entsprechen genau den Stufen, die die Seele bei ihrem Abstieg vom Schöpfer in unsere Welt von Oben nach unten betritt.
Aus diesem Grund konzentriert sich die Kabbala auf den Abstieg der Seele, wohingegen die Phasen des Aufstiegs persönlich von jedem Menschen durchlebt werden müssen, um spirituell zu wachsen. Auf keinen Fall darf man sich in den Entwicklungsprozess eines Schülers einmischen oder ihm spirituelle Handlungen aufzwingen. Letzteres muss vom Bewusstsein jedes einzelnen Schülers diktiert werden, der die ihn umgebenden Geschehnisse erforscht und damit alle zu besseren Eigenschaften korrigiert. Aus diesem Grund ist es unter Kabbalisten verboten, Auskünfte über die eigenen Auf- und Abstiege zu erteilen.
Die beiden Wege sind – von Oben nach unten und von unten nach Oben – ganz und gar identisch, und wenn man den Weg von Oben nach unten begreift, versteht man auch den Weg von unten nach Oben. Auf diese Weise erreicht der Mensch im Laufe seiner Entwicklung das Verständnis über den Zustand vor seiner Geburt. Der Schöpfungsplan zeigt unsere Welt, wie sie von Oben nach unten geht; die Höchste Stufe bringt die darunter liegenden hervor bis ganz hinunter in unsere Welt, wo sie in einem Individuum zu einem besonderen Zeitpunkt in dessen Leben geboren wird. An diesem Punkt dreht sich dieser Prozess um und zwingt den Menschen, spirituell zu wachsen, bis er wieder die Höchste Stufe erreicht.
Diejenigen, die spirituell wachsen, dürfen das nur mithilfe ihrer eigenen Bemühungen und mit ihren eigenen Handlungen zuliebe der Entwicklung und deren Vollendung tun. Diese Handlungen bestehen aus dem gesamten Wiederaufbau der Schöpfung, denn ein Mensch kann nichts Neues erfinden, weder physisch noch spirituell, was außerhalb der Natur liegt. Für alles, was wir tun, nehmen wir die Ideen und die Muster aus nichts anderem als der Natur. Deswegen besteht unser Weg der spirituellen Entwicklung nur daraus, das spirituelle Reich wieder aufzubauen, das bereits vom Schöpfer in unsere spirituelle Natur eingesetzt wurde.
Wie wir schon im ersten Teil erwähnten, sind alle Geschöpfe dieser Welt und alles, was sie umgibt, in perfekter Abstimmung zueinander geschaffen und mit den Bedingungen, die sie und alle anderen brauchen.
Wie in unserer Welt hat die Natur einen sicheren und geeigneten Platz für die Nachkommen geschaffen, und die Ankunft eines Neugeborenen stimuliert die Eltern, sich um es zu kümmern. Genauso geschieht alles in der spirituellen Welt bis zu seiner Geburt ohne das Wissen und Dazutun eines Individuums.
Sowie jedoch der Mensch aufwächst, kommen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten auf ihn zu, die große Anstrengungen erfordern, um weiterzuleben.

Mit zunehmender Reife treten immer mehr negative Eigenschaften auf.

Außerdem werden in der spirituellen Welt, einhergehend mit dem allmählichen Wachstum eines Menschen, seine negativen Eigenschaften immer offensichtlicher.
Unsere Natur wurde vom Schöpfer speziell in dieser Struktur geschaffen und vorbereitet, in unserer wie auch in der spirituellen Welt. Sie verhilft uns zu einer notwendigen Entwicklungsstufe, in der wir erkennen, dass wir nur durch die Liebe zum Nächsten und zu uns selbst Glückseligkeit erreichen können. Dann werden wir aufs Neue die Übereinstimmung zwischen uns und den »Naturgewalten« von Oben nach unten erkennen.
Immer wenn wir in der Natur »Fehlkalkulationen« oder »Unvollkommenheiten « bemerken, können wir das als Gelegenheit nutzen, unsere eigene Natur und unsere Einstellung der Welt gegenüber zu korrigieren.

Dadurch werden wir dem Schöpfer ganz und gar zustimmen und somit das Ziel der Schöpfung erreichen – absoluten Genuss und Gutes.
Das alles können wir erreichen, und der Schöpfer wird keineswegs von seinem Plan abweichen, denn Er schuf ihn für uns, mit dem Willen, uns absolute Freude und Gutes zu schenken. Unsere Aufgabe ist, nur die Stufen des spirituellen Abstieges zu erlernen und das Verständnis zu erlangen, wie wir uns während unseres Aufstiegs verhalten sollten.
Das scheinbar unnatürliche Gefühl der Liebe Fremden gegenüber, welche der Schöpfer von uns verlangt (nicht denen gegenüber, die uns nahe stehen, sondern solchen, die wie wir sind, sprich: die uns gleichen, denn die uns nahe Stehenden werden bereits sehr von uns geliebt), veranlasst uns, eine innere Einschränkung des »Selbst« zu fühlen, wie jedes andere altruistische Gefühl oder ein Verneinen der Selbstsucht es tun würde.
Wenn wir unsere persönlichen Interessen aufgeben oder verringern können, dann wird der spirituelle Platz, der von der Selbstsucht belegt war, zum Empfang des Oberen Lichts benutzt, das dann als Reaktion darauf das Vakuum füllt und den Raum vergrößert.
Diese beiden Handlungen zusammen werden »das Pulsieren des Lebens « oder »die Seele« genannt, und sie sind selbst in der Lage, weitere Einschränkungen und Ausdehnungen auszulösen. Nur auf diese Weise kann das spirituelle Gefäß eines menschlichen Wesens das Licht des Schöpfers empfangen, und wenn es die Seele vergrößert hat, kann sie emporsteigen.
Die Einschränkung kann entweder durch eine äußere Kraft oder aufgrund von Handlungen der inneren Eigenschaften des Gefäßes erfolgen. Wenn die Einschränkung aufgrund eines schmerzhaften Druckes von außen erfolgt, veranlasst die Natur das Gefäß, solche Kräfte aufzubringen, die dieser Einschränkung widerstehen können. Es vergrößert sich erst und kehrt dann zu seiner ursprünglichen Form zurück und zieht sich vor dem äußeren Druck zurück.
Wurde diese Einschränkung vom Gefäß selbst verursacht, gelingt es ihm nicht, seine Originalgröße wiederzuerlangen. Doch das Licht des Schöpfers dringt in dieses Gefäß ein und füllt es, und dann kann es wieder seine herkömmliche Größe annehmen. Dieses Licht wird »Leben« genannt.
Leben selbst bedeutet das Erlangen der Lebensessenz, die nur durch vorangegangene Einschränkungen erreicht werden kann, da es dem Menschen unmöglich ist, die spirituellen Grenzen zu überschreiten, inmitten derer er geschaffen wurde.
Einem Menschen gelingt eine erstmalige Einschränkung nur unter dem Einfluss einer äußeren Kraft oder nachdem er den Schöpfer um Hilfe gebeten hat, weil der Mensch so lange hilflos ist, diese der Seele fremde Handlung auszuführen, bis er erstmalig Hilfe bekommt, Leben für die Seele zu erhalten. Während der Mensch von der äußeren Kraft abhängig ist und nicht allein »eine Einschränkung durchführen kann«, wird er noch nicht als lebendig angesehen, denn »lebendige Natur« wird als etwas bezeichnet, das unabhängig, also selbstständig handeln kann.
Die Lehren der Kabbala beschreiben in eindeutiger Weise die gesamte Schöpfung. Die Kabbala teilt die Schöpfung in zwei Begriffe ein: das Licht (Or) und das Gefäß (Kli). Das Licht ist der Genuss, das Gefäß ist das Verlangen, Genuss zu empfangen. Wenn der Genuss in das Verlangen eindringt, um Freude zu empfangen, übermittelt es diesem Verlangen den speziellen Drang, daran Genuss zu empfinden.
Wenn das Licht abwesend ist, weiß das Gefäß nicht, woran es sich erfreuen soll. Darum ist das Gefäß an sich nie unabhängig, und nur das Licht bestimmt, welche Art von Genuss es empfangen wird – die Gedanken, die Ziele und alle ihre Eigenschaften. Aus diesem Grund wird der spirituelle Wert eines Gefäßes vollkommen von der es füllenden Lichtmenge bestimmt.
Je »ungeschliffener« das Gefäß aber ist, umso mehr hängt es vom Licht ab und desto weniger selbstständig ist es. Andererseits: Je »gröber« es ist, desto größer ist die Menge des empfangbaren Genusses im Gefäß. Das Wachstum und die Entwicklung hängen eindeutig von einem großen Verlangen ab. Dieses Paradoxon ergibt sich aus den sich entgegengesetzten Eigenschaften des Lichts und des Gefäßes.

Die Belohnung für unsere spirituellen Bemühungen ist die Anerkennung des Schöpfers, aber es ist unser »Selbst«, das sich vom Schöpfer abschirmt.

Da es das Verlangen ist, was das Individuum bestimmt, und nicht der physische Körper, wird mit jeder neuen Erscheinung des Verlangens das Individuum wie neugeboren. Auf diese Weise können wir den Kreislauf der Seelen verstehen, denn ein Mensch wird mit jedem neuen Gedanken und Wunsch neugeboren, weil das Verlangen neu ist.
Folglich heißt es, wenn das Verlangen eines Menschen animalisch ist, wird seine Seele in ein Tier gekleidet. Ist das Verlangen höher, kann dieser Mensch ein Weiser geworden sein. Nur auf diese Weise kann man den Kreislauf der Seelen erklären. Der Einzelne sollte diesen Kreislauf nur in diesem Sinne verstehen. Der Mensch ist in der Lage zu erkennen, wie widersprüchlich seine Meinungen und Gedanken manchmal sein können, als ob er nicht ein Individuum, sondern mehrere Individuen in sich beherbergt.
Jedes Mal, wenn der Mensch bestimmte Wünsche hat, und diese Wünsche wirklich stark sind, kann er sich nicht vorstellen, dass es vielleicht eine andere Situation geben könnte, die der gegenwärtigen völlig entgegengesetzt ist. Das kann man damit erklären, dass die Seele ewig und ein Teil des Schöpfers ist. Aus diesem Grund erwartet der Mensch, für immer in einem bestimmten Zustand zu bleiben. Doch der Schöpfer verändert unsere Seele von Oben, was den Kreislauf der Seelen ausmacht. Folglich stirbt der vorherige Zustand und ein »neues Individuum wird geboren«.
Wir können uns während unseres spirituellen Aufstiegs, den Inspirationen und Abstürzen, Freuden und Depressionen, nicht vorstellen, dass wir von einem Zustand in den anderen übergehen können, wenn wir uns in einem Zustand spiritueller Erhebung befinden, und wie es andere Interessen geben könnte, als ausschließlich das Streben nach spirituellem Wachstum. So wie die Toten sich nicht vorstellen können, dass es etwas wie Leben gibt, denken die Lebenden nicht über den Tod nach. Das kommt daher, dass es die göttliche Existenz gibt und die Seele ewig ist.
Unsere gesamte Wirklichkeit wurde nur dazu geschaffen, um uns von der Wahrnehmung der spirituellen Welten abzulenken. Tausende von Gedanken lenken uns ständig von unserem Ziel ab, und je mehr wir versuchen, uns darauf zu konzentrieren, desto größer werden die Hindernisse. Der Schöpfer allein ist die Hilfe gegen all diese Blockaden. Er war es, der diese absichtlich geschaffen hat – damit wir uns auf dem Weg nach persönlicher Rettung an den Schöpfer wenden.
Wir lenken Kinder beim Füttern mit Märchen ab, und genauso ist der Schöpfer gezwungen, die altruistische Wahrheit in selbstsüchtige Dinge einzukleiden, damit wir einen Drang nach spiritueller Erkenntnis verspüren. Wenn wir diesen Zustand einmal erlebt haben, wollen wir selbst am spirituellen Festmahl teilnehmen.
Der gesamte Weg unserer Korrektur basiert auf dem Prinzip der Vereinigung mit dem Schöpfer und der Verbindung mit den spirituellen Objekten, damit wir uns deren spirituelle Eigenschaften aneignen. Erst wenn wir in Verbindung mit dem Spirituellen stehen, können wir daran teilnehmen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, von einem Lehrer und von Mitschülern umgeben zu sein, die das gleiche Ziel verfolgen. Ebenso im täglichen Umgang, fast unbemerkt von unserem Selbst und daher durch den Körper ungestört, können wir spirituelle Verlangen erreichen.
Da die wahre Bemühung diejenige ist, die entgegen den körperlichen Begierden handelt, ist es leichter, sich anzustrengen, wenn es ein festes Vorbild gibt und viele danach streben, auch wenn es unnatürlich erscheint. (Die Mehrheit bestimmt das Bewusstsein; wenn jeder nackt ist wie in der Sauna oder in einer »primitiven Gesellschaft«, ist es einfacher, sich der Kleider zu entledigen). Der Lehrer und die Freundesgruppe sind jedoch nur Hilfsmittel. Während des spirituellen Aufstiegs stellt der Schöpfer sicher, dass ein Mensch gezwungen ist, sich nur an Ihn wenden zu können, um Hilfe zu erhalten.
Warum gibt es die geschriebene Tora, die geschriebene Art der spirituellen Gesetze, die Bibel, und eine mündliche Überlieferung? Die Antwort ist einfach: Die schriftliche Form gibt uns die Beschreibung der spirituellen Vorgänge, die von Oben nach unten durchlaufen werden. Sie beschreibt nur diesen Prozess, obwohl auch die Sprache der Erzählung, historische Chroniken, die prophetische Sprache und die der kabbalistischen Lehren benutzt werden.
Der Hauptgrund, aus dem uns die spirituellen Gesetze gegeben wurden, ist der spirituelle Aufstieg eines Menschen zum Schöpfer, und dieser ist für jeden von uns individuell, ausgehend von den Eigenschaften und Besonderheiten jeder einzelnen Seele. Jeder Mensch versteht demnach auf seine Weise den Aufstieg entlang der Stufen in das spirituelle Reich. Die Enthüllung der spirituellen Gesetze von unten nach oben, die der Mensch erhalten hat, wird die »mündliche Tora« genannt, denn es ist unmöglich, jedem eine spezielle Version von ihr zu geben. Jeder muss sie individuell verstehen, indem er zum Schöpfer betet.
Alle Mühe, die wir uns durch das Studium und die Arbeit an unserer Selbstverbesserung gemacht haben, ist dazu da, dass wir unsere Hilflosigkeit erkennen und uns an den Schöpfer wenden und Ihn um Hilfe bitten. Wir können unsere eigenen Handlungen jedoch nicht beurteilen und bitten den Schöpfer um Hilfe.

Je mehr wir lernen und an uns arbeiten, desto größer wird der Groll dem Schöpfer gegenüber.

Auch wenn wir letztendlich Hilfe vom Schöpfer erhalten, werden wir sie ohne unser Gebet nicht bekommen. Darum muss jeder, der sich entwickeln möchte, sich in allen Handlungen sehr viel Mühe geben, im Gegensatz zum »Narren, der mit verschränkten Armen da sitzt und ein bekümmertes Gesicht macht«.
Mit einer Bemühung ist alles das gemeint, was der Einzelne entgegen seinen körperlichen Verlangen tut. Beispielsweise strengt sich jemand an, der entgegen seines körperlichen Verlangens schläft. Damit wir unsere Selbstsucht überwältigen können, müssen wir uns anstrengen, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Wir müssen daher den Schöpfer um Kraft bitten, denn der Körper kann ohne eine Belohnung nichts tun.
So wie ein Meister, der sein Werk liebt und während des Schaffens an nichts anderes als an seine Arbeit denkt und nicht etwa an den Erfolg, genauso ist jemand von Liebe für den Schöpfer erfüllt, wenn er sich danach sehnt, dem Schöpfer nahe zu sein. In diesem Fall kommen wir dem Schöpfer näher, weil Er es so möchte, und nicht, weil wir als Ergebnis dieser Nähe unbegrenzten Genuss erhalten.
Wenn ein Mensch nicht nach Belohnung strebt, ist er immer zufrieden, denn je größer die Bemühungen sind, die er mithilfe des Schöpfers vollzieht, desto größer ist die Zufriedenheit für ihn und den Schöpfer. Es sieht daher so aus, als ob derjenige unablässig belohnt wird.
Man kann an jemandem sehen, dass sein Egoismus noch vorhanden ist, wenn dieser Jemand glaubt, dass die Selbstverbesserung sehr schwer ist und keine Freude bereitet. Dieser Mensch hat die Grenze zwischen der gesellschaftlichen Masse zu den wenigen, die für den Schöpfer arbeiten und nicht für sich selbst, noch nicht überschritten. Derjenige aber, der merkt, wie schwer es ist, auch nur die kleinste Bemühung nicht für sich selbst, sondern allein dem Schöpfer zuliebe zu machen, ist bereits auf halbem Weg von den Massen zu den Kabbalisten. Die Aufklärung der Massen kann jedoch nicht wirklich stattfinden, da es für sie nicht akzeptabel ist, etwas ohne Gegenleistung zu tun.
Die Massenerziehung baut darauf auf, den Egoismus zu belohnen. Daher fällt es diesen Menschen nicht schwer, die Gebote strikt einzuhalten und sogar noch zusätzliche Schwierigkeiten anzustreben. Wichtig ist für jeden am Anfang der Glaube. Wie Rambam (zwölftes Jahrhundert) schrieb, wird jeder auf die Weise gelehrt, wie man kleine Kinder unterrichtet. Es wird ihnen gezeigt, dass das Einhalten der Gebote zu ihrem Vorteil und zur Bereicherung in der nächsten Welt ist. Später, wenn einige von ihnen erwachsen und weiser sind, erfahren sie die Wahrheit von einem Lehrer und lernen allmählich, wie man sich von der Selbstsucht lösen kann.
Allgemein wird das, was man sich als Ergebnis einer Handlung wünscht, »Belohnung« genannt, auch wenn die Handlungen selbst in mehreren Bereichen stattfinden. Keiner kann ohne Gegenleistung arbeiten, doch ist es möglich, diese selbst zu verändern, indem man egoistische Freude durch altruistische ersetzt. Zum Beispiel gibt es keinen Unterschied zwischen dem Vergnügen, das ein Kind mit seinem Spielzeug hat, und der Freude, die ein Erwachsener aus der Spiritualität erfährt. Der Unterschied liegt nur in der äußeren Form, in seiner Bekleidung. Um allerdings diese Form zu ändern, muss man wie in unserer Welt erwachsen werden. Dann bekommt man anstelle von Verlangen nach einem Spielzeug den Willen nach Spiritualität, und die selbstsüchtige Form des Wunsches wird durch eine uneigennützige ersetzt.
Es ist daher falsch zu behaupten, dass die Kabbala lehrt, den Freuden des Lebens zu entsagen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Nach den kabbalistischen Gesetzen muss jemand, der sich selbst keine Freuden gönnt, ein Opfer bringen als Bestrafung für die Sünde, dass er nicht alles wahrnimmt, was der Schöpfer uns Menschen gewährt.
Das einzige Ziel der Schöpfung ist, die Seelen mit absolutem Genuss zu erfreuen, und dieser Genuss kann nur in der altruistischen Form gefunden werden. Die Kabbala wurde uns gegeben, damit wir uns mit ihrer Hilfe davon überzeugen können, die äußere Form der Vergnügen zu verändern, damit das jetzige Bittere süß wird.
Im Laufe unseres Lebens sind wir gezwungen, die äußeren Hüllen unseres Vergnügens aufgrund unseres Alters und der Lebensumstände zu wechseln. Es gibt in unserem Vokabular kein Wort, das Genuss beschreibt. Es gibt hingegen Worte, welche die Form, die Verkleidung und die Objekte beschreiben, durch die wir Genuss empfinden: vom Essen, der Natur, einem Spielzeug. Wir beschreiben unseren Drang nach Vergnügen beispielsweise mit den Worten »Ich mag Fisch«.
Die bevorzugte Freude derjenigen, die Kabbala studieren, kann mit dieser Frage verdeutlicht werden: Ist es die Kabbala, die dem Menschen wichtig ist, oder der Geber der Kabbala? Ist es der Schöpfer, der wichtig ist, oder das Einhalten der spirituellen Gesetze und deren Belohnung, die man dadurch erhält?
Das Komplizierte an diesem Problem liegt in der Tatsache, dass es einen kurzen und einfachen Weg zum Erlangen des spirituellen Zustandes gibt, den uns unsere Selbstsucht aber nicht erlaubt einzuschlagen. In der Regel neigen wir dazu, den schwierigen und qualvollen Weg zu wählen, den uns unser Egoismus anordnet; erst nach vielem Leiden kehren wir zum Ausgangspunkt zurück und nehmen dann den korrekten Weg. So schwierig es ist, den Weg des Glaubens anzutreten, genauso einfach zu beschreiten ist er, wenn wir uns einmal dazu entschlossen haben.
Ein Hindernis, in Form einer Forderung unseres niedrigen Intellektes, der danach geht, erst einmal verstehen zu wollen und dann weiterzugehen, wird »Hürde« oder »Stein« (Even) genannt. Jeder stolpert über diesen Stein. Kabbala spricht nur von einer Seele, der Seele von uns allen, und dem Aufstieg dieser Seele bis zum endgültigen Ziel.
Es steht in der Bibel, dass, als die Arme (der Glaube) von Moses (Moses wird aus dem Verb limshoch – ziehen abgeleitet) schwach wurden, er den Kampf gegen seine Feinde verlor (er hielt seine eigenen egoistischen Wünsche und Gedanken für seine Feinde). Dann luden die Älteren (seine weisen Gedanken) ihn zum Sitzen (erniedrigten seinen eigenen Intellekt) auf einem Stein ein (über den Egoismus) und erhoben seine Arme (der Glaube) und schoben einen Stein unter sie (sie erhoben den Glauben über die Forderungen des egoistischen Menschenverstandes), damit Israel triumphieren könne (das Bestreben nach spirituellem Aufstieg).
Es heißt, dass seine Vorfahren Götzenanbeter waren (die anfänglichen Ziele eines Menschen sind egoistisch und zu seinem eigenen Vorteil gedacht – Zion kommt vom Wort yezia (Ausgang), das uns verrät, dass durch Yeziot (Ausgänge) – die Flucht vom Egoismus – das Licht empfangen wird).

In der Welt eines Kabbalaanfängers gibt es nur zwei Zustände: der des Leidens und der, in welchem er den Schöpfer wahrnimmt.

Bis der Einzelne jedoch seinen Egoismus korrigiert und alle seine persönlichen Wünsche und Gedanken dem Schöpfer zuliebe verwendet, wird die ihn umgebende Welt nur als Quelle des Leidens wahrgenommen.
Wenn der Mensch erst einmal den Schöpfer gespürt hat, sieht er, dass der Schöpfer die Welt mit Sich gefüllt hat, da die gesamte Welt aus korrigierten spirituellen Objekten besteht.
Dieses Bild erscheint jedoch nur, wenn der Mensch eine spirituelle Sicht erlangt hat. Zu diesem Zeitpunkt wird all das Leiden für notwendig und erfreulich gehalten, denn dadurch wurde er in der Vergangenheit korrigiert.
Das Wichtigste ist aber, dass der Mensch weiß, wer der Herr der Welt ist, und er muss erkennen, dass alles in der Welt nur in Übereinstimmung mit Seinen Wünschen passiert, obwohl sein Körper mit dem Willen des Schöpfers fest davon überzeugt ist, dass alles dem Zufall zu verdanken sei.
Trotz des Körpers muss der Mensch fest daran glauben, dass alle Taten in der Welt entweder eine Bestrafung oder eine Belohnung nach sich ziehen.
Er kann sich beispielsweise plötzlich danach sehnen, spirituell aufzusteigen, und es mag wie ein Zufall aussehen. Nachdem er den Schöpfer um Hilfe gebeten hat, richtig zu handeln, bekommt er keine unmittelbare Antwort, und folglich wurde den vorangegangenen Gebeten nicht ausreichend Bedeutung beigemessen. Der Wunsch ist die Belohnung für vorherige gute Taten – die Bitte um Hilfe an den Schöpfer, richtig zu handeln.
Andererseits, wenn der Mensch in seiner jetzigen Lage, in der er sich spirituell erhoben fühlt, behauptet, dass es keine anderen Sorgen als die erhabenen im Leben gibt, muss er erkennen, dass (1) der Schöpfer ihn in diesen Zustand versetzte, als Antwort auf seine vorherigen Gebete, und (2), dass er sich mit solch einer Aussage fähig erklärt, unabhängig zu arbeiten. Das würde heißen, dass der spirituelle Aufstieg von den persönlichen Taten eines Einzelnen abhängt und nicht vom Schöpfer. Wenn man zudem noch während seines Studiums plötzlich lernt, das Studienobjekt zu erkennen, muss wiederholt gesagt werden, dass der Schöpfer uns in diesen Zustand versetzt hat und es kein Zufall war.
Während des Studiums sollten wir uns in einen Zustand der Unabhängigkeit versetzen, um unseren Glauben in die Höhere Vorsehung zu stärken. Wenn wir uns vom Schöpfer abhängig machen, schließen wir einen Bund mit Ihm, der uns letztendlich zu einer vollständigen Vereinigung mit Ihm führen wird.
Es gibt zwei sich gegenüberstehende Kräfte, die auf uns einwirken: die altruistische Kraft, die den Willen des Schöpfers in uns ausleben lässt, der das endgültige Ziel in dieser Welt ist und dem zuliebe wir alles tun sollen; und die egoistische Kraft, die uns glauben macht, dass alles in dieser Welt für uns und unseretwegen geschaffen wurde. Obwohl die Höhere altruistische Kraft immer vorherrscht, gibt es einen langen Leidensweg. Es gibt aber auch einen kurzen Weg, nämlich den der Kabbala.

Jeder sollte freiwillig seinen Weg verkürzen und nach Selbstverbesserung streben, ansonsten wird er dazu gezwungen, den Leidensweg anzutreten, um zum gleichen Ziel zu gelangen. Der Schöpfer zwingt uns, den Weg der Kabbala zu wählen.

Unser natürlichstes Gefühl ist, uns selbst zu lieben, was uns neugeborene Babys und Kinder am deutlichsten zeigen. Nicht weniger natürlich ist das Gefühl der Liebe für den anderen, was aus der Eigenliebe entsteht und der Kunst und Dichtung unablässig Nahrung liefert. Es gibt keine wissenschaftliche Erklärung für Liebe und die Vorgänge, die sie bewirken.
Wir alle haben in unserem Leben dieses natürliche Phänomen der gegenseitigen leidenschaftlichen Liebe erfahren, das so tief in uns steckt, und dann seltsamerweise auch seinen Rückgang. Speziell in der gegenseitigen Liebe erleben wir, dass, je stärker das Gefühl ist, desto schneller es vorbeigeht.
Umgekehrt spornt ein schwaches den einen und ein intensives den anderen an, und eine plötzliche Gefühlsumkehr mag sehr wohl das erste Gefühl der Liebe verringern. Dieses Paradoxon kann bei verschiedenen Arten der Liebe beobachtet werden: Liebe unter den Geschlechtern, zwischen Eltern und Kindern usw.
Darüber hinaus kann gesagt werden, dass wenn jemand eine große Liebe einem anderen gegenüber äußert, man Letzterem nicht die Möglichkeit gibt, sich nach dem Ersteren zu sehnen, ihn intensiver zu lieben. Das heißt, die Offenbarung großer Liebe erlaubt es dem Geliebten nicht, diese im ganzen Ausmaß seiner Gefühle zu erwidern, sondern im Gegenteil, diese Gefühle werden sich allmählich von Liebe in Hass verwandeln. Dies geschieht infolge der Tatsache, dass der Geliebte damit beginnt, die Furcht vor dem Verlust des ihn Liebenden zu verlieren, die Erfahrung der ewigen, unbedingten Liebe des Letzteren.
Wenn wir aber in unserer Welt nur selten Gelegenheit erhalten, jemand anderen zu lieben, selbst aus egoistischen Motiven, so verwundert es nicht, dass die Empfindung altruistischer Liebe uns völlig fremd und unerreichbar vorkommt.
Weil es aber genau diese Liebe ist, die uns vom Schöpfer geschenkt wird, verbirgt Er Seine Gefühle, bis wir die nötigen Qualitäten entwickeln, um Ihm in vollkommener und beständiger Gegenseitigkeit zu antworten.
Solange wir keine Liebe uns selbst gegenüber empfinden, werden wir jede Art Liebe annehmen. Aber sobald wir die Liebe empfangen und durch sie gesättigt werden, werden wir wählerischer und werden nur Gefühle von ungewöhnlich großer Intensität verlangen. Und hierin liegt die Möglichkeit einer beständigen Sehnsucht, die Stärke der Liebe zum Schöpfer zu vergrößern.
Eine felsenfeste, konstante, gegenseitige Liebe ist nur möglich, wenn sie von nichts abhängt. Aus diesem Grunde ist die Liebe des Schöpfers vor uns verborgen und wird nur allmählich im Bewusstsein eines Kabbalisten offenbart, in dem Maße, wie dieser dazu in der Lage ist, sich vom Egoismus loszusagen, was der einzige Grund ist für das nachlassende Gefühl gegenseitiger Liebe in unserer Welt.
Wir wurden als Egoisten geschaffen, um uns die Fähigkeit zu geben, die Grenzen unserer Gefühle zu erweitern und uns zu erlauben, die entschleierte Liebe des Schöpfers immer deutlicher zu fühlen. Nur durch die Empfindung der Liebe des Schöpfers und durch das Verlangen, mit Ihm verbunden zu sein, sehnen wir uns danach, vom Egoismus, dem gemeinsamen Feind, befreit zu werden.
Mehr noch basieren alle Handlungen des Schöpfers, das letztendliche Ziel der Schöpfung und all Seine Taten auf der absoluten und andauernden Liebe. Das Licht, was vom Schöpfer ausströmt – welches alle Welten geschaffen hat und uns –, eine Mikrodosis davon, die sich in unserem Körper befindet und uns belebt, erinnert uns daran, wie wir Seelen nach der Korrektur sein werden. Das Licht ist das Gefühl Seiner Liebe.
Der Grund unserer Schöpfung ist der einfache Wunsch, Gutes zu schaffen, zu lieben und zu erfreuen, der schlichte Wunsch nach Altruismus (daher für uns unverständlich), der Wunsch, dass wir, die Objekte Seiner Liebe, Seine Liebe in ihrer ganzen Größe wahrnehmen und uns daran wie auch an unserem Gefühl der Liebe für Ihn erfreuen sollten. Nur das gleichzeitige Empfinden dieser Gefühle, die sich in unserer Welt so gegenüberstehen, gewährt uns den vollständigen Genuss, was das Ziel des Schöpfers ist.
Unsere Natur kann mit einem einzigen Wort zusammengefasst werden – Selbstsucht. Einer der deutlichsten Ausdrücke der Selbstsucht ist das Wahrnehmen des »eigenen Selbst«. Ein Individuum kann alles ertragen, außer der Demütigung. Um diese zu vermeiden, ist der Mensch sogar bereit zu sterben. Als Ursache für unsere Verhältnisse, sei es Armut, Misserfolg, Verlust oder Verrat, versuchen wir mit Erfolg äußere Gründe und Erklärungen zu finden, die dafür verantwortlich sind.
Wir können uns in den Augen anderer und unseren eigenen anders nicht entlasten, weil es unsere Natur nicht erlaubt. Sie wird uns nie erlauben, uns zu erniedrigen, denn damit wird ein Teil der Schöpfung, was von uns in Form unseres Selbst wahrgenommen wird, zerstört und von dieser Welt genommen. Aus diesem Grund ist die Zerstörung des Egoismus durch uns unmöglich und kann nur mithilfe des Schöpfers erreicht werden. Es kann in unseren Augen nur ersetzt werden durch das eigene Hervorheben der Wichtigkeit des Zieles der Schöpfung.

Kapitel 23


Spirituelle Arbeit


Allein die Tatsache, dass wir den Schöpfer um spirituelle Wahrnehmungen bitten und nicht um Beistand, die diversen Probleme zu lösen, die uns im täglichen Leben entstehen, zeugt von unserem schwachen Glauben an Seine Allmacht und Allgegenwärtigkeit. Es zeigt auch unseren Mangel an Verständnis dessen, dass unsere Probleme uns aus einem einzigen Grund gesandt wurden: Wir sollen versuchen, sie selbst zu lösen. Gleichzeitig sollten wir jedoch den Schöpfer dabei um Hilfe bitten, in dem stetigen Glauben, dass uns jedes einzelne Problem zur Stärkung unseres Glaubens an Seine Einzigartigkeit gesandt wurde.
Wenn wir wirklich glauben, dass alles vom Schöpfer abhängt, dann müssen wir uns an Ihn wenden, allerdings nicht in der Hoffnung, dass Er die Probleme für uns lösen wird, sondern wir sollten diese Probleme als Mittel benutzen, von Ihm unabhängig zu werden.
Damit wir uns auch nichts vormachen, was unsere persönliche Motivation betrifft, müssen wir gleichzeitig, genau wie alle anderen, mit diesen Aufgaben kämpfen.
Ein spiritueller Rückfall wird von Oben mit der Absicht geschickt, weiteres spirituelles Wachstum zu fördern. Da es von Oben kommt, erreicht es uns sofort, enthüllt sich plötzlich, und wir stehen dem meist völlig unvorbereitet gegenüber. Der Austritt aus solch einem Zustand ist der spirituelle Anstieg. Er ähnelt einem Heilungsprozess und erfolgt langsam, denn wir müssen diesen Rückfall von allen Seiten her verstehen und versuchen, ihn allein zu bewältigen.
Sollte es uns gelingen, während unseres spirituellen Aufstieges unsere eigenen schlechten Eigenschaften zu analysieren, die linke Linie mit der rechten zu verbinden, dann werden wir auch viele spirituelle Rückschläge vermeiden und überspringen können. Doch nur diejenigen, die sich auf der rechten Linie halten können und trotz des egoistischen Leidens die Handlungen des Schöpfers rechtfertigen, werden den Kurs beibehalten und spirituelle Rückschläge vermeiden.
Das erinnert uns an die Vorschriften in der Bibel über den obligatorischen Krieg (Milchemet Mizvah) und den freiwilligen Krieg (Milchemet Reshut): der obligatorische Krieg gegen den Egoismus und der freiwillige Krieg, den jemand beginnt, der sich dazu für fähig hält und sich viel Mühe geben möchte.
Während unserer eigenen inneren Arbeit, bei der es darum geht, den Egoismus zu besiegen, den Schöpfer über allem zu erheben, unseren Glauben an Seine Herrschaft zu stärken, müssen wir all dies verborgen halten. Ebenso alle anderen spirituellen Phasen, die wir durchlaufen. Es ist auch verboten, anderen einen Rat zu erteilen, wie sie sich zu verhalten haben. Stellen wir bei anderen Anzeichen von Egoismus fest, dann müssen diese die Anzeichen selbst deuten, denn sie sind Zeichen, dass es außer dem Schöpfer nichts anderes gibt. Das bedeutet, dass alles, was der Mensch sieht und fühlt, ein unmittelbares Resultat des Wunsches des Schöpfers ist, der möchte, dass diese Aspekte von dieser Person gesehen und gefühlt werden.
Unsere Umgebung wurde ausschließlich dazu geschaffen, dass wir ständig an den Schöpfer erinnert werden und Ihn um Änderung der Materie, der physischen, sozialen und anderen Schöpfungsbedingungen bitten.
Wir alle besitzen eine Vielzahl von Unzulänglichkeiten, die alle unserem Ego entspringen, und zwar dem Wunsch nach Befriedigung unserer Bedürfnisse und einem sorgenfreien Leben, und das unter allen Umständen. Die Ansammlung von Vorwürfen (mussar) bezieht sich auf die Art, mit der wir mit jeder unserer Schwächen fertig werden sollen und erklärt die wissenschaftliche Herangehensweise dazu.
Die Kabbala führt sogar Anfänger in das Reich Höherer Spiritueller Kräfte und gewährt jedem von uns, den Unterschied zwischen uns und den spirituellen Dingen zu verstehen. Daher verschwindet der Bedarf an weltlicher Erziehung, besonders angesichts der Tatsache, dass sie nicht die gewünschten Resultate bringt.
Wir sind Zeugen unseres inneren Kampfes zwischen den beiden Kräften, der egoistischen und der spirituellen. Wir zwingen den Körper allmählich dazu, uns einen Ersatz für unsere Natur zu wünschen und diese durch eine spirituelle Natur auszutauschen, unsere eigenen Eigenschaften mit denen des Schöpfers, ohne Außendruck seitens unserer Mentoren.

Anstatt jeden unserer Fehler zu korrigieren, wie vom Mussar-System vorgeschlagen wird, schlägt die Kabbala vor, unseren Egoismus als Wurzel allen Übels zu korrigieren.

Wir erleben die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft in der Gegenwart. In unserer Welt werden alle drei Zeitformen in der Gegenwart gespürt, aber als drei verschiedene Empfindungen. Sie stammen aus unserem Verstand, der diese Vorstellungen je nach seinem eigenen inneren Zeitmesser vornimmt und somit einen Eindruck von Zeit gibt.
In der Kabbala wird dieses als Unterschied in den Effekten von »Licht-Freude« festgelegt. Der Genuss, der in diesem Moment empfunden wird, gilt als Gegenwart. Wenn die innerliche, direkte Auswirkung und der Genuss vorbei sind und nur noch aus der Ferne schimmern, dann halten wir das für »die Vergangenheit«.
Wenn dabei das Licht verschwindet, wenn der Genuss vorbei ist, und wir ihn nicht länger empfangen, dann vergessen wir völlig, dass er existiert hat. Sollte er jedoch wieder aus der Ferne strahlen, dann wird er zur vergessenen Vergangenheit, die uns gerade wieder einfiel. Sollten wir diesen gewissen Licht-Genuss noch nicht erlebt haben und er erscheint uns von weit her, wird es von uns als »Zukunft« oder »Licht der Zuversicht« empfunden.
Um es anders zu sagen, empfinden wir die Gegenwart als eine innere Errungenschaft, als Licht und als Genuss, wohingegen wir die Vergangenheit und die Zukunft als Resultat des entfernten Schimmers von erinnerter oder erwarteter Freude empfinden. Auf jeden Fall leben wir weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft, sondern nur zu diesem gegenwärtigen Zeitpunkt, in dem wir alle möglichen verschiedenen Lichtarten, die von uns als unterschiedliche Zeiten oder Tempi empfunden werden, wahrnehmen.
Sollten wir keinerlei Genuss zur jetzigen Zeit empfinden, dann suchen wir die Quelle, die uns Freude in der Zukunft geben kann. Wir erwarten den nächsten Zeitpunkt, der ein anderes Empfinden mit sich bringen wird. Die Bemühungen im Bereich der Selbstverbesserung bestehen aus dem Heranziehen des fernen, äußeren Lichts, herein in unsere gegenwärtigen Wahrnehmungen.

Es gibt zwei auf uns einwirkende Kräfte: Das Leiden schubst uns von hinten an, und Freuden locken uns und ziehen uns nach vorn.

Normalerweise genügt eine Kraft nicht. Die alleinige Erwartung auf künftigen Genuss reicht nicht aus, um uns voranzubringen, denn es könnte auch sein, dass noch weitere Faktoren wie Faulheit dazukommen oder Angst davor, was wir besitzen, wieder zu verlieren, so dass wir uns anstrengen müssen, um Fortschritte zu machen. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass eine Kraft auf uns einwirkt, die uns anschubst, in Form eines Gefühls, dass wir zurzeit leiden.
Dieses Chaos entsteht aus einem ultimativen Chaos, dem Wunsch, am Genuss teilzuhaben. Normalerweise brüsten sich solche Leute nicht, die in dieses Chaos gerieten, dass sie der Versuchung nicht widerstehen konnten und schwächer als die Verlockung waren. Nur der Genuss, den sie aus einem Gefühl der Wut beziehen, gewährt ihnen ein gewisses Maß an unverhülltem Stolz, denn damit wird ihre Rechtschaffenheit feststellbar. Und der Stolz zwingt sie fast sofort in die Knie. Daher ist Wut der stärkste Ausdruck unseres Egoismus.
Wenn wir materielles, körperliches oder spirituelles Leiden erfahren, dann sollte es uns leidtun, dass der Schöpfer uns diese Bestrafung geschickt hat. Wenn wir das nicht bedauern, dann ist es keine Bestrafung, denn Bestrafung bringt das Gefühl von Schmerz und Bedauern mit sich, dass wir diesen Zustand nicht bewältigen können. Wenn uns diese Situation schmerzlos lässt, heißt das, dass wir Bestrafung, die uns vom Schöpfer geschickt wurde, noch nicht empfangen haben. Da jegliche Bestrafung eine Korrektur für die Seele darstellt, entgeht uns die Möglichkeit für solch eine Korrektur.
Derjenige jedoch, der die Bestrafung auch als solche empfindet und fähig ist, zum Schöpfer zu beten, das Leiden zu lindern, der macht eine größere Selbstverbesserung durch, als wenn er das Leiden ohne Gebet ertragen hätte. Der Grund dafür kann in der Tatsache gefunden werden, dass der Schöpfer uns Bestrafung aus ganz anderen Gründen auflädt, als aus Gründen, die eine Bestrafung in unserer Welt nach sich ziehen. Bestrafung wird uns auferlegt, nicht weil wir gegen Seinen Willen handeln, sondern damit wir eine Vereinigung mit Ihm schaffen, um uns zu zwingen, uns an Ihn zu wenden und Ihm näher zu kommen.
Wenn wir dann den Schöpfer bitten, unser Leiden zu lindern, bedeutet das nicht, dass wir Ihn bitten, unserer Selbstkorrektur enthoben zu werden. Wenn wir ein Gebet schicken, um eine Einigung mit dem Schöpfer zu erlangen, ist dieser Schritt ein unvergleichlich größer Fortschritt als eine Annäherung durch auferlegtes Leiden.
»Du bist zur Geburt gezwungen, zum Leben, und zum Sterben.« So geschieht es auf der ganzen Welt. Was in unserer Welt geschieht, ist das unmittelbare Resultat der Vorgänge, die es in der spirituellen Welt gibt. Es gibt jedoch keinen direkten Vergleich oder irgendeine Ähnlichkeit zwischen den beiden Reichen.
Daher sind wir (entgegen unseren körperlichen Wünschen) dazu gezwungen, geboren zu werden (spirituell geboren zu werden, die ersten spirituellen Empfindungen zu verspüren), was auf den Beginn unserer Trennung von unserem eigenen »Selbst« hindeutet, eine Trennung, mit welcher der Körper nie freiwillig einverstanden ist. Nachdem wir von Oben die spirituellen Organe des Handelns und der Wahrnehmung (Kelim) erhalten haben, beginnen wir, unsere spirituelle Existenz und unsere neue Welt zu verstehen. Noch in dieser Phase handeln wir entgegen dem Wunsch des Körpers, an spirituellen Freuden teilzunehmen und sind deshalb »gezwungen zu leben«. Letztendlich bedeutet, »Du bist gezwungen zu sterben«, dass wir fühlen, gezwungenermaßen am weltlichen, täglichen Leben teilzunehmen, und jeden Tag einen Tod sterben.
Kabbalisten erzeugen in jeder Generation durch ihre Bemühungen und Bücher bessere Umstände, um das endgültige Ziel – dem Schöpfer näher zu kommen – zu erreichen. Vor dem großen Baal Shem Tov gelang es nur wenigen, dieses Ziel zu erreichen. Nach ihm konnten es auch hervorragende Gelehrte aufgrund seines Werkes erreichen. Baal HaSulam, Rabbi Yehuda Ashlag, ist es heute zu verdanken, dass jeder, der dieses Ziel erreichen möchte, dies kann.
Der Weg der Kabbala und der Weg des Leidens finden ihren Unterschied in der Tatsache, dass der Mensch auf dem Leidensweg dann feststellt, dass es schneller und leichter ist, die Methode der Kabbala zu wählen. Der Weg der Kabbala ist der Vorgang, bei welchem wir uns des bereits ertragenen Leidens erinnern, und uns darüber klar werden, dass es uns jederzeit wieder befallen kann. Daher ist es nicht nötig, das gleiche Leiden noch einmal durchzumachen, da dessen Erinnerung reicht, sich der richtigen Handlung bewusst zu werden und den richtigen Entschluss zum Handeln zu fällen.

Die Weisheit liegt darin, alles zu analysieren, was geschieht, und zu begreifen, dass der Ursprung des ganzen Leidens unser Egoismus ist.

In der Folge müssen wir so handeln, dass wir zwar den Weg einschlagen, wobei wir jedoch das Leiden unter dem Egoismus vermeiden.
Kabbalisten meinen, dass die ganze Welt nur für ihren Gebrauch kreiert wurde, um ihnen dabei zu helfen, ihre jeweiligen Ziele zu erreichen. Alle Wünsche, die die Kabbalisten von ihren Mitmenschen erhalten, helfen ihnen voranzukommen, da sie sofort den Gedanken zurückweisen, sie für ihren persönlichen Nutzen zu verwenden. Wenn wir Negatives in einem anderen sehen, dann nur, weil wir selbst nicht fehlerfrei sind und dementsprechend die Notwendigkeit für eigene Selbstverbesserung wahrnehmen. So gesehen ist die ganze Welt für die Menschen geschaffen, ihnen beim Aufstieg zu helfen, denn sie bekommen so die Möglichkeit, ihre eigenen Schwächen zu sehen.
Nur wenn wir die Tiefe unseres eigenen, spirituellen Rückfalls zusammen mit dem Gefühl der unendlichen Distanz von dem verspüren, was wir so inbrünstig wünschen, können wir das uns entgegengebrachte Wunder begreifen, wenn Er uns aus dieser Welt zu Ihm in seine spirituelle Welt verhilft. Was haben wir für ein großartiges Geschenk vom Schöpfer erhalten! Nur aus der Tiefe unseres eigenen Zustands können wir solch ein Geschenk schätzen und Ihm mit wahrer Liebe und dem Wunsch nach Einheit antworten.
Wir erhalten einfach keinerlei Wissen, ohne uns darum bemüht zu haben. Das hat zweierlei zur Folge: Wir stellen die Notwendigkeit für das Wissen fest, das proportional zu den Bemühungen sein wird, und wir begreifen, dass wir davon profitieren, dieses Wissen zu erlangen. Daher werden zwei erforderliche Bedingungen in einem Menschen geschaffen: der Wunsch in unserem Herzen und unsere Gedanken oder die mentale Bereitschaft unseres Verstandes, nach dem Neuen zu greifen und es zu verstehen. Deswegen müssen wir uns anstrengen, mehr noch, es ist unbedingt notwendig.
Nur dieses Handeln hängt völlig von uns ab, denn das Wissen selbst wird uns von Oben gewährt, und wir haben keinen Einfluss darauf, wann es kommt. Wenn wir im Bereich des spirituellen Wissens und der spirituellen Wahrnehmung sind, erhalten wir von Oben nur das, worum wir gebeten haben und wofür wir innerlich vorbereitet sind. Benutzen wir dann nicht unser Ego, unsere Wünsche, wenn wir den Schöpfer bitten, uns etwas zu gewähren?
Ist es möglich, dass solche Forderungen in unserem spirituellen Aufstieg vom Schöpfer erfüllt werden können? Hinzu kommt die Frage, wie wir um etwas bitten können, was wir noch nie erlebt haben. Wenn wir um die Befreiung von unserem Ego bitten, die Wurzel der Gesamtheit unserer Leiden, oder um spirituelle Eigenschaften, ohne vorher eine Ahnung von ihnen zu haben, gewährt uns der Schöpfer das Geschenk, das wir uns erwünschen.
Wenn es sich in der Kabbala nur um spirituelle Arbeit dreht, die in unserem Kopf und Herzen stattfindet, und es behauptet wird, dass unser spiritueller Fortschritt nur davon abhängt, fragen wir uns, was dann die Beziehung zwischen unserer Ausübung religiöser Rituale und dem Ziel der Schöpfung ist.
Da alle Gebote der Bibel ja in Wirklichkeit die spirituellen Handlungen eines Kabbalisten in den Höheren Bereichen beschreibt und wir sie hier in unserer physischen Welt ausführen – obwohl sie keinerlei Einfluss auf die spirituelle Welt haben –, führen wir dadurch physisch den Willen des Schöpfers aus. Ohne Zweifel möchte der Schöpfer uns, seine Geschöpfe, auf seine eigene Stufe erheben. Doch um diese Lehre von einer Generation auf die andere zu übertragen, das Beackern der Erde, aus der nur einige wenige sich empor erheben, muss man die Masse der Menschen dazu bringen, bestimmte Aufgaben auszuführen.
Das erinnert uns an unsere eigene Welt. Damit ein Gelehrter aufblühen kann, braucht man die anderen dazu. Um Wissen von einer Generation auf die andere zu übermitteln, sind gewisse Konditionen notwendig. Dazu gehören Akademien, in welchen zukünftige Größen erzogen und ausgebildet werden. Somit kann jeder an den Errungenschaften dieses Gelehrten partizipieren und von den künftigen Früchten seines Werkes profitieren.
Kabbalisten, die mit Ihresgleichen in einer Umgebung aufwuchsen, in der sie mit Leichtigkeit, automatisch und erfüllt vom Glauben an den Schöpfer die Gebote ausführten, wuchsen spirituell immer weiter, wobei andere noch auf ihrem anfänglichen Niveau der spirituellen Entwicklung verweilten. Trotzdem haben sie wie der Rest der Menschheit unbewusst an der Arbeit der Kabbalisten teilgenommen und unbewusst einen Teil des spirituellen Gewinns, den sich der Kabbalist erarbeitet hat, erhalten. Außerdem wurden ihre eigenen Eigenschaften, denen sie sich nicht bewusst waren, korrigiert, was Gleichgesinnten in darauffolgenden Generationen einen bewussten spirituellen Aufstieg ermöglichte.
Auch von den Studenten, die zum Studium der Kabbala gelangten (einige um des Wissens willen, andere für den spirituellen Aufstieg), heißt es: »Tausende gehen zum Studium, doch nur einer geht daraus als Lehrer hervor.« Dennoch nehmen alle am Erfolg dieses Einen teil, und erhalten somit ihre eigene Dosis von Korrektur allein durch ihre Teilnahme.
Nachdem der Kabbalist in das spirituelle Reich eingedrungen ist, und seine egoistischen Eigenschaften korrigiert hat, benötigt er wieder die Gesellschaft der anderen: Wenn er wieder in unserer Welt lebt, sammelt er die egoistischen Wünsche seiner Mitmenschen und korrigiert sie, und verhilft dem Rest dazu, die Fähigkeit zu erlangen, sich bewusst mit spiritueller Arbeit zu beschäftigen. Wenn ein normaler Mensch ihm beispielsweise mit alltäglichen Sachen zur Seite stehen kann, erlaubt er dem Kabbalisten, ihn in seine persönlichen Wünsche mit in die Korrektur einzuschließen, die der Kabbalist vollzieht.

Daher heißt es im Talmud: »Einem Weisen zu dienen ist für einen Schüler nützlicher als von ihm zu lernen«.

Der Lernprozess bringt Egoismus mit sich und verwendet unseren irdischen Verstand, wohingegen der Dienst für einen Weisen seinen Ursprung im Vertrauen in die Größe des Weisen hat, ein Gefühl, das der Schüler nicht wahrnehmen kann. Aus diesem Grund kommt ein Dienen seitens des Schülers den spirituellen Eigenschaften wesentlich näher und ist deswegen für ihn vorzuziehen.
Aus diesem Grund hat derjenige, der dem Lehrer näher stand und am besten diente, eine größere Chance, spirituell aufzusteigen. Daher sagen auch die Kabbalisten, dass die Methode der Kabbala nicht vererblich ist, sondern von Lehrer auf Schüler übertragen wird.
So war es bis heute in allen Generationen. Die jetzige Generation ist jedoch spirituell so tief gefallen, dass sogar ihre Führer heute das Wissen mittels der Familie weitergeben, da sich all ihr Wissen auf der körperlichen Ebene befindet. Im Gegensatz dazu übermitteln diejenigen, die eine besondere Verbindung mit dem Schöpfer und den Schülern gebildet haben, an solche, die es empfangen können, wie zum Beispiel ihren am nächsten stehenden Schülern.

Wenn wir auf Hindernisse in unserem Annähern an den Schöpfer treffen, müssen wir Folgendes von Ihm einfordern:
    1. Dass der Schöpfer alle von Ihm gesandten Hindernisse entfernt, damit wir sie mit eigenen Mitteln überwältigen können, und keiner größeren spirituellen Kräfte bedürfen, als jene, die         wir bereits besitzen.
    2. Dass der Schöpfer uns größeres Verlangen nach spirituellem Verständnis gewähren möge und uns die Wichtigkeit des spirituellen Aufstieges vermittelt. Dann kann uns kein Hindernis         auf dem Weg zum Schöpfer aufhalten.

Wir Individuen sind bereit dazu, alles auf der Welt für unser Leben aufzugeben, wenn uns das Leben kostbar erscheint. Aus diesem Grunde müssen wir den Schöpfer bitten, uns eine Kostprobe vom spirituellen Leben zu geben, damit uns keine Hindernisse aufhalten können. Ein spirituelles Verlangen bringt den Wunsch zu geben mit sich, und sein eigenes Vergnügen nur aus dem Genuss zu beziehen, anderen Freude zu bereiten. Das Verlangen nach eigenem Genuss ist im spirituellen Leben unbekannt. Die materielle Welt steht der spirituellen diametral gegenüber.
Wenn es jedoch keine gemeinsame Basis oder gleiche Eigenschaften zwischen dem Spirituellen (Altruismus) und dem Materiellen (Egoismus) gibt, wie sollen wir dann unseren Egoismus umwandeln? Das Licht des Schöpfers dringt in jedes Objekt nur in dem Maße ein, wie dieses in seinen Eigenschaften mit denen des Lichts übereinstimmt, und darum kann die Welt den Schöpfer nicht wahrnehmen.

Nur Sein Licht kann mit seinem Eindringen ein egoistisches Gefäß in ein altruistisches verwandeln. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Darum erschuf Er die Menschen; damit sie zuerst unter dem Einfluss egoistischer Kräfte leben und dann von ihnen solche Eigenschaften erhalten, die sie vom Spirituellen trennen, und um die Menschen anschließend unter spirituellen Einfluss zu bringen. Letztendlich müssen sie mithilfe der Kabbala während ihrer Arbeit am spirituellen Zentrum im Herzen die vom Ego empfangenen Wünsche korrigieren.

Kapitel 24


Glaube


Es steht in der Bibel, dass Abraham erklärte, Sarah sei seine Schwester und nicht seine Frau, denn er fürchtete, getötet zu werden, womit sie anderen zur Verfügung stehen könnte. Weil Kabbala die ganze Welt nur als einen Menschen betrachtet und weil das Teilen der Seele in 600.000 Teile nur auf dem Grund beruht, das Erreichen des ultimativen Zieles zu erleichtern, wird der Abraham in uns für die Personifizierung des Glaubens gehalten.
Eine Frau wird nur ihrem Ehemann zugestanden im Gegensatz zu einer Schwester, die nur für ihre Brüder tabu ist, nicht jedoch für andere Männer. Abraham sah, dass er selbst (Glauben) der einzig Fähige war (die einzige Eigenschaft des menschlichen Wesens), der Sarah zum Grundstein des Lebens machen konnte. Er stellte auch fest, dass andere Männer (andere Eigenschaften eines Menschen) ihm (Glaube) schaden könnten, weil sie von Sarahs Schönheit verzaubert waren und wünschten, sie ewig zum Wohle ihres Egos zu besitzen. Aus diesem Grund erklärte Abraham Sarah (das Ziel der Schöpfung) zu seiner Schwester, was sie für andere Männer frei gab (die Eigenschaften eines Menschen). Folglich kann man die Kabbala zu seinem eigenen Vorteil nutzen, bis die Korrektur erfüllt ist.
Der Unterschied zwischen den spirituellen Welten und unserer Welt ist der, dass alles, was zu den spirituellen Welten gehört, ein Teil vom Schöpfer ist und die Form einer spirituellen Leiter angenommen hat, um den spirituellen Aufstieg des Menschen zu erleichtern. Auf der anderen Seite war unsere egoistische Welt niemals ein Teil vom Schöpfer, sondern sie wurde aus der Nichtexistenz erschaffen und wird verschwinden, sobald die letzte Seele von dieser Welt in die spirituelle aufgestiegen ist. Aus diesem Grund sind alle menschlichen Vorgänge, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, genauso wie alles aus dem Stoff von dieser Welt Geschaffene dem Untergang geweiht.
Frage: Die erste Schöpfung empfing das gesamte Licht und wies es zurück, damit sie nicht in Schande verfällt; wie kann so ein Zustand als nahe zum Schöpfer bezeichnet werden, wo ein unangenehmes Empfinden doch angeblich als Abstand vom Schöpfer angesehen wird?
Antwort: In solch einem spirituellen Zustand verschmelzen die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft zu einem Ganzen. Die Schöpfung erfuhr nicht das Gefühl der Schande, weil sie entschied, einen Zustand der Einheit durch ihre eigenen Wünsche mit dem Schöpfer zu erreichen, und so erfährt sie die Entscheidung und deren Konsequenzen zur gleichen Zeit.
Das Vertrauen und Gefühl von Geborgenheit stammen beide aus der Wirkung des umgebenden Lichts (Or Makif), und auch das Spüren des Schöpfers in der Gegenwart. Aber weil der Mensch noch keine geeigneten korrigierten Eigenschaften entwickelt hat, wird der Schöpfer nicht als das innere Licht (Or Pnimi) empfunden, sondern als Umgebendes Licht.

Vertrauen und Glauben sind ähnliche Konzepte. Glaube ist »die psychologische Bereitschaft, für ein Ziel zu leiden«.

Wünsche kann man nicht unterdrücken, außer mit einem Mangel an Geduld und der Lustlosigkeit, die notwendigen Bemühungen dafür auszuführen. So ist derjenige ein starker Mensch, der Vertrauen, die Geduld und die Stärke besitzt zu leiden. Ein schwacher Mensch ist hingegen jener, der einen Mangel an Toleranz zu leiden erfährt und aufgibt, sobald das Leiden auftritt.
Um fähig zu sein, den Schöpfer wahrzunehmen, sind Intellekt und Stärke erforderlich. Es ist bekannt, dass es großer Mühen und einer großen Leidensfähigkeit bedarf, um etwas sehr Wertvolles zu erreichen. Das Ausmaß der Mühen, die wir auf uns nehmen, bestimmt in unseren Augen den Wert der Sache, die wir erreichen wollen. Der Grad unserer Geduld deutet unsere Lebensstärke an. Bis zum Alter von Vierzig sind wir auf dem Höhepunkt unserer Lebenskraft, wohingegen die Lebenskraft anschließend entlang unserer Kapazität abflaut, an uns selbst zu glauben, bis unser Selbstvertrauen und Glauben im Moment unseres Ablebens ganz verschwinden.
Weil Kabbala das höchste Wissen und eine ewige Errungenschaft in Kontrast zu allen anderen Errungenschaften ist, erfordert sie natürlich die größten Anstrengungen, denn sie »erkauft« für uns die Welt und nicht irgendetwas Zeitliches oder Vergängliches. Wenn wir einmal die Kabbala verstanden haben, können wir die Quelle aller Wissenschaften in ihrer Wahrheit, den vollständig enthüllten Zustand, verstehen. Dieses allein zeigt, welche Art von Bemühung erforderlich ist, weil wir wissen, wie viel Aufwand es kostet, schon eine einzige Wissenschaft zu verstehen, selbst mit dem Verständnis innerhalb unseres ärmlichen Systems.
Wir empfangen wahre übernatürliche Stärke, die wir zum Verstehen der Kabbala brauchen, von Oben, und sind somit fähig, das Leiden auf dem Weg zu ertragen und dabei die Kabbala zu verstehen. Gleichzeitig empfangen wir Selbstvertrauen und Lebensstärke, die notwendig sind, damit wir die Kabbala von selbst begreifen. Aber ohne deutliche Hilfe vom Schöpfer (die verdeckte Hilfe des Schöpfers liegt offensichtlich in der Tatsache, dass der Schöpfer das Leben in allen Schöpfungen aufrechterhält) können wir all diese Hindernisse nicht überwinden.
Glauben ist die Stärke, die bestimmt, wie bereit wir zum Handeln sind. Am Anfang unseres Weges fehlt uns die Fähigkeit, den Schöpfer wahrzunehmen, weil wir keine altruistischen Qualitäten haben. Trotzdem fangen wir an, eine die Welt lenkende, allmächtige Kraft über uns zu spüren, an die wir uns in Momenten äußerster Verzweiflung wenden. Wir machen das ganz instinktiv.
Wir haben diese spezielle Eigenschaft vom Schöpfer, so dass wir selbst in Anbetracht von nicht religiöser Erziehung und Anschauung Ihn im Zustand der absoluten Verhüllung entdecken können.
Während wir Generationen von Wissenschaftlern dabei beobachten, wie sie die Mysterien der Natur aufdecken, könnten wir uns genauso viel Mühe geben, den Schöpfer zu entdecken. Er würde sich uns in dem Maße enthüllen wie die Mysterien der Natur. Tatsächlich führen uns alle Wege auf unserer Suche durch die Enthüllung der Geheimnisse der Natur. Wo aber sind die Wissenschaftler, die den Zweck der Schöpfung erforschen? Das Gegenteil ist die Regel: Die Wissenschaftler sind gewöhnlich diejenigen, welche die Höchste Domäne verleugnen.
Der Grund ihrer Verneinung liegt in der Tatsache, dass der Schöpfer ihnen nur die Fähigkeit der Vernunft und den Forschungsdrang nach Materialprüfung und Innovation verliehen hat. Aber genau aus diesem Grund, trotz aller Wissenschaften, hat der Schöpfer in uns einen instinktiven Glauben installiert. Die Natur und das Universum kommen uns vor, als ob sie eine Höhere Herrschaft verleugnen; deshalb besitzen die Wissenschaftler keine natürliche Kraft des Glaubens.
Zusätzlich erwartet die Öffentlichkeit handfeste Beweise und Ergebnisse aus den Labors der Wissenschaftler, die instinktiv diesen Erwartungen Folge leisten. Da die kostbarsten Dinge in dieser Welt nur in kleinen Mengen existieren und nur durch große Anstrengungen zu finden sind, und da die Enthüllung des Schöpfers die allerschwerste aller Entdeckungen ist, versucht ein Wissenschaftler natürlich, Misserfolge zu vermeiden und lässt sich gar nicht erst auf die Aufgabe ein, den Schöpfer zu enthüllen.
So liegt der einzige Weg, die Wahrnehmung des Schöpfers näher zu bringen, in uns selbst, in der Kultivierung des Gespürs von Glauben, unabhängig davon, was die Mehrheit denkt. Die Macht des Glaubens ist nicht größer als alle anderen Mächte, die in der Natur des Menschen liegen – alle sind ein Ergebnis vom Licht des Schöpfers. Die spezielle Qualität, welche die Macht des Glaubens von den anderen unterscheidet, ist das Potenzial, das uns in Kontakt mit dem Schöpfer bringt.

Der Prozess der Wahrnehmung des Schöpfers ist mit dem Prozess, Wissen zu erlangen, zu vergleichen.

Zuerst lernen und verstehen wir. Dann, wenn wir das erreicht haben, beginnen wir anzuwenden, was wir gelernt haben. Wie immer ist aller Anfang schwierig, aber die Früchte reifen nur bei solchen, die das endgültige Ziel erreichen: den Eintritt in die spirituelle Welt. An diesem Punkt wird uns der endlose Genuss, den Schöpfer wahrzunehmen, gewährt, und folglich erwerben wir das absolute Wissen von allen Welten, was ihnen innewohnt, und über den Kreislauf der Seelen in allen ihren Zeitzuständen vom Anfang der Schöpfung bis zu ihrem Ende.

Kapitel 25


Wie man sich dem Schöpfer angleicht


Die Schöpfung, eine altruistische Handlung, ist dem Ablehnen der Selbstsucht gleich. Man setzt sich eine Grenze oder stellt einen Schirm auf, wenn Freude in Form des spirituellen Lichts kommt. Der Schirm wiederum reflektiert die Freude zu ihrer Quelle zurück. Dadurch grenzen wir freiwillig unsere Möglichkeiten für das Erlangen von Genuss ein und bestimmen dadurch, aus welchem Grund wir Freude akzeptieren – nicht für uns, sondern für das Schöpfungsziel. Der Schöpfer möchte uns erfreuen; wenn wir genießen, erfreuen wir gleichzeitig den Schöpfer, das ist der einzige Grund, warum wir diesem Genuss nachgeben.
Wir entscheiden vor allem, dass wir die empfangene Freude dem Schöpfer zuliebe erhalten und dadurch die Willenskraft haben, dem direkten Empfang dieser Freude ganz zu widerstehen. Wenn dem so ist, finden unsere Handlungen und die des Schöpfers zusammen statt, und zusätzlich zur ersten Freude erfahren wir auch großen Genuss, weil unsere Eigenschaften mit denen des Schöpfers übereinstimmen – mit Seiner Größe, Stärke und Allmacht, Seinem großen Wissen und Seinem unendlichen Sein.
Der Grad unserer spirituellen Reife wird durch die Größe des Schirmes bestimmt, den wir auf den Weg egoistischer Freuden stellen können: Je größer das Ausmaß unserer Gegenmaßnahmen betreffs unserer persönlichen Interessen ist, desto höher ist die erreichte Stufe und das Licht, das wir »dem Schöpfer zuliebe« erhalten werden.
Alle unsere Wahrnehmungsorgane sind folgendermaßen konstruiert: Wenn sie eintreffende Informationen wie Schall, Licht, Duft und der gleichen empfangen, können wir diese verarbeiten. Bevor die Signale diese Barrieren nicht berühren, können wir diese Informationen weder aufnehmen noch interpretieren. Unsere Messgeräte funktionieren in Übereinstimmung mit diesem Grundprinzip, da die Gesetze dieser Welt nur eine Folge der spirituellen Gesetze sind.
Daher hängt, wie das Erscheinen neuer Phänomene in unserer Welt, auch die erste Enthüllung des Schöpfers und danach jede weitere Wahrnehmung Seiner Größe einzig vom Ausmaß der Barriere ab, die wir errichten können. Im spirituellen Reich wird diese Grenze Gefäß (Kli) genannt. Was wir tatsächlich wahrnehmen, ist nicht das Licht an sich, sondern dessen Wechselwirkung mit der Barriere im Ausmaß seiner Ausbreitung, welches von dem Einfluss dieses Lichts auf das spirituelle Kli eines menschlichen Wesens herrührt. In unserer Welt nehmen wir dieses Phänomen nicht selbst wahr, sondern nur das Ergebnis seiner Wechselwirkung mit unseren Wahrnehmungsorganen oder mit unseren Messgeräten.
Der Schöpfer hat einen bestimmten Teil von Sich mit einem egoistischen Verlangen nach Freude ausgestattet, einem Verlangen, das Er selbst erschuf. Folglich hört dieser Teil auf, den Schöpfer zu empfinden, und nimmt nur sich selbst, seinen eigenen Zustand und sein eigenes Verlangen wahr. Dieser Teil wird Seele genannt. Dieser selbstsüchtige Teil ist ebenfalls Teil des Schöpfers, und da nur Er existiert, gibt es keine Leere, die nicht von Ihm gefüllt wäre. Das Ziel der Schöpfung ist es, dass dieser Teil sich freiwillig zur Rückkehr zum Schöpfer entschließt, um sich wieder Seinen Eigenschaften anzupassen.
Der Schöpfer hat den Vorgang, diesen selbstsüchtigen Teil zu Ihm zurückzubringen, völlig in der Hand. Doch ist diese Kontrolle von außen nicht wahrnehmbar. Der Wunsch des Schöpfers erscheint (zusammen mit seiner verborgenen Hilfe) im Verlangen, sich mit Ihm zu vereinen, welches tief aus seinem egoistischen Teil hervortritt. Um all das zu vereinfachen, hat der Schöpfer den Egoismus in 600.000 Teile geteilt. Jedes dieser Teile löst Schritt für Schritt das Problem der Zurückweisung des Egoismus, indem es durch Leiden – die durch den andauernden Prozess der Zunahme der egoistischen Eigenschaften hervorgerufen werden – allmählich zu der Erkenntnis gelangt, dass Selbstsucht negativ ist.
Jedes dieser Teile ist als »Seele des Menschen« bekannt. Die Phase, in der die Seele mit dem Egoismus verschmilzt, wird »Leben« genannt. Ein zeitweiliger Abbruch der Verbindung mit der Selbstsucht wird »die Existenz« in Höheren spirituellen Bereichen genannt. In dem Moment, wo die Seele egoistische Eigenschaften erhält, findet die »Geburt« des menschlichen Wesens in unserer Welt statt. Jedes dieser 600.000 Teile der Gesamtseele muss nach einer Serie von Vereinigungen mit der Selbstsucht trotzdem versuchen, sich mit dem Schöpfer zu vereinen und den Egoismus zurückweisen, während sich der Egoismus noch innerhalb der Seele befindet und die Seele in einem menschlichen Körper.
Der allmähliche Prozess, mit dem Schöpfer übereinzustimmen, und die systematische Annäherung der Eigenschaften der Seele an die des Schöpfers wird »Spiritueller Aufstieg« genannt, welcher entlang den Stufen oder Schritten, Sefirot genannt, stattfindet. Vom ersten bis zum letzten Schritt besteht die spirituelle Leiter im Ganzen aus der Vereinigung mit dem Schöpfer aus 125 Stufen oder Sefirot. 25 Sefirot bedeuten eine vollendete Phase, bekannt als »Welt« oder »Reich«.
Außer unserem eigenen Zustand, der als unsere Welt bekannt ist, gibt es 5 Welten. Das Ziel des egoistischen Teiles ist, die Eigenschaften des Schöpfers zu erlangen, die noch in uns existieren, so dass wir trotz unserer Selbstsucht in allem, was in und um uns herum ist, den Schöpfer wahrnehmen können.
Der Wunsch nach Einheit ist ein natürliches Verlangen in allen von uns. Es ist ein Verlangen, das durch keine Vorbedingungen oder Schlussfolgerungen beeinflusst ist. Es ist mehr ein tiefliegendes Wissen darüber, dass wir uns mit dem Schöpfer vereinen müssen. Im Schöpfer besteht dieses Verlangen als freier Wunsch, doch in der Schöpfung fungiert es als ein natürliches, unvergängliches Gesetz. Da Er die Natur nach Seinem Plan erschaffen hat, vertritt jedes natürliche Gesetz Seinen Wunsch, die Ausführung des Plans.
Daher sind unsere »natürlichen« Instinkte und Wünsche direkte Ausströmungen vom Schöpfer, während Schlussfolgerungen, Berechnungen und vorheriges Wissen die Früchte unserer eigenen Arbeit sind. Wenn wir uns vollständige Einheit mit dem Schöpfer wünschen, dann müssen wir dieses Verlangen auf die Stufe des instinktiven Wissens bringen, als ob es von unserer eigenen Natur vom Schöpfer empfangen wurde.
Die Gesetze der spirituellen Wünsche sind so verwirklicht, dass es keinen Platz gibt für unvollständige oder voreingenommene Wünsche – solche, die Raum für Zweifel erlauben oder die beziehungslos sind. Aus diesem Grund beachtet der Schöpfer nur solche Hilferufe, die aus tiefstem Herzen kommen und die vollständig mit dem Wunsch des spirituellen Gefäßes auf dieser Stufe übereinstimmen, auf der wir existieren. Das Entstehen solcher Wünsche geschieht jedoch langsam und häuft sich unbewusst auf einer höheren Stufe an, einer Stufe, die mit unserem Intellekt nicht erfasst werden kann.

Der Schöpfer schließt alle kleinen Gebete, die wir ausgestoßen haben, zu einem großen zusammen, und nachdem er den letzten großen Hilferuf erhalten hat, hilft Er uns.

Ebenso empfangen wir alles auf einmal, wenn wir in die Handlungssphäre vom Licht des Schöpfers eintreten, da der Höchste Geber ewig ist und keine Berechnungen anstellt, die sich um Leben und Zeit drehen. Daher entwickelt sogar die niedrigste aller spirituellen Stufen einen völligen Sinn für das Ewige. Weil wir aber ständig spirituelle Erhebungen und Abstiege erleben, auch wenn wir die anfängliche spirituelle Stufe erreicht haben, existieren wir in Bedingungen wie »die Welt«, »das Jahr«, »die Seele«. Die dynamische Seele, die noch nicht ihre komplette Korrektur erreicht hat, benötigt einen Handlungsort, und dieser wird »Welt« genannt. Die Summe aller Bewegungen wird als Zeit empfunden und man kennt sie als »Jahr«.
Auch die niedrigste spirituelle Stufe erzeugt das Gefühl vollständiger Perfektion auf eine Weise, dass wir nur durch den Glauben über dem Verstand eines Individuums begreifen, und dass die Erhebung in eine neue Phase nichts anderes ist als die Überwältigung der »spirituellen Verneinung« einer höheren Stufe. Nur wenn wir dieses Konzept begreifen, können wir höher steigen, zu einer spirituellen Stufe, von der wir glauben, dass sie besteht, und welche uns über unsere Wahrnehmung der Vollkommenheit erhebt.
Unsere Körper funktionieren in Übereinstimmung mit den Gesetzen ihrer eigenen egoistischen Natur und Gewohnheit. Wenn wir uns ständig einreden, dass wir nur den spirituellen Aufstieg wollen, dann wird das letztendlich unser Wunsch. Der Körper wird durch diese nie aufhörenden Übungen diesen Wunsch dann als natürlich betrachten. Man sagt oft, dass Gewohnheit zur zweiten Natur wird.
Wenn wir in einem Zustand von spiritueller Verneinung sind, sollten wir uns an den Glauben halten, dass »Wenn Israel im Exil ist, hat es den Schöpfer bei sich«.

Wenn wir uns apathisch und hoffnungslos fühlen, haben wir für die spirituelle Welt kein Interesse, denn es scheint uns, als ob sich alles auf der gleichen Stufe wie wir befindet.

Darum müssen wir glauben, dass dieses Gefühl nur unser persönliches Bewusstsein ist, da wir uns zurzeit im spirituellen Exil befinden und uns daher der Schöpfer nicht bewusst ist, Er ebenfalls außerhalb unseres Bewusstseins ist.
Das Licht, das vom Schöpfer ausgeht, wandert durch vier Phasen, bevor der Egoismus erschaffen wird. Erst die letzte Phase, Malchut, wird Schöpfung genannt, weil sie in ihren eigenen egoistischen Wünschen empfindet, sich am Licht des Schöpfers zu erfreuen. Daher sind die ersten vier Phasen die Eigenschaften des Lichts selbst, mit denen Er uns erschuf. Wir akzeptieren die höchste Eigenschaft der ersten Phase oder das Verlangen, eine zukünftige Schöpfung zu erfreuen, als Eigenschaft des Schöpfers selbst.
Am Ende des Spektrums ist die fünfte Entwicklungsphase oder die selbstsüchtige Schöpfung, die wünscht, ihre eigene egoistische Natur zu bekämpfen und der ersten Phase zu ähneln.

    1. Die erste Phase der Selbstsucht, die sich selbst völlig neutralisieren/ bekämpfen kann, heißt Olam Adam Kadmon.
    2. Die zweite Phase des Egoismus wird Olam Azilut genannt.
    3. Die dritte Phase der Selbstsucht, die ein Teil der fünften Phase ausmacht, kann nicht mehr mit der ersten und zweiten Phase verglichen werden und ist die Welt Olam Briah.
    4. Die vierte Phase des Egoismus, die Teil der fünften Phase ist, hat keine Kraft, sich selbst zu widerstehen, verglichen mit der ersten, zweiten oder dritten Phase, und kann nur der         vierten Phase in der Lichtentwicklung gleichen. Sie ist als Olam Jezira bekannt.
    5. Der restliche Teil der fünften Phase hat keine Kraft im Bestreben, so wie die vorigen Phasen zu sein. Er kann nur passiv dem Egoismus widerstehen, indem er sich davon abhält, Freude zu empfangen (die Handlung, die der fünften Phase gegenübersteht) und wird Olam Assija genannt.
Jede Welt hat fünf Unterstufen und diese heißen Parzufim: Keter, Chochma, Bina, Seir Anpin und Malchut. Seir Anpin besteht aus sechs Unter- Sefirot: Chessed, Gevura, Tiferet, Nezach, Hod und Yesod.
Nach der Erschaffung dieser fünf Welten wurde unsere materielle Welt, das Reich unterhalb der Welt Assija, mit einem menschlichen Wesen kreiert. Der Mensch wurde mit einer kleinen Portion egoistischer Eigenschaften der fünften Phase ausgestattet. Wenn die Menschen während der spirituellen Entwicklung von unten nach Oben innerhalb der spirituellen Welten aufsteigen, dann wird der ihnen innewohnende egoistische Teil wie auch die anderen Teile der Welten, die für den Aufstieg benutzt werden, vergleichbar mit der ersten Phase, der Eigenschaft des Schöpfers. Wenn die gesamte fünfte Phase sich auf die Stufe der ersten Welt erhebt, dann erreichen alle Welten das Ziel der Schöpfung.
Die spirituelle Ursache von Zeit und Raum ist die Abwesenheit des Lichts in der Gesamtseele, in der die spirituellen Auf- und Abstiege ein Gefühl von Zeit vermitteln und der Ort für das zukünftige Dasein des Lichts des Schöpfers uns den Eindruck von Raum in unserer Welt vermittelt.
Unsere Welt wird von den spirituellen Kräften beeinflusst, die uns das Gefühl von Zeit geben, hervorgerufen durch ihren Wechsel an Einwirkung. Da zwei spirituelle Objekte, die in ihren Eigenschaften verschieden sind, nicht ein Objekt sein können, beeinflussen sie sich gegenseitig, erst die höhere Stufe, dann die untere, und so fort. In unserer Welt wird das als Zeit empfunden.
Für die Korrektur des Egoismus haben wir drei Instrumente: Gefühle, den Intellekt und unsere Vorstellungskraft.
Mit Bezug auf die spirituelle Materie und Form wird der Egoismus von der Materie dargestellt, während seine Form unserer Welt entspricht und von entgegengesetzten Kräften bestimmt wird.
Was für uns Freud und Leid sind, werden respektive als gut und böse bezeichnet. Doch das spirituelle Leiden dient nur als Quelle zur Entwicklung und für den Fortschritt der Menschheit. Spirituelle Erlösung ist Vollkommenheit und wird auf der Basis von starken negativen Empfindungen wahrgenommen, die als erfreuliche empfangen werden. Da die linke Linie zur rechten Linie zurückkehrt, werden das Unglück, das Leiden und die Zwänge in Glück, Freude und spirituelle Freiheit verwandelt.

Der Grund dafür ist, dass es in jedem Objekt zwei Kräfte gibt: den Egoismus und den Altruismus, beide werden entweder als Entfernung oder Nähe zum Schöpfer erlebt.

In der Bibel gibt es darüber viele Beispiele: Yitzhaks Opfer, die Opferungen im Tempel und so weiter. (Im Hebräischen sind Opferungen Korbanot, was von dem Wort karov – auf etwas zugehen – abgeleitet ist.)
Die rechte Linie bedeutet das Wesen des spirituellen Objektes, während die linke Linie eigentlich nur der Teil der Selbstsucht ist, der zusammen mit den altruistischen Absichten benutzt werden kann.

Kapitel 26


Das Erkennen der spirituellen Welt


Unter den Philosophen wurde bei der Diskussion über die Unmöglichkeit, den Schöpfer verstehen zu können, sehr viel Papier verschwendet.
Die auf den persönlichen Erlebnissen der Kabbalisten basierende Lehre beantwortet die Frage: Wie kann man die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, den Schöpfer wahrzunehmen, diskutieren, ohne Ihn vorher wahrgenommen zu haben? Jede genaue Behauptung benötigt ein gewisses Maß an Wahrnehmung. Daher muss erst bestimmt werden, was mit »es ist unmöglich, den Schöpfer oder die Ewigkeit zu spüren« gemeint ist. Auf welchen Grundlagen basiert unser Verständnis dieser Vorstellungen?
Wenn wir vom Verstehen des Schöpfers sprechen, nehmen wir an, dass dieses mit unseren Sinnesorganen und unserem Intellekt geschieht, so wie wir auch alles andere auf der Welt erforschen. Dazu müssen alle Konzepte für jedermann verständlich sein, so wie auf allen anderen Gebieten, die erforscht werden. Folglich müssen die Ideen handfest und real sein, die wir mit unseren Sinnesorganen erfassen können.
Die am nächsten liegende Wahrnehmung kann man mithilfe der Tastorgane erreichen, wenn man mit der äußeren Abgrenzung des Gegenstandes direkt in Berührung kommt. Wenn wir unseren Hörsinn benutzen, sind wir nicht mehr mit dem Objekt selbst in Verbindung, sondern kommen mit dem Übertragungsmedium des Objektes in Kontakt; beispielsweise der Luft, die in Verbindung mit der äußeren Grenze des Objektes steht, wie mit den Stimmbändern des Menschen oder mit einer schwingenden Oberfläche, die eine Schallwelle erzeugt.
Auf ähnliche Weise benutzen wir unsere spirituellen Wahrnehmungsorgane, um den Schöpfer wahrzunehmen. Ein Gefühl der Verbindung mit der äußeren Schicht des Menschen ist als »prophetische Vision« bekannt.
Auf der anderen Seite wird der Kontakt mit der äußeren Schicht des Menschen, der mit einem bestimmten anderen Mittel hergestellt wurde (dem Hören sehr ähnlich), »prophetisches Hören« genannt.
»Prophetische Vision« wird für die deutlichste Enthüllung gehalten (so wie wir in unserer Welt ein Objekt sehen und es für dessen vollkommenste Wahrnehmung halten), weil wir direkt in Kontakt mit dem vom Schöpfer Selbst ausströmenden Licht kommen.
Das »prophetische Hören« andererseits (die Stimme des Schöpfers) wird von den Kabbalisten für ungreifbar gehalten, im Gegensatz zur prophetischen Vision. Es ähnelt unserer Fähigkeit, Schallwellen zu hören, da wir in Wirklichkeit die Signale wahrnehmen, die von einem zwischengeschalteten spirituellen Objekt gesendet werden und die aus dem Kontakt des zwischengeschalteten Objekts mit der äußeren Grenze des Schöpfers hervorgehen. Wir interpretieren diese Wellen als Schallwellen, wie im Fall der prophetischen Vision.
Kabbalisten, die dieses prophetische Verständnis von Ihm erlangt haben, nehmen den Schöpfer zuerst durch ihre spirituellen Sinnesorgane des Hörens und Sehens wahr. Dann interpretieren sie später, was sie gespürt haben. Bemerkenswerterweise gibt ihnen dieses Begreifen der sichtbaren Phänomene die vollständige Erkenntnis, während es unmöglich ist, die Natur eines rein hörbaren Phänomens zu erfassen.
Wie auch in unserer Welt genügt der einfache Hörsinn, um die Eigenschaften des untersuchten Objektes zu verstehen (sogar ein von Geburt an Blinder spürt viele Eigenschaften von denen, die ihm nahe sind). Daher genügt eine spirituelle Erkenntnis, die durch Hören erworben wurde, ebenso. Das basiert auf der Tatsache, dass innerhalb der Information, die uns durch das spirituelle Hören erreicht, alle anderen verborgenen Eigenschaften mit enthalten sind.
Das Gebot, den Schöpfer im Wesentlichen wahrzunehmen, wird durch die Wahrnehmung von Ihm durch spirituelles Hören und Sehen in einem solchen Maße reduziert, dass wir uns absolut sicher eines visuellen und hörbaren Kontaktes mit dem Schöpfer bewusst werden, was man »von Angesicht zu Angesicht (sich gegenüberstehend)« nennt.
Die Schöpfung und das Lenken der Geschöpfe geschehen durch zwei gegensätzliche Phänomene: Die Verhüllung der Allmacht des Schöpfers und dann die allmähliche Enthüllung Seiner Allmacht, damit die Geschöpfe Ihn durch ihre korrigierten Eigenschaften wahrnehmen können.
Daher wird einer der Namen des Schöpfers, Maazil, von dem hebräischen Wort Zel, »Schatten« abgeleitet. Es gibt einen weiteren Namen: Boreh, vom Wort bo-re’eh abgeleitet – »komm und sieh!« Aus diesen Worten werden die Namen der zwei Welten Azilut und Briah abgeleitet.

Wir sind nicht in der Lage, den wahren Zustand der Schöpfung zu erfassen, sondern nur das, was unsere Sinnesorgane im Materiellen oder Spirituellen wahrnehmen können.

Unser Bewusstsein teilt alles entweder in Leere oder Genüge ein. Das ist so, obwohl »gebildete Leute« darauf bestehen, dass es eigentlich kein Konzept von völliger Leere oder eines Vakuums gibt. Das liegt jenseits unseres Verständnisses, denn wir können nur mit unseren Sinnen begreifen, was fehlt.
Wir merken jedoch eine Abwesenheit oder die Leere, wenn wir die Beziehung von dem, was in dieser Welt existiert, mit dem Zustand nach unserem Tod vergleichen. Während wir aber in dieser Welt leben, meinen wir, dass alles außerhalb unseres Körpers irgendwie abwesend ist und gar nicht wirklich existiert.
Das Gegenteil trifft zu: Das, was außerhalb von uns existiert, ist ewig und existiert, während wir hingegen ein Nichts sind und ins Nichts zurückverschwinden.
Diese beiden Konzepte in uns sind völlig unzureichend, denn unsere Wahrnehmungen verleiten uns zu glauben, dass alles, was existiert, mit uns verbunden ist und nur innerhalb dieses Rahmens existiert; wohingegen alles, was sich außerhalb von uns befindet, keinen Wert hat. Doch der Verstand zeigt das Gegenteil an – dass wir es sind, die unbedeutend sind, während alles außerhalb von uns ewig ist.

Wie man höhere spirituelle Stufen erklimmt


Die unendlich kleine Portion des Höheren Lichts, die sich in allen lebenden und leblosen Objekten befindet und ihre Existenz bestimmt, ist als »das kleine Licht«, der Ner Dakik, bekannt.
Das Verbot, die Geheimnisse der Kabbala zu enthüllen, stammt von der Besorgnis her, dass Verachtung für die Kabbala auftreten könnte. Denn alles Unbekannte ruft Achtung hervor und wird als wertvoll betrachtet. So ist die Natur des Menschen: Ein armer Mensch ehrt den Cent, doch sobald er eine Million besitzt, ist ihm der Cent nichts mehr wert, und er verlangt nach zwei Millionen und so fort.
Das gleiche Muster kann man in der Wissenschaft beobachten: Das Unbekannte ruft Neugierde hervor und wird für wertvoll gehalten, und wenn es einmal bekannt und verstanden ist, wird es nicht länger geschätzt. Dann nehmen andere unbekannte Objekte seinen Platz ein und werden erforscht. Aus diesem Grund kann die Kabbala nicht der breiten Masse enthüllt werden, denn wenn diese sie einmal erfasst hat, wird sie sie missachten. Jedoch können die Geheimnisse der Kabbala den Kabbalisten enthüllt werden, da diese – wie jeder andere Wissenschaftler auch – ihr Wissen erweitern möchten. Da sie nicht ihr Wissen schätzen, veranlasst sie das zur Suche nach dem Verständnis des Unbekannten. Daher ist die gesamte Welt für all die geschaffen, welche die Geheimnisse des Schöpfers erfassen möchten.
Diejenigen, die das vom Schöpfer ausströmende Höhere Licht (Or Chochma) spüren und erfassen, können dabei trotzdem nicht den Schöpfer oder sein Wesen wahrnehmen. Wir sollten uns aber nicht täuschen hinsichtlich derjenigen, die die höhere spirituelle Stufe wahrnehmen. Diejenigen, welche die spirituellen Stufen und das Licht besonders auf solchen Stufen wahrnehmen, nehmen nicht nur das Licht wahr, sondern erfassen auch den Schöpfer. Ein Kabbalist kann nicht einmal die niedrigsten spirituellen Stufen wahrnehmen, wenn er nicht den Schöpfer und Seine Eigenschaften in Beziehung zu uns, die sich auf dieser bestimmten Stufe befinden, erfasst.
In unserer Welt lernen wir unsere Freunde durch ihre Handlungen uns und anderen gegenüber kennen. Nachdem wir mit den verschiedenen Eigenschaften des Individuums vertraut sind wie Freundlichkeit, Neid und Ärger und die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, können wir behaupten, dass wir unseren Freund »kennen«. So enthüllt sich der Schöpfer dem Kabbalisten mithilfe des Lichts auf sehr klare Weise, nachdem der Kabbalist alle Handlungen und die göttliche Fügung in diesen Handlungen erfasst hat.
Wenn die spirituellen Ebenen und das Licht, das aus ihnen heraus strahlt, nicht die Möglichkeit mit sich bringen, den Schöpfer »Selbst« wahrzunehmen, dann nennen wir diese unrein. (»Ihn Selbst« bedeutet, dass, wie auch in unserer Welt, wir einen Eindruck von ihnen durch unsere Handlungen erhalten und dann nicht mehr unter Druck stehen, mehr herauszufinden zu müssen. Das, was wir in uns nicht wahrnehmen, kann nämlich kein Interesse oder ein Bedürfnis hervorrufen, wahrgenommen werden zu wollen).
Unreine Kräfte wie Klipa und Sitra Achra dominieren uns und verhindern, mit jeder noch so geringen Freude, die zu uns gelangt, zufrieden zu sein. Diese Kräfte veranlassen uns, mit dem, was wir bereits wissen, zufrieden zu sein, das heißt mit der Schale (Klipa), und die eigentliche »Frucht« beiseite zu lassen. Aus diesem Grund kann unser Verstand nicht den Zweck begreifen, zugunsten des Schöpfers zu arbeiten, da die Einmischung dieser unreinen Kräfte es nicht zulassen, die versteckte Bedeutung der Kabbala zu erkennen.
Das Licht, das die obere Hälfte des spirituellen Objektes vom Rosh (Kopf) bis zum Tabur (Nabel) füllt, wird »Vergangenheit« genannt, während das Licht, das die untere Hälfte füllt, die »Gegenwart« heißt. Das Umgebende Licht, das noch nicht in das Objekt eindringt, aber auch darauf wartet, an die Reihe zu kommen und enthüllt zu werden, wird »die Zukunft« genannt.
Wenn wir einen Absturz erleben, und die egoistischen Wünsche sich vergrößert haben, dann verringert sich nach Meinung des Menschen das Spirituelle.

Doch ein spiritueller Abstieg wird von Oben mit Absicht geschickt: Wir sollen verstehen, dass wir uns immer noch im spirituellen Exil befinden, was uns veranlassen sollte, um Erlösung zu bitten.

Uns wird jedoch der wahre Frieden vorenthalten, solange wir nicht unseren vorherbestimmten Zweck vor allem anderen erfüllt haben: unsere spirituelle Befreiung und die der gesamten Menschheit.
Das Exil ist ein spiritueller Begriff. Galut ist nicht die physische Versklavung, wie sie von allen Völkern irgendwann schon einmal erlebt wurde. Unter Galut versteht man unsere Versklavung durch unseren schlimmsten Feind, den Egoismus. Mehr noch, diese Versklavung ist so raffiniert, dass wir nicht einmal merken, dass wir dauernd für diesen Herrn und Meister arbeiten, diese äußere Kraft, die uns besitzt und uns nun ihre Wünsche aufzwingt.
Wir sind wie verrückte Menschen, die sich dessen nicht bewusst sind, und bemühen uns mit aller Kraft, die Anforderungen der Selbstsucht zu erfüllen. Unser Zustand kann mit dem eines Geisteskranken verglichen werden, der Stimmen hört und diese entweder für Befehle oder seine eigenen Wünsche hält.
Unsere wahre Galut ist unser Exil gegenüber dem Spirituellen und unsere Unfähigkeit, mit dem Schöpfer in Verbindung zu sein und allein für ihn zu arbeiten. Sich dessen bewusst zu werden ist eine lebensnotwendige Vorbedingung für unsere Befreiung vom Egoismus.
Anfänglich neigt das Ego dazu, Kabbala zu studieren und sich Mühe zu geben, das Spirituelle zu verstehen, da es gewisse Vorteile sieht, spirituelles Wissen zu haben. Wenn wir dann jedoch allmählich merken, welche Verflechtungen der richtigen Arbeit »zugunsten des Schöpfers« erforderlich sind, und wenn wir gezwungen sind, unsere Befreiung zu erflehen, dann weisen wir solche Erlösung zurück. Das verursacht, dass wir wieder einmal Sklave unseres Verstandes und der Rückkehr zu den Idealen des materiellen Lebens werden. Unsere Erlösung aus diesem Zustand kann nur dann erfolgen, wenn wir im Glauben über den Verstand handeln.

Ein spiritueller Abstieg muss nicht den Verlust des Glaubens bedeuten.

Wenn der Schöpfer uns mehr über unsere Selbstsucht enthüllt, gewährt er uns die Möglichkeit einer besonderen Anstrengung und stärkt somit unseren Glauben. Unsere ehemalige Stufe an Glauben ist nicht verloren gegangen; nur wenn wir an die Arbeit denken, die noch vor uns liegt, meinen wir, dass wir uns spirituell im Fallen befinden.
Unsere Welt ist in Ähnlichkeit mit der spirituellen geschaffen, mit der Ausnahme, dass unsere aus selbstsüchtigem Material besteht. Wir können erhebliches Wissen von der uns umgebenden Welt erlangen, wenn auch nicht über die Beschaffenheit der spirituellen Objekte, dann letztendlich über ihre Zwischenbeziehungen und ihren Vergleich mit unserer Welt.
Die spirituelle Welt enthält auch Begriffe wie Welt, Wüste, Besiedlung, Länder und so weiter. Alle spirituellen Handlungen (Gebote) mögen auf jeder Stufe beibehalten werden, mit Ausnahme von Liebe und Angst. Diese Gebote werden nur solchen enthüllt, die auf der spirituellen Stufe vom Land Israel (Erez Israel) sind.
Innerhalb der Stufe Erez Israel gibt es eine Unterstufe, die Jerusalem (Jeruschalajim) genannt wird, ausgehend von den Worten Jir’ah (Furcht) und Shalem (vollständig): der Wunsch, vor dem Schöpfer zu erzittern, was uns bei der Befreiung vom Egoismus hilft.

Kapitel 27



Stufen der Korrektur


Die Menschen sind dazu gezwungen, alles zu tun, um das körperliche Leben zu erhalten. Wenn wir zum Beispiel krank sind und keinen Appetit haben, zwingen wir uns zum Essen, sonst können wir nicht gesund werden. Denn in unserer Welt sind Belohnung und Bestrafung für jeden klar erkennbar, und alle müssen den Naturgesetzen folgen.
Ungeachtet der Tatsache jedoch, dass unsere Seelen krank sind, und wir keine offensichtliche Belohnung und Bestrafung erkennen können und Genesung nur durch altruistische Handlungen gewährt wird, können wir uns nicht zum Heilprozess zwingen.

Daher ist das Heilen unserer Seele völlig von unserem Glauben abhängig.

Die untere Hälfte des höheren spirituellen Objektes ist auch in der oberen Hälfte des niedrigeren spirituellen Objektes vorhanden. Im niedrigeren Objekt wird der Schirm (Masach) in Augenhöhe gebildet. Das wird »spirituelle Blindheit« genannt, denn in diesem Zustand ist nur die untere Hälfte des höheren Objektes sichtbar, da der Schirm des niedrigeren Objektes den Teil des höheren spirituellen Objektes verbirgt.
Das höhere spirituelle Objekt lässt seinen Schirm auf das untere fallen und enthüllt sich dann dem niedrigen Objekt, welches dann seinerseits beginnt, das höhere als sich selbst anzusehen. Als Ergebnis empfängt das niedrige Objekt den Zustand der Fülle (gadlut). Das niedrige Objekt sieht dann, dass das höhere in einem »großen Zustand« ist und merkt, dass der scheinbar »kleine« Zustand (katnut) des höheren Objektes vor der Enthüllung nur zu seinen Gunsten erschaffen wurde. Auf diese Weise konnte sich das niedrige Objekt des Höheren bewusst werden.
Alle darauffolgenden Phasen, die wir auf unserem Weg erleben, können mit einer vom Schöpfer erzeugten Krankheit verglichen werden, die der Schöpfer dann auch irgendwann kuriert. Wenn wir diese Krankheit (zum Beispiel Hoffnungslosigkeit, Schwäche, Verzweiflung) als den Willen des Schöpfers anerkennen, dann werden diese Zustände korrigiert, und wir können uns der Vereinigung mit dem Schöpfer zuwenden.
Sowie das Licht des Schöpfers in unseren selbstsüchtigen Wunsch eindringt, unterwirft sich dieser Wunsch sofort dem Licht und ist bereit, sich in Altruismus umzuwandeln.
(Wir haben oft erwähnt, dass das Licht nicht in einen egoistischen Wunsch eindringen kann, doch es gibt zwei Arten von Licht: das Licht, das den Wunsch korrigiert, und das Licht, das Freude bringt; in diesem Fall ist das Licht gemeint, das Korrektur mit sich bringt).
Wenn das Licht dann in diese Wünsche eindringt, werden diese ins Gegenteil verkehrt. Auf diese Weise werden die Sünden dann in Verdienste korrigiert. Das geschieht jedoch nur, wenn wir aus Liebe zum Schöpfer zurückkehren, wenn es uns gelingt, das gesamte Licht des Schöpfers nicht unseretwegen zu erhalten. Nur dann wandeln sich unsere vorherigen Handlungen (Wünsche) in Gefäße, die das Licht empfangen können.
Solch einen Zustand kann es vor der endgültigen Korrektur aber nicht geben. Bis dahin erhalten wir nur einen Teil des Lichts des Schöpfers, nicht zu unseren Gunsten, sondern nach dem Prinzip der mittleren Linie.
Es gibt mehrere Arten des Empfangens: aus Wohltätigkeit, durch Geschenke oder durch einforderndes Nehmen (man fordert, weil man anspruchsberechtigt ist). Wenn jemand Wohltätigkeit erhält, dann mag er darüber beschämt sein, doch bittet er weiterhin darum, weil er es braucht. Andererseits bittet man nicht um Geschenke. Ein Geschenk ist etwas, das einem von jemandem gegeben wird, der uns liebt. Jemand, der Forderungen stellt, betrachtet dieses weder als wohltätig noch als Geschenk, sondern als sein Recht.
Letztere Ansicht ist charakteristisch für die Rechtschaffenen, die vom Schöpfer das einfordern, wovon sie denken, dass es von Anfang an für sie im Schöpfungsplan so vorgesehen war. Daher heißt es: »Die Rechtschaffenen erzwingen den Erhalt.«
Abraham (die rechte Linie: Glaube über Verstand) war bereit, Jizchak (die linke Linie: der Verstand und Kontrolle über den spirituellen Zustand zu halten) zu opfern, damit er stetig auf der rechten Linie fortschreiten konnte. Folglich drang er bis zur mittleren Linie vor, welche die beiden vereint.
Einfacher Glaube ist unkontrollierter Glaube und wird normalerweise »Glaube unter dem Verstand« genannt. Glaube, der mit dem Verstand geprüft wird, ist als »Glaube innerhalb des Verstandes« bekannt. Doch Glaube über Verstand ist nur dann möglich, wenn man seinen Zustand analysiert hat. Wenn wir folglich sehen, dass wir nichts erreicht haben, und trotzdem den Glauben wählen, als ob alles erreicht wurde, und wir diesen Glauben in Krisen beibehalten, dann wird das »Glaube über Verstand« genannt, weil wir den Verstand dabei ignoriert haben. Erst dann werden wir der mittleren Linie würdig.
Das sind die drei Linien spirituellen Verhaltens: die rechte Linie, die linke Linie und die Kombination der beiden – die mittlere Linie. Wenn das Individuum nur eine Linie besitzt, kann diese weder links noch rechts genannt werden, denn nur der Erwerb von beiden sich gegenüber liegenden Linien kann bestimmen, um welche genau es sich handelt.
Es gibt auch eine gerade Linie, den Zustand der Perfektion, auf der jeder Gläubige entlangwandert. Das ist der eine Weg, auf dem wir erzogen wurden, und auf dem wir unser ganzes Leben entlanggehen. Jeder Mensch, der diesen Weg beschreitet, muss genau wissen, wie viele Bemühungen seiner Berechnungen nach notwendig sind, damit er all seine Verpflichtungen einhalten kann. Auf diese Weise erhält er Befriedigung von seiner Arbeit. Mehr noch, er denkt, dass täglich neue Verdienste und Vorteile dazukommen, da er zusätzliche Gebote eingehalten hat. Diese Linie wird die »gerade Linie« genannt. Diejenigen, die von Kindesbeinen an auf diesem Weg geführt wurden, können davon nicht abkommen, denn es wurde ihnen von klein auf beigebracht, ohne Selbstkontrolle und Selbstkritik aufzuwachsen. Daher gehen sie täglich diesen Weg, und mit jedem Tag vergrößern sich ihre eigenen Verdienste.
Diejenigen, die auf der rechten Linie entlanggehen, müssen die gerade Linie entlanggehen. Mit dem Unterschied, dass es denjenigen, die auf der geraden Linie entlanggehen, an Selbstkritik über ihren spirituellen Zustand mangelt. Diejenigen, die auf der rechten Linie sind, machen jeden Schritt unter Schwierigkeiten, da die linke Linie die rechte neutralisiert und dabei spirituellen Durst erweckt und keine Befriedigung aus dem erhaltenen spirituellen Zustand gewährt.
Wenn wir auf der geraden Linie entlanggehen, dann untersuchen wir nicht unseren jetzigen Zustand, sondern fügen ständig neue Verdienste zu den alten hinzu, da wir eine gesunde Basis haben, auf die wir uns verlassen können. In der Zwischenzeit löscht die linke Linie alle vorherigen Bemühungen aus.

Glaube – der einzige Gegenspieler des Egoismus


Der wichtigste Entscheidungsfaktor für die Genusswahrnehmung ist der Durst nach Genuss, der in der Kabbala als »Gefäß« bekannt ist. Die Größe des Gefäßes wird davon bestimmt, wie groß das Bedürfnis nach dem Fehlen des Genusses ist. Aus diesem Grund werden zwei separate Menschen-Gefäße zwar den gleichen Genuss empfangen, wobei eines das Gefühl völliger Sättigung verspürt, und das andere durch das Gefühl, nichts erhalten zu haben, in Depression verfällt.

Daher muss der Mensch danach streben, im gegenwärtigen Augenblick zu leben, die vorherigen Zustände zur Kenntnis zu nehmen; und mit Glauben über Verstand im jetzigen Zustand benötigen wir dann keine Zukunft.

Die Wahrnehmung von Erez Israel (»Land von Israel«) und folglich die Enthüllung des Schöpfers wird denjenigen gewährt, welche die spirituellen Stufe von Erez Israel erreicht haben. Um diese Stufe zu erreichen, muss der Mensch sich der unreinen Kräfte entledigen, was die spirituelle Beschneidung des Egoismus bedeutet, und freiwillig eine Einschränkung (Zimzum) ausüben, damit das Licht nicht in den Egoismus eintritt.
Wenn es in der Kabbala heißt, dass etwas verboten ist, bedeutet das, dass dieses Etwas unmöglich ist, auch wenn man es sich wünscht. Das Ziel hingegen ist, es sich nicht zu wünschen.
Wenn zum Beispiel ein Arbeiter eine Stunde am Tag an etwas arbeitet und keine anderen Kollegen kennt, die bereits für ihre Arbeit entlohnt wurden, so wird dieser sich sorgen, ob seine geleistete Arbeit bezahlt wird. Allerdings wird er sich weniger sorgen als jener, der zehn Stunden am Tag arbeitet. Letzterer muss mehr Vertrauen in seinen Chef aufbringen, leidet dadurch aber auch mehr, wenn er seine Kollegen ohne Entlohnung sieht. Und derjenige, der sich wünscht, Tag und Nacht zu arbeiten, verfügt über eine weitaus empfindlichere Wahrnehmung bezüglich der Verborgenheit seines Chefs und seiner Entlohnung, einfach deshalb, weil er ein größeres Bedürfnis hat zu wissen, ob er am Ende des Tages überhaupt ausgezahlt wird oder nicht.
Diejenigen jedoch, die mit Glauben über dem Verstand leben, entwickeln in sich ein riesengroßes Bedürfnis nach der Offenbarung des Schöpfers und damit zusammen eine Fähigkeit, der Offenbarung gegenüberzutreten. In diesem Moment wird der Schöpfer ihnen die gesamte Schöpfung enthüllen.

Einzig das Voranschreiten auf dem Weg des Glaubens wird helfen, die Verwendung egoistischer Wünsche zu vermeiden.

Nur wenn wir uns weigern, wissen zu wollen und sehen zu können, wenn wir Angst haben, unsere Fähigkeit zu altruistischem Handeln zu verlieren, werden wir in der Lage sein, starke Gefühle und das Wissen im richtigen Umfang zu erhalten, bei dem der Fortschritt auf dem Weg zum Glauben nicht behindert wird.
Es wird deutlich, dass der entscheidende Punkt, nicht für sich selbst zu handeln, der Notwendigkeit entspringt, die begrenzten egoistischen Möglichkeiten, Genuss zu erhalten, hinter sich zu lassen. Hingegen sollte man versuchen, die unendlichen Möglichkeiten zu erlangen, die Genuss außerhalb unserer engen Grenzen des Körpers versprechen. Solch ein spirituelles »Wahrnehmungsorgan« wird »Glaube über Wissen« genannt. Diejenigen, die eine Stufe in ihrer spirituellen Entwicklung erreichen, auf der sie ohne Entlohnung für ihre Selbstsucht arbeiten können, werden in ihren Eigenschaften dem Schöpfer gleich (und daher erreichen sie Seine Nähe, da es in den spirituellen Bereichen nur Unterschiede in Eigenschaften gibt, und Begriffe wie Zeit und Raum nicht existieren) und erlangen unendlichen Genuss, der nicht durch ein Gefühl der Scham geschmälert wird, als empfange man eine Wohltätigkeit.
Wenn wir die allumfassende, unsichtbare Gegenwart des Höheren Intellektes wahrnehmen, welcher das gesamte Universum durchdringt und Herrschaft über alles hat, dann erhalten wir im wahrsten Sinne Unterstützung und Vertrauen. Daher ist Glaube das einzige Gegenmittel zum Egoismus.
Die Menschen können von Natur aus nur das tun, was sie verstehen und spüren, und es wird Glaube innerhalb des Verstandes genannt. Glaube wird eine höhere, konfrontierende Kraft genannt, die uns die Fähigkeit gibt, zu handeln, auch wenn wir das Wesentliche unserer Handlungen noch nicht wahrnehmen oder verstehen; das bedeutet, dass Glaube eine Macht ist, die nicht von unserem persönlichen Interesse, unserer Selbstsucht abhängig ist.
Es heißt, dass an dem Ort, wo es einen Baal Teshuva gibt (jemand, der es sich wünscht, zum Schöpfer zurückzukehren und Ihm nahe zu sein), ein rechtschaffener Mensch keinen Platz hat. Wenn jemand einen neuen Wunsch korrigiert, dann ist dieser ganz und gar rechtschaffen. Wenn jemand nicht zur Korrektur fähig ist, dann wird er »Sünder« genannt. Derjenige, der sich selbst bezwingen kann, wird der »Zurückkehrende« genannt. Da unser ganzer Weg ausschließlich zum Ziel der Schöpfung führt, ist jeder neue, darauffolgende Zustand höher als der »vorherige« des »Rechtschaffenen«.

Wir nehmen den Schöpfer als Licht der Freude wahr.

Je nach unseren Eigenschaften und der Stufe unserer eigenen altruistischen Gefäße (unseres Wahrnehmungsorgans des spirituellen Lichts) nehmen wir das Licht des Schöpfers unterschiedlich wahr. In Anbetracht dessen, dass nur ein Licht existiert, geben wir ihm verschiedene Namen, die auf unseren Wahrnehmungen basieren und auf der Art, welchen Einfluss es auf uns hat.

Licht, das Korrektur bewirkt


Es gibt zwei Arten von Licht des Schöpfers: das Licht des Wissens, der Vernunft und der Weisheit (genannt Or Chochma) und das Licht der Gnade, des Vertrauens und der Einigkeit (genannt Or Chassadim). Von Or Chochma gibt es zwei Ausprägungen, je nach dessen Einfluss auf uns: Wenn uns das Licht zum ersten Mal erreicht, entdecken wir unser eigenes Übel. Nach dieser Entdeckung des Bösen und dem Bewusstsein, dass wir nicht der Selbstsucht erliegen sollen, bringt uns dieses Licht Kraft für unsere egoistischen Wünsche, damit wir aus ihnen Freude und Genuss empfangen, doch nicht uns zuliebe. Letztendlich, wenn wir dann die Kraft aufgebracht haben, unsere Selbstsucht zu bezwingen, ermöglicht dieses Licht den vormals egoistischen und nun korrigierten Wünschen Freude aus altruistischen Handlungen zu empfinden.
Auf der anderen Seite schenkt uns Or Chassadim den Wunsch »zu geben«, anstelle von »Genuss zu nehmen«. Aus diesem Grund sondert die Einwirkung von Or Chochma aus den 320 unkorrigierten Wünschen der Seele (diese werden allmählich als spirituelle Aufstiege gespürt, genauso wie das Individuum das volle Ausmaß seines Übels feststellt und durch die Bewusstwerdung seines eigenen Wesens erzittert) die 32 Teile von Malchut ab, also die Wünsche, persönlichen Genuss zu empfinden, da wir festgestellt haben, dass der Egoismus unser stärkster Feind ist.
Die übrigen 288 Wünsche zeigen weder eine egoistische noch altruistische Richtung, da sie einfache Empfindungen wie Hören, Sehen und dergleichen sind und in jeglicher Weise benutzt werden können: entweder für uns oder für andere.
Unter dem Einfluss von Or Chassadim entwickeln wir den Wunsch, mit allen 288 Empfindungen altruistisch zu handeln. Das passiert, wenn Or Chochma die 32 egoistischen Wünsche durch die 32 altruistischen Wünsche ersetzt.
Eine Korrektur findet unter dem Einfluss des Lichts statt, ohne dass Genuss dabei empfunden wird. Man spürt nur den Unterschied in den Eigenschaften zwischen seinem eigenen Egoismus und der Herrlichkeit des Lichts. Das allein genügt, um sich von körperlichen Wünschen loszusagen. Daher heißt es: »Ich habe egoistische Neigungen in Euch erschaffen und als Heilung dafür die Kabbala gegeben.«
Wenn man dann seine Wünsche korrigiert hat, beginnt man das Licht zu empfangen, um den Schöpfer zu erfreuen. Dieses Licht ist als »Tora« und auch als »Die Namen des Schöpfers« bekannt, weil jedes Individuum für sich selbst und seine Seele einen Teil des Schöpfers in sich empfängt und den Schöpfer je nach dem vom Licht empfangenen Genuss benennt.

Wir dürfen die spirituelle Welt nur betreten, wenn wir ganz und gar uneigennützig werden (Chafez Chessed).

Das ist die minimalste Vorbedingung zur Absicherung, dass keine egoistischen Wünsche uns jemals verleiten und somit wehtun können, denn wir verlangen nichts für uns.
Ohne den Schutz der altruistischen Neigungen durch die Eigenschaft von Or Chassadim würden wir, während wir dabei sind, unendlichen Genuss vom Höheren Licht zu erhalten, unweigerlich Befriedigung uns zuliebe verlangen, und das würde uns persönlich ruinieren; der Wechsel von Egoismus zu Altruismus wäre daher nie möglich. Unsere gesamte Existenz würde daraus bestehen, diesen Genüssen nachzugehen, die unseren egoistischen Verlangen nicht zugänglich sind.
Doch Or Chassadim, das uns ein Streben nach Altruismus vermittelt, kann sein Licht nicht in unseren egoistischen Wünschen aufleuchten lassen. Egoistische Wünsche werden von dem Funken Licht in uns aufrechterhalten, den der Schöpfer gewaltsam entgegen den spirituellen Naturgesetzen in uns eingepflanzt hat. Dieser Funken wiederum ermöglicht es uns überhaupt erst, unser Leben aufrechtzuerhalten, denn ohne irgendeine Form von Genuss kann der Mensch nicht überleben.
Sollte dieser Funken Höheren Lichts verschwinden, würden wir sofort umkommen. Nur dann würden wir uns vom Egoismus und unseren unerfüllten Wünschen trennen, verbunden mit Düsterkeit und Verzweiflung.
Warum kann Or Chassadim nicht in den Egoismus eindringen? Wie schon vorher erklärt ist im Licht selbst keine Unterscheidung zwischen Or Chochma oder Or Chassadim vorhanden, nur das Individuum bestimmt diesen Unterschied. Ein egoistischer Wunsch kann beginnen, Genuss aus dem Licht zu erhalten, ungeachtet dessen Herkunft. Genauer gesagt kann er anfangen, sich selbst zuliebe Freude in Or Chassadim zu erhalten. Nur ein Wunsch, der für altruistische Handlungen vorbereitet ist, kann das Licht empfangen, um Freude durch den Altruismus zu erhalten, sprich: das Licht als Or Chassadim zu empfangen.
Ein Individuum empfängt Genuss aus drei Arten von Sinneseindrücken: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das größte Vergnügen kommt aus dem Gefühl für die Zukunft, weil ein Individuum beginnt, dieses Vergnügen schon in der Gegenwart vorzufühlen, das heißt, das Vergnügen wird bereits in der Gegenwart empfunden. Daher sind die Erwartungen und Gedanken über unangenehme Handlungen schlimmer als die Taten selbst, weil die Erwartung das Vergnügen hinauszögert und viel Raum im Denken des Individuums einnimmt.

Die gegenwärtige Freude ist angesichts unserer oberflächlichen und schnell befriedigten Wünsche normalerweise kurz.

Vergangenen Genuss hingegen kann man sich immer wieder vergegenwärtigen und erneut erleben.
Daher sollten wir lange Zeit darüber nachdenken und alles gut vorbereiten, bevor wir etwas Gutes tun, um möglichst viele unterschiedliche Empfindungen dabei zu berücksichtigen, die wir dann später wieder in Erinnerung bringen können, um das Streben nach Spiritualität wieder zu erneuern.
Egoismus ist die Hauptsache in unserem Leben und aus diesem Grund wollen wir unser Leben genießen. Wenn uns daher von Oben in unsere Wünsche ein kleiner Samen von Seele eingesetzt wird, der von Natur her versucht und wünscht, von altruistischen Vergnügen zu existieren, dann kann der Egoismus nicht mehr diese Art von Handlungen motivieren. Die Seele lässt uns nämlich keine Ruhe, sie erinnert uns ständig daran, dass wir das Leben nicht vollständig und wahrhaftig leben, sondern gerade so existieren.
Das Ergebnis ist, dass wir das Leben für unerträglich halten und voller Leiden, denn trotz unserer Handlungen sind wir nicht in der Lage, Genuss zu empfangen. Zuletzt kann uns nichts befriedigen, weil die Seele uns nicht erlaubt, erfüllt zu sein. So geht das weiter, bis der Egoismus selbst entscheidet, dass es keine andere Lösung gibt, als die Stimme der Seele zu beachten und ihren Anleitungen zu folgen. Wir werden sonst nie Frieden finden. Dieser Zustand kann als »der Schöpfer bringt uns gegen unseren Willen zu Sich zurück« beschrieben werden.
Wir können nicht einmal den kleinsten Genuss empfinden, wenn wir nicht seinen Mangel vorher fühlen. Der Mangel an gewünschtem Genuss wird »Leiden« genannt. Die Möglichkeit, das Höhere Licht zu empfangen erfordert den vorherigen Wunsch nach ihm. Aus diesem Grund sollten wir während unseres Studiums und unserer Handlungen darum bitten, das Bedürfnis nach dem Höheren Licht zu haben.
»Es gibt niemanden außer Ihm«: Alles, was durchsickert, ist Sein Wille, und alle Geschöpfe führen seinen Willen aus. Der einzige Unterschied ist, dass es eine kleine Gruppe von Menschen gibt, die Seinen Willen ausführen, weil sie es so wollen. Die Vereinigung mit dem Schöpfer ist nur dann möglich, wenn es eine Übereinstimmung in den Wünschen gibt.
Ein »Segnen« wird als das Ausströmen des Lichts Or Chassadim von Oben genannt, wenn wir altruistische Handlungen ausführen.
Die Kabbalisten sagen: »Die Bedürfnisse unserer Menschen sind groß, doch ihre Weisheit ist schwach.« Der Bedarf ist groß, weil eben die Weisheit so klein ist.
Rabbi Yehuda Ashlag sagt: »Unser Zustand kann mit dem eines Königssohnes verglichen werden, der im Palast seines Vaters mit allen möglichen Schätzen wohnt, doch ohne Licht, um sie zu sehen. So sitzt der Sohn dort in der Dunkelheit, und es fehlt ihm nur an Licht, um diese Reichtümer in Besitz zu nehmen. Er hat sogar eine Kerze dabei (der Schöpfer gibt ihm die Möglichkeit, auf Ihn zuzugehen), wie es heißt: ›Die Seele des Menschen ist die Kerze des Schöpfers.‹ Wir brauchen sie nur mit unserem eigenen Verlangen anzuzünden.«
Rabbi Yehuda Ashlag sagt: »Obwohl man sagt, dass der Zweck der Schöpfung unverständlich ist, gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Unverständnis eines weisen Mannes und der Ignoranz eines Einfaltspinsels.«
Rabbi Yehuda Ashlags Worte waren: »Das Gesetz der Wurzeln und Zweige bringt mit sich, dass der Niedrigste die Stufe des Höchsten erreichen muss, doch braucht der Höchste nicht wie der Niedrigste zu sein.«
Unsere ganze Arbeit besteht aus der Vorbereitung, das Licht zu empfangen. Wie Rabbi Yehuda Ashlag uns sagte: »Das Wichtigste ist das Kli (Gefäß), auch wenn das Kli ohne Licht so leblos ist wie der Körper ohne Seele. Darum müssen wir unser Kli schon von vornherein vor bereiten, damit es, wenn es das Licht empfängt, auch richtig arbeiten kann. Wir können es mit einer elektrischen Maschine vergleichen. Die Maschine funktioniert nicht, wenn sie nicht angeschlossen ist, doch das Arbeitsergebnis hängt davon ab, wie die Maschine gebaut ist.«

In der spirituellen Welt sind alle Gesetze und Wünsche denen unserer Welt entgegengesetzt.

Wie es auch in unserer Welt sehr schwierig ist, entgegen unserem Wissen und Verständnis zu handeln, so ist es auch in der spirituellen Welt äußerst schwierig, mit Wissen voranzukommen. Wie Rabbi Yehuda Ashlag uns sagt: »Es heißt, dass es sehr eng war, als jeder während des Tempeldienstes stand, aber als sich alle hinwarfen, gab es viel mehr Platz.« Das Stehen bedeutet den Zustand von »Größe« im Parzuf, dem Empfangen des Lichts; wobei sich hinwerfen »Kleinsein« und den Mangel an Licht darstellt. In diesem niedrigen Zustand gab es mehr Platz und ein größeres Gefühl der Freiheit, denn im Zustand der Verhüllung des Schöpfers spüren diejenigen, die im spirituellen Aufstieg sind, das Potenzial des Vorankommens entgegen ihrem Verstand, was eine Quelle der Freude ist, die sie aus ihrem Arbeiten erhalten.
Rabbi Yehuda Ashlag pflegte die Geschichte eines großen Kabbalisten, Rabbi Pinchas aus dem Dorf Korits aus dem vorigen Jahrhundert zu erzählen. Rabbi Pinchas hatte kein Geld und konnte sich nicht einmal Aris Buch »Der Baum des Lebens« kaufen, und war gezwungen, Kinder für ein halbes Jahr zu unterrichten, damit er es sich erlauben konnte.
Auch wenn es uns so vorkommt, als stellten unsere Körper ein Hindernis für den spirituellen Aufstieg dar, erscheint uns dies nur so, weil wir uns ihrer Funktion nicht bewusst sind, die der Schöpfer ihnen zugeteilt hat. Rabbi Yehuda Ashlag dazu: »Unser Körper ist wie ein Anker (Teil einer Uhr); auch wenn der Anker die Uhr anhält, kann sie ohne ihn nicht funktionieren und nicht weitergehen.« Ein anderes Mal sagte er: »Im Rohr eines Gewehres gibt es ein spezielles Gewinde, was das Herausfliegen der Kugeln erschwert. Aber genau deswegen fliegt die Kugel weiter und trifft das Ziel.« In der Kabbala kennen wir diesen Zustand als kishui.
Rabbi Ashlag sagte: »Jeder ist daran gewöhnt, die Bibel nach den Begriffen der Welt zu interpretieren, obwohl klar ausgedrückt ist ›Hütet Eure Seelen‹, versteht man darunter die körperliche Gesundheit.
Rabbi Yehuda Ashlags Worte waren: »Ein Individuum ist soweit in einem spirituellen Zustand, wie es merkt, dass seine egoistischen Wünsche im Wesentlichen die unreine Kraft sind.«
»Die niedrigste der spirituellen Stufen wird erreicht, wenn uns das Spirituelle zum Wesentlichsten wird und vor dem Materiellen kommt.«
»Nur in einem kann der Mensch Hochmut ausdrücken, und zwar dann, wenn er behauptet, dass außer ihm niemand anders dem Schöpfer Freude bereiten kann.«
»Wenn man ein Gebot einhält, ist die Belohnung dafür, dass man wahrnimmt, wer es auferlegt hat.«
»Diejenigen, die sich mit dem spirituellen Aufstieg befassen, kümmern sich nicht um weltliche Sorgen. Genauso wie jemand, der krank ist, sich nicht um sein Gehalt sorgen macht, sondern darum, dass er wieder gesund wird.«
Er sagte weiter: »Wie in der spirituellen so wird uns auch in unserer materiellen Welt die Tatsache nicht retten, dass, wenn uns etwas zustößt, wir keine Kontrolle darüber haben. Wenn jemand zum Beispiel aus Versehen von einer Klippe stürzt, wird ihn die Tatsache allein, dass er fiel, obwohl er vielleicht nicht die Absicht hatte zu fallen, nicht vorm Sterben bewahren. Das Gleiche gilt in der spirituellen Welt. «
Als Rabbi Yehuda Ashlag krank war, wurde ein Arzt zur Visite gerufen. Dieser verschrieb ihm Ruhe und schlug vor, weil die Beruhigung der Nerven seines Patienten wichtig sei, doch etwas Unkompliziertes wie »Die Psalme« zu lesen, wenn er noch studieren wolle. Als der Arzt ging, meinte Rabbi Yehuda: »Es sieht so aus, als ob der Arzt denkt, dass es möglich ist, die Psalme zu lesen, ohne auf den tieferen Sinn zu achten.«
Er fuhr fort: »Es gibt kein Mittelding zwischen dem spirituellen, altruistischen ›Geben‹ und dem materiellen, rein egoistischen ›Empfangen‹. Wenn der Mensch nicht in jeder Sekunde an das Spirituelle gebunden ist, vergisst er es ganz und gar und bleibt im unreinen körperlichen Zustand.«
Im Buch Hakuzari heißt es, dass König Kuzari sich an einen Christen, einen Muslim und dann an einen Juden wandte, als er eine Religion für sein Volk aussuchte. Als der König mit dem Juden sprach, bemerkte er, dass beide, der Christ und der Muslim, ihm ewiges Leben und große Entlohnungen im nächsten Leben nach seinem Tode versprachen. Der Jude hingegen sprach von den Belohnungen, wenn die Gebote eingehalten werden, und der Strafe für ihr Nichteinhalten in dieser Welt.
Dem König erschien es jedoch wichtiger, was er in der nächsten Welt nach seinem Tode erhalten könnte, als wie er sich in diesem Leben verhalten sollte. Der Jude erklärte daraufhin, dass diejenigen, die Entgeltung in der nächsten Welt versprechen, dies tun, um sich auf diese Weise von der Falschheit zu trennen, die Lügen und die Bedeutungen ihrer Worte zu verbergen. Auf ähnliche Weise verdeutlicht Rabbi Yehuda Ashlag, dass die Worte des Agra (der Gaon aus Vilnius), das Konzept vom Yehudi (»Jude«) der Name für diejenigen ist, die die gesamte spirituelle Welt, die noch kommende Welt, während wir in dieser leben, erreicht haben. Kabbala verspricht uns das als Belohnung. Der Mensch muss die Belohnungen erhalten, während er noch in dieser Welt lebt, besonders wenn er noch einen Körper hat, damit er alles mit diesem aufnehmen kann.
Rabbi Yehuda Ashlag sagte: »Wenn ein Mensch merkt, dass die unreinen Kräfte – die egoistischen Wünsche – ihn bedrängen, dann ist das der Anfang der spirituellen Befreiung.«
Und mit Anspielung auf die Kabbala fügt er hinzu: »Alles ist in Gottes Hand, nur nicht die Angst vor Ihm.« Mit Bezug darauf, worum der Mensch den Schöpfer bittet, entscheidet der Allmächtige, ihm diesen Wunsch zu gewähren oder nicht. Die Bitte um »Angst vor dem Himmel« zu gewähren wird jedoch nicht vom Schöpfer entschieden, sondern erst wenn sich ein Mensch wahrhaftig nach der Angst vor Gott sehnt, erst dann wird ihm diese Bitte sicherlich erfüllt.

Kapitel 28


Nicht zugunsten des Selbst


Wir nehmen an, dass das Leben ein Zustand ist, in dem wir Wünsche empfangen, und entweder durch Erhalten oder durch Geben Genuss erleben. Wenn das Verlangen nach Genuss verfliegt, dann sind wir in einem neuen Zustand von Unbewusstsein, Ohnmacht oder Tod.
Wenn wir in einem solchen Zustand sind, wo wir klar erkennen, dass wir nicht mehr Genuss erfahren können, beispielsweise Scham im Hinblick auf unsere vergangenen Taten, wenn wir so sehr leiden, dass wir nicht einmal das kleinste Vergnügen vom Leben erhalten, dann haben wir das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen.
Darum müssen wir uns bemühen, Genuss aus den Taten zu erhalten, die der Schöpfer für gut hält und Ihm auf diese Weise Freude schenken. Derartige Gedanken und Handlungen enthalten solch ein großes Glücksgefühl, dass sie das größte Leiden in der Welt neutralisieren können. Durch unser Umfeld, Feinde, Bankrott oder Versagen im Beruf mögen diejenigen, die spirituell aufsteigen, das Gefühl von kompletter Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung haben und nicht mehr den Sinn des Lebens erkennen.
Wir mögen bereits so weit sein, altruistische Taten vollbringen zu können. Welche Handlung es auch sein mag, die wir gerade ausführen wollen, werden wir damit nicht unseren persönlichen Vorteil kalkulieren, sondern nur das Wohlergehen des Einen, für den wir handeln, beispielsweise den Schöpfer. Sollten wir jedoch keine Freude von diesen altruistischen Handlungen erhalten, dann werden sie als reines Geben betrachtet. Wenn wir zum Beispiel die Gebote nur dem Schöpfer zuliebe einhalten, wird uns nicht das Licht (die Freude des Schöpfers) zugeteilt, die zu jedem Gebot gehört. Das ist so, weil der Selbstverbesserungsprozess noch nicht zu Ende geführt wurde. Nachdem wir den Genuss vom ungehinderten Licht des Schöpfers erhalten haben, gehen wir das Risiko ein, unseren Egoismus zu erwecken, der auf jeden Fall Genuss aus Selbstzweck erhalten möchte. An dieser Stelle kann ein Mensch diesem Genuss nicht mehr widerstehen und würde ihn nicht dem Schöpfer zuliebe erhalten, sondern aus der schieren Kraft des Verlangens, Genuss zu bekommen.
Die Kelim (Kli pl.), mit denen wir altruistische Handlungen vollziehen, sind als »Gefäße des Gebens« bekannt. Ein spirituelles Objekt hat einen ähnlichen Aufbau wie ein physischer Körper und besteht aus 613 Organen.

Im Allgemeinen sind Form und Beschaffenheit der spirituellen Kräfte ähnlich dem Aufbau unseres Körpers.

Aus diesem Grund befinden sich die 248 Gefäße des Gebens im oberen Teil des spirituellen Torsos und entsprechen den spirituellen Handlungen, die jeder Mensch verpflichtet ist, auszuführen.
Das Licht, das von jemandem empfangen wird, der die oben genannten spirituellen Handlungen ausführt, wird »Licht der Gnade« (Or Chassadim) oder »verborgene« Gnade (Chassadim mechussim) genannt.
Jemand mit starker Willenskraft wird seine Gefühle in solchem Maß korrigieren, dass dieses Individuum altruistische Handlungen vollbringen kann und auch Genuss dem Schöpfer zuliebe empfindet, das heißt, dass er Genuss aus den vergangenen egoistischen Taten ziehen kann. Dieser Vorgang wird »Empfangen um des Gebens willen« genannt. Folglich wird dieser Mensch in der Lage sein, das Licht zu empfangen, das in jeder spirituellen Handlung enthalten ist.
Die Gebote der Bibel sind spirituelle Gebote. Da jeder Mensch auf der Welt diese Gebote erfüllen muss, ungeachtet der spirituellen Stufe, auf der er sich gerade befindet, sind diese eine notwendige Vorbedingung in Übereinstimmung mit ihrem spirituellem Ziel: dem Schöpfer Freude zu bereiten.
Die erste Phase, die wir durchlaufen, wenn wir den Zweck der Schöpfung begreifen wollen, ist das Arbeiten an uns selbst für persönlichen Gewinn (»nicht für Seinen Namen«), denn es gibt ja jede Menge Arten, Genuss zu verspüren: essen, spielen, Ehrungen erhalten, Ruhm und Ähliches. Diese bringen uns allerdings nur flüchtige und kleine Freuden. Die Motivation, die dahinter steckt, ist »Handlung für das Selbst«.
Wir können größeren Genuss erlangen, wenn wir an den Schöpfer glauben; an die Tatsache, dass Er der Allmächtige ist und an Seine Einzigartigkeit, die über die gesamte Welt regiert, einschließlich allem, was uns geschieht, an Seine Herrschaft über alles, was jeden von uns betrifft, Seine Bereitschaft, uns zu helfen, wenn Er unsere Gebete hört und daran, Glauben an all das oben Genannte zu behalten.
Erst wenn wir die erste Phase dieser Arbeit vollendet haben, dann werden wir ganz andere besondere Sinneseindrücke von einem höheren spirituellen Zustand empfangen. Das hat zur Folge, dass wir dann nicht mehr besorgt sind, ob wir persönlich von diesen Handlungen profitieren. Im Gegenteil, all unsere Gedanken und Berechnungen werden darauf fokussiert, spirituelle Wahrheit zu erhalten. Unsere Gedanken und Absichten werden sich darauf konzentrieren, das Wesentliche der wahren spirituellen Gesetze als Ergebnis zu erhalten, die Gesetze der Wahrnehmung und Ausführung des Willens des Schöpfers, welche an sich aus der Erkenntnis Seiner Größe und Allmacht erfolgen.
Dann werden wir uns nicht mehr an unsere früheren Motivationen erinnern und merken, dass wir auch nicht mehr im Geringsten an unsere Sorgen denken, sondern uns völlig der Erhabenheit des allübersteigenden Höchsten Verstandes hingeben, und nicht mehr die Stimme unseres eigenen Verstandes hören. Unsere Hauptsorge wird sich darum drehen, wie wir etwas Erfreuliches und Annehmliches für den Schöpfer tun können. Dieser Zustand wird »nicht für das Selbst« genannt.
Die grundlegende Ursache für den Glauben ist die Tatsache, dass es keine größere Freude gibt, als den Schöpfer zu spüren und von Ihm erfüllt zu sein. Um diesen Genuss jedoch uneigennützig zu erhalten, muss der Schöpfer uns gegenüber verhüllt sein; dieser verhüllte Schöpferzustand erlaubt uns, die Gebote ohne jeglichen Genuss als Entgelt zu erhalten. Und dieser Zustand wird »nicht um der Belohnung willen« genannt.
Wenn wir diesen Zustand erreichen und ein entsprechendes Gefäß schaffen, fangen wir an, den Schöpfer mit all unserem Sein zu sehen und zu empfinden. Der Grund, der uns zuvor veranlasste, zum eigenen Vorteil für den Schöpfer zu arbeiten, verschwindet, und kann sogar mit dem Tod verglichen werden, denn wir waren einmal mit dem Leben verbunden und erhielten dieses Gefühl durch unseren Glauben.
Wenn wir aber damit anfangen, Glauben über dem Verstand zu erlangen, dann befinden wir uns bereits im korrigierten Zustand und erhalten unsere Seelen, das Licht des Schöpfers, zurück.

»Lishma« erhalten


Auch wenn die kabbalistischen Namen aus unserer Welt genommen wurden, kennzeichnen sie jedoch andere Objekte und Handlungen in der spirituellen Welt und haben keine Beziehung zu denen in unserer Welt. Es stimmt, dass die spirituellen Objekte die direkte Herkunftsquelle für die in unserer Welt gefundenen Objekte sind [»Die Sprache der Kabbala«, Teil 1; »Die Namen des Schöpfers«, Teil 3]. Diese Unstimmigkeit und die Unähnlichkeit der spirituellen Ursache mit der Wirkung, die sie in unserer Welt zeigt, zeigen uns wieder, wie weit die spirituellen Objekte von unseren egoistischen Begriffen entfernt sind.
In der spirituellen Welt bedeutet ein Name eine bestimmte Enthüllung des Lichts des Schöpfers durch eine Tat, die diesen bestimmten Namen hat. Ähnlich wie in unserer Welt enthüllt jedes Wort nicht nur etwas über das Objekt selbst, sondern auch, wie wir dieses wahrnehmen.
Das Phänomen des Objekts selbst liegt völlig außerhalb unserer Wahrnehmung. Es ist eine Einheit an sich und uns ganz und gar unbegreiflich. Zweifellos besitzt das Objekt auch Form und Eigenschaften, die sich von solchen unterscheiden, die mit unseren Messgeräten oder Sinnen wahrgenommen werden können. Man kann dieses Konzept damit bestätigen, wenn wir ein Objekt entweder durch einfache Sicht oder mit Röntgenstrahlen oder Wärmefrequenzen betrachten.

Jedenfalls existieren das Objekt und seine Wahrnehmung getrennt.

Letztere wird aus den Eigenschaften der Menschen gebildet, die das betreffende Objekt beobachten. Daher führt die Kombination des Objekts (die wahren Eigenschaften des Objekts) mit den Eigenschaften desjenigen, der das Objekt wahrnimmt (der Beobachter) zu einer dritten Einheit: die vom Beobachter gefasste Beschreibung des Objekts. Diese basiert auf den allgemeinen Eigenschaften des Objekts selbst und denen des Beobachters.
Während wir mit dem spirituellen Licht arbeiten, gibt es in uns zwei ausgeprägte Zustände, die das Licht empfangen wollen und erhalten: die Wahrnehmung und Eigenschaften des Menschen vor dem Empfang des Lichts und danach.
Es gibt auch zwei Zustände im Licht, die die Gefäß-Wünsche eines Menschen füllen: den Zustand des Lichts, bevor es mit den Gefühlen und den Wünschen eines Menschen in Kontakt kommt sowie den Zustand danach, wenn es Berührung mit dem Wahrnehmenden aufgenommen hat. In einem vorherigen Zustand ist das Licht als das Einfache Licht bekannt, da es keine Verbindung zu den Eigenschaften des Wahrnehmenden hat. Da außer dem Licht des Schöpfers alle Objekte den Wunsch haben zu empfangen und vom Licht erfüllt zu werden, ist einfach keine Möglichkeit da, das Licht außerhalb von sich selbst wahrzunehmen, zu sehen, zu spüren, geschweige denn sich vorzustellen.
Wenn wir uns daher auf den Schöpfer als den Machtvollen beziehen, spüren wir in diesem Moment (jemand, der wahrhaftig fühlt) Seine Stärke. Wenn wir aber keine seiner Eigenschaften wahrnehmen, können wir uns auf Ihn mit keinem Namen beziehen, denn sogar das Wort »Schöpfer« bedeutet, dass ein Mensch diese gewisse Eigenschaft vom Licht wahrgenommen hat. Wenn ein Mensch jedoch die Namen des Schöpfers ausspricht (das heißt seine Eigenschaften aufzählt), ohne diese Eigenschaften durch die Sinne wahrgenommen zu haben, bedeutet das, dass dieser Mensch dem Einfachen Licht Namen gibt, bevor er die Bedeutung der Namen selbst gespürt hat, was einer Lüge gleichkommt, denn das Einfache Licht hat keinen Namen.
Diejenigen von uns, die nach spirituellem Aufstieg streben, müssen äußerliche Einflüsse vermeiden und persönliche Meinungen, die noch nicht gereift sind, verteidigen, bis wir die notwendigen Wahrnehmungen erhalten, die uns dabei unterstützen. Die Hauptabwehr und das sich Fernhalten gelten nicht denjenigen, die der Kabbala fern sind, da sie nur Gleichgültigkeit und höchstens Negativität ausdrücken können und dabei zeigen, dass sie von einem Menschen abweichen, der mit dem spirituellem Aufstieg befasst ist. Die Abwehr muss denjenigen gelten, die angeblich der Kabbala nahe sind. Von außen mag ein Mensch so aussehen, als ob er sich genau im Herzen der Wahrheit befände und sich ganz dem Schöpfer und dem Beachten der Gebote hingäbe. Jedoch sind die eigentlichen Gründe dieser »rechtschaffenen Person« nicht jedem klar ersichtlich, und der Hauptgrund ihrer Handlungen mag vielleicht im Gewinn an persönlichem Vorteil liegen.
Solche Leute oder Gruppen von Menschen stellen eine echte Gefahr für diejenigen dar, die den spirituellen Anstieg anstreben, denn Anfänger empfinden sich in einem Zustand inbrünstigen Dienens dem Schöpfer gegenüber, doch können sie nicht nachvollziehen, ob dieses von einem aufrichtigen Wunsch, den Schöpfer zu verstehen oder wahrzunehmen, herrührt oder von der Erziehung, oder schlimmer noch, von der Erwägung, Ansehen und Ähnliches zu erlangen.
Zur gleichen Zeit erkennt der Anfänger die enormen Kräfte, die diese so genannten »rechtschaffenen Leute« hervorrufen können, um ihnen zu helfen. Es ist dem Anfänger nicht ganz klar, dass diese Kräfte nur benutzt werden dürfen, weil seitens des Egoismus ihren Handlungen gegenüber keine Opposition erbracht wird. Außerdem sind es der Egoismus und der Wunsch zu beweisen, dass man recht hat, die diese Kräfte stärken, wobei die echte Kabbala uns schwächt, um in uns den Wunsch nach dem Schöpfer zu erwecken.
Wenn der Anfänger von diesen äußeren Handlungen dieser »Rechtschaffenen « beeindruckt ist, dann wird er Pharaos Sklave, denn es heißt in der Bibel, dass es angenehm für Israel war, von Pharao versklavt zu sein. Die Bibel konzentriert sich auf unseren spirituellen Zustand, und deshalb bedeutet Sklaverei spirituelle Sklaverei, in welche der Anfänger fallen kann und folglich alle Bemühungen bedauert, die er aufgebracht hat, um den Egoismus zu bekämpfen.
Andererseits braucht sich der Anfänger nicht um die Menschen kümmern, die entfernt von der Kabbala sind, denn es ist klar, dass nichts von ihnen gelernt werden kann, und sie daher keine Gefahr spiritueller Sklaverei darstellen.

Unser Egoismus erlaubt uns nur voranzuschreiten, wenn er Angst fühlt.

Dann werden wir zu allen möglichen Handlungen getrieben, nur um dieses Gefühl zu neutralisieren. Wenn ein Mensch Angst vor dem Schöpfer fühlen könnte, wäre es ihm möglich, die nötige Stärke und den Wunsch, an sich zu arbeiten, zu entwickeln.
Es gibt zwei Arten von Angst: die Angst, ein Gebot zu übertreten, und die Angst vor dem Schöpfer. Die erste Angst hält das Individuum vom Sündigen ab, denn es würde sonst sündigen. Wenn jedoch dieser Mensch keine Angst vor der Sünde hat, weil alle seine Handlungen ausschließlich dem Schöpfer zuliebe ausgeführt werden, beachtet dieser die Gebote sowieso und nicht aus Angst, sondern weil es der Wille des Schöpfers ist.
Die Angst, die Gebote zu übertreten (die Sünde), ist eine egoistische Furcht und kommt von der Sorge, sich selbst wehzutun. Furcht vor dem Schöpfer wird als altruistische Angst bezeichnet, denn sie erwächst aus der Besorgnis und Liebe, die Wünsche des Schöpfers nicht zu erfüllen. Wir mögen vielleicht eine riesengroße Sehnsucht danach verspüren, dem Schöpfer alle erdenkliche Freude zu bringen, doch ist es sehr schwierig, die Gebote des Schöpfers zu beachten (Handlungen auszuführen, die vom Schöpfer erwünscht werden), weil wir nicht immer die Notwendigkeit sehen, dieses zu tun.
Die Angst, die aus dem Gefühl der Liebe herrührt, sollte stärker als die selbstsüchtige Furcht sein. Wenn wir beispielsweise eine kriminelle Tat oder einfach auch nur eine Sünde voraussehen, erleben wir Schamgefühle und leiden. Auf ähnliche Weise entwickelt ein Kabbalist das Gefühl der Beklemmung, dass nicht genug für den Schöpfer getan wird. Dieses Gefühl ist ständig da und genauso groß wie die Angst des Egoisten vor Bestrafung für offensichtliche Übertretungen.
»Ein Mensch lernt nur das, was er zu lernen wünscht.« (»Ein Mensch lernt nur aus dem Herzen heraus.«) Wenn wir von dieser Annahme ausgehen, dann wird klar, dass wir nie lernen, uns an gewisse Gesetze und Normen zu halten, es sei denn, wir wünschen es. Wer hat aber Lust, Prinzipienreitern zuzuhören, besonders wenn man seine eigenen Schwächen meistens nicht erkennt? Wie können wir dann oder der Einzelne von uns dieses Ziel erreichen, auch wenn das Individuum Selbstkorrektur anstrebt?
Der Mensch ist mit einem einzigen Wunsch erschaffen: sich selbst zu erfreuen. Daher erforschen die Menschen nur die Möglichkeiten, ihre Wünsche zu erfüllen und vermeiden, was dieser Betätigung entgegensteht, denn so sind sie veranlagt.
Daher müssen diejenigen, die die Nähe des Schöpfers ersehnen, lernen, den Schöpfer zu bitten, dass Er ihnen neue Herzen schenkt, damit sie egoistische Wünsche durch altruistische ersetzen können. Wenn der Schöpfer ihnen diese Bitte gewährt, dann werden sie in jeder Erfahrung neue Wege finden, dem Schöpfer zu gefallen.
Wir werden jedoch nie etwas wahrnehmen, was in Opposition zu unserem Herzen steht, sei es egoistisch oder altruistisch, und wir werden uns nie verpflichtet fühlen, etwas zu tun, was unser Herz nicht zum Singen bringt. Wenn der Schöpfer erst einmal unser selbstsüchtiges Herz in ein selbstloses verwandelt hat, werden wir sofort unsere Verpflichtung mithilfe der neu erworbenen Eigenschaften erkennen, damit wir uns verbessern können, und entdecken auch dabei, dass es nichts Wichtigeres auf der Welt gibt, als den Schöpfer zu erfreuen.
Hinzu kommt, dass die Eigenschaften, die wir für Schwächen hielten, in Tugenden verwandelt werden, denn durch ihre Korrektur schenken wir dem Schöpfer Freude. Diejenigen jedoch, die noch nicht dazu bereit sind, sich selbst zu verbessern, werden ihre eigenen Schwächen nicht erkennen, denn diese werden nur denjenigen enthüllt, die bereit sind, sie zu korrigieren.
Alle menschlichen Handlungen, die sich auf die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse und auf das »sich selbst zuliebe« beziehen, verschwinden, wenn man aus dieser Welt geht. Die Sorgen und Leiden sind im Nu fort.
Wenn wir bedenken, dass wir für etwas in dieser Welt arbeiten und es im letzten Augenblick unseres Lebens verlieren, dann können wir folgern, dass es vorzuziehen ist, »dem Schöpfer zuliebe« zu arbeiten. Diese Entscheidung bringt uns zur Erkenntnis, dass wir den Schöpfer um Hilfe bitten müssen, besonders dann, wenn wir uns sehr angestrengt haben, die Gebote einzuhalten, mit der Absicht, daraus persönlichen Gewinn zu ziehen.
Jemand, der sich nicht sehr in der Kabbala abgemüht hat, hat weniger den Wunsch, seine Handlungen dem Schöpfer zuliebe zu widmen, da dieser Mensch nicht viel zu verlieren hat, wohingegen die Arbeit an sich selbst zur Verbesserung viel Mühe erfordert.
Aus diesem Grund muss der Mensch sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bei seiner Arbeit »lo lishma« (nicht dem Schöpfer zuliebe) anstrengen, weil dieser Wille dann anschließend zur Entwicklung des Wunsches nach Rückkehr zum Schöpfer führt, und man dann für lishma, für Seinen Namen arbeitet.

Kapitel 29


Die Verwandlung unserer Anlagen


Jedes Gefühl, das wir erleben, kommt von Oben. Wenn wir ein Gefühl von Streben, von Liebe und einen Drang zum Schöpfer hin haben, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass der Schöpfer uns gegenüber die gleichen Gefühle hegt (in Übereinstimmung mit der Regel »Der Mensch ist ein Schatten des Schöpfers«).
Was auch immer der Mensch für den Schöpfer fühlt, ist das Gleiche, was der Schöpfer gegenüber dem Menschen fühlt und umgekehrt.
Nach Adams spirituellem Fall als Folge seiner Sünde (welche den spirituellen Abstieg der Urseele aus der Welt Azilut zu unserer Stufe, diese oder unsere Welt genannt, symbolisiert), teilte sich die Seele in 600.000 voneinander getrennte Teile. Diese Teile kleideten sich in den menschlichen Körper, der in diese Welt geboren wird. Jeder Teil hüllt sich so lange in einen menschlichen Körper, bis er seine Korrektur vollendet hat. Wenn alle verschiedenen Teile ihre unabhängige Korrektur vollendet haben, werden sie wieder mit der Urseele verschmelzen, die »Adam« genannt wird.
Im Wechsel der Generationen gibt es die Ursache, die »Die Väter« genannt wird, und die Wirkung, auch bekannt als »Die Söhne«. Der Grund für das Auftauchen der Söhne ist, dass sie die Korrektur weiterführen, die von den Vätern, das heißt den Seelen in der vorherigen Inkarnation, noch nicht vollendet wurde.
Der Schöpfer zieht uns nicht wegen unserer guten Eigenschaften nahe an Ihn heran, sondern wegen unserer Gefühle von Niedrigkeit und dem Wunsch, uns von unserer »Unreinheit« zu reinigen. Sollten wir im Zustand der spirituellen Hochstimmung Genuss empfinden, mögen wir meinen, dass es Wert hat, dem Schöpfer um solcher Freuden willen zu dienen. Daher nimmt der Schöpfer normalerweise den Genuss aus unserem spirituellen Zustand heraus, um festzustellen, warum wir spirituelle Erhebung suchen: Entweder kommt dieser Wunsch von dem Verlangen, zu dienen und dabei den Genuss zu erhalten, der damit verbunden ist, oder weil wir an den Schöpfer glauben. Auf diese Weise wird uns die Chance gegeben, aus anderen Gründen als nur aus Genuss zu handeln.
Das Entfernen von Genuss aus jeglichem spirituellen Zustand stürzt uns sofort in Depression und Verzweiflung, wo es keinen Wunsch für spirituelles Arbeiten gibt. Wenn wir uns jedoch in einem solchem Zustand befinden, haben wir eine echte Chance, dem Schöpfer durch unseren Glauben über dem Verstand näher zu kommen. Durch das Gefühl von Verzweiflung merken wir, dass der gegenwärtige Mangel nur unsere subjektive Einbildung ist. In Wirklichkeit gibt es nichts Größeres als den Schöpfer.

Aus dem Obigen können wir ersehen, wie uns der Schöpfer absichtlich einen spirituellen Sündenfall bereitet, um uns schnell auf eine noch höhere Stufe zu bringen.

Das ermöglicht uns, unseren Glauben zu stärken. Daher heißt es: »Der Schöpfer hat das Mittel, noch bevor die Krankheit beginnt«, und ebenso: »So wie der Schöpfer schlägt, heilt er uns.«
Obwohl jede Bestrebung, uns unsere Lebenskraft und unser Interesse am Leben zu nehmen, unser ganzes Sein erschüttert, werden wir die Chance willkommen heißen, um den Glauben über den Verstand zu erheben, wenn wir wirklich danach verlangen, spirituell aufzusteigen. Indem wir das tun, bestätigen wir das Verlangen, uns von persönlichen Vergnügen zu befreien.
Ein menschliches Wesen ist normalerweise in sich selbst vertieft, konzentriert sich auf eigene Gefühle, seine Gedanken drehen sich ums Leiden und Genießen. Wenn wir jedoch spirituelle Wahrnehmung anstreben, müssen wir uns von Neuem auf selbstlose Dinge konzentrieren, damit der Schöpfer allein zu unserem Brennpunkt in unserem Leben wird. Wir müssen alles, was uns geschieht, mit Seinem Plan verbinden, uns auf Ihn umstellen, damit nur unsere körperlichen Hüllen innerhalb der physischen Grenzen bleiben. Unsere innersten Gefühle aber, das Wesentliche im Menschen und im Selbst, alles was Seele ist, müssen »außerhalb des Körpers« transferiert werden. Erst dann werden wir stetig die Kraft der Güte empfinden, die alle Geschöpfe durchdringt.
Dieses Gefühl gleicht dem Glauben über dem Verstand, denn wir versuchen alle Gefühle aus unserem Körper heraus, außerhalb unserer körperlichen Grenzen, zu legen. Wenn wir erst einmal den Glauben an den Schöpfer haben, müssen wir dabei bleiben, ungeachtet der Hindernisse, die Er uns schicken mag, damit wir unseren Glauben verstärken und allmählich das Licht des Schöpfers in dem durch den Glauben erschaffenen Gefäß empfangen.
Die gesamte Schöpfung ist auf der Wechselwirkung der beiden sich gegenüberstehenden Kräfte aufgebaut: Egoismus – dem Wunsch, Genuss zu erhalten, und Altruismus – das Verlangen, zu erfreuen. Der Weg der allmählichen Korrektur ist das Erlebnis, unsere selbstsüchtigen Wünsche in das Gegenteil umzuwandeln, und dieser Weg basiert auf der Kombination beider. Schritt für Schritt verschmelzen kleine Mengen von egoistischen Wünschen mit den altruistischen und werden dabei korrigiert.
Diese Methode, unsere Veranlagungen zu verwandeln, ist unter »Arbeit in den drei Linien« bekannt. Die rechte Linie wird die weiße genannt, weil sie keine Mängel oder Fehler aufweist.
Nachdem wir von der rechten Linie Besitz ergriffen haben, können wir den größten Teil der linken Linie, die so genannte »rote Linie«, erfassen, die unsere Selbstsucht enthält. Es ist verboten, die Selbstsucht in spirituellen Handlungen mit zu verwenden, denn wir könnten dabei unter ihren Einfluss geraten. Die unreinen Kräfte streben danach, das Licht des Wissens, Or Chochma, um ihretwillen zu empfangen, den Schöpfer zu spüren und der Selbsterfüllung zu frönen, und diese Wahrnehmungen zu benutzen, um selbstsüchtige Wünsche zu erfüllen.
Wenn wir durch die Kraft des Glaubens über dem Verstand (durch das Streben zu empfangen, jedoch nicht innerhalb unserer selbstsüchtigen Wünsche), die Möglichkeit verweigern, den Schöpfer zu spüren, Seine Handlungen und Herrschaft, Erfüllung durch Sein Licht zu empfangen – wenn wir uns entscheiden, jenseits unserer natürlichen Sehnsüchte zu gehen, wie alles zu wissen und zu erleben, vorheriges Wissen für alles zu bekommen, zu wissen, welche Belohnung wir für unsere Taten erhalten, dann wird uns die Benutzung der linken Linie nicht länger verboten sein. Wenn wir diesen Weg wählen, wird dieser »das Erschaffen eines Schattens« genannt, da wir uns vom Licht des Schöpfers isolieren.
In diesem Fall haben wir die Wahl, einen kleinen Teil unserer linken Wünsche mit rechts zu verbinden. Die daraus folgende Kombination von Kräften und Wünschen ist als »die mittlere Linie« bekannt. Genau in dieser Linie enthüllt sich der Schöpfer. Folglich wiederholt sich der gesamte Vorgang auf einer höheren Stufe bis zum Ende unseres Weges.
Der Unterschied zwischen einem Angestellten und einem Sklaven liegt darin, wie die Arbeit verrichtet wird. Der Angestellte denkt an die Entlohnung, die er von der Arbeit erhält; deren Größe ist bekannt und wird als Motiv für die Arbeit dieses Menschen betrachtet. Der Sklave andererseits erhält keine Entlohnung, sondern nur das Lebensnotwendigste. Ein Sklave besitzt nichts, der Herr besitzt den Sklaven. Wenn der Sklave hart arbeitet, ist das ein Zeichen dafür, dass er dem Herrn gefallen und ihm Gutes tun möchte.

Unser Ziel ist es, uns der spirituellen Arbeit gegenüber wie ein Sklave zu fühlen, der ohne Entlohnung arbeitet.

Unsere spirituelle Reise sollte jedoch nicht durch irgendwelche Furcht vor Strafe oder in Erwartung von Belohnung beeinflusst sein, sondern von dem selbstlosen Wunsch, den Willen des Schöpfers auszuführen. Mehr noch sollten wir nicht einmal erwarten, Ihn als Ergebnis wahrzunehmen, denn das an sich ist auch eine Art Belohnung. Wir müssen Seinen Willen ausführen, ohne Ihn wissen zu lassen, dass wir es Ihm zuliebe taten, ohne auch nur daran zu denken, dass irgendetwas Besonderes überhaupt Ihm zuliebe getan wurde und ohne die Belohnung unserer Arbeit zu kennen, sondern nur den Glauben zu haben, dass der Schöpfer an uns Freude hat.
Wenn unsere Arbeit wirklich so sein sollte, wie sie oben beschrieben wurde, dann sollten wir die Begriffe von Belohnung und Bestrafung völlig aus unserer Vorstellung entfernen. Um das zu verstehen, muss man wissen, was die Kabbala unter Belohnung und Strafe versteht.
Wir empfangen eine Belohnung, wenn wir uns irgendwie anstrengen, das Gewünschte zu erhalten. Als Ergebnis unserer Bemühungen erhalten oder finden wir das Ersehnte. Eine Belohnung kann jedoch nicht etwas sein, das im Überfluss in unserer Welt vorhanden ist und jedem zur Verfügung steht. Unter Arbeit verstehen wir unsere Bemühungen, eine bestimmte Belohnung zu erhalten, die wir ohne diese Bemühungen nicht erhalten können.
Wenn zum Beispiel jemand einen Stein findet, kann man das nicht als »Arbeit« bezeichnen, denn Steine gibt es überall. In einem solchen Fall kann man nicht von Arbeit und Belohnung sprechen. Um jedoch einen kleinen kostbaren Stein zu finden, muss man sich anstrengen, denn dieser ist schwer zu finden. In diesem Fall hat man sich wirklich angestrengt, und es erfolgt die Belohnung.

Kapitel 30


Furcht vor dem Schöpfer


Das Licht des Schöpfers erfüllt die gesamte Schöpfung. Obwohl wir in diesem Licht baden, können wir es nicht wahrnehmen. Die von uns empfundenen Freuden sind nichts weiter als winzige Strahlen, die uns aus der Gnade des Schöpfers heraus erreichen; denn ohne jegliches Vergnügen würden wir unsere Existenz beenden. Wir nehmen diese Strahlen als Kräfte wahr, die uns zu bestimmten Objekten hinziehen, in welche die Strahlen eindringen. Die Objekte selbst sind belanglos, was uns klar wird, wenn wir an einen Punkt geraten, wo unser Interesse an Dingen, die einst unsere vollständige Aufmerksamkeit beanspruchten, verloren geht.
Der Grund dafür, dass wir nur eine geringe Menge Licht empfangen statt der vollständigen Lichtmenge des Schöpfers ist der Umstand, dass unser Egoismus als Barriere wirkt. Wenn unsere egoistischen Wünsche gegenwärtig sind, können wir das Licht gemäß des Gesetzes von der Übereinstimmung der Eigenschaften, des Gesetzes der Ähnlichkeit, nicht empfangen.

Zwei Objekte können einander nur in dem Maße wahrnehmen, wie sich ihre Eigenschaften decken.

Selbst in unserer eigenen Welt können wir erkennen, dass, wenn Menschen sich auf vollständig verschiedenen Ebenen des Denkens und Verlangens befinden, sie sich gegenseitig nicht verstehen können.
Daher würde ein Individuum, das über die Eigenschaften des Schöpfers verfügt, einfach in den unbegrenzten Ozean des Genusses und des vollkommenen Wissens eintauchen. Wenn der Schöpfer jedoch alles mit Sich selbst ausfüllen würde, und es keinen Bedarf dafür geben würde, nach Ihm Ausschau zu halten wie nach einem kostbaren Gegenstand, dann verdient Er offensichtlich keine Beachtung als »Belohnung «. Ähnlich können wir uns nicht vorstellen, uns auf die Suche nach Ihm zu begeben, denn Er umgibt uns und füllt uns aus. Wir mögen Ihn nicht wahrnehmen, aber Er ist in uns, innerhalb unseres Vertrauens. Gleichzeitig kann nicht behauptet werden, wenn wir Ihn plötzlich wahrnehmen und Freude durch ihn erfahren, dass wir belohnt wurden. Denn ein Objekt, das im Überfluss vorgefunden wird, ohne dass irgendeine Arbeit dafür verrichtet wurde, kann nicht als Belohnung betrachtet werden.

Es bleibt dann die Frage: Worin besteht unsere Belohnung, wenn wir unserer egoistischen Natur widerstehen?

Zuerst müssen wir verstehen, warum der Schöpfer das Gesetz der Übereinstimmung geschaffen hat. Als Ergebnis davon, obwohl Er alles ausfüllt, sind wir nicht in der Lage, Ihn wahrzunehmen, weil Er sich vor uns verbirgt. Die Antwort auf die Frage: »Was ist die Belohnung für unseren Widerstand gegen den Egoismus?«, lautet folgendermaßen: Der Schöpfer begründete das Gesetz der Übereinstimmung. Dieses befähigt uns, nur solche Objekte wahrzunehmen, die mit unserer eigenen spirituellen Stufe übereinstimmen. Auf diese Weise werden wir davor behütet, die furchtbarsten Empfindungen unseres Egoismus’ (welcher die Natur von allem Geschaffenen ist) zu erfahren, wenn wir Genuss von Ihm empfangen – denn mit dem Genuss kommen Gefühle der Scham und der Erniedrigung auf. Der Egoismus kann diesen Gefühlen nicht standhalten. Wenn wir unfähig sind, schlechte Taten vor uns oder anderen zu rechtfertigen; wenn wir unfähig sind, fremde Umstände zu finden, die uns vermeintlich gezwungen haben, gegen unseren Willen diese schlechte Tat auszuführen; dann ziehen wir jede andere Art von Strafe vor, als das Gefühl der Erniedrigung des »Selbst« fühlen zu müssen, denn das »Selbst« ist die Säule unserer Existenz. Einmal erniedrigt würde das »Selbst« spirituell verschwinden, ganz so, als ob wir von dieser Welt verschwunden wären.
Wenn wir aber ein solches Niveau des Bewusstseins erreichen, bei dem unser ganzes Verlangen darin besteht, alles dem Schöpfer zu geben, und wenn wir ständig in den Gedanken vertieft sind, was wir noch zugunsten des Schöpfers tun können, dann werden wir entdecken, dass wir erschaffen wurden, um Genuss vom Schöpfer zu erhalten, und dass der Schöpfer nur danach verlangt. In diesem Moment empfangen wir alle Genüsse, weil wir es wünschen, den Willen des Schöpfers auszuführen.
In diesem Fall gibt es keinen Raum für Gefühle der Scham, weil uns der Schöpfer zu erkennen gibt, dass Er es wünscht, uns Genuss zu bereiten und von uns erwünscht, diesen anzunehmen. Wenn wir diesen annehmen, erfüllen wir daher den Willen des Schöpfers und nicht unsere persönlichen, egoistischen Verlangen. Als Ergebnis werden wir dem Schöpfer in unseren Eigenschaften ähnlich und der Schirm der Barriere verschwindet. All dies erfolgt, weil wir das spirituelle Niveau des Schöpfers erreicht haben, auf dem wir wie der Schöpfer Genuss schenken können.
Aus dem oben Geschilderten können wir schließen, dass unsere Belohnung für unsere Anstrengungen darin bestehen sollte, dass wir neue, altruistische Qualitäten erlangen – Verlangen, »um zu geben« und Sehnsucht danach, anderen Genuss zu bereiten –, ähnlich den Verlangen des Schöpfers uns gegenüber. Dieses spirituelle Niveau und diese Eigenschaften sind als »Gottesfurcht« bekannt.
Spirituelle, altruistische Furcht, wie alle anderen selbstlosen Qualitäten spiritueller Objekte, ist von unseren Qualitäten und Wahrnehmungen vollständig verschieden. »Gottesfurcht« ist die Furcht, vom Schöpfer fortgerissen zu werden. Sie erhebt sich nicht aus selbstsüchtigen Kalkulationen des Eigennutzes, weder aus Angst, mit dem Egoismus zurückgelassen zu werden, noch aus Angst, dem Schöpfer ähnlich zu werden. All diese gründen sich auf Überlegungen des persönlichen Vorteils und berücksichtigen nur das eigene Niveau.
Gottesfurcht ist die selbstlose Sorge, nicht in der Lage zu sein, etwas zu tun, was um des Schöpfers willen zu tun ist. Eine solche Furcht ist selbst eine altruistische Qualität eines spirituellen Objekts, im Gegensatz zu unserer egoistischen Furcht, die immer mit unserer Unfähigkeit verbunden ist, unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Die Eigenschaft der Gottesfurcht zu erlangen sollte die Ursache und das Ziel all unserer Anstrengungen sein.

Wir sollten unsere ganze Kraft in diese Bemühung stecken. Dann können wir mithilfe der errungenen Eigenschaften all die Wohltaten empfangen, die für uns aufbewahrt werden. Ein derartiger Zustand wird als »die Vollendung der Korrektur« (Gmar Tikkun) beschrieben.
Unsere Gottesfurcht sollte unserer Gottesliebe vorauseilen. Der Grund hierfür liegt an folgender Tatsache: um unsere Verpflichtung aus einer Empfindung der Liebe heraus zu erfüllen; um den Genuss wahrzunehmen, der in spirituellen Handlungen, bekannt als »Gebote«, enthalten ist, damit diese Genüsse in das Gefühl der Liebe eintreten (denn in dieser Welt lieben wir das, was uns Genuss bringt, während wir das hassen, was uns Leiden lässt), sollten wir zuerst Gottesfurcht erlangen. Wenn wir die Gebote eher aus Furcht als aus Gefühlen der Liebe oder des Genusses beachten, bedeutet das, dass wir nicht den Genuss empfangen, der in den Geboten verborgen ist, und dass wir dem Willen des Schöpfers aus Furcht vor Bestrafung folgen. Der Körper widersteht dieser Aufgabe nicht, denn er empfindet ebenfalls Bestrafung, aber er fragt ständig nach den Gründen für die augenblicklichen Aufgaben. Umgekehrt liefert uns das den Grund dafür, unsere Furcht und unseren Glauben an Bestrafung zu steigern, die dem Herrschaftsbereich des Schöpfers innewohnend sind, bis wir ständig die Existenz des Schöpfers wahrnehmen.
Nachdem wir das Gefühl der Existenz des Schöpfers errungen haben, was bedeutet, dass wir Vertrauen in Ihn gewonnen haben, können wir damit beginnen, den Willen des Schöpfers aus einem Gefühl der Liebe heraus auszuführen, weil wir daran Geschmack gefunden und den Genuss darin entdeckt haben, die Gebote zu beachten. Andererseits würden wir nie Vertrauen in den Schöpfer entwickeln, wenn uns der Schöpfer erlaubt hätte, die Gebote aus Gefühlen der Liebe heraus zu beachten, wir die Furcht umgehen und wir nur Freude aus der Aufgabe ziehen. Wir können das mit Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben damit verbringen, weltliches Genießen zu wählen und keine Notwendigkeit darin sehen, dem Schöpfer zu vertrauen, die Gebote ihrer Natur zu beachten (die Gesetze), weil ihre Natur sie mit einem Versprechen auf Belohnung zu diesen Zielen zwingt.
Würde ein Kabbalist daher den Genuss empfinden, wenn er die spirituellen Gesetze des Schöpfers von Anfang an befolgt, würde er diesen unfreiwillig Folge leisten. Wohingegen jeder andere sich beeilen würde, den Willen des Schöpfers zu erfüllen, um eben die immensen Belohnungen, die in der Kabbala verborgen sind, zu erhalten. Auf solche Art würde es niemandem jemals gelingen, dem Schöpfer näher zu kommen.
Aus diesem Grund sind die Freuden, die in den spirituellen Gesetzen enthalten sind, und der Weg der Kabbala als Ganzes verborgen. (Das Licht ist das Vergnügen, das in jedem spirituellen Gesetz verborgen ist; das Licht des Schöpfers ist die Summe aller spirituellen Gesetze.) Diese Freuden werden erst enthüllt, wenn man das Gefühl eines ständigen Vertrauens in den Schöpfer erlangt hat.

Kapitel 31


Der Keim des Altruismus


Wie kann ein menschliches Wesen, das mit völlig selbstsüchtigen Eigenschaften erschaffen wurde, das keine anderen Begierden fühlt als körperliche und sich nicht einmal vorstellen kann, dass es außerhalb seiner eigenen Wahrnehmungen noch etwas anderes geben könnte – wie kann sich dieses menschliche Wesen jenseits seiner körperlichen Begierden bewegen und etwas begreifen, das außerhalb seiner eigenen Sinnesorgane liegt?
Wir wurden mit der Sehnsucht erschaffen, unsere egoistischen Wünsche mit Genuss zu füllen. In einem solchen Zustand sind wir nicht in der Lage, uns zu ändern und unsere selbstsüchtigen Eigenschaften ins Gegenteil zu verkehren.
Damit wir uns jedoch diese Möglichkeit schaffen können, die Selbstsucht in Altruismus umzuwandeln, pflanzte der Schöpfer in den von Ihm geplanten Egoismus einen Keimling von Altruismus ein, den wir pflegen können durch das Studium und indem wir nach den Methoden der Kabbala handeln.
Wenn wir die körperlichen Begierden fühlen, die uns Vorschriften machen, kommen wir nicht gegen sie an. Darum sind unsere Gedanken darauf bedacht, die Befehle des Körpers auszuführen. Wir haben dann keinen freien Willen zu handeln oder auch nur über ihn zu reflektieren und denken in solch einem Zustand an nichts anderes als Selbsterfüllung.
Andererseits erleben wir auch während unseres spirituellen Aufstiegs Sehnsüchte nach spirituellem Wachstum und das Verlangen, die Wünsche hinter uns zu lassen, die uns herunterziehen. In solchen Augenblicken nehmen wir nicht einmal die körperlichen Verlangen wahr und benötigen demnach auch keine freie Wahl zwischen dem Materiellen und dem Spirituellen.
Folglich besitzen wir nicht die Kraft, Altruismus zu wählen, wenn wir im Zustand der Selbstsucht bleiben. In dem Moment jedoch, wo wir die Herrlichkeit des Spirituellen wahrnehmen, unterliegen wir keiner Wahl mehr, da wir bereits nach Spirituellem verlangen.

Deshalb besteht die Vorstellung eines freien Willen aus der Wahl: welche Kraft soll mich beherrschen, die Selbstsucht oder der Altruismus?

Es gibt für uns daher keinen anderen Weg, als uns einen Lehrer zu suchen, uns in die Kabbalabücher zu vertiefen und einer Gruppe beizutreten, die das gleiche Ziel anstrebt, sich dem Einfluss von Gedanken über den Altruismus und spirituelle Stärke hinzugeben. Der altruistische Keimling wird folglich in uns erweckt – der Samen, der in jedem von uns eingepflanzt wurde, aber der manchmal für viele Lebenszyklen untätig bleibt. Das ist die Essenz unseres freien Willens. Wenn wir die erwachenden altruistischen Wünsche in uns empfangen, werden wir das Spirituelle ohne viel Aufwand wahrnehmen.
Ein Mensch, der nach spirituellen Gedanken und Handlungen strebt, doch noch nicht bestimmte persönliche Überzeugungen hat, muss sich vor denjenigen schützen, deren Gedanken in der Selbstsucht verwurzelt sind. Dies gilt besonders für solche, die anstreben, nach Glauben über Verstand zu leben. Diese müssen den Kontakt mit denjenigen vermeiden, die ihr Leben innerhalb ihres Verstandes leben, denn sie leben entgegen der Philosophie der Kabbala. Es heißt in den Büchern der Kabbala, dass der Verstand der Ignoranten der Vernunft der Kabbala entgegengesetzt ist.
Wenn wir innerhalb der Schranken unseres Verstandes denken, bedeutet es vor allem, dass wir den Vorteil unserer Handlungen berechnen. Im Gegensatz dazu verpflichtet der Grundsatz der Kabbala – Glaube über Verstand – dazu, dass unsere Handlungen in keiner Weise mit den selbstsüchtigen Berechnungen des Verstandes ausgeführt werden oder in der Hoffnung auf mögliche Vorteile.
Diejenigen, die Hilfe von anderen benötigen, werden als arm bezeichnet, diejenigen, die mit ihrem Los zufrieden sind, als reich. Wenn wir allerdings merken, dass unsere selbstsüchtigen Wünsche (Libba) und Gedanken (Mocha) all unsere Handlungen antreiben, dann verstehen wir auf einmal unseren wahren spirituellen Zustand und die Macht, die der Egoismus und das Übel über uns besitzen. Das bittere Gefühl, das wir haben, wenn wir uns unseres spirituellen Zustandes bewusst werden, veranlasst in uns den Wunsch, uns zu korrigieren. Wenn dieses Verlangen die gewünschte Intensität erreicht hat, dann schickt der Schöpfer Sein Licht der Korrektur dem Kli (Gefäß), und wir beginnen dann die Stufen der spirituellen Leiter zu erklimmen.
Die Menschen werden im Einklang mit ihren selbstsüchtigen Anlagen erzogen, was das Einhalten der Gebote in der Bibel mit einbezieht, und sie halten ganz automatisch an den Auffassungen ihrer Erziehung fest. Das dient der Sicherstellung, dass sie niemals von dieser Stufe der Verbindung mit dem Schöpfer loskommen. Wenn unser »Körper« (die Wünsche zu empfangen) uns fragt, warum wir die Gebote befolgen, antworten wir ihm, dass wir so erzogen wurden und dies für uns unsere Umwelt die akzeptable Art zu leben ist.
Basierend auf der Erziehung wird die Gewohnheit zur Natur, und wir bedürfen keinerlei Anstrengung, natürliche Handlungen zu vollziehen, da sie von Körper und Verstand diktiert werden. Daher besteht keine Gefahr, dass wir gegen das verstoßen, was uns familiär und selbstverständlich erscheint. Ein traditioneller Jude wird nicht plötzlich anfangen, samstags Auto zu fahren.
Sollten wir jedoch wünschen, uns entgegen unserer gewohnten Erziehung zu verhalten, was von uns nicht als natürliches Bedürfnis unseres Körpers angesehen wird, dann tritt die Frage auf: Warum tun wir das, und was veranlasste uns dazu, unseren relativ ruhigen Ausgangspunkt zu verlassen?
In diesem Fall sind wir mit einer Prüfung und einer Wahl konfrontiert, denn weder wir noch die Gesellschaft, aus der wir stammen, haben vor, das Gleiche zu tun. Es gibt niemanden, der uns als Beispiel dienen könnte und unsere Absichten unterstützt. Es ist auch nicht möglich, darin Trost zu finden, dass andere genauso denken wie wir.
Da wir weder innerhalb unserer eigenen Erziehung noch in der Gesellschaft ein Beispiel finden können, müssen wir zu der Feststellung gelangen, dass es die Furcht vor dem Schöpfer ist, die uns veranlasst, auf diese neuartige Weise zu handeln und zu denken. Darum gibt es keinen anderen, den wir um Unterstützung und Verständnis bitten können als den Schöpfer.
Da der Schöpfer einzig und unsere alleinige Unterstützung ist, werden wir als ebenso einzig betrachtet und nicht als ein Teil der Masse, in die wir geboren und von der wir aufgezogen wurden. Da wir von der Masse keine Unterstützung erwarten können, sind wir ausschließlich auf die Gnade des Schöpfers angewiesen; wir werden würdig, das Licht des Schöpfers zu erhalten, das uns als Führer auf unserem Weg dient.

Jeder Anfänger stößt auf eine allgemeine Frage: Wer entscheidet unseren Weg, wir oder der Schöpfer?

Mit anderen Worten: Wer wählt wen? Wählt der Mensch den Schöpfer, oder ist es der Schöpfer, der den Menschen wählt?
Auf der einen Seite muss man sagen, dass es der Schöpfer ist, der das Individuum aufgrund dessen, was allgemein als »persönliche Vorsehung « bekannt ist, auswählt. Folglich sollte man dankbar sein, dass man Ihm zuliebe etwas tun darf.
Wenn wir uns fragen, warum der Schöpfer dieses bestimmte Individuum gewählt hat und ihm diese einzigartige Möglichkeit anbot, kommt noch dazu: Warum sollen wir die Gebote einhalten? Zu welchem Zweck? Der Mensch denkt nun, dass ihm diese Gelegenheit geboten wurde, damit er ermutigt wird, Taten dem Schöpfer zuliebe zu vollziehen, dass die Arbeit an sich eine Belohnung ist und sich davon zu distanzieren einer Strafe gleichkäme. Es ist nun die freie Wahl des Menschen, dem Schöpfer zu dienen, und daher ist er darauf vorbereitet, Hilfe vom Schöpfer zu erbitten – um die Absicht zu stärken, alle Taten nur dem Schöpfer zugunsten auszuführen. Das ist die freie Wahl, die ein Mensch hat.

Kapitel 32


Der Kampf um die Wahrnehmung der Einzigkeit des Schöpfers


In der Kabbala sind die Massen als »Hausbesitzer« (Ba’al Bait) bekannt, da sie ihr eigenes Heim bauen wollen (ein selbstsüchtiges Gefäß, das Kli) und es mit Genuss füllen möchten. Die Wünsche derjenigen, die spirituell aufsteigen möchten, kommen aus dem Licht des Schöpfers und konzentrieren sich auf die Aufgabe, in ihrem Herzen ein Heim für den Schöpfer zu schaffen, damit es mit Seinem Licht gefüllt werden kann.
Wir unterscheiden unsere Vorstellungen und Geschehnisse entsprechend unserer Wahrnehmung. Wir benennen stattfindende Ereignisse in Übereinstimmung mit den Reaktionen unserer Sinnesorgane. Wenn wir über einen bestimmten Gegenstand oder bestimmte Handlungen sprechen, drücken wir unsere persönliche Wahrnehmung darüber aus. Jeder von uns bestimmt den Grad an Übel eines bestimmten Gegenstandes je nach dem Ausmaß, mit welchem dieses Objekt unseren Empfang von Genuss verhindert. In manchen Fällen können wir etwas nicht ausstehen.
Je nachdem, wie wir die Wichtigkeit der Kabbala und ihre Gesetze anerkennen, können wir das Übel erkennen, das uns im Weg steht, spirituelle Gesetze zu beachten. Wenn wir daher einen Grad an Verachtung gegenüber dem Übel erreichen wollen, müssen wir daran arbeiten, die Kabbala und den Schöpfer in unserer Denkweise zu preisen. Auf diese Weise werden wir in uns Liebe dem Schöpfer gegenüber pflegen und gleichzeitig Verachtung der Selbstsucht gegenüber entwickeln.
In den Pessach-Texten gibt es die Geschichte von vier Söhnen, in der jeder von ihnen eine Frage bezüglich spiritueller Arbeit stellte. Obwohl alle vier Eigenschaften in uns vorhanden sind, und obwohl die Kabbala von einer zusammengesetzten Vorstellung eines Menschen in Bezug auf den Schöpfer spricht, kann man diese vier Veranlagungen als vier verschiedene Persönlichkeitstypen betrachten.
Die Kabbala wurde uns dazu gegeben, damit wir uns auf den Kampf mit dem Egoismus konzentrieren, was bedeutet, dass wir vielleicht unser eigenes Übel noch nicht erkannt haben und die Kabbala nicht brauchen. Wenn wir an Belohnung und Strafe glauben, können wir von dem Gedanken angetrieben werden, dass es ein Entgelt für das Beachten der spirituellen Gesetze gibt. Sollten wir bereits in dem Gedanken handeln, dass wir belohnt werden und immer noch nicht unsere Selbstsucht fühlen, dann können wir uns nicht selbst korrigieren, denn uns fehlt das Gefühl für unsere eigenen Schwächen. Dann müssen wir die Gebote uneigennützig beachten. Die Folge ist, dass der Egoismus erscheint und fragen wird: »Was habe ich von dieser Arbeit?« und: »Welchen Vorteil verschafft sie mir? Was, wenn das gegen meine Wünsche geht?« An diesem Punkt brauchen wir die Hilfe der Kabbala, um mit der Arbeit gegen unsere Selbstsucht zu beginnen, denn wir verspüren allmählich in uns das Übel.
Es gibt eine besondere spirituelle Kraft – einen Engel, der für das Leiden in einem Menschen verantwortlich ist, was ihm zum Bewusstsein verhilft, dass man durch seine Selbstsucht nicht befriedigt werden kann. Dieses Leiden veranlasst den Menschen aus der Umklammerung des Egoismus herauszutreten und somit vermeidet er, für immer dessen Sklave zu bleiben.
Wir müssen wissen, dass keiner unserer Wünsche für einen spirituellen Aufstieg geeignet ist, außer dem Wunsch, dem Schöpfer nahe zu kommen. Dieser Wunsch wird »Israel« genannt (vom Hebräischen Wort jashar, direkt, und El, Gott, was »direkt zu Gott« bedeutet). Allein durch die Wahl dieses Wunsches vor allen anderen kann ein Mensch die verborgene Weisheit der Kabbala empfangen. Die Verhüllung unseres spirituellen Grades ist eine der zwingenden Bedingungen für einen erfolgreichen spirituellen Aufstieg.

Verhüllung bedeutet, dass Handlungen von anderen nicht bemerkt werden.

Am wichtigsten jedoch ist die Verhüllung der Gedanken und Bestrebungen eines Menschen. Sollte sich eine Gelegenheit ergeben, in der ein Kabbalist eine Meinung äußern soll, sollte diese in sehr allgemeiner Form gehalten werden, damit die wahren Absichten des Kabbalisten nicht klar hervortreten.
Nehmen wir einmal an, dass ein Mensch eine große Summe Geld für den Kabbalaunterricht spendet, und auch die Bedingung einschließt, dass dies in einer auffälligen Anzeige in der Zeitung veröffentlicht wird. Es würde darin erwähnt werden, dass eine große Summe gegeben wurde, damit der Spender als Entgelt Ruhm und daraus Genuss erhalte. Obwohl es so scheint, dass für den Geldgeber Ehre das Wichtigste ist, kann es auch sein, dass er verheimlichen möchte, durch eine Anzeige in der Zeitung die Verbreitung der Kabbala zu fördern. Daher findet eine Verhüllung generell in der Absicht statt und nicht in der Ausführung der Handlung selbst.
Wenn der Schöpfer dem Kabbalisten ein Gefühl eines spirituellen Absturzes verleiht, nimmt Er ihm erst den Glauben an andere Kabbalisten. Sonst würde sich der Kabbalist nämlich an die anderen wenden, um Unterstützung zu verlangen und dadurch nicht seinen spirituellen Absturz erleben.
Die meisten, die die Gebote beachten, sind nur um ihre Handlungen besorgt und nicht um ihre Absichten. Es ist ihnen klar, dass sie diese für ein Entgelt entweder in dieser oder der nächsten Welt einhalten. Für ihre Taten wissen sie immer einen Grund, und sie halten sich für rechtschaffen.
Ein Kabbalist hingegen, der darauf hin arbeitet, seinen angeborenen Egoismus zu korrigieren, versucht jede Absicht, die Gebote einzuhalten, zu kontrollieren. Während es sein Wunsch sein mag, den Wunsch des Schöpfers uneigennützig auszuführen, wird sich sein Körper zusammen mit störenden Gedanken dem entgegenstemmen. Folglich wird der Kabbalist sich wie ein Sünder fühlen.
All dieses hat seinen Zweck: Der Schöpfer möchte den Kabbalisten anspornen, sich stetig der Korrektur seiner Gedanken und Absichten hinzugeben. Somit wird der Kabbalist nicht vom Egoismus versklavt und wird sich nicht zu seinen Gunsten abplagen. Er wird hingegen merken, dass es keinen anderen Weg gibt, den Willen des Schöpfers auszuführen, als Ihm zuliebe.
Aus diesem Vorgang heraus wächst im Kabbalisten das Gefühl, schlimmer als die Massen zu sein. Da die Massen die Gebote physisch einhalten, ist Letzteres der Grund, dass sie unfähig sind, ihren spirituellen Zustand wahrzunehmen.

Aber ein Kabbalist ist verpflichtet, egoistische Absichten in altruistische umzuwandeln – oder er wird nicht in der Lage sein, die Gebote überhaupt einzuhalten.

Aus diesem Grund hält sich der Kabbalist für schlimmer als die Massen.
Ein Individuum befindet sich in einem andauernden Kriegszustand, in dem es seinen Wünschen nachkommt. Es gibt aber dort einen Kampf entgegengesetzter Natur, in dem das Individuum mit sich selbst kämpft, um seine Domäne des Herzens für den Schöpfer aufzugeben und sein Herz mit seinem natürlichen Feind, dem Altruismus, zu füllen. Das Ziel dieses Kampfes besteht darin, sicherzustellen, dass der Schöpfer unser gesamtes Wesen einnimmt, nicht nur weil es Sein Göttlicher Wille ist, sondern es auch vom Menschen selbst so gewünscht wird. Der Schöpfer sollte über uns herrschen und uns lenken, weil wir es von Ihm verlangen.
In solch einer Auseinandersetzung sollten wir vor allem aufhören, uns mit dem Körper gleichzusetzen, und merken, dass der Körper, der Intellekt, die Gedanken und die Gefühle von außen vom Schöpfer gesendete Merkmale sind, um Ihn um Hilfe anzuflehen; um Ihn zu bitten, diese Attribute zu bewältigen; um den Schöpfer anzuflehen, den Gedanken an Seine Einzigkeit zu stärken; um das Wissen zu stärken, dass Er es ist, der uns all diese Gedanken sendet, und den Schöpfer zu bitten, uns Glauben und ein Gefühl seiner Präsenz und Seiner Herrschaft zu schicken. Auf diese Weise werden alle gegenteiligen Gedanken totgeschwiegen. Wir werden nicht länger glauben, dass alles von einem Einzelnen abhängt, oder dass es außer dem Schöpfer noch einen Willen oder eine Kraft gäbe.
Ungeachtet unseres Wissens darum, dass der Schöpfer alles erschaffen hat und Herrschaft über alles besitzt (die rechte Linie), mögen wir immer noch glauben, dass irgendein Mensch uns etwas Böses antat oder uns etwas Böses antun könnte (linke Linie). Auf der einen Seite sind wir überzeugt, dass alle Handlungen aus einer einzigen Quelle kommen – dem Schöpfer (die rechte Linie). Auf der anderen Seite können wir nicht den Gedanken unterdrücken, dass jemand anders auf uns Einfluss hat, oder dass das Ergebnis eines Geschehnisses durch etwas anderes als dem Schöpfer bedingt sei (die linke Linie).
Ein derartiger innerer Zusammenstoß zwischen zwei sich entgegengesetzten Wahrnehmungen entsteht aus vielerlei Gründen, die von unseren jeweiligen gesellschaftlichen Bindungen abhängen.
Der Kampf findet um die Wahrnehmung der Einheit des Schöpfers statt, während uns störende Gedanken genau deswegen geschickt werden. Wir kämpfen um den Sieg mit der Hilfe des Schöpfers und um größere Wahrnehmung seiner Herrschaft zu erlangen, sprich: stärkeren Glauben. Unser natürlicher Kampf konzentriert sich auf die Befriedigung unserer Selbstsucht und darauf, mehr Gewinne zu erzielen, so wie alle Kriege in unserer Welt. Jedoch der Metakrieg – der Krieg gegen unsere Natur – konzentriert sich darauf, unsere Selbstherrschaft dem »Feind« – dem Schöpfer – zu überlassen. Der Metakrieg versucht, das gesamte Herz- und Gedankengebiet an die Kontrolle des Schöpfers abzugeben, damit der Schöpfer dieses Territorium mit Sich selbst füllen kann, die kleine Welt des Individuums und die größere Welt im Allgemeinen, und alle Geschöpfe mit Seinen Eigenschaften beschenken kann, aber in Übereinstimmung mit ihrem Willen.
Wenn wir in unseren Gedanken nur mit den Wünschen und Eigenschaften des Schöpfers beschäftigt sind, wird dies als »der altruistische Zustand« bezeichnet. Das beinhaltet: einen Zustand des »Gebens«, das Gefühl, bei dem wir unsere physische Seele dem Schöpfer hingeben und den Zustand der spirituellen Rückkehr (Teshuva) erreichen. Alle diese Zustände werden vom Licht der Gnade (Or Chassadim) beeinflusst, das vom Schöpfer ausströmt und uns Kraft gibt, den störenden Gedanken des Körpers zu widerstehen.
Der oben geschilderte Zustand muss nicht unbedingt andauernd sein. Wir mögen vielleicht störende Gedanken überwältigen, doch dann kommt eine neue Welle von Gedanken, die uns wieder zurückwirft.
Wir mögen dann wieder unter ihren Einfluss fallen und Zweifel an der Einzigartigkeit des Schöpfers entwickeln. Dann haben wir einen weiteren Kampf mit diesen Gedanken vor uns und das Gefühl, uns erneut an den Schöpfer um Hilfe wenden zu müssen, damit wir das Licht empfangen und um diese Gedanken zu überwältigen und sie der Herrschaft des Schöpfers zu übergeben.
Der Zustand, in dem wir Genuss zugunsten des Schöpfers erhalten, also uns nicht nur dem Schöpfer, unserem »Feind«, ergeben, sondern auch uns auf Seine Seite begeben, ist als »dem Schöpfer zuliebe zu empfangen « bekannt. Die selbstverständliche Wahl in unseren Gedanken und Handlungen wäre, entweder bewusst oder unbewusst, den Weg zu nehmen, der uns den größten Genuss verspricht. Dabei gibt es keinen freien Willen oder eine freie Wahl.
Das Recht zu wählen und die Entscheidungsfreiheit erscheinen erst dann, wenn wir uns entschließen, Entscheidungen basierend auf Wahrheit anstelle von Genuss zu treffen. Wir können das nur, wenn wir uns für den Weg der Wahrheit entschließen, auch wenn es Leiden mit sich bringt.

Die natürliche Tendenz des Körpers ist jedoch, Leiden zu vermeiden, und auf jegliche Art und Weise Genuss zu suchen.

Diese Neigung will einen Menschen dabei behindern, Entscheidungen basierend auf dem Wahrheitsprinzip auszuführen.
Der Mensch, der danach strebt, den Willen des Schöpfers auszuführen, muss all seine Wünsche denen des Schöpfers unterordnen. Man muss sich ständig damit beschäftigen, die Allmacht des Schöpfers wahrzunehmen, um die nötige Kraft zu gewinnen, den Willen des Schöpfers und nicht den eigenen auszuführen. Das Maß, mit dem wir an die Größe und Stärke des Schöpfers glauben, bestimmt unsere Fähigkeit, die Wünsche des Schöpfers zu erfüllen. Darum müssen wir unsere Bemühungen auf das Begreifen der Allmacht des Schöpfers konzentrieren.
Da der Schöpfer möchte, dass wir Genuss verspüren, erschuf er in uns einen Wunsch des Erfülltwerdens. In uns gibt es keine andere Beschaffenheit als dieses Verlangen. Es schreibt uns jeden Gedanken, jede Handlung und jedes Vorhaben unserer Existenz vor.
Der Egoismus ist als ein böser Engel bekannt, eine böse Kraft, weil sie uns von Oben beherrscht, indem sie uns Genuss schickt, und unfreiwillig werden wir ihre Sklaven. Der Zustand der willfährigen Ergebenheit zu ihr wird »Sklaverei« oder »Exil« (Galut) aus der spirituellen Welt genannt.
Wenn die Selbstsucht, dieser böse Engel, uns nichts zu geben hätte, hätte er auch keine Macht über uns. Gleichzeitig würden wir von diesen Genüssen nicht eingefangen, wenn wir die angebotenen Freuden des Egoismus verweigern würden.
Es gelingt uns demnach nicht, aus dem Sklavenstaat auszubrechen, doch wenn wir es aus eigenem Wunsch versuchen, wird uns der Schöpfer von Oben helfen, indem er die Freuden entfernt, mit denen der Egoismus uns anlockt. Als Folge davon verlassen wir die Domäne der Selbstsucht und werden frei. Mehr noch: Wir werden unter dem Einfluss der reinen spirituellen Kräfte Genuss in altruistischen Handlungen empfinden und Diener des Altruismus werden.
Fazit: Wir Individuen sind Sklaven des Genusses. Wenn wir Genuss vom Empfangen erhalten, sind wir Sklaven des Egoismus (vom Pharao, dem bösen Engel usw.). Wenn wir Genuss durch Geben erhalten, dann sind wir Diener des Schöpfers (des Altruismus). Ohne irgendeine Form von Genuss zu erhalten können wir jedoch nicht existieren. So ist das menschliche Wesen nun einmal, und so hat der Schöpfer die Menschen geschaffen, und dieser Aspekt kann nicht verändert werden. Wir können den Schöpfer nur bitten, uns den Wunsch nach Altruismus zu schenken, was für unseren freien Willen und in unserem Gebet die Hauptsache ist.

Kapitel 33


Dem Schöpfer zuliebe empfangen


Es gibt eine richtige, wirksame Weise, sich an den Schöpfer zu wenden, die aus zwei Phasen besteht. Zuerst müssen wir begreifen, dass der Schöpfer uns Geschöpfen gegenüber nur freundlich ist und seine Handlungen wohlwollend sind – ohne Ausnahme – ungeachtet dessen, wie unangenehm diese uns erscheinen mögen.

So schickt uns der Schöpfer nur, was für uns gut ist, und füllt uns mit allem Notwendigen. So gibt es nichts, was wir von Ihm erbitten können.

Wir sollten zufrieden sein mit dem, was uns vom Schöpfer gegeben wurde, in welchem Zustand wir uns auch befinden mögen. Wir sollten Ihm danken und Ihn verehren: Nichts kann zu unserem persönlichen Dasein hinzugefügt werden, denn wir sollten mit unserem Anteil zufrieden sein.
Erst sollten wir dem Schöpfer für alles danken, was wir in der Vergangenheit empfangen haben. Dann können wir für die Zukunft erbitten.
Sollten wir jedoch irgendeinen Mangel für etwas in unserem Leben empfinden, sind wir weit weg von Ihm, in dem gleichen Maße, wie groß wir diesen Mangel empfinden. Das passiert, weil der Schöpfer absolut perfekt ist, und wir hingegen das Gefühl haben können, unglücklich zu sein. Folglich nähern wir uns dem Schöpfer, wenn wir merken, dass das, was wir haben, das Beste ist, was uns geschehen kann, denn genau das hat der Schöpfer uns gesandt, und dann können wir um etwas für die Zukunft bitten.
Der Zustand, dass wir »mit unserem Los zufrieden sind«, kann ganz einfach in uns entstehen, wenn wir feststellen, dass sich unsere Lebensbedingungen nicht aufgrund unserer Handlungen entwickelt haben, sondern uns vom Schöpfer geschickt wurden. Dieser Zustand mag auch beim Lesen eines Buches aufkommen, das sich mit dem Schöpfer, der Unsterblichkeit, dem wohlwollenden Zweck der Schöpfung beschäftigt. Hier handelt es sich auch darum, wie wir den Schöpfer bitten, unser Leben zu verändern, und auch um die Feststellung, dass es Millionen anderer Menschen gibt, die nicht die Möglichkeit haben, all dies zu erleben.
Folglich sollten solche Menschen, die den Schöpfer wahrnehmen wollen, aber dieses Ziel noch nicht erreicht haben, zufrieden mit ihrem Dasein sein, weil es von Ihm gesandt wurde. Diese Menschen haben noch unerfüllte Wünsche (obwohl sie sich mit ihrem Los abgefunden haben und Ihm somit nahe sind), und deshalb zeigten sie sich würdig, das Licht des Schöpfers zu erhalten – ein Licht, das ihnen vollständiges Wissen, Verständnis und Genuss bringt.
Um uns spirituell vom Egoismus zu befreien, müssen wir uns zuerst unserer eigenen Unwichtigkeit bewusst werden: der Belanglosigkeit unserer Interessen, Ziele und Vergnügen; es sollte uns klar werden, wie viel wir eigentlich für unseren persönlichen Erfolg tun, und wie sehr wir nur den persönlichem Gewinn anstreben. Wichtig ist allein, dass wir die Wahrheit nur erkennen können, wenn wir unsere eigene Niedrigkeit fühlen: In unseren Augen ist Eigennutzen wichtiger als der Schöpfer, und wenn wir keinen persönlichen Vorteil aus unseren Handlungen ziehen können, sind wir weder gedanklich noch praktisch in der Lage, sie auszuführen.
Der Schöpfer erhält Freude, wenn er uns Freude gibt. Sollten wir uns an der Möglichkeit, dass der Schöpfer uns Freude schenkt, entzücken, dann sind der Schöpfer und wir in unseren Eigenschaften und Verlangen gleich, weil jeder durch den Vorgang des Gebens erfreut wird: Der Schöpfer gibt Genuss, und wir kreieren die Bedingungen zu dessen Empfang. Jeder denkt an den anderen, aber nicht an sich selbst, und das bestimmt die Handlungen.
Da wir Menschen jedoch geborene Egoisten sind, sind wir nicht in der Lage, an andere zu denken. Wir geben nur in den Situationen gerne, in denen wir einen unmittelbaren Vorteil sehen, der größer ist als die Zuwendung, die wir gegeben haben (wie im Geschäft oder beim Handeln). Aufgrund dieser Eigenschaft sind wir weit vom Schöpfer entfernt und nehmen ihn nicht wahr.
Diese endgültige Trennung eines Menschen vom Schöpfer – der Quelle allen Genusses – wird durch unsere Selbstsucht verursacht und ist der Ursprung aller unserer Leiden. Diese Feststellung wird die »Erkenntnis des Bösen« genannt, denn um uns von unserer Selbstsucht abgestoßen zu fühlen, müssen wir fühlen und erkennen, dass diese das einzig Böse in uns ist, der tödlichste Feind, der uns auf unserem Weg zu Perfektion, Genuss und Unsterblichkeit blockiert.
Folglich muss unser Ziel das Loslösen vom Egoismus und das Annähern an den Schöpfer aufgrund der Gleichheit der Eigenschaften sein, sei es während des Studiums der Kabbala oder beim Befolgen der Gebote. Nur dann werden wir in der Lage sein, dieselbe Freude an altruistischen Handlungen zu haben, wie wir sie vorher bei egoistischen erhielten. Sollten wir mit der Hilfe von Oben beginnen, Genuss an selbstlosen Handlungen zu empfangen und darin Glückseligkeit und unsere größte Belohnung erhalten, sind wir in einem Zustand von »geben um des Gebens willen«, ohne irgendeine Gegenleistung dafür zu erwarten.
Wenn wir erst einmal diesen spirituellen Grad erreicht haben, wird uns klar, dass der Schöpfer nur eines möchte: uns Genuss zu schenken. Da das der Wille des Schöpfers ist, sind wir dann bereit, Genuss zu empfangen. Wenn wir so handeln, heißt es »empfangen um des Gebens willen«.
In den spirituellen Stadien entspricht der Intellekt (Vernunft, Weisheit) dem Licht der Weisheit (Or Chochma). Unser Herz entspricht dem Licht der Barmherzigkeit (Or Chassadim). Erst wenn unsere Herzen bereit sind, zuzuhören, kann die Vernunft Einfluss auf sie haben. Or Chochma kann nur an dem Ort scheinen, wo es Or Chassadim bereits gibt. Wenn Or Chassadim verborgen ist, kann Or Chochma nicht leuchten. So ein Zustand wird »Dunkelheit« oder »Nacht« genannt.
In unserer Welt jedoch, also in uns, die wir noch vom Egoismus versklavt sind, kann der Verstand nie Gewalt über das Herz haben, weil das Herz die Quelle aller Verlangen ist. Das Herz allein ist der Herrscher über den Menschen, wohingegen der Verstand keine Macht hat, sich den Verlangen des Herzens gegenüberzustellen.
Wenn man zum Beispiel stehlen möchte, ruft man den Verstand zu Hilfe, wie man das am besten bewerkstelligen kann. Folglich wird der Verstand zum Ausführenden des Herzenswunsches. Andererseits, wenn wir etwas Gutes tun möchten, brauchen wir auch wieder Hilfe, genauso wie alle anderen Körperteile. Daher gibt es keine andere Lösung, als das Herz von selbstsüchtigen Wünschen zu befreien.
Der Schöpfer zeigt uns absichtlich, dass es sein Wunsch ist, dass wir Freude empfangen, um uns die Möglichkeit zu geben, uns von der Scham des Empfangens zu befreien. Wir bekommen eine deutliche Vorstellung davon, wie wir Ihm durch das »Empfangen von Freude dem Schöpfer zuliebe« aufrichtig gefallen. Wir stellen den Schöpfer zufrieden, statt Genuss von Ihm zu empfangen.
Es gibt drei Arten von Arbeit, die wir in der Kabbala und den Geboten verrichten können. In jeder gibt es gute und böse Sehnsüchte.

1. Manche studieren um ihrer selbst willen, um berühmt zu werden, so dass andere und nicht der Schöpfer ihnen Ehre erweisen und sie für ihre Bemühungen mit Geld entlohnen. Aus     diesem Grund studieren sie öffentlich die Kabbala, um Anerkennung zu erlangen.

2. Andere studieren um des Schöpfers willen, um von Ihm in dieser und der zukünftigen Welt eine Belohnung zu erhalten. In diesem Fall studieren sie privat, so dass andere sie nicht sehen     können und um zu vermeiden, eine Belohnung für ihre Bemühungen zu erhalten. Die einzig erwünschte Belohnung ist die vom Schöpfer. Sie befürchten dann, dass Anerkennungen, die     von anderen kommen, eine Ablenkung von der Absicht sein könnten, ausschließlich vom Schöpfer belohnt zu werden.

Wenn wir solche Absichten hegen, werden diese spirituell um des Schöpfers willen genannt, denn wir arbeiten in diesem Fall für Ihn und beachten Seine Gebote, um ausschließlich von Ihm belohnt zu werden. Das ist wie im ersten Fall, wo der Mensch für die anderen arbeitet, ihre Erwartungen erfüllt und dann entsprechende Entlohnung für die erfüllten Aufgaben fordert. In beiden Fällen sind die gemeinsamen, dominierenden Hauptfaktoren die Erwartung und das Verlangen nach einer Belohnung für die verrichtete Arbeit. Im erstgenannten Fall arbeiten wir für die Menschen und erwarten Belohnung für unsere Arbeit, im zweiten wird die Tatsache beleuchtet, dass wir für den Schöpfer arbeiten und von Ihm eine Belohnung erwarten.

3. Nach den ersten beiden Phasen bemerken wir, wie sehr wir von der Selbstsucht versklavt sind. Der Körper, das Verlangen zu empfangen, fängt an, Fragen zu stellen: »Was für eine     Arbeit ist das?« Doch wird uns darauf keine Antwort gegeben.

In der ersten Phase stellt der Egoismus keine Fragen, weil er die Belohnung für seine Arbeit in der Reaktion der anderen sieht. In der zweiten Phase können wir dem Egoismus antworten, dass wir ein Verlangen nach einer größeren Gegenleistung haben als der, die wir von anderen bereits bekommen haben, deswegen verlangen wir ewige spirituelle Freuden in dieser und der anderen Welt. In der dritten Phase jedoch, wenn der Schöpfer uns beschenken möchte, erkennen wir unsere Versklavung durch den Egoismus und können dem Körper keine Antwort geben. Und die Tatsache, dass der Schöpfer nur geben möchte, vermittelt uns den Wunsch, dasselbe zu tun, und das wird die Belohnung für unsere Taten sein.
Die »Belohnung« bezieht sich darauf, welchen Vorteil wir von unserer Arbeit erhoffen. Im Allgemeinen nennen wir das »Freude«, wobei wir unter »Arbeit« jede intellektuelle, physische oder moralische Bemühung unseres Körpers verstehen. Die Belohnung mag auch in Form von Geld, Ehre, Berühmtheit und Ähnlichem kommen.
Wenn wir glauben, dass wir keine Kraft haben, dem Körper zu widerstehen, und nicht einmal die leichtesten Aufgaben erfüllen können, weil sich der Körper ohne Gegenleistung nicht anstrengen kann, dann gibt es keine andere Alternative, als den Schöpfer um Hilfe zu bitten. Wir müssen um übernatürliche Kraft bitten, die uns hilft, entgegen unsere Natur und dem Verstand zu handeln.
Folglich ist das größte Problem, daran zu glauben, dass der Schöpfer uns gegen die natürlichen Gesetze helfen kann und Er nur auf unsere Bitte wartet. Diese Entscheidung wird nur getroffen, wenn wir nicht mehr der Illusion anhängen, irgendetwas aus eigener Kraft schaffen zu können.

Der Schöpfer wünscht, dass jeder von uns wählen sollte, was für ihn richtig ist, um sich vom Falschen zu distanzieren.

Ansonsten hätte der Schöpfer den Menschen auch mit Seinen Eigenschaften erschaffen können, beziehungsweise würde Er – nachdem er die Selbstsucht geschaffen hätte – diese Selbst in Altruismus umwandeln, ohne uns erst noch den Prozess des bitteren Exils durchlaufen zu lassen, um den Zustand vollkommener Perfektion zu erlangen.

Kapitel 34


Leiden, die uns aus uneingeschränkter Güte geschickt werden


Der freie Wille ist die persönliche, unabhängige Entscheidung von Menschen, die als Herrscher über sich den Schöpfer und nicht den Pharao wählen. Die Macht des Pharaos besteht darin, die uns erwartenden Belohnungen vor Augen zu halten. Wir können diese Gaben klar erkennen, die wir durch unsere egoistischen Handlungen empfangen, wir begreifen diese Belohnungen mit unserem Verstand und sehen sie mit unseren Augen. Das Ergebnis ist von Anfang an offensichtlich und wird von der Gesellschaft, der Familie, den Eltern und Kindern akzeptiert. Folglich fragt der Körper den Pharao: »Wo ist der Herrscher, dessen Stimme ich gehorchen soll?« (Exodus 5, 2), was bedeutet: »Welchen Vorteil habe ich von dieser Art Arbeit?«
Wir haben deshalb recht, wenn wir erkennen, wie unmöglich es ist, entgegen unserer Natur vorwärts zu kommen. Doch das Voranschreiten ist nicht das ultimativ höchste Ziel, sondern nur unser Glaube, dass es der Schöpfer ist, der uns ändern kann.

Des Schöpfers Licht, seine Offenbarung dem Menschen gegenüber, ist als »Leben« bekannt.

Der erste Augenblick einer anhaltenden Wahrnehmung des Schöpfers ist »die spirituelle Geburt« eines Menschen. Da wir jedoch, wie auch in unserer Welt, das natürliche Verlangen haben zu leben, sind wir in der spirituellen Welt verpflichtet, das gleiche Ziel zu entwickeln. Das ist notwendig, wenn wir aufrichtig wünschen, spirituell geboren zu werden, in Übereinstimmung mit dem Prinzip: »Das Leiden für den Genuss bestimmt die Freude, die empfangen wird.«
Darum müssen wir Kabbala um der Kabbala willen studieren; mehr noch, um das Licht und den Schöpfer zu enthüllen. Wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, empfinden wir Bitterkeit und Leiden. Trotzdem dürfen unsere Bemühungen nicht nachlassen. Weil wir die Enthüllung des Schöpfers noch nicht erfahren haben, müssen wir unsere Bemühungen verdoppeln, bis Er sich uns enthüllt.
Es wird klar, dass es das menschliche Leiden ist, was den aufrichtigen Wunsch nach der Offenbarung des Schöpfers auslöst. Dieses Leiden wird »Liebesschmerz« genannt. Dieser Schmerz ist wert, von jedem beneidet zu werden! Wenn das Gefäß mit diesem Schmerz ausreichend gefüllt ist, wird sich der Schöpfer den Kabbalisten enthüllen, die dieses Verlangen haben.
Im Geschäftsleben gibt es, um ein Geschäft abzuschließen, oft einen Vermittler, der dem Käufer die Botschaft übermittelt, dass ein bestimmtes Objekt sogar mehr wert ist als der Preis, der dafür festgesetzt wurde. Anders ausgedrückt überhöht der Verkäufer diesen Preis gar nicht. Die gesamte Methode, »Ermahnungen zu erhalten« (Mussar), gründet sich auf diesem Prinzip, das versucht, den Menschen davon zu überzeugen, materielle Erwägungen für spirituelle zu vernachlässigen. Alle Mussar-Bücher (Bücher über Moral und Ethik) lehren, dass die Vergnügen in unserer Welt fadenscheinig sind und keinen Wert in sich tragen. Deswegen gibt ein Individuum nichts wirklich Wichtiges auf, wenn es sich entscheidet, spirituelle Genüsse zu erlangen.
Die Methode von Rabbi Baal Shem Tov ist da anders. Größeres Augenmerk wird auf das Objekt gelegt, das gekauft wird. Dem Menschen wird der unendliche Wert und die Großartigkeit der spirituellen Errungenschaft gezeigt. Es wird eingeräumt, dass Freuden in unserer Welt einen bestimmten Wert besitzen, es aber vorzuziehen ist, diese zurückzuweisen, da die spirituellen Freuden unvergleichlich größer sind.
Wenn ein Mensch in seiner Selbstsucht verbleiben könnte und gleichzeitig spirituelle Freuden zusammen mit den materiellen empfinge, dann würden die Verlangen dieses Menschen kontinuierlich ansteigen. Das Ergebnis wäre, dass sich der Mensch weiter vom Schöpfer entfernen würde, da die Ungleichheit zwischen den Eigenschaften und ihrer Bedeutung größer wird.
Der Mensch kann Genuss vom Schöpfer nur aufgrund seiner Eigenschaften, die den Seinen gleich werden, empfangen, welche umgehend von seinem Körper bekämpft werden. Dieser Widerstand wird mit Fragen wie diesen ausgedrückt: »Was gewinne ich durch diese Arbeit, obwohl ich mich dabei doch so angestrengt habe?«; »Warum soll ich nachts so mühevoll studieren?«; »Ist es wirklich möglich, das Spirituelle und den Schöpfer wahrzunehmen, wie es die Kabbalisten beschreiben?«; »Kann diese Aufgabe von normalen Menschen erfüllt werden?«
All das, was unser Egoismus sagt, ist korrekt: Der Mensch allein kann nicht einmal den niedrigsten aller Grade erringen, wenn er keine Hilfe bekommt. Aber es kann durch die Mithilfe des Schöpfers erreicht werden. Der schwierigste Aspekt ist allerdings, Glauben in des Schöpfers Hilfe zu wahren, bis diese erhalten wird. Die Mithilfe des Schöpfers bei der Bekämpfung des Egoismus bringt seine Größe und Macht zum Vorschein.
Würde jedem von uns die Größe des Schöpfers enthüllt, würde jeder nichts anderes tun, als dem Schöpfer zu gefallen auch ohne Belohnung, denn allein die Möglichkeit, Ihm zu dienen, ist schon Belohnung genug; niemand würde ein Entgelt verlangen. Sie würden sogar jede zusätzliche Belohnungen zurückweisen.
Da jedoch die Herrlichkeit des Schöpfers vor unseren Augen und Empfindungen verborgen ist, ist es uns nicht möglich, irgendetwas Ihm zuliebe zu leisten. Der Körper (unser Verstand) hält sich für wichtiger als der Schöpfer, da er nur sich selbst wahrnimmt. Die logische Schlussfolgerung ist dementsprechend, wenn der Körper wichtiger als der Schöpfer ist, sollte man für den Körper arbeiten und entlohnt werden. Aber keiner sollte arbeiten, wenn er für die verrichtete Arbeit keinen Lohn erhält. Auf unserer Welt beobachten wir jedoch, dass nur Kinder beim Spielen oder emotional labile Menschen sich anstrengen, ohne im Gegenzug eine Belohnung zu erwarten. In beiden Fällen ist es so, dass diese durch ihre Natur zu diesen Handlungen gezwungen wurden: Kinder, um ihrer Entwicklung willen, die seelisch labilen Menschen um der Korrektur ihrer Seele willen.
Der Genuss wird vom vorangegangenen Verlangen abgeleitet: Appetit, Leiden, Leidenschaft und Hunger. Ein Mensch, der alles hat, ist sehr unglücklich, da es nichts mehr zur Befriedigung gibt. Darum kann der Mensch in Depressionen verfallen. Sollten wir menschlichen Besitz an der Wahrnehmung von Glücksempfinden messen, dann wären die Ärmsten die Reichsten, denn ihnen würde sogar das kleinste Etwas Freude bereiten.
Der Schöpfer zeigt sich nicht sofort; er tut dies, damit der Mensch ein ganzes und richtiges Verlangen nach Seiner Enthüllung entwickelt. Aus genau diesem Grund verbirgt sich der Schöpfer, um im Menschen das Gefühl von akuter Notwendigkeit für den Schöpfer zu entwickeln. Wenn der Mensch entscheidet, dem Schöpfer näher zu kommen, stürzt er in ein Meer von Leiden, statt Erfüllung seiner Wahl und Genuss am Vorgang der spirituellen Errungenschaft zu finden. Dadurch werden wir vom Schöpfer veranlasst, Glauben an Seine Güte über unsere Gefühle und Gedanken zu stellen. Ungeachtet der Leiden, die plötzlich über uns kommen, müssen wir mit den Gedanken über diese Leiden fertig werden und uns durch äußere Anstrengung zwingen, das Ziel der Schöpfung im Auge zu behalten. Wir sollten uns auch für einen Teil des Ganzen halten, obwohl weder Herz noch Verstand dazu neigen, an so etwas zu denken.
Wir sollten uns nicht selbst belügen und sagen, das ist kein Schmerz. Dennoch sollten wir unseren Gefühlen zum Trotz den Glauben aufrechterhalten. Das erfordert, dass wir versuchen, weder den Schöpfer oder Seine Offenbarung wahrzunehmen, noch genaues Wissen über seine Gedanken, Handlungen oder Pläne, mit denen er Leiden schickt, ersuchen. Das könnte einer Bestechung ähneln, einer Belohnung für ausgestandene Qualen. Alle Taten und Gedanken sollten weder an noch in das Selbst gerichtet werden; wir sollten nicht an den Gefühlen des Leidens festhalten oder wie man ihnen entkommen könnte. Stattdessen sollten wir unsere Wahrnehmung außerhalb unseres Körpers setzen, als ob wir von innen nach außen gehen würden. Wir sollten versuchen, den Schöpfer und seinen Plan nicht durch unser Herz, sondern von außen zu erkennen, indem wir uns vom Vorgang selbst entfernen und uns an Seine Stelle versetzen und das Leiden als notwendige Vorbedingung – den Glauben an die Höchste Herrschaft – zu akzeptieren.
Wenn wir Letztgenanntes geleistet haben, verdienen wir die Offenbarung des Schöpfers, das Erfassen des göttlichen Lichts und Seiner wahren Herrschaft. Denn Er enthüllt sich nur in altruistischen Verlangen; nur in Gedanken, die nicht sich selbst oder persönliche Probleme beinhalten; nur in »außerhalb« liegenden Sorgen, denn nur dann besteht eine Übereinstimmung der Eigenschaften zwischen dem Schöpfer und uns.

Sollten wir Ihn jedoch von Herzen bitten, uns das Leiden zu ersparen, kommen wir als Bettler, als Egoisten.

Aus diesem Grund müssen wir positive Gefühle für den Schöpfer entdecken. Nur dann sind wir in der Lage, eine persönliche Enthüllung vom Schöpfer zu erhalten.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Verhüllung des Schöpfers und unser Leiden die Folgen unserer egoistischen Hüllen sind, denn der Schöpfer strömt nur Freude und Klarheit aus. Er tut das unter der Bedingung, dass wir altruistische Verlangen schaffen und Selbstsucht aus unserer Natur und dem Gefühl vom »Selbst«, dem »Ich« völlig verbannen. Folglich sind wir ständig Leiden ausgesetzt, weil uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Es ist nur natürlich, dass wir eine gute Belohnung erwarten nach all den Bemühungen, die wir ins Studium und die Selbstverbesserung gesteckt haben. Stattdessen bekommen wir nur schmerzvolle Gefühle von Verzweiflung und werden in kritische Lagen versetzt. Es ist schwerer, den Freuden unserer altruistischen Taten zu widerstehen als denen der egoistischen, weil das Ausmaß der Freude um so vieles größer ist. Sehr schwierig ist es auch, nur für einen Moment zu erkennen, dass dies die Hilfe des Schöpfers ist. Der Körper schreit nach der Notwendigkeit, entgegen besseren Wissens, sich von diesem Zustand zu befreien. Nur die Hilfe vom Schöpfer kann uns vor plötzlich auftauchenden Problemen retten, aber nicht, wenn wir um deren Lösung bitten. Das Gebet drückt ungeachtet der Forderungen des Körpers die Bitte aus, Glauben über Verstand zu erhalten, das Gefühl der Übereinstimmung mit den Taten des Schöpfers, denn nur Er hat die Herrschaft über alles, und Er ist es, der all unsere Bedingungen schafft, um unser endgültiges spirituelles Wohl zu sichern.
Die gesamten irdischen Qualen, spirituelles Leiden und Tadel müssen vom Kabbalisten auf dem Weg der spirituellen Einheit mit dem Schöpfer ertragen werden. Die Geschichte der Kabbala ist voll von Beispielen: Rashbi, Rambam, Ramchal, der Ari und so weiter.
Sowie wir entgegen unseren Vorstellungen, Glauben über Verstand erreicht haben – sobald Leiden als uneingeschränkte Güte und Wunsch des Schöpfers, uns Ihm näher zu bringen, interpretiert wird –, unseren Zustand akzeptieren und aufhören, ihn zu verändern, damit er mit erfreulichen egoistischen Gefühlen erfüllt werden kann – sowie all diese Bedingungen erfüllt sind, wird sich uns der Schöpfer in seiner ganzen Größe enthüllen.

Kapitel 35


Die böse Neigung


Die Kabbala sagt, dass unser Körper nur eine vorübergehende Hülle für unsere ewige Seele ist, die von Oben herabsteigt. Dieser Zyklus von Leben und Sterben kann mit dem Wechsel von Kleidern beim Menschen in unserer Welt verglichen werden. Die Seele tauscht einen Körper gegen den anderen aus, wie wir unsere Hemden wechseln.
Die selbstlose Erfüllung Seines Willens bringen in Gedanken und Taten den Prozess der Selbsteinschätzung und Selbstbeurteilung mit sich, ungeachtet der unerfreulichen Geschehnisse, Gefühle oder Vorgänge, die uns vom Schöpfer absichtlich geschickt wurden. Nur wenn wir uns selbst kritisch einschätzen, können wir erkennen, wie niedrig unser Zustand wirklich ist; wir sollten uns aber trotzdem verpflichten, den Willen des Schöpfers zu erfüllen und den unmittelbaren und gerechten Gesetzen der spirituellen Welt, die unserem »persönlichen« Wohlergehen gegenüberstehen, zu gehorchen.
Der Wunsch, dem Schöpfer in seinen Eigenschaften zu ähneln, mag aus den Leiden und Qualen herrühren, die wir erleben, aber er kann auch von der Wahrnehmung der Größe des Schöpfers stammen. Dann entscheidet der Mensch, den Schöpfer um Hilfe für sein Vorankommen mittels der Kabbala zu bitten.

Alle Handlungen, die wir ausführen, müssen aus der Absicht entstehen, die Größe des Schöpfers wahrzunehmen. Nur die Verwirklichung dieses Aspektes hilft uns, reiner und spiritueller zu werden.

Um spirituell voranzukommen, müssen wir uns auf jeder Ebene während unserer inneren Entwicklung darum bemühen, den Schöpfer wahrzunehmen. Es muss uns klar sein, dass wenn wir spirituelle Vollkommenheit erreichen oder auch nur auf dem spirituellen Niveau bleiben wollen, auf dem wir uns gerade befinden, wir ein größeres Verständnis für die Allmacht des Schöpfers entwickeln müssen.
Der Wert des Geschenkes wird durch den Geber bestimmt. Das trifft in hohem Maße zu. Ein Gegenstand, der einer berühmten Person gehört, ist nur deswegen oft Millionen wert. So ist es auch mit der Kabbala: Der Wert der Kabbala wird durch die Außergewöhnlichkeit desjenigen bestimmt, der sie uns schenkt. Wenn jemand nicht an den Schöpfer glaubt, ist die Kabbala für ihn nicht mehr wert als ein historisches oder literarisches Dokument. Wenn jedoch an die Kabbala geglaubt und ihr Nutzen erkannt wird, weil man an die Höheren Mächte glaubt, ist der Wert der Kabbala unendlich mehr wert.

Je mehr wir an den Schöpfer glauben, desto mehr ist uns die Kabbala wert.

Jedes Mal, wenn wir uns freiwillig unter die Herrschaft des Schöpfers begeben und seine Großartigkeit erkennen, erfassen wir demzufolge auch die Bedeutung der Kabbala und ihren wirklichen Wert. Jedes Mal, wenn wir höhere spirituelle Stufen erklommen und eine neue Kabbala (das heißt neues Licht) empfangen haben, steigt für uns ihr Wert.
Der obige Vorgang bezieht sich nur auf jene, die vom Licht des Schöpfers beim Erklimmen der spirituellen Stufen eine neue Offenbarung erhalten. Man sagt daher, dass »der rechtschaffene Mensch vom Glauben lebt« – das Ausmaß des Glaubens bestimmt die Menge des erhaltenen Lichts. In den Büchern der Kabbala steht geschrieben: »Jeden Tag« gibt Er neues Licht. Denn für einen Kabbalisten ist »Jeder Tag« (der Zeitpunkt, wenn das Licht des Schöpfers strahlt) ein neues Licht.
Auch wenn wir dazu erzogen wurden, Gebote zu beachten, ist es einfach unmöglich, uns auch beizubringen, unsere Handlungen mit besonderen altruistischen Absichten zu schmücken. Denn es wird nie ein Teil unserer selbstsüchtigen Natur werden, der automatisch ausgeführt werden kann wie beispielsweise unsere körperlichen Bedürfnisse.
Wenn wir fühlen, dass der Krieg, den wir gegen den Egoismus führen, ein Krieg gegen die Mächte der Dunkelheit ist, gegen die dem Schöpfer entgegengesetzten Eigenschaften, dann entledigen wir uns dieser Kräfte auf diese Weise und schließen uns ihnen nicht an. Wir müssen sie aus unseren Gedanken verbannen, als ob wir unsere körperlichen Wünsche losließen. Wir fühlen diese Wünsche und beginnen, diese zu verachten, so wie man einen Feind geringschätzt. Auf diese Weise können wir den Egoismus besiegen und gleichzeitig Trost in den Leiden finden, die von ihm ausgehen. Eine Handlung dieser Art wird »der Krieg der Vergeltung dem Schöpfer zuliebe« (nikmat hashem) genannt. Schritt für Schritt gelingt es uns, die richtigen Ziele, Gedanken und Absichten zu entwickeln, ungeachtet der selbstsüchtigen Wünsche und Forderungen des Körpers.
Wenn wir während unseres Studiums keinen persönlichen Vorteil sehen und unter dem Mangel des Vorteils leiden, den wir bekommen könnten, nennen wir dieses die »Böse Neigung« (Yezer Ra).
Das Maß des Bösen wird durch unseren Grad der Wahrnehmung des Bösen bestimmt, durch das Ausmaß an Leiden, welche hervorgerufen werden, wenn wir einen Mangel an Anziehungskraft für die Spiritualität empfinden. Außer es gäbe dabei einen Vorteil für uns: Je mehr wir unter dieser unveränderten Lage leiden, umso größer ist die Wahrnehmung des Bösen.
Wenn wir verstandesmäßig begreifen, dass wir spirituell noch nicht weiterkommen und wir noch kein Leiden empfinden, heißt das, dass wir noch keine böse Neigung (Yezer Ra) haben, da wir noch nicht unter dem Bösen leiden.

Wenn wir das Böse nicht empfinden, müssen wir mit dem Studium der Kabbala beginnen. Wenn wir aber in uns das Böse feststellen, werden wir es mit dem Glauben über den Verstand los.

Die oben gegebenen Definitionen müssen näher erklärt werden. In den Büchern der Kabbala steht: »Ich schuf den Yezer Ra (böse Neigung, Kraft, Verlangen) und ebenso die Thora als Tavlin (Gewürz) für seine Korrektur.« Tavlin bedeutet hier Gewürze, Zusätze, Ergänzungen, die das Essen schmackhaft und akzeptabel für den Verzehr machen.
Wir bemerken, dass die Urschöpfung das Böse, der Egoismus ist. Kabbala kommt nur als Zusatz hinzu, das heißt, es ist das Mittel, das uns ermöglicht, das Böse zu schmecken und zu verwenden. Das ist sehr merkwürdig, denn es steht auch geschrieben, dass die Gebote nur dazu da sind, um die Seele mit ihrer Hilfe zu reinigen. Das bedeutet, dass, sowie ein Mensch gereinigt ist, es keinen Bedarf mehr an den Geboten gibt (spirituelle Handlungen für die Korrektur).
Das wahre Ziel der Schöpfung ist, dass der Schöpfer uns Geschöpfen Freude schenkt. Damit die Geschöpfe keine Scham beim Empfang des Genusses empfinden, was diesen verderben würde, wird den Geschöpfen die Möglichkeit eingeräumt, dieses Schamgefühl zu korrigieren. Das wird dadurch erreicht, indem wir erschaffenen Wesen nichts für uns empfangen wollen, sondern nur dem Schöpfer Freude bereiten möchten. Erst dann werden wir am Genuss keine Scham empfinden, denn wir erhalten diesen dem Schöpfer zuliebe statt zu unserer eigenen Befriedigung.
Was kann dem Schöpfer für Seinen Genuss gegeben werden? Der Schöpfer gab uns dafür die Kabbala und die spirituellen Gesetze, damit wir sie Ihm zuliebe achten. Dann kann er uns Freuden schicken, die von uns empfangen werden und nicht durch ein Schamgefühl und Andeutung von Mitleid verringert werden.
Wenn wir nach den spirituellen Gesetzen, sprich: dem Schöpfer zuliebe handeln, werden wir in unseren Handlungen dem Schöpfer gleich, der uns nur Freude geben möchte. Im Laufe der Zeit ähneln unsere Wünsche, Taten und Eigenschaften immer mehr denen des Schöpfers, und Er und wir kommen einander näher. Der Schöpfer wünscht, dass wir Ihm geben, wie er uns gibt, damit unsere Freuden nicht von Schamgefühl und Mitleid überschattet werden.
Der spirituelle Wunsch – ein Wunsch, der alle Bedingungen erfüllt, um das Licht zu empfangen – bestimmt die Größe und Art des Genusses, der erhalten wird. Denn das Licht des Schöpfers beinhaltet alles in sich, jeden unserer Wünsche, der durch etwas befriedigt wurde. Er isoliert aus dem gesamten Licht das, was wir wünschen. Der Schöpfer schreibt genau 613 Gebote zur Korrektur des Bösen (in uns) zum Guten (für uns) vor. Er schuf unseren Wunsch zur Befriedigung aus genau 613 Teilen, und jedes Gebot korrigiert einen bestimmten Teil oder eine gewisse Eigenschaft. Darum sagt Er: »Ich schuf das Böse und die Tora zu seiner Korrektur«.
Was ist aber der Zweck, die Tora (die spirituellen Gesetze) auszuüben? Die uns gegebenen spirituellen Gesetze sind folgende:

1. Wenn wir noch von unserer eigenen Natur versklavt sind und nicht dem Schöpfer zuliebe handeln, bleiben wir aufgrund der Unterschiede in unseren Eigenschaften vom Schöpfer weit     entfernt. Die 613 spirituellen Gesetze geben uns die Kraft, uns von der Selbstsucht zu trennen.

2. Wenn wir am Ende der Korrektur angelangt sind und den Zustand der Einigkeit mit dem Schöpfer erreicht haben, werden wir des Lichts der Tora würdig: 613 spirituelle Gesetze     werden Teil unseres spirituellen Körpers, sie werden dann zum Gefäß unserer Seele, und in den 613 Wünschen empfangen wir dann das Licht der Freude. Wie wir sehen, verändert     dieses spirituelle Gesetz die Korrektur in einen Ort zum Empfangen, in ein Gefäß (das Kli).

Kapitel 36


Die Arbeit in den drei Linien


Das Bedürfnis nach Hilfe vom Schöpfer, das in Form des Seelenlichtes kommt, wird in der linken Linie erweckt, wo Leiden als Mangel am Erwünschten entstand. In der rechten Linie, im Zustand, wo der Mensch nichts für sich selbst verlangt, existiert nur das Licht der Gnade (Or Chassadim), die Freude darüber, gleiche spirituelle Eigenschaften zu besitzen. Doch ist dieser Zustand noch nicht perfekt, denn es fehlen das Wissen und das Verständnis für die innewohnende Bedeutung.
In der linken Linie gibt es keine Perfektion, denn das Licht der Weisheit kann nur scheinen, wenn es eine Übereinstimmung zwischen dem empfangenden Licht und seinem Empfänger gibt. Diese Übereinstimmung bringt Or Chassadim, welches sich in der rechten Linie befindet. Einen spirituellen Gewinn gibt es aber nur dann, wenn ein Wunsch besteht. Jedoch wünscht sich die rechte Linie nichts, da sich alle Wünsche in der linken Linie ansammeln. Das Erwünschte kann allerdings nicht mit selbstsüchtigen Wünschen empfangen werden.
Deshalb besteht die Notwendigkeit, diese beiden Eigenschaften zu vereinen, damit das Licht des Wissens und des Genusses der linken Linie in das Licht der altruistischen Qualitäten der rechten Linie eindringen kann und so das Licht der mittleren Linie das Geschöpf erleuchten kann. Ohne das Licht der rechten Linie kann das Licht der linken Linie nicht enthüllt werden und wird somit nur als Dunkelheit wahrgenommen.
Selbst wenn wir noch durch unsere Selbstsucht versklavt sind, findet die Arbeit sowohl in der linken als auch in der rechten Linie statt. Trotzdem können wir unsere Wünsche nicht kontrollieren. Im Gegenteil, die Verlangen schreiben uns unsere Gedanken und Handlungen vor und halten uns davon ab, mit dem Licht der Übereinstimmung mit dem Schöpfer (Or Chassadim) und dem Licht des höchsten Verständnisses (Or Chochma) erfüllt zu werden. Wir sind vielmehr nur in der Lage, die Namen der Welten Sefirot und Kelim auszusprechen.
In diesem Zustand ist es besonders wirksam, die Struktur der spirituellen Welten und ihre Wirkungen, also die Kabbala zu studieren. Das hilft uns den Wunsch zu entwickeln, dem Schöpfer nahe zu sein. Dabei beginnen wir, den Studienobjekten zu ähneln und ziehen demzufolge aus den Höheren Reichen Gnade an uns heran – wenngleich uns dieser Vorgang verborgen bleibt, da es uns noch an spirituellen Sinnesorganen fehlt.
Doch die spirituellen Kräfte wirken nur dann auf uns, wenn wir studieren, um unsere Eigenschaften dem Spirituellen anzugleichen. Nur dann führen wir die reinigende Auswirkung des uns umgebenden Lichts herbei. Das wird in vielen Situationen deutlich – wir wissen auch ohne geeignete Führung, was in den Kabbalabüchern geschrieben steht, und können sogar »bedeutungsvolle« Diskussionen über dieses Thema führen. Trotz allem besteht immer die Möglichkeit, dass wir nie das emotionale Wesen des Gelernten erfassen.
Diejenigen aber, die spirituelle Grade durch ihre eigene Arbeit erreichen, seien es auch nur die unscheinbarsten, existieren bereits in unserer Welt und beschäftigen sich mit der Aufgabe, um derentwillen sie in diese Welt herabgestiegen sind. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die »Schlauen«, die durch ihr Wissen und Erinnerungsvermögen oft die Selbstsucht und Zweifel verstärken, und sich somit weiter vom Ziel entfernen. Weil das Licht der Kabbala lebensrettende Medizin (Sam Hachaim) oder tödliches Gift (Sam Hamavet) sein kann. Anfänger sind nicht in der Lage, zwischen denen zu unterscheiden, die wirklich spirituell wahrnehmen (Kabbalisten), und solchen, die Kabbala nur als irgendeine andere weltliche Wissenschaft studieren.
Die Anfänger richten während ihrer Arbeit entlang den drei Linien ihre Aufmerksamkeit auf ihren eigenen Zustand und nicht so sehr darauf, das Licht von Oben zu erhalten, welches die Hauptsache für diejenigen ist, die bereits wahrnehmen. In der rechten Linie, bekannt als der Zustand des »Gebens«, Chessed oder Glaube über dem Verstand, sind wir mit unserem Los und Schicksal zufrieden, das uns vom Schöpfer zugewiesen wurde, denn wir betrachten es als unser größtes Geschenk. Das tun wir ungeachtet der Tatsache, dass wir die Gebote des Schöpfers ohne ihre innere Bedeutung verstehen und beachten und handeln eher aufgrund unserer Erziehung oder bestimmten Verpflichtungen oder unserer eigenen Bildung.
Dieser Zustand wird noch nicht als die rechte Linie betrachtet, da die linke Linie fehlt. Erst wenn der entgegengesetzte Teil erscheint, können wir von beiden Linien sprechen. Infolgedessen können wir die linke Linie nur dann erhalten, wenn wir, uns selbst kritisch bewertend, unsere eigenen Errungenschaften loben – die wahren Ziele im Leben festlegen und die Ergebnisse unserer Bemühungen kritisch beurteilen.
Wichtig ist hier das Ziel der Schöpfung. Wir bestimmen grundlegend, dass es unser Ziel ist, Freude vom Schöpfer zu erhalten. Gleichzeitig glauben wir, dass wir so etwas selbst noch nie erlebt haben. Im Laufe unseres Studiums lernen wir, dass es nur geschehen kann, wenn sich unsere Eigenschaften mit denen des Schöpfers decken. Wir sind daher verpflichtet, unsere eigenen Bestrebungen und Wünsche zu überprüfen, sie so objektiv wie möglich zu beurteilen. Alles in uns so zu kontrollieren und zu analysieren, damit wir ernsthaft daran arbeiten, der Selbstsucht zu entsagen und Liebe für andere zu entwickeln.
Wenn wir beim Studium von uns selbst merken, dass wir noch immer egoistische Wünsche haben und sich unser Zustand noch nicht verbessert hat, verfallen wir oft in Teilnahmslosigkeit und Verzweiflung. Zudem entdecken wir, dass wir nicht nur unseren egoistischen Wünschen frönen, sondern dass diese sogar gewachsen sind, seitdem wir Verlangen nach Genuss entwickelt haben, der uns vorher als niedrig, unwichtig, kurzlebig und wertlos erschien.
In diesem Zustand ist es offensichtlich, dass es schwieriger ist, die Gebote zu beachten und mit der bisherigen Freude zu lernen. Vielmehr empfinden wir Verzweiflung und Enttäuschung und bedauern sowohl die Zeitverschwendung als auch die Bemühungen und erlittenen Entbehrungen. Wir rebellieren gegen das Ziel der Schöpfung.
Dieser Zustand ist als »linke Linie« bekannt, weil er korrekturbedürftig ist. Wir sind uns nun unserer eigenen Leere bewusst und müssen uns jetzt wieder der rechten Linie zuwenden: dem Gefühl der vollständigen Zufriedenheit und vollkommener Freude über unser Schicksal. Vorher konnte man noch nicht davon sprechen, in der rechten Linie zu sein, da wir uns nur in einer befanden und es einfach keine zweite Linie und daher auch keine Selbstkritik gab. Wenn wir nach ehrlicher persönlicher Einschätzung jedoch merken, dass wir unvollkommen sind und zur ersten Linie zurückkehren, das heißt zum Gefühl der Vollkommenheit (entgegen unserem eigentlichen Zustand und unseren Gefühlen), dann handeln wir in Bezug auf die beiden Linien, nicht nur einfach nach der ersten oder der zweiten, sondern gehen an den beiden entgegengesetzten Linien entlang – der rechten und der linken.
Der gesamte Weg vom Aufgeben der Selbstsucht und dem Heraustreten aus dem engen Rahmen unserer persönlichen Interessen ist auf Grundlage der rechten Linie gestaltet. Es heißt, dass wir uns von unseren »eigenen« Interessen, den vergänglichen, unwichtigen und sich ewig verändernden Wünschen unseres Körpers losreißen müssen. Diese wurden uns nicht von Oben gegeben, damit wir sie als Lebensziel akzeptieren, sondern dass wir sie aufgeben, um die ewige, höchste, absolute Wahrnehmung von spirituellem Genuss zu erreichen und uns mit dem höchsten Wesen unseres Universums – dem Schöpfer – zu vereinen.
Es ist unmöglich, von persönlichen Gedanken und Verlangen loszulassen, denn außer uns selbst nehmen wir nichts anderes wahr. Wir mögen vielleicht an die Existenz des Schöpfers glauben, an Seine völlige Herrschaft, das Ziel der Schöpfung und die Notwendigkeit, dieses Ziel trotz unserer körperlichen Beschwerden zu erreichen.

Der Glaube an etwas, das man nicht wahrnehmen kann – etwas, das über unseren Verstand geht –, wird Glaube über der Vernunft genannt.

Speziell nach der linken Linie ist es für uns an der Zeit, dass wir das, was oben erklärt wurde, als Wirklichkeit annehmen.
Wir freuen uns, dass wir den Willen des Schöpfers ausführen dürfen, obwohl wir aufgrund unserer selbstsüchtigen Wünsche keinen Genuss oder Vergnügen daraus beziehen. Trotz allem glauben wir jedoch, dass wir ein besonderes Geschenk vom Schöpfer erhalten haben. Nun sind wir trotz oder gerade wegen unseres Zustands in der Lage, den Willen des Schöpfers auszuführen. Aber nicht so wie die meisten Menschen, die es entweder tun, um Freude zu erhalten, oder als Ergebnis ihrer Erziehung und Ausbildung, ohne sich dabei ihrer automatischen Handlungen bewusst zu sein.
Wir bemerken ebenfalls, dass wir entgegen den Bedürfnissen unseres Körpers handeln, das heißt, wir sind innerlich auf der Seite des Schöpfers und nicht auf der des Körpers. Wir glauben, dass durch eine spezielle Verbindung alles von Oben zu uns kommt. Daher schätzen wir dieses Geschenk vom Schöpfer und lassen uns davon inspirieren, als ob wir mit der höchsten spirituellen Wahrnehmung belohnt wären.
Ausschließlich in diesem Fall nennt man die erste Linie die rechte Linie, die Vollkommenheit. Denn die Freude entspringt nicht unserem eigenen Zustand, sondern stammt von der Beziehung zum Schöpfer, der uns erlaubt hat, außerhalb unserer egoistischen Wünsche zu handeln. In diesem Zustand, in dem wir vielleicht noch Sklaven der Selbstsucht sind, dürfen wir spirituelle Erleuchtung von Oben empfangen.
Obwohl die Obere Erleuchtung noch nicht in uns eingedrungen ist, weil das Licht die selbstsüchtigen Wünsche nicht durchdringt, umgibt uns dennoch dieses Licht und verbindet uns mit dem Spirituellen. Es verhilft uns zu der Erkenntnis, dass auch die kleinste Verbindung mit dem Schöpfer bereits eine große Belohnung und ein großer Genuss darstellen. Was die Wahrnehmung des Lichts betrifft, dürfen wir nicht vergessen, dass es nicht in unserer Macht steht, den wirklichen Wert des Lichts beurteilen zu können.
Die rechte Linie wird auch »die Wahrheit« genannt, weil wir verstehen, dass wir einen spirituellen Grad noch nicht erreicht haben und uns dabei nicht anlügen würden. Wir sagen uns vielmehr, dass alles, was wir erhalten, auch die schlimmsten Ereignisse, vom Schöpfer kommt. Daher ist Glaube über dem Verstand sehr wertvoll, denn er stellt die Verbindung mit Ihm her.
Wir sehen also, dass die rechte Linie auf der klaren Feststellung basiert, dass es dort keine spirituelle Wahrnehmung gibt, jedoch das bittere Gefühl der eigenen Wertlosigkeit. Dem folgt unsere Abkehr von eigennützigen Berechnungen hinsichtlich neuer Handlungen nach dem Prinzip: »Nicht was ich gewinne, sondern was der Schöpfer möchte«.
Wenn uns bewusst wird, dass uns der Schöpfer besondere Aufmerksamkeit widmet und wir eine besondere Beziehung zur Kabbala und den Geboten haben – während andere nur mit unwichtigen Erwägungen, was das weltliche Leben betrifft, beschäftigt sind –, dann sind unsere Überlegungen angemessen. Dennoch sind diese Produkte unseres Intellekts. Sie befinden sich nicht über dem Verstand. Und obwohl wir in unserem jetzigen Zustand ganz froh sein können, müssen wir uns darauf konzentrieren, mit dem Glauben über dem Verstand vorzugehen, damit unsere Freude auf unserem Glauben aufgebaut werden kann.
Andererseits basiert die linke Linie darauf, die wahre Natur unserer Liebe für den Nächsten zu beweisen und zu bestimmen, dass wir zu altruistischen Handlungen und selbstlosen Taten fähig sind. Sie verhilft uns auch, herauszufinden, ob wir wirklich keine Belohnung für unsere Bemühungen erwarten. Wenn wir nach solchen Überlegungen bemerken, dass wir nicht in der Lage sind, unser Eigeninteresse auch nur für einen kurzen Augenblick aufzugeben, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Schöpfer um Erlösung zu bitten. In diesem Fall führt uns die linke Linie geradewegs zu Ihm.
Die rechte Linie gibt uns die Möglichkeit, dem Schöpfer für das Wahrnehmen seiner Vollkommenheit zu danken. Sie gibt uns jedoch nicht das Empfinden eines wahren Zustandes – ein Zustand, der durch totale Unwissenheit und völlige Abwesenheit der Verbundenheit mit dem Spirituellen gekennzeichnet ist. So werden wir nicht zum Gebet geführt, und ohne Gebet ist es unmöglich, das Licht der Kabbala zu erfassen.
Wenn wir uns in der linken Linie befinden, versuchen wir unseren wahren Zustand mit unserer eigenen Willenskraft zu überwinden und kommen so zu der Erkenntnis, dass wir nicht genügend Kraft für diese Aufgabe besitzen. Da wir sehen, dass uns nur übernatürliche Kräfte helfen können, erkennen wir erst dann, wie notwendig die Hilfe von Oben ist. Die linke Linie allein hilft uns, das erwünschte Ziel zu erreichen.

Wichtig ist für uns zu verstehen, dass beide Linien ausbalanciert sein müssen, damit jede von ihnen in gleichem Maße beansprucht werden kann. Erst dann wird die mittlere Linie hervortreten, indem sie die rechte und die linke Linie zu einer einzigen Linie vereint.

Sollte eine der beiden Linien größer als die andere sein, wird sie die beiden anderen daran hindern, zu verschmelzen, da sich diese Linie dann in bestimmten Situationen als vorteilhafter erweist. Darum ist es erforderlich, dass beide Linien ganz und gar gleich sind.
Wenn sich beide Linien in gleichem Maße steigern, ergibt sich der Vorteil, dass der Mensch auf deren Grundlage die Mittellinie, das Obere Licht, empfindet, das enthüllt und speziell auf den Erfahrungen der beiden Linien empfunden wird.
Die rechte Linie liefert Vollkommenheit, weil wir an Seine Vollkommenheit glauben. Da außer dem Schöpfer niemand anders die Welt regiert und der Egoismus nicht mehr zählt, besteht der Mensch dann in seiner Vollkommenheit. Die linke Linie verhilft uns zur kritischen Selbstbeurteilung und gibt uns das Gefühl, nicht vollkommen zu sein. Es ist äußerst wichtig, dass wir es uns zur Aufgabe machen, die linke Linie unter keinen Umständen größer als die rechte werden zu lassen. (Praktisch sollte sich ein Mensch am Tag 23,5 Stunden in der rechten Linie aufhalten und sich nur eine halbe Stunde erlauben, sich egoistischen Überlegungen hinzugeben).
Die rechte Linie sollte so herausragen, dass für volle Zufriedenheit keine anderen Merkmale mehr nötig sind. Dieser Vorgang symbolisiert die Loslösung von selbstsüchtigen Überlegungen, die wir selbst in der Hand haben. So haben wir die Vervollkommnung, da wir nun nur noch Freude empfinden können. All das geschieht, weil sich alles darauf bezieht, was außerhalb des Körpers und mit dem Schöpfer verbunden ist, und nicht auf die inneren körperlichen Bedürfnisse.
Wenn wir uns auf die linke Linie begeben, bewegen wir uns von der rechten Linie zur linken und wieder zurück. Wir sollten diesen Vorgang zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen – nicht nach Lust und Laune – ganz bewusst vollziehen. Wir haben dann nicht nur mit unserer Wahrnehmung und dem Verständnis des Spirituellen keine Fortschritte gemacht, sondern unser tägliches Leben ist sogar noch schlimmer als vorher. Anstatt voranzuschreiten, ziehen wir uns mehr und mehr in unsere Selbstsucht zurück.
In diesem Zustand müssen wir sofort auf das Gebet zurückgreifen, um unsere Lage zu korrigieren. Darüber berichtet die Bibel, als der Auszug aus Ägypten stattfand und die Menschen sich in ihrem letzten, neunundvierzigsten Zustand von unreinen Wünschen befanden. Nur wenn wir unseren Egoismus mit all seinem Bösen und seiner Intensität erkennen und Ihn um Hilfe bitten, erhebt uns der Schöpfer, gibt uns die mittlere Linie und beschenkt die Seele von Oben mit Seinem Licht. Das erleuchtet uns und gibt uns die Kraft, zum Altruismus überzutreten und in der spirituellen Welt neu geboren zu werden.

Kapitel 37


Wie wir unsere wahre Natur verstehen können


Um das Ziel der Schöpfung verstehen zu können, müssen wir eine »Sehnsucht« verspüren, ohne die wir nicht das ganze Ausmaß der Genüsse erfassen können, die uns der Schöpfer sendet, und ohne die wir dem Allmächtigen keine Genugtuung geben können. Darum ist es unbedingt erforderlich, die Selbstsucht zu korrigieren; nur das erlaubt uns, den Genuss dem Schöpfer zuliebe zu erleben.
Wenn wir Angst verspüren, müssen wir die Gründe verstehen, warum uns diese Gefühle vom Schöpfer geschickt werden. Es gibt außer der Macht des Schöpfers keine andere, die die Welt regiert – keine Feinde oder dunklen Mächte. Es ist immer der Schöpfer, der in uns diese Gefühle erweckt, damit wir uns fragen, warum wir diese auf einmal haben. Mit dem Ergebnis unserer Nachforschung sind wir – mit dem Einsatz unseres Glaubens – in der Lage zu sagen, dass es der Schöpfer war, der uns all dies geschickt hat.
Sollte nach all unseren Bemühungen die Angst nicht kleiner werden, dann können wir das als Beispiel der Ehrfurcht vor der Großartigkeit und Macht des Schöpfers ansehen. So wie unser Körper vor einer imaginären Quelle der Furcht erzittert, so müssen wir voller Ehrfurcht vor dem Schöpfer erschauern.
Wie können wir unseren spirituellen Zustand, in dem wir uns befinden, genau festlegen? Wenn wir zuversichtlich und glücklich sind, ist es meist unser Vertrauen in unsere eigene Stärke; dann haben wir nicht das Bedürfnis nach dem Schöpfer. Wir sind demnach ganz und gar unserem Egoismus ergeben und weit vom Schöpfer entfernt.
Sollten wir uns allerdings auf der anderen Seite ganz verloren und hilflos fühlen, empfinden wir ein starkes Bedürfnis nach Unterstützung vom Schöpfer. In diesem Augenblick wechseln wir, was unser Wohlergehen betrifft, in einen besseren Zustand über.
Wenn wir uns Mühe gegeben haben und eine Handlung vollbringen, die »gut« zu sein scheint und wir danach Zufriedenheit verspüren, fallen wir sofort dem Egoismus zum Opfer. Wir merken nicht, dass es der Schöpfer war, der uns zu dieser wohlwollenden Handlung verhalf und wir demzufolge durch unsere Freude darüber nur unsere Selbstsucht erhöhen.
Wenn wir uns immer wieder in unseren Studien anstrengen und versuchen, zum Ziel der Schöpfung zurückzukehren und dennoch meinen, sowohl nichts zu verstehen als auch der Korrektur nicht näher gekommen zu sein, und wir in unserem Herzen dem Schöpfer für unseren jetzigen Zustand zürnen, dann entfernen wir uns immer weiter von der Wahrheit.
Sobald wir versuchen, zum Altruismus überzuwechseln, bäumen sich unser Körper und die Vernunft gegen diese Gedanken auf und bemühen sich, uns auf jegliche Art und Weise davon abzubringen. Hunderte von Gedanken, Ausflüchte und wichtige Aufgaben fallen uns sofort ein, denn Altruismus – alles was keinen direkten Vorteil für den Körper hat – ist uns verhasst. Für unseren Intellekt ist es unerträglich, solches Streben auch nur einen Augenblick lang zu ertragen, und es wird sofort unterdrückt.
Gedanken, die sich um das Bekämpfen des Egoismus drehen, scheinen sehr schwierig zu sein und nicht in der menschlichen Macht zu liegen. Werden sie jedoch nicht als solche empfunden, dann ist tief in uns drin noch ein Nutzen verborgen, der uns dazu bringt, auf eine bestimmte Art und Weise zu denken und zu handeln, und wir werden durch diese Gedanken getäuscht und zum Glauben verleitet, dass unsere Handlungen und Gedanken altruistischer Natur seien.
Um herauszufinden, ob ein Gedanke oder eine Handlung das Ergebnis der Sorge um sich selbst oder Altruismus war, stellen wir uns folgende Frage: Erlauben Herz und Verstand diesen altruistischen Gedanken oder sogar nur eine winzige Bewegung, die darauf basiert? Wenn wir das bejahen können, ist es Selbstbetrug und nicht wahrer Altruismus. Sowie wir uns auf Gedanken konzentrieren, die sich nicht auf körperliche Bedürfnisse beziehen, tauchen sofort Fragen auf, wie: »Wozu brauche ich das?« und: »Wer profitiert davon?«
In solchen Situationen – obwohl wir meinen, dass die Hindernisse von unserem Körper (dem Willen, Genuss zu empfangen) kommen – ist für uns das Wichtigste zu entdecken, dass letztlich nicht der Körper für diese Fragen verantwortlich ist und uns verbietet, uns mit irgendetwas anderem als seinen Interessen zu beschäftigen. Das ist das Werk des Schöpfers. Er kreiert in uns diese Gedanken und Wünsche und erlaubt uns nicht, uns von den körperlichen Begierden loszulösen, und es gibt außer Ihm nichts anderes.

Auf die gleiche Weise, mit der Er uns an Sich näher heranzieht, schickt er uns Hindernisse auf dem Weg zu Ihm, damit wir unsere eigene Natur verstehen lernen. Es muss uns gelingen, auf jeden Gedanken und Wunsch während unserer Versuche der Trennung von selbigen zu reagieren.

Zweifellos wird dieser Zustand nur denjenigen gesandt, die die Göttlichen Eigenschaften anstreben und in die spirituelle Welt »eindringen« wollen – solchen Menschen schickt der Schöpfer Hindernisse, die als körperliche Gedanken und Begierden empfunden werden und die sie von der Spiritualität wegdrängen.
All dies geschieht, damit wir unseren wahren spirituellen Zustand und unsere Beziehung zum Schöpfer entdecken und erkennen können, um zu sehen, in welchem Maß wir die Handlungen des Schöpfers trotz unserer Einwände, die von der Vernunft kommen, rechtfertigen. Um zu sehen, wie sehr wir den Schöpfer hassen, der uns all unserer Freuden des Lebens beraubt, welche einst mit Erstaunen und Licht gefüllt waren, und uns nun in einen Abgrund der Verzweiflung geworfen hat, weil unser Körper im altruistischen Zustand nicht einmal die geringste Freude finden kann.
Es kommt uns vor, als ob es der Körper sei, der rebelliert, und nicht der Schöpfer Selbst, der je nach unseren Gefühlen und Vernunft handelt, indem er uns Gedanken und Gefühle schickt, die entweder als positiv oder negativ empfunden werden. Der Schöpfer Selbst ruft diese Reaktionen in unserem Herzen und Verstand ins Leben, um uns zu lehren und damit wir uns selbst kennenlernen. Wenn eine Mutter ihrem Baby etwas beibringt, zeigt sie es ihm, lässt es das erleben und erklärt es ihm sofort. Ähnlich zeigt und erklärt uns der Schöpfer unsere wahre Haltung der Spiritualität gegenüber und unsere Unfähigkeit, selbstständig zu handeln.
Der schwierigste Aspekt des spirituellen Aufstiegs ist der Umstand, dass es in uns zwei Meinungen, Kräfte, Ziele oder Wünsche gibt, die ständig zusammenprallen. Auch mit Bezug auf das Ziel der Schöpfung: Einerseits müssen wir die Einheit unserer Eigenschaften mit dem Schöpfer erlangen, und andererseits sollen wir einen einzigen Wunsch erzeugen, uns von alledem dem Schöpfer zuliebe trennen.
Doch der Schöpfer ist ganz und gar altruistisch und braucht nichts außer dem Wunsch, dass wir völlige Freude empfinden. Das ist Sein Schöpfungsziel. Diese Ziele erscheinen jedoch widersprüchlich zu sein. Erst sollen wir alles dem Schöpfer geben, während wir aber gleichzeitig befriedigt werden und den höchsten Genuss empfangen sollen.
Die Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch ist, dass einer von ihnen nicht das Ziel an sich, sondern das Mittel zum Zweck ist, das Ziel zu erreichen. Zuerst müssen wir einen Zustand erreichen, in welchem alle Gedanken, Wünsche und Handlungen außerhalb des Egoismus liegen, und sie letztendlich altruistisch, also ausschließlich dem Schöpfer zuliebe sind. Da es jedoch außer dem Menschen und dem Schöpfer nichts anderes gibt, gehört alles, was außerhalb unserer fünf Sinne (dem Körper) liegt, zum Schöpfer.
Wenn wir erst einmal die Korrektur der Schöpfung, genauer gesagt die Übereinstimmung unserer Eigenschaften mit denen des Schöpfers, erhalten haben, beginnen wir, das Ziel der Schöpfung zu erfassen und vom Schöpfer unendlichen Genuss zu erhalten, der nicht vom Egoismus eingeschränkt ist.
Vor der Korrektur besitzen wir nur das Verlangen nach Befriedigung eigener Interessen. Während wir uns korrigieren, ziehen wir es vor, alles wegzugeben und keinen Genuss für unser Selbst zu empfangen. An dieser Stelle sind wir jedoch immer noch nicht in der Lage, Genuss vom Schöpfer zu erhalten.
Erst wenn der Prozess der Selbstkorrektur vollendet ist, wird uns die unbegrenzte Freude gegeben, nicht um unserer Selbstsucht willen, sondern für das Ziel der Schöpfung.
Die Genugtuung, die wir nicht zum Wohle unseres Egoismus erhalten, lässt keine Gefühle der Scham aufkommen, da wir darüber erfreut sind, dass Er durch uns den Genuss erfährt, wenn wir von Ihm empfangen, Ihn erfassen und Ihn wahrnehmen. Je mehr wir von Ihm empfangen und durch Ihn erfreut werden, umso glücklicher sind wir, dass der Schöpfer infolgedessen Freude erfährt.
Wir können einen analogen Vergleich zwischen Hell und Dunkel in unserer Welt und den Wahrnehmungen des spirituellen Lichts und der Dunkelheit (Tag und Nacht) anstellen. Wir fühlen dann die An- oder Abwesenheit des Schöpfers, die An- und Abwesenheit der Lenkung durch den Schöpfer oder die »An- und Abwesenheit des Schöpfers« in uns.
Anders ausgedrückt bedeutet »Licht« oder »Tag«, wenn wir den Schöpfer um etwas bitten und es sofort erhalten. Wenn wir aber an der Existenz des Schöpfers und Seiner Lenkung des Universums zweifeln, wird dieser Zustand »Dunkelheit« oder »Nacht« genannt. Besser gesagt ist die Verhüllung des Schöpfers als »Dunkelheit« bekannt, denn es weckt im Menschen Zweifel und falsche Gedanken, die von ihm in der Dunkelheit der Nacht gefühlt werden.
Unser wahres Ziel sollte also nicht sein, den Schöpfer wahrzunehmen und Seine Handlungen zu begreifen, da das allein ein selbstsüchtiges Verlangen ist. Dem menschlichen Wesen gelingt es nicht, der riesengroßen Freude zu widerstehen, die aus der erhaltenen Wahrnehmung folgt, und es wird zur Selbstsucht zurückkehren.
Das wahre Ziel sollte der Wunsch sein, vom Schöpfer die Kraft zu erhalten, den Begierden des Körpers und des Verstandes entgegentreten zu können, sprich: Glauben zu erlangen, der größer als der menschliche Intellekt und körperliche Begehren ist. Nachdem wir den Schöpfer und Seine absolut wohlwollende Herrschaft erfasst und wahrgenommen haben, sollten wir den Schöpfer nicht in seiner Herrlichkeit sehen, denn dass würde unseren Glauben schwächen. Wir sollten vielmehr mit unserem Glauben und den körperlichen Begehren und denen des menschlichen Verstandes zum Trotz voranschreiten. Die Kraft, an Ihn und seine Herrschaft über das Universum zu glauben, ist das Wichtigste, das wir verlangen können. Im Besitz dieses Glaubens zu sein wird »Licht« oder »Tag« genannt, denn dann können wir Freude ohne Angst empfinden, und wir sind frei von unseren körperlichen Verlangen und keine Sklaven unseres Körpers oder unseres Verstandes mehr.
Wenn wir uns diese neue Natur aneignen, besser gesagt, wenn wir in der Lage sind, unabhängig von unseren körperlichen Sehnsüchten zu handeln, dann schenkt uns der Schöpfer Freuden, die aus Seinem Licht entstehen.
Wenn uns Dunkelheit umgibt und wir keine Freude beim Erreichen des Spirituellen empfinden oder das Gefühl haben, keine besondere Beziehung zum Schöpfer zu haben und keine Liebe oder Angst Ihm gegenüber zu empfinden, dann haben wir nur eine Alternative: den Aufschrei der Seele. Wir müssen den Schöpfer bitten, Mitleid mit uns zu haben, und die schwarze Wolke, die alle unsere Gefühle und Gedanken verdunkelt und den Schöpfer aus unserem Herzen verdrängt und vor unseren Augen verbirgt, fortzunehmen.
Denn der Aufschrei der Seele ist das stärkste Gebet. Wenn nichts helfen kann, dann sind wir davon überzeugt, dass unsere gesamten Bemühungen, Erfahrungen, physischen Handlungen, Anstrengungen und unsere Erfahrung nicht ausreichen, uns in das Höhere Spirituelle Reich zu führen. Wenn unser ganzes Sein fühlt, dass alle Möglichkeiten und Kräfte erschöpft sind, merken wir, dass uns nur der Schöpfer helfen kann. Erst dann erreichen wir den Punkt, an dem wir uns an den Schöpfer wenden mit der Bitte um Hilfe und Ihn um persönliche Erlösung anflehen.
Doch bevor dieser Zeitpunkt nicht gekommen ist, kann keine Äußere Kraft uns dazu bringen, ehrlich und von ganzem Herzen den Schöpfer um Hilfe zu bitten. Wenn wir glauben, dass es keine andere Möglichkeit mehr für uns gibt, öffnen sich die »Pforten der Tränen«, und wir können die Höhere Welt, das Reich des Schöpfers betreten.
Wenn wir alle Möglichkeiten erforscht haben, um den spirituellen Aufstieg aus eigener Kraft zu bewältigen, begeben wir uns gerade deswegen in völlige Dunkelheit. Und an diesem Punkt gibt es nur einen Ausweg – nun kann uns nur noch der Schöpfer helfen.
Während wir dabei sind, unser selbstsüchtiges »Ich« zu brechen, und noch nicht zur Wahrnehmung gelangt sind, dass es eine Kraft gibt, die uns leitet und führt – solange wir von dieser Wahrheit noch nicht geheilt wurden und noch nicht diesen Zustand erfasst haben, werden unsere Körper uns noch nicht erlauben, den Schöpfer anzurufen. Aus diesem Grund sind wir verpflichtet, alles zu tun, was in unserer Macht liegt, und nicht auf ein Wunder von Oben zu warten.
Der Grund dafür ist nicht der, weil der Schöpfer kein Erbarmen mit uns hat und auf unseren »Zusammenbruch« wartet, darauf, »dass wir völlig am Ende unserer Kräfte sind«. Erst wenn wir alle unsere Möglichkeiten ausprobieren, sammeln wir Erfahrungen, Verständnis und die Erkenntnis unserer wahren Natur. Die erlebten Gefühle sind notwendig, denn in ihnen empfangen wir und mit ihnen spüren wir die Enthüllung des Schöpfers und des Höheren Intellekts.

Kapitel 38


Kabbalistische Zitate


Der wichtigste Aspekt während der eigenen Korrektur ist, dass wir dem Schöpfer ein Gefühl der Demut entgegenbringen. Dieses sollte jedoch nicht eine künstliche Handlung sein, sondern das Ziel unserer Bemühungen. Wenn ein Mensch als Resultat seiner Arbeit beginnt, Schritt für Schritt diese Eigenschaft zu entwickeln, bedeutet es, dass er in die richtige Richtung vorwärts geht. (Talmud, Avodah Sarah).
Ein Mensch wird als völliger Egoist geboren, und diese Eigenschaft ist so tief verwurzelt, dass er aufgrund dessen sogar davon überzeugt sein kann, bereits rechtschaffen zu sein und sich von seiner Selbstsucht gelöst zu haben. (Talmud, Chagiga).
Die Tora ist das Licht des Schöpfers, und nur ein Mensch, der dieses Licht empfängt, wird als jemand betrachtet, der Tora lernt (und es nicht nur um des Wissens willen tut). (Sohar, Mezorah)

Die Tora ist verhüllt. Sie wird nur denjenigen offenbart, die das Niveau eines Gerechten erreicht haben. (Talmud, Chagiga)

Wenn ein Mensch durch sein Studium einen Grad erreicht hat, auf dem er nichts anderes als den spirituellen Aufstieg wünscht und nur das Notwendigste akzeptiert, um seine physische Existenz aufrechtzuerhalten und nicht seinem Vergnügen zuliebe, dann macht er den ersten Schritt zum Aufstieg in die spirituelle Welt. (Talmud, Psachim).
Je niedriger sich jemand fühlt, desto mehr nähert er sich dem Schöpfer. (Talmud, Sota).

Es ist verboten, Kabbala aus irgendeinem anderen Grund als zur spirituellen Erhebung zu studieren. (Talmud, Sanhedrin).

Das höchste spirituelle Potenzial eines Menschen ist der Grad von Maaseh Merkavah (Der Akt der Lenkung). Er kann sich selbst in solchem Maß korrigieren, dass die Göttliche Vorsehung über die Welt durch diesen Menschen ausgeführt werden kann. (Talmud, Suka).

Die stetige Suche nach Vereinigung mit dem Schöpfer ist eine notwendige Bedingung für den spirituellen Aufstieg. (Rambam, Ilchot Yesodot Tora).

Verzweifle nicht, wenn Du Dich auf diesem Pfad befindest, denn der Schöpfer garantiert uns Erfolg, wenn unsere Bestrebungen korrekt sind.
(Talmud, Psachim).

Der wichtigste Aspekt eines Menschen sind seine Bestrebungen und weniger seine Errungenschaften, denn es ist der Egoismus, welcher Errungenschaften verlangt. (Talmud, Yavamot; Talmud, Sota).

So wie ein Mensch erkennen sollte, wie unwichtig seine angeborenen Eigenschaften sind, so sollte er auch stolz auf seine spirituelle Arbeit und Ziele sein. (Talmud, Brachot).

Ein Mensch, der sich dem Schöpfer nähern will, wird Sein Kind genannt (Talmud, Shabbat), im Gegensatz zu denjenigen, die für ihr Studium mit Ehre, Wissen oder Geld belohnt werden wollen.

Erfasse den Schöpfer. Kabbala ist als die Lehre des Geheimen (Nistar) bekannt, denn sie kann vom Menschen nur in dem Ausmaß erfasst werden, wie dieser in der Lage ist, seine inneren Eigenschaften zu ändern. Darum kann er seine Erfahrungen nicht an andere weitergeben, doch kann und sollte er anderen helfen, das gleiche Hindernis zu bewältigen. (Rambam, Ilchot Yesodot Tora).

Wer kann sich eine Welt vorstellen, die nicht mit dem Schöpfer gefüllt ist? (Talmud, Shabbat).

Ein Mensch muss sich vorstellen, dass er und der Schöpfer allein auf der Welt sind. Die verschiedenen Charaktere und Geschichten in der Bibel stellen die unterschiedlichen Eigenschaften eines Menschen und aller Menschen samt der verschiedenen Phasen des spirituellen Weges dieses Menschen dar. Die Eigenschaften und Phasen werden durch die Namen der Personen, ihre Handlungen und geographischen Orte gekennzeichnet. (Talmud, Kidushin).

Ein Mensch braucht nicht zu verzweifeln, wenn er sich während seines Studiums und seinen Bemühungen, spirituelle Erhebung zu erlangen, in einer schlimmeren Lage sieht als vor dem Studium der Kabbala. Die wahre Natur der Selbstsucht wird dem Menschen offenbart, dessen Grad höher ist als der anderer, und aus diesem Grund sieht er sich selbst als schlechter, obwohl er sich in Wirklichkeit verbessert hat. (Talmud, Megilah)

Achte nicht auf die Tatsache, dass die gesamte Welt dabei ist, stetig Freuden nachzujagen, und nur einige wenige zum Schöpfer aufsteigen. (Talmud, Yomah).

Der wichtigste Aspekt für das spirituelle Vorankommen einesv Menschen ist, den Schöpfer um Hilfe zu bitten. (Talmud, Yomah).

Die schlimmsten Äußerungen von Selbstsucht sind Arroganz und Einbildung. (Talmud, Sota).

Ein Mensch muss aus seinem Verständnis des Schöpfungszweckes Kraft schöpfen, und sich schon auf die unvermeidbare Neuordnung der gesamten Welt und der Ankunft des Friedens für die Menschheit freuen. (Talmud, Truma).

Der Glaube ist der einzige Weg zur Erlösung. Mit allen anderen Eigenschaften kann der Mensch durch den Egoismus verwirrt werden, doch Glaube ist die einzige Grundlage zum Aufstieg des Menschen in das spirituelle Reich. (Talmud, Makot).

Der Glaube wird in einem Menschen immer von der Angst begleitet, denn der Egoismus beugt sich nur vor der Angst. (Talmud, Shabbat).

Selbst wenn ein Mensch nichts tut, drängt ihn die Selbstsucht zu allen möglichen schlimmen Taten. Daher kann man einen Menschen, der nicht gesündigt hat, mit jemandem vergleichen, der gute Taten vollbracht hat. (Talmud, Bava Mezia).

Die Vereinigung des Menschen mit dem Schöpfer kann nur durch die Übereinstimmung ihrer Eigenschaften erlangt werden. (Talmud, Sota).

Kapitel 39



Rabbi Laitmans Suche nach der Kabbala


In vielen Vorträgen und Interviews wurde ich oft gefragt, wie ich zur Kabbala kam. Wenn ich mit etwas anderem beschäftigt wäre als der Kabbala, mit etwas, das weit von ihr entfernt wäre, könnte ich den Sinn der Frage verstehen. Kabbala lehrt uns den Sinn des Lebens; ein Thema, das für jeden von uns nahe liegt und wichtig ist! Ich denke, eine bessere Frage wäre: »Wie haben Sie entdeckt, dass die Fragen über uns Menschen und das Leben in der Kabbala zu finden sind? Wie haben Sie die Kabbala entdeckt?«, und nicht: »Warum beschäftigen Sie sich damit?«
Schon als Kind habe ich mich wie viele andere gefragt: »Warum bin ich auf der Welt?« Diese Frage hat mich immer beschäftigt, außer wenn sie von der Jagd nach Vergnügen verdrängt wurde. Wann immer diese Frage aufkam, habe ich versucht, sie mit unterschiedlichen oberflächlichen Ambitionen zu unterdrücken: einen interessanten Beruf zu erlernen und mich in die Arbeit zu stürzen, in mein eigenes Land einzuwandern – ein weiteres Ziel, das ich viele Jahre verfolgt habe.
Als ich 1974 in Israel ankam, habe ich den Kampf mit der Frage um den Sinn des Lebens wieder aufgenommen; ich versuchte, etwas Lebenswertes zu finden. Nachdem ich noch einmal die früheren Möglichkeiten in Betracht zog (Politik, Geschäft), um so wie die anderen zu sein, war ich nach wie vor immer noch nicht in der Lage, die immer wiederkehrende Frage zu beantworten: »Zu welchem Zweck mache ich so weiter? Was bringt mir das, so zu sein wie jeder andere auch?«
Angespornt durch finanzielle und moralische Entbehrungen sowie der Erkenntnis, dass ich mit der Wirklichkeit nicht fertig wurde, wandte ich mich 1976 der Religion zu und hoffte, dass die Gedanken und Ideen, die von dort entspringen, mir helfen könnten.
Geisteswissenschaften haben mich nie besonders angezogen; auch die Tiefe Dostojewskijs konnte ich nie so richtig schätzen. Meine Studien der Altphilologie waren mittelmäßig. Sie zeichneten sich nicht gerade durch den Ausdruck außergewöhnlicher Tiefe meiner Gedanken oder Gefühle aus. Von frühester Kindheit an hatte ich jedoch Hochachtung vor der Wissenschaft, die sehr nützlich schien.
An einem bestimmten Punkt stieß ich auf eine Anzeige für Kabbalaunterricht. Ich meldete mich sofort an und stürzte mich mit viel Begeisterung in das Studium. Ich kaufte Unmengen Bücher (1978) und verschlang sie eines nach dem anderen, um alle Antworten zu finden, auch wenn es manchmal Wochen dauerte. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich von etwas ganz und gar gefangen genommen, und ich wusste, dass das mein Thema war, das mich interessierte, denn es handelte von all den Problemen, die mich jahrelang geplagt hatten.
Ich begann nach guten Lehrern zu suchen. Ich graste das ganze Land ab und nahm an vielen Lesungen teil. Doch eine innere Stimme sagte mir, dass ich noch nicht die echte Kabbala gefunden hatte, denn sie sprach nicht über mich, sondern von entfernten und abstrakten Dingen. Ich trennte mich von meinen Lehrern, doch einer meiner Freunde interessierte sich auch dafür. Abends saßen wir zusammen und lernten aus allen Kabbalabüchern, die wir finden konnten. Monatelang ging das so.
An einem kalten, regnerischen Abend im Jahre 1980 schlug ich aus Verzweiflung und zu meiner eigenen Überraschung vor, einen Lehrer in Bnei Brak aufzusuchen, anstatt dazusitzen und Pardes Rimonim und Tal Orot zu studieren. Ich rechtfertigte es damit, dass es für uns günstig sei, dort am Unterricht teilzunehmen. Ich hatte zuvor erst dreimal Bnei Brak auf der Suche nach Kabbalabüchern aufgesucht.
An jenem Abend war es kalt, windig und regnerisch. Als wir mit dem Wagen an die Kreuzung von Rabbi Akiva und der Straße Hazon- Ish kamen, kurbelte ich mein Fenster herunter und rief über die Straße einem dunkel gekleideten Mann zu: »Könnten Sie mir sagen, wo man hier Kabbala studieren kann?« Für diejenigen, die mit der Umgebung und der Gesellschaft in einem religiösen Viertel nicht vertraut sind, muss ich erklären, dass meine Frage zumindest seltsam klang. Kabbala wurde in keinem Lehrinstitut oder Yeshiva gelehrt. Es ist außerdem ungewöhnlich, dass jemand den Mut hat, offen zuzugeben, dass er Interesse an Kabbala hat. Doch der Fremde auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab mir eine Antwort, ohne mit der Wimper zu zucken: »Fahren Sie links, bis Sie zu einem Hain von Zitrusbäumen kommen, und dort sehen Sie die Synagoge. Dort wird Kabbala unterrichtet.«
Als wir den beschriebenen Ort erreichten, fanden wir ein dunkles Gebäude. Vier oder fünf weißbärtige Männer saßen an einem Tisch. Ich stellte mich vor und erklärte, dass wir aus Rehovot waren und Kabbala lernen wollten. Einer der älteren Männer am Tisch winkte uns heran und lud uns ein, teilzunehmen, und schlug vor, wir könnten alles Weitere nach Unterrichtsschluss besprechen. Der Unterricht ging weiter mit dem wöchentlichen Lesen des Kapitels aus dem Buch Sohar, mit Kommentaren des Sulam und gemurmelten Worten und halben Sätzen auf Jiddisch, so wie Leute eben miteinander kommunizieren, die sich nahe stehen.

Als ich die Männer so sah, kam ich zu dem Schluss, dass dieser Haufen einfach nur die Zeit totschlug, bis sie sterben würden, und wenn wir uns beeilten, würden wir an diesem Abend noch einen anderen Studienort finden. Mein Freund hielt mich jedoch zurück und sagte, er könne nicht so respektlos sein.
Nach einigen Minuten war der Unterricht zu Ende, und nachdem wir ihnen sagten, wer wir waren, fragte der ältere Mann nach unseren Telefonnummern. Er sagte, er würde darüber nachdenken, welchen Lehrer er uns empfehlen könnte, und sich dann wieder melden. Ich zögerte sehr, ihm meine Nummer zu geben, da ich alles für Zeitverschwendung hielt. Mein Freund, der mein Zögern bemerkte, gab ihm seine Nummer, und wir verabschiedeten uns.
Gleich am nächsten Abend besuchte mich mein Freund und sagte, dass der Ältere ihn angerufen und uns einen Kabbalalehrer vorgeschlagen hätte. Er informierte mich, dass ein Treffen bereits angesetzt war und noch am gleichen Abend stattfinden würde. Ich wollte nicht noch einen weiteren Abend verschwenden, aber ich gab den Bitten meines Freundes nach.
Wir fuhren abermals nach Bnei Brak. Der Ältere vom Vorabend rief einen anderen, etwas jüngeren Mann, der auch einen weißen Bart trug. Er sagte einige Worte in Jiddisch zu dem jüngeren und ließ uns dann mit ihm allein. Letzterer forderte uns auf, uns zu setzen, und fing sofort mit dem Unterricht an. Er empfahl, mit dem Artikel »Eine Einführung in die Kabbala« zu beginnen, den mein Freund und ich schon seit Langem zu verstehen versuchten.
Wir saßen an einem der Tische in einem leeren Raum der Synagoge. Der Mann fing an, Paragraph für Paragraph zu lesen und seine Bedeutung zu erklären. Es ist immer schwierig für mich, diesen Moment zu beschreiben: das exakte Gefühl wiederzugeben, dass ich nach so langer Zeit endlich gefunden hatte, was ich überall bislang vergeblich gesucht hatte.

Nach Unterrichtsschluss verabredeten wir uns für den nächsten Tag. Tags darauf kam ich mit einem Tonbandgerät. Nachdem wir erfuhren, dass die Klassensitzungen jeden Morgen zwischen drei und sechs Uhr morgens waren, kamen wir jede Nacht. Wir nahmen auch an den monatlichen Feiertagen des Neumondes teil, und, wie alle anderen auch, leisteten wir unsere monatlichen Abgaben.
Vom Wunsch getrieben, alles für mich zu entdecken, und da ich im Allgemeinen ein wenig aggressiver war, hatten wir oft Streit. Jede Information über uns ging an den Älteren, der, wie sich herausstellte, sehr oft nach uns fragte. Eines Morgens nach dem Gebet um 7 Uhr sagte uns unser Lehrer, dass der Ältere mit mir das Buch »Einführung in den Sohar« studieren wolle.
Als er aber sah, dass ich nach zwei oder drei Unterrichtsstunden nichts verstand, hörte der Ältere damit auf und ließ es uns durch unseren Lehrer wissen.
Ich hätte mit ihm weitergemacht, obwohl ich scheinbar nichts verstand. Ich war bereit, automatisch alles mit ihm zu lesen, da ich von dem Bedürfnis angetrieben war, die tiefer liegende Bedeutung zwischen den Zeilen zu verstehen. Er muss jedoch geglaubt haben, dass meine Zeit noch nicht gekommen war und beendete den Unterricht, woraufhin ich sehr gekränkt war.
Mehrere Monate vergingen, und durch unseren regulären Lehrer fragte mich der Ältere, ob ich ihn zu einem Arzt nach Tel Aviv fahren könnte. Natürlich sagte ich Ja. Auf dem Wege dahin sprachen wir über dieses und jenes. Ich fragte ihn meistens nach Dingen, die mit der Kabbala zu tun hatten. Da sagte er zu mir, dass solange ich nichts verstünde, er über alles mit mir reden würde, sollte ich aber in Zukunft anfangen zu verstehen, würde er aufhören, so offen mit mir zu sein.
So geschah es auch. Jahrelang hörte ich nur eine Antwort: »Du weißt, wen du fragen kannst«, und er meinte den Schöpfer. Fordere, frage, bettele, mach, was immer du willst. Wende dich mit allem an Ihn, und fordere alles von Ihm. Die Besuche beim Arzt halfen nicht, und der Ältere musste wegen einer Ohrenentzündung einen ganzen Monat ins Krankenhaus. Ich hatte den Älteren nun schon so oft dorthin begleitet, und am Tag seiner Einweisung ins Krankenhaus entschied ich, über Nacht bei ihm zu bleiben. Den ganzen Monat über kam ich um vier Uhr morgens ins Krankenhaus, kletterte über den Zaun, ging leise durch das Gebäude und lernte dann mit ihm. Einen ganzen Monat lang! Seitdem war Baruch Shalom Halevi Ashlag, der älteste Sohn von Baal HaSulam, mein Rabbi.

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus unternahmen wir regelmäßige Ausflüge in den Park und gingen lange spazieren. Ich setzte mich dann hin und schrieb fieberhaft alles auf, was ich von ihm gehört hatte. Diese häufigen Ausflüge dauerten manchmal bis zu drei Stunden am Tag und wurden uns zur Gewohnheit.
In den ersten beiden Jahren habe ich den Rabbi immer um Erlaubnis gebeten, in seine Nähe ziehen zu dürfen, aber er hielt das nie für nötig, da die Fahrt von Rehovot eine Anstrengung darstellte, die mir spirituellen Nutzen brachte. Als jedoch nach zwei Jahren der Rabbi selbst vorschlug, ich sollte nach Bnei Brak ziehen, hatte ich keine Eile damit. Ich hatte so die Ruhe weg, dass der Rabbi schließlich selbst losging und für mich eine Wohnung in seiner Nähe besorgte und mich drängte, umzuziehen.
Ich wohnte immer noch in Rehovot und fragte meinen Rabbi um Erlaubnis, mehrere Unterrichtsklassen an dem Ort führen zu dürfen, an dem ich früher lernte und andere Leute getroffen hatte, die versuchten, Kabbala zu studieren. Er nahm es ohne große Begeisterung zur Kenntnis, erkundigte sich aber später über meinen Unterricht. Als ich ihm sagte, dass die Möglichkeit bestünde, mehrere jüngere Männer zu uns nach Bnei Brak einzuladen, sagte er verhalten Ja.
So kamen mehrere Dutzend junger Männer zu uns in die Synagoge, und der ruhige Ort verwandelte sich in eine lebhafte Einrichtung. Wir hatten fast zehn Hochzeiten in den ersten sechs Monaten. Das Leben unseres Rabbis erhielt einen neuen Sinn. Er war begeistert von dem Andrang der Leute, die Kabbala studieren wollten.
Unser Tag fing normalerweise um drei Uhr morgens an, wir studierten dann bis sechs und beteten bis um sieben Uhr. Jeden Tag von neun bis zwölf Uhr mittags machten wir entweder Ausflüge in den Park oder fuhren ans Meer. Zu Hause arbeitete ich dann. Von fünf Uhr nachmittags bis acht Uhr abends lernten wir und legten nur eine Pause ein, um zu beten. Anschließend trennten wir uns und trafen uns erneut um drei Uhr morgens wieder. Diese Routine hielten wir jahrelang durch. Ich nahm alle Stunden auf, und meine Sammlung besteht nun aus über tausend Kassetten.
In den letzten fünf Jahren (von 1987 an) hatte mein Rabbi die Idee, einmal alle vierzehn Tage nach Tiberias zu fahren, und diese Ausflüge festigten unsere Nähe zu einander. In den kommenden Jahren wurde die spirituelle Kluft zwischen uns größer in mir, und ich wusste nicht, wie ich sie überbrücken konnte.
Ich nahm diese Kluft jedes Mal wahr, wenn ich sah, wie er sich bei der geringsten Chance, körperliche Bedürfnisse zu unterdrücken, freute. Ein einmal getroffener Entschluss wurde Gesetz, Zeitpläne wurden unabhängig von Müdigkeit und Krankheit eingehalten.
Er fiel manchmal sprichwörtlich vor Müdigkeit um, aber führte alles genau nach Plan aus und gab nie nach. Obwohl er vor Anstrengung an Kurzatmigkeit und Atemnot litt, sagte er nie den Unterricht oder eine Verabredung ab. Er bürdete niemals jemand anderem seine Aufgaben auf.
Ich beobachtete ständig sein Verhalten und verlor dabei mein Selbstvertrauen und die Hoffnung auf irgendeinen Erfolg, obwohl ich erkannte, dass diese übernatürliche Kraft von dem Bewusstsein über diese grandiose Aufgabe und durch die Hilfe von Oben kam.

Ich werde niemals auch nur einen Moment gemeinsamer Zeit in Tiberias und dem Berg Meron vergessen, wo ich lange Abende damit verbrachte, ihm gegenüber zu sitzen und seine Gesänge, seinen Blick und seine Reden aufzunehmen. Diese Erinnerungen sind tief in mir verankert, und ich hoffe, dass sie noch heute meinen Weg bestimmen und führen. Die Informationen, die in zwölf Jahren während unseres täglichen Austauschs gesammelt wurden, leben und wirken unabhängig weiter. Oft murmelte mein Rabbi etwas Unverständliches nach seiner Rede und fügte hinzu, dass er diesen Satz geäußert hätte, damit er diese Welt betreten und darin leben und arbeiten würde.

Gruppentreffen wurden von Kabbalisten seit Urzeiten gehalten, und ich bat den Rabbi, solche Gruppen für Neuankömmlinge zu veranstalten und einen festen Tagesplan auszuarbeiten. Das hatte zur Folge, dass er fast bis zu seinem Ende wöchentliche Artikel verfasste. Das Resultat waren mehrere Bände von außerordentlichem Material an Kommentaren und Erklärungen der gesamten Kabbala, zusammen mit den Audiokassetten, die ich aufgenommen habe.

Während der Neujahrsfestlichkeiten wurde mein Rabbi plötzlich krank und hatte Herzschmerzen. Erst nach hartnäckiger Überzeugungsarbeit stimmte er zu, sich vom Arzt untersuchen zu lassen, doch konnten die Ärzte nichts feststellen, und am fünften Tag von Tishrei, früh morgens, 5752 (1991) starb er.

Dutzende von Studenten, die unserer Gruppe in den letzten Jahren beigetreten sind, studierten weiter Kabbala und suchten nach der wirklichen Bedeutung der Schöpfung. Rabbi Yehuda Ashlag und sein ältester Sohn, mein Rabbiner, haben durch ihre Bemühungen diese Lehre entwickelt und auf den Bedarf dieser Generation zugeschnitten, passend für die Seelen, die zu dieser Zeit in die Welt herabgestiegen sind.
Spirituelles Wissen wird den Kabbalisten ganz ohne Worte von Oben übertragen und gleichzeitig von den Gefühlen und dem Intellekt empfangen. So wird sie in vollem Umfang empfunden. Diese Informationen können nur von einem Kabbalisten auf den anderen übertragen werden, der sich auf der gleichen oder einer höheren Stufe befindet.
Es ist unmöglich, die gleiche Information an einen Menschen weiterzugeben, der noch nicht den richtigen spirituellen Grad erreicht hat oder noch nicht in das spirituelle Reich eingeführt wurde, zumal dieser einen Mangel an den notwendigen Empfangsorganen hat.

Manchmal mag ein Lehrer auf das Mittel zurückgreifen, eine künstliche spirituelle Erhebung vom Grad des Studenten zu dem des Lehrers mithilfe des Schirmes (Masach) des Lehrers durchzuführen. In diesem Fall mag der Studierende eine gewisse Ahnung vom Wesentlichen der spirituellen Kräfte und Handlungen bekommen.
Wenn Informationen an diejenigen weitergegeben werden, die noch nicht die spirituellen Reiche betreten haben, werden diese geläufigen Methoden verwendet: gedruckter Text, Vorträge, direkter Kontakt und ein persönliches Vorbild. Wie wir aus der Beschreibung der Bedeutung der Buchstaben (aus dem Artikel »Die Namen des Schöpfers «) wissen, können diese verwendet werden, um mehr als nur die buchstäbliche Bedeutung zu übertragen; man kann sie auch zur Weitergabe von spirituellem und innerem Inhalt benutzen. Wenn jemand die Begriffe, die den spirituellen Bedeutungen der Namen entsprechen, noch nicht erfasst hat, gleicht das Lesen dieser Worte leeren Tellern auf einem Tisch, an welchen Zettel mit Namen der kostbaren Speisen befestigt sind.

Musik stellt eine abstraktere Form von Informationsweitergabe dar. Genau wie das sichtbare Licht besteht es aus den sieben ursprünglichen Kräften/Eigenschaften/Farbtönen, angesichts der Tatsache, dass das spirituelle Objekt (Parzuf), welches unsere Welt lenkt, bekannt als Parzuf Seir Anpin de Azilut, aus sieben Teilen oder Sefirot besteht.
Je nach seinem Zustand wird ein Mensch verschiedene spirituelle Zustände des Komponisten in einer kabbalistischen Melodie feststellen. Dieser Mensch muss nicht unbedingt auf dem gleichen Niveau wie der Komponist sein, doch kann die innere Bedeutung in dem Maße erfasst werden, wie es sein spiritueller Grad erlaubt.
1996, 1998 und im Jahre 2000 wurden drei CDs von Baal HaSulams und Rabashs Musik aufgenommen und veröffentlicht. Die Melodien sind genau so, wie ich (Rabbi Michael Laitman) sie bei meinem Rabbi Baruch Ashlag gehört habe. Einige dieser Melodien sind aus Psalmen komponiert, und andere basieren auf Teilen unserer Gebete. Zudem tragen die Worte und Melodien eine große Menge kabbalistischer Informationen in sich.

Über Bnei Baruch


Bnei Baruch ist eine Gruppe von Kabbalisten in Israel, die die Weisheit der Kabbala mit den Menschen der ganzen Welt teilt. Das Studienmaterial, welches 26 Sprachen umfasst, beruht auf authentischen Texten, die von Generation zu Generation überliefert wurden.

Geschichte und Ursprung


Rav Michael Laitman, Professor der Ontologie, Erkenntnistheorie und Master of Science in medizinischer Biokybernetik, gründete Bnei Baruch 1991 nach dem Tod seines Lehrers Rabbi Baruch Shalom HaLevi Ashlag (der Rabash). Rav Laitman nannte seine Gruppe Bnei Baruch (die Söhne Baruchs) zum Gedenken an seinen Mentor, an dessen Seite er die letzten zwölf Jahre, von 1979 bis 1991, verbrachte. Rav Laitman war Ashlags wichtigster Schüler und persönlicher Assistent. Er ist als Nachfolger von Rabash’s Lehrmethode anerkannt.
Rabash ist erstgeborener Sohn und Nachfolger des größten Kabbalisten des 20. Jahrhunderts, Rabbi Yehuda Leib HaLevi Ashlag. Rabbi Yehuda Ashlag ist Autor des maßgeblichsten und umfangreichsten Kommentars zum Buch Sohar – dem Sulam Kommentar (Stufen der Leiter); dieser enthüllt die vollständige Methode für einen spirituellen Aufstieg. Dies ist auch der Grund für Ashlags Beinamen Baal HaSulam (Herr der Leiter).
Bnei Baruch gründet ihre gesamte Lehrmethode auf den Erkenntnissen dieser großen spirituellen Führer.

Die Lehrmethode

Diese einzigartige von Baal HaSulam und seinem Sohn Rabash entwickelte Methode wird täglich von Bnei Baruch gelehrt und angewandt. Sie bezieht sich auf authentische Kabbala-Quellen wie beispielsweise das Buch Sohar (von Rabbi Shimon Bar-Yochai), die Schriften des ARI, Talmud Esser Sefirot (Das Studium der zehn Sefirot) und auf andere Bücher von Baal HaSulam.
Obwohl es sich um authentische Quellen handelt, sind sie in einer einfachen Sprache verfasst und bieten einen wissenschaftlichen und zeitgenössischen Ansatz. Dadurch wurde Bnei Baruch, den Kabbala- Unterricht betreffend, zu einer international anerkannten Organisation. Bnei Baruch ist in ganz Israel höchst geachtet.
Die einzigartige Kombination einer akademischen Lehrmethode mit persönlichen Erfahrungen erweitert die Perspektive der Schüler und erlaubt ihnen eine neue Wahrnehmung der Realität, in der sie leben. Der Unterricht rüstet die Studenten auf ihrem spirituellen Weg mit emotionellen Werkzeugen aus, die sie dazu befähigen, sich selbst und ihre umgebende Wirklichkeit zu erforschen.

Die Botschaft

Bnei Baruch ist eine facettenreiche Bewegung mit vielen tausend Studenten weltweit. Jeder Student wählt seinen eigenen Weg, entsprechend seinen persönlichen Gegebenheiten und Fähigkeiten.
In den letzten Jahren entwickelte sich die Gruppe zu einer Bewegung, die sich vermehrt mit freiwilligen Unterrichtsprojekten beschäftigt, indem sie die ursprünglichen Kabbala-Quellen in einer zeitgemäßen Sprache präsentiert. Die Essenz der Botschaft, die von Bnei Baruch verbreitet wird, ist folgende: Verbindung unter den Menschen, Verbindung der Völker und Liebe zwischen den Menschen.
Jahrtausendelang lehrten Kabbalisten, dass die Liebe zwischen den Menschen die Basis eines Volkes ist. Diese Liebe herrschte zur Zeit Abrahams, Moses’ und in den kabbalistischen Gruppen, die jene gründeten, vor. Die Liebe war der Treibstoff, der das Volk Israel zu erstaunlichen Leistungen führte. In den Zeiten jedoch, als sich die Liebe in unbegründeten Hass verwandelte, verfiel die Nation in schwere Qualen.
Wenn wir diesen alten (und doch neuen) Werten Raum geben, werden wir entdecken, dass wir die Kraft haben, unsere Differenzen beizulegen und uns zu vereinigen.
Die für Jahrtausende verborgene Weisheit der Kabbala tritt nun hervor. Sie wartete auf den Zeitpunkt, an dem wir ausreichend reif und bereit dafür sind, ihre Botschaft zu realisieren. Daher erscheint sie heute in Form einer Lösung, die Interessensgruppen innerhalb eines Volkes und zwischen den Völkern vereint, und uns alle, ob Individuen oder Gesellschaft, zu einer viel besseren Situation verhilft.

Bnei Baruch-Aktivitäten

Bnei Baruch wurde unter der Voraussetzung gegründet, dass »wir nur durch die Verbreitung der Kabbala in der Öffentlichkeit vollständige Erlösung erlangen werden« (Baal HaSulam).
Daher bietet Bnei Baruch den Menschen verschiedene Hilfsmittel an, damit sie die Bedeutung ihres Lebens erforschen und entdecken – mit einer sorgsamen Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene.

Kabbala-Zeitung

Die Kabbala Zeitung, Kabbala Laam (Kabbala für das Volk), wird wöchentlich von Bnei Baruch aufgelegt und verbreitet. Sie ist unpolitisch, nicht kommerziell und in einem klaren zeitgenössischen Stil verfasst. Ihr Ziel ist die kostenlose und deutliche Darlegung der großen Erkenntnis, welche sich in der Weisheit der Kabbala verbirgt. Die Zeitung wird in Israel gratis verteilt.
Die Anfängerseite auf Deutsch, www.kabbalah.info, präsentiert die Weisheit der Kabbala in Form von Artikeln. Das Material dieser Seite wurde sorgfältig ausgewählt und in acht Kategorien eingeteilt, welche sich zu einem klaren verständlichen Gesamten zusammenfügen. Dies kommt dem Seitenbesucher bei seinem ersten Kontakt mit der Weisheit der Kabbala zugute. Auf dieser Internetseite gibt es weitere Bücher zum freien Download und eine Aufstellung der abgehaltenen Kurse.
Auf der Seite für Fortgeschrittene finden sich Essays, Bücher und Originaltexte. Sie beinhaltet eine einzigartige und umfangreiche Bibliothek zur Erforschung der Weisheit, genauso wie das Medienarchiv www.kabbalahmedia.info mit mehr als 6000 Lektionen, Bücher zum Herunterladen und einen Fundus von Texten, Videos und Audiomaterial in vielen Sprachen. Der Download ist kostenlos.

Kabbala-Fernsehen

Bnei Baruch gründete die Produktionsfirma ARI Films www.arifilms. tv), die sich weltweit auf die Herstellung von Unterrichtprogrammen in vielen Sprachen spezialisiert hat.
In Israel sendet Bnei Baruch live auf Kanal 25 (Kabel) und 98 (Satellit) von Sonntag bis Freitag. Alle Sendungen auf diesen Kanälen sind kostenfrei und auf Anfänger ausgerichtet, die keinerlei Vorkenntnisse benötigen. Dieser bequeme Lehrvorgang wird mit Diskussionsrunden von Rav Laitman und bekannten Persönlichkeiten in Israel und auf der ganzen Welt ergänzt.
Zusätzlich legt Bnei Baruch Kurse, Dokumentationen und anderes TV-Material auf DVDs auf.

Kabbala-Vorträge

Bnei Baruch eröffnete kürzlich ein neues Studiencenter in Israel mit dem Namen Beit Kabbala Laam (Haus der Kabbala für Menschen). Das Gebäude besteht aus zwei Sälen: einem großen Saal für öffentliche Vorträge und einem kleinen für Kabbala-Unterricht in Kleingruppen.
Lektionen und Vorträge gibt es am Morgen und Abend; sie befassen sich mit verschiedenen Themen, die die authentische Kabbala sowohl Anfängern als auch Fortgeschrittenen zugänglich machen.

Kabbala-Bücher

Rav Laitman verfasst seine Bücher, die auf den Schlüsselkonzepten Baal HaSulams basieren, in einer klaren und modernen Sprache. Heute dienen diese Bücher als Bindeglied zwischen den Lesern und dem Originaltext. Alle Bücher Laitmans stehen frei zum Download zur Verfügung oder können bei www.kabbalahbooks.info gekauft werden.

Kabbala-Lektionen

Wie alle Kabbalisten der vergangenen Jahrhunderte vor ihm hält Rav Laitman täglich im Bnei Baruch Center zwischen 2:15 und 5:00 Uhr (MEZ) Unterricht ab. Die Lektionen werden simultan in Deutsch, Englisch, Russisch, Spanisch, Italienisch und Türkisch übersetzt. Demnächst wird es Übersetzungen auch in Französisch, Griechisch, Polnisch und Portugiesisch geben. Auch diese Unterrichte stehen Tausenden Studenten weltweit kostenlos zur Verfügung und können während der Unterrichtszeit live auf www.kab.tv mitverfolgt werden.

Finanzierung

Bnei Baruch ist eine nicht auf Gewinn orientierte Organisation für das Lehren und die Verbreitung der Weisheit der Kabbala. Um ihre Unabhängigkeit und integren Absichten aufrecht zu halten, wird Bnei Baruch nicht von Regierungen oder politischen Organisationen unterstützt beziehungsweise finanziert. Da die große Menge der Aktivitäten von Bnei Baruch kostenfrei ist, besteht die vorrangige Quelle der Finanzierung aus dem zehnten Teil, den die Studenten auf freiwilliger Basis zur Verfügung stellen.
Zusätzliche Einnahmen bringen Rav Laitmans Bücher, die zum Selbstkostenpreis verkauft werden, und Spenden.



Kontakt zu Bnei Baruch



Deutschland:

ARI-Bildungseinrichtung e. V.
Heerstrasse 31
14052 Berlin
Telefon: +49-30-30100418
Mobil: +49-177-4015157

Österreich:

Kabbala Bildungs- und Forschungsinstitut »Baum des Lebens«
Josefinengasse 4
1020 Wien
Telefon: +43-676-4461617
Mail: austria@kabbalah.info

Israel:

Bnei Baruch
P. O. Box 584,
Bnei Brak 51105, Israel
Fax: +972-3-5781795
Mail: info@kabbalah.info

Für nähere Informationen besuchen Sie die Seite www.kabbalah.info

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